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Wir haben ein Problem!

von winter81
Kurzbeschreibung
GeschichteLiebesgeschichte / P12 / Gen
08.04.2018
25.05.2018
6
4.844
8
Alle Kapitel
8 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
24.05.2018 1.166
 
Lange war sie durch den Park gelaufen. Es war Mittagszeit, die Sonne stand hoch und schien durch das Blätterdach der Bäume, eine leichte Brise streichelte über ihre Haut. Seit dem Frühstück hatte sie nichts mehr gegessen, aber es ging ihr zu viel im Kopf herum. Natürlich hatte sie Nikolas gesagt, dass sie sich nicht für ihn schämte. Aber seine Befürchtungen hatte sie damit nicht vertreiben können. Plötzlich befanden sie sich in einer hitzigen Diskussion. "Ich glaube, es ist besser, wenn ich jetzt gehe.", mit diesen Worten und einem harten Gesichtsausdruck verließ er sehr schnell das Büro. Seitdem hatte sie ihn nicht mehr gesehen. Ellen hatte gegrübelt bis ihr der Kopf rauchte. Also hatte sie sich entschlossen, die Mittagspause draußen an der frischen Luft zu verbringen. Sie schlenderte weiter. Wieder nahm sie ihr Handy und rief an. Doch sie erreichte - wie immer - nur die Mailbox. Sie wollte mit ihm reden, wusste aber gleichzeitig nicht, was sie ihm sagen sollte. Das er sich irrte? Das würde ihm nicht genügen. Immer wieder musste sie daran denken, was er zu ihr gesagt hatte.

Sie hatte schon so manchen Druck ausgehalten, aber diesem hier fühlte sie sich fast nicht gewachsen. Sie war Juristin, gewohnt die Dinge logisch zu durchdenken. Das hatte ihr immer geholfen. Dann müsste es hierbei doch auch funktionieren. Es wurde eine Entscheidung von ihr erwartet. Sie hatte einen Freund, dazu sollte sie sich bekennen. Warum hatte sie damit solche Schwierigkeiten? Warum machte sie sich so viele Gedanken? Vor wem oder was hatte sie so viel Angst? Sie ging gedankenverloren weiter, achtete nicht sonderlich auf den Weg bis sie zu einem kleinen Platz kam, an dessen Rand eine Parkbank stand. Sie war alt und hatte den letzten Anstrich sicherlich schon vor geraumer Zeit gesehen, aber morsch sah sie nicht aus. Ellen gefiel es dort, so dass sie sich zunächst vorsichtig auf die Sitzhölzer setzte. Es war angenehm still und sie schloss für einen Moment die Augen.

Sie spürte die Wärme der Sonne in ihrem Gesicht und den Wind, hörte das Rauschen der Blätter und atmete einige Male tief ein und aus. Mit den Fingern fuhr sie über das Holz der Rückenlehne und hielt plötzlich inne, als sie eine kleine Einkerbung im Holz spürte. Sie zeichnete sie mit den Finger nach und öffnete schließlich die Augen, weil sie sich nicht zusammenreimen konnte, was dieses verursacht haben könnte. Es war ein kleines Herz, dass in die Rückenlehne eingeschnitzt war, zwei Initialen und ein Datum. Ellen sah es an und lächelte. Aber plötzlich meldete sich eine Stimme.

