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Du darfst die Mädchen nicht so verderben, Friedrich!

GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P16 Slash
Friedrich Schiller Johann Wolfgang von Goethe
07.04.2018
12.04.2018
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07.04.2018 5.426
 
„Wer ist das denn?“, fragte Goethe irritiert, als er den Raum betrat. Die Junisonne küsste gelblich das Haupt einer Menschentraube, die sich um einen fremden Jüngling geschart hatte. Anders als sonst kam niemand auf ihn zu, begrüßte ihn oder bat ihn, eine spontane Lesung abzuhalten. Vor zwei Jahren hätte der Dichterfürst sich über diese Freiheit, diese Ruhe gefreut. Aber nach der Italienreise war es beträchtlich still um ihn geworden und er musste sich eingestehen, dass ihm das missfiel.
Zu seiner Erleichterung blieb seine Ankunft jedoch nicht vollkommen unbemerkt und Fräulein von Lengefeld, die Gastgeberin, rauschte in altbekannt herzlicher Art auf ihn zu.
„Mein lieber Johann“, sagte sie und küsste ihn links und rechts auf die Wange. „Wie sehr es mich freut, Sie heute hier willkommen heißen zu dürfen!“
Johann nickte darauf traulich und fasste seine wertgeschätzte Bekannte am Ellbogen, ehe sie entfliehen konnte. Von Lengefeld hatte die eigenartige und teils enervierende Eigenschaft als Gastgeberin nur für Sekunden aufzutauchen, ein Gespräch anzuregen und anschließend schnellstmöglich einen anderen Tiefpunkt der Stimmung zu finden, um sich dort für das Amüsement ihrer Gäste aufzuopfern. Dadurch kam es auf ihren etlichen Soirées selten zu der Gelegenheit, ein inniges, vertrautes Gespräch mit ihr zu führen.
„Warten Sie, Charlotte. Ich hatte gedacht, es wäre nur eine kleine Veranstaltung. Nur ein Tee unter Freunden. Für solch einen Andrang bin ich nicht angemessen gekleidet.“

Charlotte lachte kurz auf und legte eine Hand auf seinen Oberarm. Die Geste sollte ihn wohl beruhigen, aber verfehlte ihren Zweck. „Oh, Wolfgang. Sie könnten im Nachthemd aufkreuzen und die Weimarer Gesellschaft würde es Ihnen nicht übel nehmen. Zumal es ja heute nicht um Sie geht.“ Vorsichtig befreite sie sich aus seinem Griff und nickte zu dem Fremden, dem Zentrum der Menschentraube. „Schiller ist doch da.“
Sie sprach den Namen aus, als setze er ein allgemeingültiges Verständnis voraus. Goethe konnte kein solches Verständnis aufbringen und blickte verständnislos. Charlotte tat sich offensichtlich schwer damit, ihm keine vulgäre Beleidigung entgegenzubringen. In ihrem Porzellanpuppengesicht mischten sich Verzweiflung, Wut und Belustigung. Bei einer spitzzüngigen Frau wie Charlotte war das eine fürchterliche Mischung, die schnell zu Schwarzpulver für eine Tirade der nievaulosesten Beleidigungen werden konnte, aber die Belustigung schien zu siegen und sie lächelte schelmisch.
„Es stand doch auf der Einladung. Friedrich Schiller ist ein junger Literat aus Jena, der für Sie große Bewunderung hegt. Da ich ihn meinerseits gut kenne und für einen fähigen Mann halte, wollte ich alles mir mögliche tun, Sie einander vorzustellen. Er wird Ihnen sicher gefallen, er erinnert ein bisschen an Ihre stürmische Art.“
Ohne ein weiteres Wort der Erklärung rauschte sie davon und stiftete Unterhaltung, wo sie dringend gebraucht wurde, denn die Ansammlung von Menschen hatte sich mehr oder weniger aufgelöst.

