Die  Wanderer

von Eosphora
GeschichteRomanze, Fantasy / P12
09.04.2018
23.03.2019
16
12335
2
Alle
17 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
Ann ging hinüber zu Bofur, der ihr eine Schale mit Eintopf reichte und ihr zuzwinkerte. Entweder hatte sie mehr bekommen, weil er etwas vom Bomburs Portion abgezwackt hatte, oder er hatte ihr noch etwas aufgehoben.
„Danke“, sagte sie und lächelte ihm zu, bevor sie sich einen Platz zum Essen suchte.
Die Elbe war schon vorgegangen und hatte sich zu Fili und Kili gesetzt.
Ersterer unterhielt sich freundlich mit ihr, doch Kili saß nur schweigend daneben.
„Darf ich mich zu euch setzen?“, fragte Ann unsicher, als sie bei ihnen angekommen war.
Gil-Estel lächelte ihr zu, Kili nickte und Fili sagte: „Natürlich“ und rückte ein Stück zur Seite, damit sie genug Platz hatte.
„Danke“, sagte Ann und lächelte kurz. Damit war ihr Gesprächsstoff auch schon wieder erschöpft. Zwar hätte sie die Zwerge gerne ausgefragt, aber sie wusste nicht, wie sie das anstellen sollte, ohne unhöflich zu wirken.
Gil-Estel hatte wenigstens Erfahrungen mit unerfahrenen Mädchen, denen sie die Welt erklären musste.
„Die Reise ist bisher nicht zu anstrengend für dich, oder?“, erkundigte sich Fili besorgt und sah Ann an.
Sie schüttelte den Kopf.
„Ich habe ja die Nächte zum Schlafen“, sagte sie. „Obwohl ich mich natürlich nicht vor der Wache drücken möchte, das wollte ich damit nicht ausdrücken. Ihr wart nur bisher so nett, mich nicht zu wecken.“
„Wir sind genug Zwerge“, erwiderte Fili und zuckte mit den Schultern. „Und haben eine Elbe, die mit wenig Schlaf auskommt.“
„Das stimmt“, lächelte Gil-Estel. „Und ich bekomme ohnehin mehr mit als die meisten Zwerge.“
Sie zwinkerte Fili zu. „Und ich habe mit Vaiwa noch ein Paar Augen und Ohren mehr. Bevor mir auch nur ein Ork zu nahe kommt, hat der schon seinen Kopf verloren.“
Ann wusste nicht, was sie darüber denken sollte, dass Gil-Estel so leichtmütig davon erzählte, wie sie einem Wesen das Leben aushauchen wollte, aber sie beschloss, ihre Worte nicht auf die Goldwaage zu legen.
Orks jagen galt hier wohl irgendwie als Sport, wie in ihrer Welt das Jagen von Wild – dem sie allerdings auch nicht besonders viel abgewinnen konnte.
„Wie oft hattet ihr schon mit Orks zu tun?“, fragte Kili. „Wie lange kämpft Ihr schon gegen sie?“
„Sehr lange“, antwortete Gil-Estel. „Seit meine Eltern fort sind und ich alleine hier bin.“
„Wo sind Eure Eltern?“, fragte Kili weiter. Nun, da die Elbe nicht in Rätseln sprach, war er auch bereit, ein Gespräch mit ihr zu führen.
„Meine Mutter ist tot“, antwortete sie. „Mein Vater ist nach Valinor gegangen, nachdem ich für mich selbst sorgen konnte. Mein Eid hat mich hier gehalten, Mittelerde und seine Wunder. Ich bin eben doch zur Hälfte menschlich und hänge noch an diesen Landen.“
Die beiden Zwerge schwiegen, bis Gil-Estel lächelte.
„Es klingt trauriger als es ist“, versprach sie. „Kein Grund, keine Fragen mehr zu stellen.“
Doch den dreien war nicht mehr danach. Ann begann, ihre Eltern zu vermissen. Gil-Estel hatte zwar gesagt, dass niemand ihr Verschwinden bemerken würde, aber das verminderte nicht das Heimweh, das sie hatte.
Die Elbe betrachtete sie einen Moment, bevor sie aufstand und zu ihrer Tasche ging und etwas herausholte. Mit einer Flasche in der Hand kehrte sie zurück.
„Miruvor“, sagte sie. „Es hilft, wenn einem das Herz schwer wird und düstere Gedanken uns vereinnahmen. Ein einziger Schluck genügt, um wieder Mut zu fassen.“
Für Ann klang das ziemlich nach Alkohol oder Antidepressiva, doch es schien besser zu sein, als weiter ihren Gedanken nachzuhängen.
Sie tat wie geheißen und spürte sofort, wie ihr Wärme in die Glieder fuhr und der Gedanke an ihr Zuhause nicht mehr schmerzte, sondern mit Vorfreude erfüllte.
„Danke“, sagte sie und lächelte Gil-Estel ehrlich an. „Das fühlt sich an wie Magie!“
„Es ist welche“, schmunzelte die Elbe. „Sie ist in meinem Blut, wie in dem aller Elben. Und Miruvor ist ein elbisches Getränk.“
Kili, der nach seinem Bruder die Flasche in den Händen hielt, zögerte kurz. Sein Onkel hatte ihn vor so etwas gewarnt, aber sein Bruder hatte schon getrunken und schien keinen Schaden genommen zu haben. Und auch das Menschenmädchen wirkte immer noch wie vorher, wenn auch ein wenig glücklicher.
„Elben schaden niemandem“, sagte Gil-Estel, die Kilis Zögern bemerkte. „Nicht willentlich. Nun … zumindest nicht mehr. Diese Zeiten sind vorbei. Wir haben uns dem Guten verschrieben.“
Review schreiben
'