Im Dienste der Wissenschaft

von Herugrim
KurzgeschichteMystery / P12
08.04.2018
08.04.2018
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Im kühlen Nachtwind knarzen die Kiefern und Fichten. In der Nähe rauscht das Meer, schlägt in schwarzen Wellen gegen das Festland. Unweit der Küste schwankt ein kleines Ruderboot auf den Wellen, schiebt sich mit beständigen Ruderschlägen vorwärts zu einer kleinen gelben Boje mit hellblauen Streifen, die mit den Gezeiten auf und ab tänzelt. Der Mann erhebt sich, blickt schweigend hinaus auf die See. In den Wolken über ihm grollt und rumort es. Viel Zeit bleibt ihm nicht mehr. Die Kapuze hat er tief ins Gesicht gezogen, den Mantel eng um sich geschlungen, salziges Wasser perlt von der Isolierung ab. Die Tropfen glitzern im Licht der Laterne, die er zu seinen Füßen abgestellt hat. Dann lehnt er sich über die Bordwand und greift mit behandschuhten Händen nach der Kette, die an der Boje befestigt ist, hievt einen Behälter aus den dunklen Tiefen hervor und in das Boot hinein. Er wirft einen kurzen, prüfenden Blick auf den Inhalt, dreht den Filterverschluss zu und greift sich dann die Ruder, hält auf die Küste zu, dorthin, wo zahlreiche Lichter auf den Ruinen einer alten Stadt von einem Ort der Zivilisation künden.

Mit raschen Handgriffen befestigt der Mann das Boot am Kai, dort wo er es vor knapp zwei Stunden losgemacht hatte, sieht sich immer wieder um. Den Behälter in der einen und die Laterne in der anderen Hand schreitet er den Kai hinab, während Regentropfen auf die hölzernen Planken einhämmern. Schritte lassen ihn zusammenfahren und hinter einen Gerüststapel mit flatternder Plastikplane flüchten. Rasch dreht er das Licht der Laterne herunter. Blitze zucken über den Himmel, er wagt einen kurzen Blick, während mehrere Gestalten in schwarz-weißen Neoprenanzügen an seinem Versteck vorbei schreiten und ihre albtraumhaften Gesichtszüge vom Blitz erhellt werden. Dämonen mit roter Haut und grausigen Fratzen, Zeichen dafür, dass sie in der Hölle waren und ihr wieder entstiegen sind. Sie dürfen seine Fährte nicht aufnehmen. Aither will er anrufen, während die so bekannte Gefühle der Angst und Wut in ihm aufsteigen wollen. Das hat er alles nicht verdient! Er zwingt seinen Atem zur Ruhe, verharrt wie das Kaninchen vor der Schlange. Das Herz schlägt ihm bis zum Hals, er muss sich mit einer Hand abstützen, weil ihm vor Anspannung die Knie zittern. Er ist bereit zum Sprung. Aber die Geräusche des Atlantiks und die Dunkelheit der Nacht verbergen ihn vor den Augen der Patrouille. Die Schritte verklingen, werden vom Donner verschluckt, der Mann setzt seinen Gang fort, hinein in die Ortschaft, umgeht Stellen an denen Feuertonnen unter vorspringenden Dächern an Straßenecken zum Versammlungsort der Nachtaktiven geworden sind.

Dann überquert er eine Querstraße und findet sich in einem Ortsteil wieder, der ausgestorben scheint. Stumm und leer liegen die Gassen vor ihm. Sein Schatten geistert über die Mauern, in der Absonderlichkeit nur übertroffen von den grotesken, wabernden Schattenspielen, die der Behälterinhalt im Schein der Laterne hin und wieder an die Wände wirft. Noch zwei Häuserblöcke, dann hat er sein Ziel erreicht. Ein gusseisernes gebrochenes Kreuz steht an einer Straßenecke. Im Laternenschein tropft der rote Rost wie Blut vom Kreuz. Mit schnellen, ungeduldigen Schritten umrundet er das Haus und öffnet die Tür auf der Rückseite. Erst die Wellblechabdeckung, dann das obere und anschließend das untere Vorhängeschloss. Ein Witz im Vergleich zu seinem früheren Forschungsbunker. Aber es ist ja nicht für lange. In der Not frisst der Teufel Fliegen.

Im Inneren prüft er ob alle Fensteröffnungen verdeckt sind, noch bevor er sich seiner nassen Kleidung entledigt, den klatschnassen Mantel zum Trocknen über einen Stuhl hängt. Den Behälter stellt er auf den Tisch direkt neben der großen Edelstahlplatte, die Lampe ganz in die Nähe des Behälters. Der Mann schält seinen Oberkörper aus dem Neoprenanzug, trocknet seine Hände mit einem Tuch und fährt sich über den feuchten, gekalkten Schädel. Manche Gewohnheiten wird man niemals los, fast als ob sie einem in die Gene geschrieben sind. Was das wohl über ihn aussagt?

Er setzt sich, rückt den Stuhl scharrend näher an den Tisch, der über und über mit kleinen Büchern, Papieren und Forschungsutensilien übersät ist, die ihren Beitrag zum Schattenspiel an der Wand leisten. Vorsichtig und langsam dreht er den Behälter. Etwas Schwarzes, Schmieriges schlägt dumpf gegen die Scheibe. Mit ruhigen Fingern greift er das kleine Büchlein, das ganz oben auf seinem Stapel liegt, mit der anderen Hand zieht er einen Stift aus einer kleinen Plastikhülle daneben, blättert bis zur nächsten freien Seite. Das Licht der Lampe dreht er noch einmal etwas heller, blickt prüfend auf den Behälter und setzt dann den Stift auf, während über ihm der Regen gegen das Wellblechdach trommelt.

„Eintrag 10317, Brest, Briton.
Forschungssache: Leviathanik.
Obduzierender Arzt: Dr. Hernez Vasco.
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