Nicht du schon wieder

GeschichteAbenteuer, Freundschaft / P12
Eve OC (Own Character) Sven Vollfied Train Heartnet
08.04.2018
12.06.2019
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Wo war ich? Mühsam öffnete ich die Augen und starrte an eine weiße Decke. Mein Kopf dröhnte und ich fühlte mich, als hätte ich die gesamte Nacht durchgesoffen. Was war nur passiert? Mühsam setzte ich mich auf und sah mich um. Ich lag allein in einem Zimmer… nein, in meinem Zimmer in Vastatios Villa. Das Letzte, woran ich mich erinnerte, war, dass Opa mich darüber informierte, dass es zu unglaublichen Komplikationen gekommen war. Ich schlang die Arme wieder um mich. Wieder diese alles verzehrende Kälte. Ich konnte spüren, wie sie sich wieder durch meine Adern fraß, langsam in Richtung meines Herzens. Ich konnte spüren, wie eine eisige Wut in mir ansteigt und… „Siam!“ Langsam hob ich meinen Kopf und sah zu meinem Opa. In meinem Gesicht hatte sich keine Miene bewegt. Ich fixierte ihn, wie ein Beutetier. Langsam schritt er auf mich zu. Jeder Muskel spannte sich in mir an, jederzeit bereit ihn anzufallen.

In meinen Augen schlich er gerade um mich herum. Meine Augen verfolgten ihn, bis ich den Kopf mitdrehen musste. Wie ich wirklich aussah und wie ich mich verändert hatte, sollte ich später erfahren. Opa streckte gerade die Hand nach mir aus und rasend schnell hatte ich mich umgedreht und wollte ihn angreifen. Doch kurz vor seinem Gesicht wurde ich abrupt gestoppt. Ich hing an Ketten. Wieso war ich gefesselt? Langsam sah ich zu meiner Hand. Doch es war keine Hand mehr… Es war mehr eine Klaue. Erschrocken sprang ich zurück und betrachtete wieder meine Gliedmaßen. Doch nun war wieder alles in Ordnung. War es eine Halluzination? Aber die Ketten waren wirklich da. Fragend sah ich zu Opa auf. Er wirkte sehr ernst und schritt wieder langsam auf mich zu. Dieses Mal hatte ich nicht die Ambitionen ihn zu attackieren und somit schloss er die Handschellen auf. Ich blickte ihn noch immer fragend an, doch er erwiderte nichts, sondern ging. Was war gestern nur passiert?

Den gesamten Tag hatte ich mich nicht aus meinem Zimmer bewegt. Ich hatte mich in einer Ecke zusammen gekauert und versucht an nichts zu denken. Was war nur mit mir geschehen? Was war ich nur? Ich hatte Opa angegriffen. Ich hatte die feste Absicht, meinen Zorn an ihm anzulassen. Erst spät öffnete sich meine Zimmertür erneut. Ich sah nicht auf. Ich schämte mich viel zu sehr, als das ich Vastatio wieder in die Augen blicken konnte. Doch das brauchte ich auch nicht. Ich konnte spüren, wie er sich neben mir niederließ und einen Arm um mich legte und an sich zog. Ich ließ es einfach geschehen. Meine Hände jedoch umschlungen nach wie vor fest meine angewinkelten Beine. Ich wollte ihn nicht noch einmal verletzten. Ein seufzten ließ mich nun doch aufblicken. Opa sah sehr nachdenklich aus, doch schlussendlich sprach er: „Siam, ich weiß, dass du bei mir zwar am sichersten bist, aber ich kann dir nicht das geben, was du gerade benötigst.“ Nun sah er auf mich hinunter. Mein Mund wurde trocken, doch ich musste trotzdem fragen: „Was ist gestern passiert? Ich kann mich noch daran erinnern, wie ich auf die Knie gegangen bin und danach ist alles weg.“ Ich sah wieder weg. „Das erzähle ich dir ein anderes Mal und nun musst du gehen. Du weißt wo du hinsollst. Die Wärme, die du gerade so dringend benötigst, kann ich dir nicht geben.“ Ich nickte verstehend und stand dann langsam auf, um meine Sachen zu packen.