"So was von peinlich! Jetzt einen auf große Liebe machen und in ein paar Wochen war alles für die Katz."
Verdutzt schaute Ellen auf und sich dann um. War da wer? Oder hatte sie das gerade gedacht?
"Und überhaupt, wozu braucht man eigentlich Kerle? Zum Spaß haben, okay sehe ich ein. Aber sonst? Muss man es denn gleich übertreiben?"
Verblüfft registrierte sie, dass sie allein war. Sie dachte diese Sätze! Wie kam sie denn auf so etwas? Irritiert schüttelte sie den Kopf.
"Was soll denn die nächste Stufe sein: Einzug bei dir? Heirat? Kinder? Du kommst doch gut alleine mit Emily klar. Da muss sich doch so ein Casanova nicht ins gemachte Nest setzen! Alles, was du dir mühsam aufgebaut hast, ist auf einmal dahin. Und dass nur, weil du dich von deinen Gefühlen hast übertölpeln lassen! Lass die Finger davon, Süße! Du hast ganz Recht, dass du diesen Polizisten von dir fern hältst. Der ist sowieso nicht deine Kragenweite!"
Ellens Atmung hatte sich beschleunigt. Was war das denn? Sie hatte das Gefühl, dass in ihrem Inneren ein fürchterlicher Kampf tobte. Dachte sie das etwa wirklich?
"Aber er macht mich glücklich.", sagte sie halblaut. "Außerdem, was soll das heißen, nicht meine Kragenweite? Er ist witzig, intelligent, großzügig, schlagfertig und hat ein großes Herz!"
"Du hast egoistisch, kindisch, absolut stur, verschlossen und unzuverlässig vergessen."
Ellen rang nach Luft, Schweißperlen traten auf ihre Stirn.
"Wer wird dabei auf der Strecke bleiben? Er macht dich glücklich? Du vernachlässigst deinen Job und dein Kind wegen dieser Affäre. Was hat es dir denn beim letzten Mal eingebracht, als du dich mit Stefan eingelassen hast? Schwanger mitten im Studium! Du konntest das Referendariat nicht gleich beginnen. Deine Kommilitoninnen zogen an dir vorbei: ergo Karriere passé. Du könntest schon längst Oberstaatsanwältin sein. Und das ist das Ende vom Lied: Männer machen nur Ärger!"
Der Wind hatte etwas nachgelassen, sie hörte das Rauschen der Blätter und spürte immer noch die Wärme der Sonne.
"Beim letzten Mal hat es mir Emily gebracht und das möchte ich nicht missen.", meinte sie nachdenklich. "Eine Karriere ist nicht alles. Wenn man keine Menschen um einen herum hat, mit denen man den Erfolg teilen kann, dann ist man nur eines: einsam."
Sie dachte an Emily, an ihr Lachen und wie stolz sie auf sie war.
Sie dachte an Nikolas, seine strahlenden Augen, sein Lächeln.
Plötzlich wurde ihr klar, was ihr Problem war: Diese Menschen waren die wichtigsten in ihrem Leben. Allerdings gab es eine Person, der sie nicht vertraute und das war... sie selbst!
Sie hatte Angst, die Kontrolle zu verlieren. Sie hatte Angst, Nikolas soweit in ihr Leben zu lassen, dass er daraus nicht mehr einfach entfernt werden konnte. Sie vertraute nicht darauf, dass sie es schaffen konnten, weil sie dieser Beziehung bisher niemals wirklich eine Chance gegeben hatte.

"Frau Bannenberg? Was machen Sie denn hier?", Ellen schreckte hoch. Frau Dr. Holle sah sie mit freundlichen Augen an. Ellen atmete tief durch, sie schwitze immer noch leicht. "Geht es Ihnen gut?", die Forensikerin wirkte ernsthaft besorgt. "Tut mir leid.", murmelte Ellen. "Ich muss eingedöst sein." Frau Dr. Holle setzte sich neben sie. "Ja, die Wärme ist wirklich drückend geworden. Ihr Kreislauf wird ein bisschen brauchen, bis er wieder in Schwung kommt.", sie lächelte milde. Eine Hand legte sie genau auf das kleine eingeschnitzte Herz, bemerkte es und schaute es sich genauer an. "Schauen Sie mal. Das wird nie aus der Mode kommen. Ist es nicht beruhigend, dass so etwas die Zeit überdauert? E + N und...", sie schaute angestrengt auf das Holz. "Das Datum war ja erst vor ein paar Wochen. Wie süß.", Ellen hatte die Worte der geschätzten Kollegin nur schwer vernommen, aber plötzlich stutzte sie und sah genauer auf die Stelle, die Frau Dr. Holle mit dem Finger antippte. Das Datum war das des Teambuilding-Seminars. Das Wochenende, an dem sie beide zusammen gekommen waren. "Haben Sie den Spruch darüber bemerkt? Muss schon vorher da gestanden haben, aber passt. Ist ja fast sinnbildlich." Ellens Blick wanderte nach oben. Dort standen Buchstaben, schon verwittert, aber noch lesbar: HAVE TRUST "Jaja, Vertrauen zu haben ist immer wichtig!", Frau Dr. Holle nickte zufrieden. "Ja, da haben Sie Recht.", sagte Ellen. Sie wusste, was sie zu tun hatte.
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