„Ein junger Literat. Große Bewunderung...“, grummelte Herr von Goethe und fuhr sich mit der Hand durch das Haupthaar. Aber er wollte den Jungen nicht enttäuschen, das war nicht seine Art, und pflügte sich einen Weg durch die Gesprächsgruppen. Hier und da wurde er freudig begrüßt, aber hinsichtlich der Begeisterungsstürme, die man ihm vor etlichen Monaten entgegen gebracht hatte, waren diese Reaktionen enttäuschend. Kaum, dass er den vermeintlichen Dichter erreicht hatte, beziehungsweise dessen Rücken, denn der blondgelockte Jüngling war mit einer anderen Person ins Gespräch vertieft, überlegte er es sich anders. „Seit wann kommt denn der Berg zum Propheten?“, murmelte er und wandte sich ab. Zum einen war es seines Standes nicht gemäß, ohne einer Vorstellung durch Dritte aufzutauchen und ein Gespräch einzuleiten, zum anderen war Schiller es, der ihn so dringend sehen wollte, nicht andersherum. Goethe entschied sich, das Buffet einer genauen Beobachtung zu unterziehen, bis sich seine Ankunft herum gesprochen und auch Schiller erreicht hätte.
Lange musste er wirklich nicht warten. Kaum hatte er eines von den köstlichen Nussteilchen genommen und abgebissen, wurde er von hinten angesprochen. Erschrickt mühte er sich, aufzukauen, ehe er sich empört umdrehte. Was war das denn für eine Art? Einen unbescholtenen Mann so von hinten anzufallen? Schillers niedere Herkunft lag auf der Hand.
„Sie müssen Herr von Goethe sein! Schiller ist mein Name. Ich bin großer Bewunderer Ihrer Arbeiten. „Die Leiden des jungen Werther“ trifft den Nerv der Zeit, ja den Geist der Jugend! Werthers Leid vermochten sie allzu lebendig auf das Papier zu bringen, sodass es einer Wiederbelebung gleichkam, sie nachzulesen. Noch heute ergreifen mich Trübsinn und Schaudern, wenn ich an das Schicksal des jungen Werther denke... und auch Ihre folgenden Werke gehören zu den besten unserer Zeit. Sie sind, was ich als modern bezeichnen würde.“
Goethe taxierte den hochgewachsenen Mann flüchtig. Ein gelbes Wams und ein blauer Gehrock. „Ihre Begeisterung vom Werther ist Ihnen anzusehen. Ich hoffe Sie wissen, dass er sich in diesem Aufzug lächerlich gemacht hat.“
Für einen Moment schwand das breite Lächeln von dem länglichen Gesicht des jüngeren Mannes. Dann begannen seine Augen vor Schalk zu leuchten und sein Grinsen wurde um so breiter – er machte einen labilen Eindruck. „Das ist der Witz, der Ihnen an einigen Stellen fehlt. Darin müssen sie Shakespeare folgen. Er wusste, das dem Humor ebenso viel Aufmerksamkeit gelten muss, wie der Trauer!“ Goethe räusperte und straffte sich, um etwas größer zu wirken. Er scheiterte kläglich.
„Was für eine Erfahrung haben Sie vorzuweisen, mir solche Empfehlungen zu machen, wenn ich es mal ganz harmlos ausdrücken soll?“

„Nun, es ist nicht so, als wäre ich ein Neuling der Poeterei. Ich verstehe mich aufs Reimen und Dichten“, erwiderte Schiller gelassen.
„Nur am höfischen Auftreten hapert es noch. Sie wissen sich ja nicht einmal richtig auszudrücken“, Goethe verstummte. Mit einem Mal erinnerte er sich daran, den Namen Schiller schon einmal gehört zu haben. Aber ja, er hatte eine Aufführung von dessen Debüt angesehen und war frei von jedweder Begeisterung aus dem Saal gegangen. Er wusste auch wieder, was ihn so ungemein an der Tragödie gestört hatte...
„Sie haben Recht, eines Ihrer berühmten Werke ist mir wohl vertraut. „Die Räuber“ strotzt vor Jugend und Leichtsinn, es mangelt dem Werk an Tiefgang und einem intellektuellen Anspruch, wie ich ihn an Unterhaltungsliteratur stelle. Sie sind wie dieser Klinger, bloß zehn Jahre zu spät. Die Literatur hat sich gewandelt und wenn Sie ein moderner Dichter sein wollen, müssen Sie mitziehen. Wie ein Zugvogel sehen Sie ja schon aus.“
Erbost und verwirrt darüber, warum genau er so fürchterlich schlecht gelaunt war, wünschte Johann dem jungen Mann einen guten Tag und entschwand. Als er sich im Türrahmen noch einmal umkehrte um sicherzustellen, dass niemand außer Schiller seiner Impertinenz Zeuge wurde, bemerkte er wie selbstzufrieden der Stehengelassene grinste. Im gelben Sonnenlicht wirkte es, als habe er einen Heiligenschein, welcher die Blasphemie, die er der göttergleichen Dichtkunst entgegenbrachte, zunehmend unterstrich.
Goethe besah Schiller und stellte fest, dass er ihn grundunsympathisch fand. Warum Schiller trotz allem so guter Laune war, verstand er nicht und es machte ihn fuchsteufelswild.