Kaum eine halbe Stunde später hatte ich alles zusammen, meine Kater waren eingesammelt und draußen stand ein Auto für mich bereit. Es war ein unauffälliger Geländewagen. Den konnte ich gut gebrauchen. Da wo ich hinfahren werde, gab es fast ausschließlich Schotterpisten und Sandwege. Nachdem ich alles in dem Fuhrwerk verstaut hatte wandte ich mich noch einmal an meinen Opa und umarmt ihn. Er erwiderte es und gab mir wieder einen Kuss auf die Stirn, ehe er mich gehen ließ.

Es war bereits tiefste Nacht, als ich endlich in die gewünschte Straße einbog. Ok, eine Straße war es nicht. Es war eine fest gefahrene Sandpiste, aber ich wusste genau, dass ich hier richtig war. Diesen Weg war ich früher so oft gefahren und doch war ich auch schon gefühlte hundert Jahre nicht mehr hier. Ich fuhr nur ganz langsam. In mir machte sich zum Teil Angst breit, zum Teil aber auch ein hoffnungsvolles hippeln. Ich hatte sie so sehr vermisst. Wie es ihnen wohl ging? Was sie jetzt wohl alle machten?

Bald schon sollte ich es erfahren. Die Weiden und Acker, durch welche ich bis eben fuhr, wurden von einem alten Holzzaun abgelöst. Die Dunkelheit wurde von einem warmen Licht durchschnitten. Ein kleines Farmhaus kam zum Vorschein und ein Holztor. Leise quietschend brachte ich den Geländewagen zum Stehen. Schnell schieg ich aus und öffnete das mir so vertraute Tor und beeilte mich anschließend durch dieses hindurch zu fahren. Kaum hatte ich geparkt, schloss ich auch sofort das Gatter wieder und schnappte mir meine Sachen aus dem Kofferraum. Cloud und Heaven waren schon zur Haustür gesprintet und hüpften wie Frösche davor umher. Ich musste schmunzeln und ging zu ihnen. Wie in Zeitlupe sah ich meine Hand zum Türdrücker wandern und drückte dieses hinunter.

Ein vertrauter Duft schlug mir entgegen. Es roch nach Rauch und Holz und dem Mittagessen von heute. Es gab wohl Speck und Spiegelei. Ich wurde von einer häuslichen Wärme empfangen. Der Kamin musste an sein. Ich konnte den Tee und den Kaffee riechen, den die beiden abends immer tranken und ganz leise lief Jazzmusik. Ob sie wohl wieder tanzten? Ich ließ meine Sachen leise zu Boden gleiten und zog mir meine Schuhe aus. Doch ich kam nicht dazu auch nur einen Schritt zu machen. Aus dem Wohnzimmer hörte ich sie auf einmal: „Cloud! Heaven! Wenn ihr beiden hier seid, dann heißt das doch…“ und schon konnte ich schnelle Schritte hören und im nächsten Moment stand im Flur eine kleine, etwas rundliche Frau, mit schon ergrauendem Haar. Sie sah mich mit tellergroßen Augen an, welche sich fast sofort mit Tränen füllten und sie stand wie angewurzelt da. Auch meine Augen wurden feucht und ich lächelte sie an, ehe ich meine Stimme wiederfand: „Hallo Mama.“

Wir liefen aufeinander zu und ich schloss meine Mutter in die Arme und sie mich auch. Ich fand es nach wie vor witzig, dass sie kleiner war als ich. Fast 10cm Größenunterschied. Aber eine Kraft hatte sie, dass war der blanke Wahnsinn. Nun hörte ich auch auf einmal Schritte über uns und am Treppengeländer hing nun ein ebenfalls kleiner Mensch und seine Augen begangen vor Glück zu strahlen und auch er kam auf mich zu gerannt und schrie glücklich durch das ganze Haus: „SIAM!“ Meinen kleinen Bruder schloss ich ebenfalls in die Arme. Ich sah noch einmal zur Treppe und konnte dort meinen beiden Kater sitzen sehen. Wenn ich mir die beiden so ansah, dann sahen sie sehr zufrieden mit sich aus. Es fehlte eigentlich nur noch, dass sie sich mit einem fetten Grinsen im Gesicht zunickten.

„Wo warst du so lange? Was hast du alles gesehen? Wie geht es dir? Wie läuft dein Laden? Backst du mir meinen Lieblingskuchen? Kochst du mir mein Lieblingsessen? Reiten wir morgen aus? Können wir…“, „Nun lass deine Schwester doch erst einmal ankommen Adrian! Überfall sie doch nicht immer so!“, fuhr meine Mutter meinem kleinen Bruder über den Mund. Ich musste lachen. Wie hatte ich das nur vermisst. Sofort zog mich meine Mama in die Küche, drückte mich auf die große Sitzbank und stellte mir einen Teller und ein Glas vor die Nase. Schneller als ich gucken konnte, hatte ich auch schon eine dicke Brotscheibe vor mir liegen und Tomaten, Zwiebeln, Käse, Wurst und noch anderes stand auf dem Tisch und sie schenkte mir frische Milch vom Morgen ein. Ich strahlte sie an und Adrian kuschelte sich sofort auf meinen Schoß. Du kleiner Racker du, du hast dich kein Stück verändert, genauso wenig wie unsere Mutter.

Während ich aß und trank erzählten mir die beiden ausführlich wie es auf dem Hof lief. Das sie erweitert hatten, wie viele Kälber sie dieses Jahr erwarteten und das selbe bei den Fohlen. Wie erfolgreich meine Schwester in der Pferdezucht unterwegs war und auch beim Rodeo reiten und bei anderen Wettkämpfen. Wie es dem alten Hund ging, wo Papa war und dass auch meine Schwester gleich nach Hause kommen würde. Sie unterrichteten mich über das Wohlbefinden von meinen tatsächlichen Großeltern und von alten Freunden und Bekannten. Ich hörte den beiden noch ewig zu. Mittlerweile waren wir alle mit Tee ins Wohnzimmer umgezogen. Mein Bruder hatte sich mit seinem Kopf auf meinen Schoß gelegt und Mama hatte es sich wieder in ihrem Lieblingssessel bequem gemacht. Über den melodischen Klang von Mutters Stimme und dem Knistern des Holzes im Kamin wurde ich langsam müde und mein Kopf wollte sich langsam nach hinten lehnen.

Doch da hörten wir mit mal einen lauten Knall und schnellen, stolpernden Schrittes kam jemand in die Wohnstube. Mit noch größeren Augen als meine Mutter blickte mir meine ältere Schwester entgegen. „Ja da tritt mich ein Pferd! Kneift mich mal jemand? Ich glaub ich seh‘ Gespenster!“ Lachend stand ich auf und ging auf sie zu und sagte: „Füße hoch, der Witz kommt flach!“ und schon umarmten wir uns glücklich. Doch einen Witz konnte sie sich einfach nicht verkneifen: „Heute im Angebot und nur für kurze Zeit! Geist zum Anfassen! Greifen Sie schnell zu!“ Ich knuffte ihr in die Seite und sie krümmte sich wie immer, weil sie da kitzlig war. „Schön dich zu sehen, Susanne.“

Meine Schwester erzählte mir noch ewig von ihren Pferden und dem Verkauf, genauso wie mir mein Bruder auch eine Ewigkeit von den Ferkeln und den Kälbern erzählte. Eben alles, was Mutti noch nicht erzählen konnte oder schlicht und einfach nicht mehr dran dachte. Cloud hatte es sich auf dem Schoß meiner Schwester bequem gemacht und Heaven war zu meinem Bruder gegangen. Auf den Beinen von Mama lag der alte Hofkater, der gefühlt so alt war wie ich und vor dem Kamin lagen der alte Hund und ich. Nachdem jeder alles erzählt hatte, genossen wir nun die Ruhe und die Wärme. Wir warteten gerade nur noch auf meinen Vater. Er war noch in der Stadt im Wirtshaus und plauderte wohl wieder mit den Jägern. Ja, hier herrschte noch reger Tauschhandel. Kuhmilch gegen ein frisch geschossenes Reh oder Ziegenleder gegen Obst. Das Meiste verkaufte meine Familie und konnte davon ein gutes Leben führen, aber wenn man Geld sparen konnte, dann sollte man das auch tun.