Zwei Tage später kam mit der Morgenpost eine Einladung der werten Fräulein von Lengefeld, die erneut bei sich eine kleine Teestunde verantstaltete. „Für eine ledige Dame ihres Alters hält sie viele Gesellschaften ab. Ob das im Sinne des Herrn Papa ist?“
Goethe legte das dicke Pergament zur Seite und stellte fest, dass noch ein kleiner Zettel in dem Couvert Platz gefunden hatte. Neugierig fischte er ihn heraus.

Keine Sorge, mein lieber Wolfgang. Der junge Literat wird nicht anwesend sein und Sie müssen nicht, wie am vergangenen Samstag, aufgebracht den Saal verlassen. Überhaupt war das eine rein überstürzte Reaktion. Er wollte Ihnen nicht übel mitspielen, darin können Sie sicher sein.

Ich hoffe auf Ihr Kommen,
Charlotte von Lengefeld

Betrübt stürzte Johann den grünen Tee herunter, um damit den bitteren Nachgeschmack seiner „überstürzten Reaktion“ fortzuspülen. Dennoch beschloss er, aus einer Laune heraus, die ihm unbekannt war, dem Ruf der jungen von Lengefeld zu folgen – obwohl das erneut eine zweistündige Kutschfahrt von ihm verlangen würde. Ein klärendes Gespräch konnte sicherlich zu einer Beruhigung seines Gemüts führen, dass seit der Konfrontation mit dem blonden Hallodri in Wallung geraten war.

Die Kutschfahrt selbst war eine Freude und die ebenmäßige Landschaft, die am Fenster vorbeiflog umwölkte seinen Verstand mit wohligen Fantasien. Knapp einen Monat war die Rückkehr von der Reise her und seit der weinlastigen, mittagsschweren italienischen Sonne hatte ihm nichts mehr rechte Ruhe verschaffte. Goethe, der sich in Italien als Herr über seine Tugenden und Fehler gefühlt hatte, sank zurück in Weimar in einen Alltagstrott zurück, dem er selbst durch die Bälle und Theaterpremieren, zu denen er eingeladen wurde, nicht entgehen konnte. Zu allem übel hatte er es sich mit seiner engen Vertrauten Frau von Stein verscherzt und war um ihre geistreiche Freundschaft beraubt worden. In Anbetracht dieser Tatsachen musste er sich eingestehen, dass ihn eine regelrechte Freude darauf packte, den Nachmittag mit dem erfrischenden Mädchen und womöglich auch deren Schwester verbringen zu können.
Am Hofe in Rudolstadt wurde er überschwänglich begrüßt und sogleich in das stattliche Herrenhaus gebeten. Statt in den größeren Festsaal geleitete man ihn in einen kleinen Raum der mit Sofas, Kissen und Decken herrlich ausstaffiert war. Der Vater der Schwestern begrüßte Ihn begeistert, erinnerte an eine geschäftliche Sache, die im Anschluss an die Teestunde zu klären sei und entließ Goethe anschließend in die Obhut der Töchter und der Mutter.
Obwohl drei von Lengefelds anwesend waren, war es doch nur eine, die liebe Charlotte, die sich angeregt mit dem Dichterfürsten unterhielt.

„Sie waren ja recht unwirsch, am Samstag. Sie können mir nicht sagen, dass der bewundernswerte Schiller Ihnen missfallen hat! Er ist charmant wie ein französischer Cavalier und ungestüm dazu, er ist...“
Goethe unterbrach sie mit einer Handbewegung. Charlotte schwieg angespannt und ihr Blick wich keine Sekunde lang von Goethes konzentriertem Gesichtsausdruck.
„Ich bin nicht gekommen, um mir Ihre Schwärmereien anzuhören, Fräulein. Wenn Sie den Jungen so gut leiden mögen, muss ich es ja nicht mehr tun. Aber mir scheint, dass gerade was Sie so an seinem Wesen bewundern, in mir die größte Abscheu hervorgerufen hat. Dieser Schiller verhält sich seines Alters nicht entsprechend!“
Charlotte lachte nur darüber und schüttelte den Kopf. „Nein, nein, mein Lieber. Sie scheinen ganz zu vergessen, dass er zehn Jahre jünger ist als Sie!“ Jeden anderen hätte Goethe für solch eine unhöfliche Bemerkung gescholten, aber dem Fräulein von Lengefeld konnte er nicht böse sein.
„Ich will Ihnen sagen, dass Sie ihn noch sehr gut leiden werden. Das habe ich im Gefühl. Zudem waren Sie am Samstag ohnehin nicht in bester Verfassung.“
Angestrengt biss Goethe in einen Keks. Er erinnerte sich an den Vorfall, der sich wenige Stunden vor seinem Treffen mit Schiller ereignet hatte. Bloß wie konnte die junge von Lengefeld darüber Bescheid wissen?
Seine Ratlosigkeit schien sich, neben aller Konzentration, auf sein Gesicht gestohlen zu haben und die gewitzte junge Dame las sie meisterhaft ab.
„Oh, ich bitte Sie!“, flüsterte sie mit einem Seitenblick auf Ihre Mutter und Schwester. „Sie können doch nicht allen Ernstes erwarten, das von Stein Stillschweigen darüber bewahrt hat. Weder über die Geschehnisse in Italien, noch über ihre eigene Gekränktheit. Jeder Mensch in Weimar und Umgebung wusste um ihre Wut auf den werten Geheimrat. Außer dem Geheimrat selbst natürlich.“

Goethe fuhr nach einem mehrstündigen Aufenthalt enttäuscht zurück nach Weimar. Er hatte sich etwas anderes von dem Gespräch mit Fräulein von Lengenfeld vorgestellt. Aber junge Fräuleins tendierten generell dazu, ihn zu enttäuschen.
Drei Wochen blieb es ruhig um Schiller. Goethe hörte nichts von ihm, Goethe sah nichts von ihm. Das beengte Gefühl, das ihn nach dem Zusammentreffen ergriffen hatte, war vollends verschwunden und er glaubte, sich wieder frei und ungehindert bewegen zu können. Es war, so schlussfolgerte er eines Nachmittags am Ufer des Ilm, wohl nicht Schiller selbst, der ihn so wütend gemacht hatte, sondern das, wofür Schiller stand.
Die Jugend, die Goethe spätestens in Italien hinter sich gelassen hatte. Der unumschränkte Glaube an Macht und Möglichkeiten, den ein junger Geist in sich trug. Das Flimmern gesellschaftlicher Revolution, dass in den Augen solcher Menschen wie Schiller einer war, präsent war und das in ihren Händen Ausführung fand. Goethe wusste, dass er selbst einst solch ein Mensch gewesen war.
Schiller und seine aufregende, wechselstimmige, kurzlebige Präsenz, hatten ihn schmerzlicher denn je daran erinnert, dass diese Zeit vorüber war. Zudem hatte er dem bisher unangefochtenen Dichter das unbehagliche Gefühl gegeben, nicht unantastbar zu sein. Zwar war sein bisheriges Schaffen in der Tat nicht überragend, aber auch Goethes Geist hatte seit der Veröffentlichung des ungestümen Briefromans eine große Entwicklung vollzogen. Und Schiller, so bildete er sich ein, war mit einer Aura umher stolziert, die ihm in der Zukunft noch großen Ruhm oder großes Scheitern verhieß.