Doch nach einer Weile stand ich wieder auf und zog mir die Schlappen meiner Schwestern an und ging hinaus. Ich wollte in den Stall zu den Pferden. Leise schob ich dir Türen auf und machte das Licht an. Ich schnappte mir sofort das Putzzeug und begann das edle Tier in der ersten Box zu putzen. So würde ich mich also durcharbeiten, bis mein Vater nach Hause kam und dann ins Bett gehen. Hier draußen konnte ich mich doch immer noch am besten entspannen und Vastatio hatte vollkommen recht. Nur hier konnte man mir helfen, nachdem, was er mir erzählt hatte.

Wie immer putzten mich die Pferde auch, während ich mich um sie kümmerte. Jedes einzelne erhielt noch ein Leckerlie und extra Streichel- und Schmuseeinheiten. Ich würde mich morgen wirklich sehr über einen Ausritt freuen. Im Gedanken sah ich mich gerade mit Sven und Eve zusammen ausreiten. Zusammen an den Strand, durch den Wald, über Wiesen und die Felder. Ich dachte darüber nach mit ihnen zusammen auf einer Farm zu leben, nicht mehr als Killerin zu arbeiten und einfach friedlich jeden Tag genießen. Doch das sollte wohl nicht der Fall sein. Immerhin waren die beiden nicht hier und waren wer weiß wo. Ich hoffte einfach, dass sie es geschafft hatten.

Gerade als ich wieder reingehen wollte, hörte ich das Auto von meinem Vater. Es war gerade in die Straße eingebogen und somit begab ich mich zum Tor, um es zu öffnen. Meine Gedanken schweiften wieder ab und somit entging mir auch, dass Papa schon ziemlich nah war. Schnell stellte ich mich in den Schatten. Ich wollte ihn überraschen.

Kaum war das Auto hindurch gefahren und hatte geparkt, da sprang ich auch schon darauf zu. Mein Vater hatte gerade die Autotür geschlossen und da stand ich schon hinter ihm und hielt ihm mit einem Lächeln die Augen zu und fragte: „Wer bin ich?“ Sofort wurden meine Finger weggerissen und er wandte sich zu mir um. Im Bruchteil einer Sekunde wurde ich mit einem Freudenlaut in die Arme genommen. Lachend wirbelte mich mein Papa umher, er war immerhin noch mal 20cm größer als ich und setzte mich dann wieder ab. „Lass dich ansehen mein Mädchen! Schön wie die Königin Mutter!“ Er zog mich noch einmal in die Arme und drückte mir einen Kuss auf die Stirn. Wie sehr hatte ich meine Familie doch vermisst.

Plötzlich schob mich mein Vater von sich und sah mir fest in die Augen und seine nächsten Worte erschütterten mich, aber nicht im negativen Sinne: „Dein Freund ist ja schon eine Nummer für sich. Trotzdem kann er gut anpacken und hat uns ganz gut geholfen bei der Ernte und Aussaht. Aber seine kleine Freundin ist ja Zucker! Wie sie sich auf die Tiere und die Bücher gestürzt hatte war richtig goldig.“ Mein Freund? Seine kleine Freundin? Meine Augen wurden groß und als ich genau in dem Moment noch einmal zwei Autotüren zuschlagen hörte drehte ich mich in Zeitlupe um. Da standen sie! Gesund und lebendig! Alle beide! Mir liefen Freudentränen über die Wangen und ich sprang einem gewissen grünhaarigen Kopfgeldjäger in die Arme und drückte ihn fest an mich: „Sven! Eve! Oh mein Gott, ihr habt es wirklich lebend hergeschafft!“ Ich spürte, wie Eve sich an mich drückte und auch weinte. Auch mein Liebling konnte es nicht mehr zurückhalten. Ich glaubte, für meinen Vater mussten wir gerade aussehen wie eine Familie. Wahrscheinlich stellte er sich Eve auch schon als Enkeltochter vor und überlegte, wann die nächsten Kinderchen kamen. Aber das war mir egal. Ich war einfach nur froh, die beiden wieder bei mir zu haben.
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