„Herr von Goethe!“ Unsanft wurde der Angesprochene aus seinen Tagträumereien gerissen. Als er von dem frühsommerlich glitzernden Flussufer aufblickte sah er Schiller. Der wollte wohl nicht verschwinden. Weder aus den eigenen Gedanken, noch aus Weimar, obwohl die Stadt unbestritten zu Goethes Herrschaftsgebiet gehörte.
„Herr Schiller“, begrüßte Johann den anderen wenig begeistert.
„Wollen Sie mir denn nicht den Platz an Ihrer Seite anbieten?“, fragte Schiller mit wenig erfolgreicher Unschuldsmiene.
„Ist das eine rhetorische Frage, Herr Schiller?“, entgegnete Goethe kühl und machte keine Anstalten auf der Bank, die er sich ausgesucht hatte, zur Seite zu rücken. Es war seine Bank. Wie alles in Weimar gehörte sie ihm. Nicht offiziell, aber inoffiziell.
„Wenn Sie damit meinen, ob ich auf einen weiteren Platz auf rein metaphorischer Ebene anspiele, dann ja. Ja, ich möchte sehr gerne an Ihrer Seite über die deutsche Literatur regieren. Aber in erster Linie will ich mich setzen.“
Goethe seufzte und machte widerwillig Platz. Schiller, bemerkte er stumm, hatte eine Statur, wie sie zu seinem Geist passte. Eine scharf geschnittene Nase, sturmgraue Augen und einen dünnen Mund, der dazu geformt war, kritisch zu sprechen. Wie ein Revolutionär.
Gleichzeitig eine hohe Stirn und überrascht gebogene Augenbrauen, kindliche Sommersprossen und der Drang, stets verschmitzt zu lächeln, was ihm sowohl das Gesicht eines Kindes, als auch das eines gutgläubigen Träumers gab. Es war eine interessante Mischung, von der Goethe nur ungern sagte, dass man als anziehend bezeichnen könnte.
„Sie tragen eine Air des Größenwahnsinns wie andere ihr Wams. Warum genau sind Sie so von sich selbst überzeugt?“, fragte Goethe.
Schiller zuckte mit den Schultern. „Wer nicht viel vorzuweisen hat muss so tun, als hätte er viel. Das zieht die Menschen an. Ich bin, gebe ich zu, noch lange nicht auf der Höhe meines Schaffens angelangt, aber das müssen die anderen ja nicht wissen. Ärgerlich ist, dass Sie nicht auf diese Maskerade hereinfallen, Herr von Goethe.“

Goethe blinzelte in das Sonnenlicht, das zwischen den hochgewachsenen Gebäuden durch lugte und einen fröhlichen Spaziergang auf dem Ilm machte. Ihm fielen in dem Moment hunderte Arten und Weisen ein, wie er dieses Naturschauspiel möglichst ansprechend beschreiben konnte, aber eine gewitzte Antwort auf Schillers hochtrabendes Geplapper bekam er nicht zu fassen.
„Nun...“, begann er und entschloss sich, weil das bei Hofe so Gang und Gebe war, einfach eine Frage zu stellen, statt zu antworten. Der Herzog hatte sich auf diese Weise um die ein oder andere politische Katastrophe herum manövriert.
„Nun erklären Sie mir doch einmal, warum Sie so hartnäckig versuchen mich zu beeindrucken. Mein Desinteresse an Ihnen habe ich doch wohl unmissverständlich ausgedrückt, im von Lengefeld'schen Salon.“ Schillers Lachen, das rein und unbefangen klang, überraschte Goethe. Nicht nur war die Leichtigkeit, mit der der jüngere Mann diese Beleidigung abtat bewundernswert, auch schien er seine gute Laune dadurch nicht im Mindesten zu verlieren. Ganz im Gegenteil, er lehnte sich entspannt, fast schon leger gegen die Bank und überschlug die Beine, den Körper voll und ganz seinem Gesprächspartner zugewandt. Die Haltung hätte man als unschicklich bezeichnen können, doch die Nähe, die sie zwischen den beiden Herren etablierte, hatte angenehme Wirkung auf Goethe. Äußerlich verspannte er, natürlich, aber er musste sich eingestehen, das Schiller eine Traulichkeit um sich hatte, die sonst am Weimarer Hofe fast als Hochverrat galt. Niemand zeigte hier öffentlich seine Zuwendung, nicht mehr seit es die großen Weingelage im Keller des Schlosses gegeben hatte, wo es zu Liebeserklärungen kam, die skandalöse Runden zogen.

„Nun...“, ahmte Schiller ihn nach, bloß kombinierte er das geheuchelte Interesse, das Goethe bühnenreif vertont hatte, mit einer Tonlage die wohl besser in andere Gefilde gepasst hätte. Ein Schlafzimmer zum Beispiel. Für Außenstehende mochte das Gespräch wie eines unter Freunden wirken, was schon schlimm genug wäre, Goethe hatte einen Ruf zu verlieren, für ihn jedoch war Schillers Auftreten mit keinem anderen Adjektiv als 'anzüglich' zu beschreiben. 'Offensiv' vielleicht.
„Ich bin mir einfach bewusst, dass zwei große Geister wie wir es nun einmal sind, Herr von Goethe, früher oder später zueinanderfinden werden. Warum also warten?“ Jede Form der Anzüglichkeit war aus Schillers Ton gewichen, er wirkte vollkommen sachlich, sofern es ihm möglich war und auch seine Haltung war vollkommen tadellos, beinahe orthodox. Goethe schluckte schwer und fragte sich, ob er sich all das nur eingebildet hatte. Wenn ja, warum war dann seine Hose plötzlich so eng geworden? Nervös und in der Hoffnung, es sei dem jüngeren Mann nicht aufgefallen, legte er ein Bein über das andere.
„Versuchen Sie ruhig weiter Ihr Glück. Aber Sie verschwenden Ihre Zeit... bemühen Sie sich lieber um das Fräulein von Lengefeld, da wird Ihre Arbeit schnell Früchte tragen“, beendete der ältere der beiden kurz angebunden das Gespräch und stand auf.
„Guten Tag.“

Selten war Goethe so würdelos und fluchtartig aus der Stadtparkanlage verschwunden wie an diesem Tag. Er berichtete in einem Brief Frau von Stein von der Begebenheit, bis ins kleinste Detail, wie es in ihrer Korrespondenz üblich war, und lud sie auch zu sich ein, erhielt aber keine Antwort. Hätte er ihr doch den Vorfall in Italien verschwiegen, dann würde sie ihn jetzt nicht ignorieren.

Das nächste Treffen mit Schiller übertraf jenes am Flussufer in allen Aspekten, die in der Öffentlichkeit nichts zu suchen hatten. Goethe, der auf seiner Italienreise die alte Liebe für das Dichten wiederentdeckt hatte, entschloss sich dazu, dem Staatstheater einen Besuch abzustatten. Klinger, ein Freund aus seinen Jugendtagen am Weimarer Hof, hatte mit „Der Günstling“ ein neues Werk herausgebracht, das er sich mit Nichten entgehen lassen wollte. Zudem vermisste er die vertrauten, heimischen Eingangshallen mit ihren prunkvollen Kronleuchtern und den würdigen roten Teppichen. Obwohl Goethe sich über seine Wohnsituation nicht beschweren konnte, hatte er manchmal das Gefühl, das erst das Staatstheater zu einem richtigen Zuhause für ihn geworden war. Sein höchst eigenes Schloss. In der Umkleide hatte er einen Ort für alle Intimitäten, im großen Spielsaal hatte er die Möglichkeit, sein Sendungsbewusstsein auf das Extremste auszuleben und besucht wurde er auch, von all seinen Freunden und Bekannten. Früher war es wirklich sein eigenes, persönliches Schloss, aber in der Zeit, in der ihn Bürokratie und Politik für sich eingenommen hatten, war es zu einem Hause der Öffentlichkeit verkommen. Nun fühlte es sich, trotz alter Traulichkeit, an, als würde er von einer Hure umarmt, die jedem Unglücksraben die gleichen wohlüberlegten Worte ins Ohr flüsterte. Er schauderte bei dem Gedanken und fasste den Schluss, das Staatstheater, die alte Hure, von Neuem zu besteigen und ihr zu altem Glanz zu verhelfen. Doch für diesen Abend, diesen einen, kam er nur unter dem Deckmantel eines Voyeurs, hinter der Maske eines Opernglases, um von Ferne zu betrachten, wie Klinger seiner alten Geliebten übel mitspielte.

Es beruhigte Goethe über alle Maße, dass manche Dinge doch beim Alten geblieben waren und sein Name ihm nach wie vor einen Platz in der herrschaftlichen Loge verschaffte. Nicht nur die Sitze waren dort besser, auch die Akustik und die Aussicht vor allen Dingen. Was sich ungeachtet des Sitzes, ob Loge oder Parkett, nicht besserte, war die pöbelhafte Gesellschaft, die man ertragen musste. Wenige Minuten, nachdem Goethe Platz genommen hatte, betrat ein junger, aufmüpfiger Schiller die Loge und suchte sich, wie könnte es anders sein, den Platz neben dem Dichterfürsten aus.
„Es scheint, als wollten Sie mir jede Lebensfreude nehmen“, kommentierte Goethe kühl. Er würdigte den jüngeren Mann keines Blickes.
„Wenn Sie nur für einen Moment von Ihrem hohen Ross herunterkämen könnten Sie erkennen, dass auch unter Ihrer Würde Menschen sind, die von großem Interesse für Sie sein könnten. Doch durch Ihre über privilegierte Brille scheinen sie in mir nur einen Repräsentanten niederer Stände zu sehen.“
Entgeistert und verblüfft über diesen sinnig und fast zynisch scheinenden Wortschwall konnte Goethe nicht anders, er musste seinen Sitznachbarn ansehen. Schillers Miene war zum ersten Mal seit ihrer Bekanntschaft kein Spielfeld für Belustigung und Ironie, sondern schien Ernst, möglicherweise sogar Besorgnis widerzuspiegeln.
„Es ist keine Frage des Standes. Warum denken die jungen Leute das immer? Sie erscheinen mir einfach nicht als jemand, mit dem ich gerne verkehren würde. Unsere Geister sind zu verschieden. Was verbindet uns denn, außer die gleiche Berufswahl? Sie sind ein Stürmer und Dränger, wie ich es auch einmal war, aber die Zeiten sind vorbei. Sie verkörpern etwas, das ich wie eine alte Haut abgelegt habe. Es ist, als würde ein Konfirmand mit einem fünfjährigen sprechen. Der Vergleich mag harsch erscheinen, aber etwas besseres fällt mir nicht ein. Sie sind einfach... nicht bereit für das, was ich geistig zu bieten habe.“
Schiller wirkte ebenso erstaunt über diese nahezu wohlgesinnte Erklärung, wie Goethe es war. Zwar mischten sich nun Kränkung und getroffener Stolz unter das ernste, straffe Mienenspiel, aber er nahm sie hin. Tatsächlich machte er sogar Anstalten, sich wegzusetzen und murmelte verlegen, dass er den anderen Herren nicht länger stören wolle, aber Goethe tat es im Herzen weh, ihn so leiden zu sehen, dass er ihn bat, neben ihm sitzen zu bleiben. Ehe es zu weiteren Erklärungen kommen konnte, öffnete sich der Vorhang.

Im Anschluss an das Stück, das ohne Frage Klingers Handschrift trug, bat Goethe den jüngeren Mann, noch eine Weile zu bleiben. Hatte Goethe geglaubt, Schillers Selbstbewusstsein ernstlich verletzt zu haben, so hatte er sich getäuscht. Schon wenig später war Schillers Aufsässigkeit wiederhergestellt.
„Es ist so, wissen Sie... vor fast zehn Jahren, als ich noch Student in Stuttgart war, sah ich Sie zum ersten Mal. Es war fürchterlich schlimm für mich, Sie nur sehen, nicht aber mit Ihnen sprechen zu können. Von da an wusste ich, eines Tages müsste es zu einem Treffen zwischen uns kommen. Seit 87 bin ich nun schon in und um Weimar. Aber wo waren Sie? In Italien, richtig. Sie können sich gar nicht vorstellen, was für einen Hüpfer mein Herz machte, als es nicht nur hieß, Sie seien zurück am Hof, sondern dass das Fräulein von Lengefeld, welches ich sehr schätze, ein Treffen zwischen uns einrichten wolle. Seit dem Werther war ich so angetan von Ihnen... die Geschichte hat mich wirklich berührt.“
Goethe seufzte schweren Herzens und legte Schiller eine Hand auf die Schulter.
„Vor zehn Jahren hätte ich das als ein großes Kompliment gesehen, es hätte mein Dichterherz beflügelt. Aber Sie müssen doch wissen, dass man sich weiterentwickelt im Leben, oder? Sie müssen doch sehen, das man bestenfalls die alten Werke auf der Strecke lässt, um sich zu neuen Höhen heraufzuschwingen?“ Goethe zog die Hand wieder zurück, denn er fand, das es eine väterliche Geste war. Er wollte auf Schiller nicht wie ein Vater wirken. Auch nicht wie ein alter Herr...
„Und sehen Sie, Herr von Goethe, das ist der Grund, warum ich Sie so dringend sehen und kennenlernen wollte. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir voneinander prosperieren können.“

Goethe sah Schiller danach lange Zeit nicht wieder. Er hätte ihm einen Brief geschrieben, ihn womöglich sogar zu sich eingeladen, aber er kannte Schillers Adresse nicht. Und von neuem stellte sich das Gefühl ein, dass ja letztlich nicht er es war, der ein Anliegen hatte. Warum genau Schiller glaubte, er könne sich interessanter machen, wenn er unnahbar erschien, war Goethe nicht klar. Nach ihrer intimen Unterredung in der Theaterloge war er davon ausgegangen, Schillers Stolz sei heruntergebrochen, oder auf eine erträgliche Menge geschrumpft, aber er schien sich zu irren. Was er von Schiller las, denn der junge Dramaturg veröffentlichte Theaterkritiken in der „Thalia“, strotzte vor Hochmut und genesenem Stolz. Schiller führte sich hinter der Maskerade aus Papier und Druckertinte wie einer auf, der bereits zum Dichterfürsten geadelt wurde und nicht erst wie einer, der sich mühselig die Aufmerksamkeit eines Dichterfürsten erlangen wollte. Aber Goethe las seine Rezensionen gerne, denn abgesehen von dem blinden Stolz der ihnen ihr Fundament bot, waren sie nicht albern oder sinnlos, sondern setzten da an, wo auch Goethe ansetzen würde.
Im September schließlich, als die Bekanntschaft mit Schiller schon wieder an die Peripherie seiner Aufmerksamkeit gerückt war, glaubte Goethe einen Grund für das Schweigen des jüngeren gefunden zu haben.
Über die Bekanntschaft mit dem Fräulein von Lengefeld, das einen rechten Narren an Schiller gefressen hatte, war er in den Dunstkreis von deren Patin, der Frau von Stein geraten. Unter den Eindrücken seiner Italienreise, die die werte Herzogin wohl sehr verstimmt hatten, würde sie vor Schiller sicherlich kein gutes Haar an ihm lassen. Vermutlich hatte der junge Mann seine Meinung inzwischen grundlegend über ihn geändert und hielt ihn, wie auch die Frau von Stein, für einen hochnäsigen Wichtigtuer ohne weitere Talente. Diese Vorstellung ließ Goethe erschaudern und als er wenige Tage danach eine Elegie Schillers über die griechische Mythologie in einer anderen Literaturzeitschrift las, befiel ihn die leise Ahnung, dass Schiller ihm womöglich in Schaffenskraft übertreffen könne. Seit er das warme, formreiche Italien verlassen hatte, hatte keine Muse mehr an seine Tür geklopft. Goethe fühlte sich von den kunstreichen Einflüssen seines Vaterlandes verlassen und glaubte nun auch in Schiller seinen eifrigsten Verehrer verloren zu haben. Nun war sein eigener Stolz gekränkt und er beschloss etwas gegen Frau von Steins Redetalent zu unternehmen.

Zwar waren die Beziehungen zur Herzogin unterkühlt, aber der Herzog liebte ihn wie zuvor, weshalb es ein leichtes war, Eintritt und Einladung zu den berühmt berüchtigten Abendgesellschaften zu erhalten. Dort hoffte Goethe, Schiller wiederzusehen und tatsächlich, bei seinem dritten Mal am Hofe hatte er Glück. Er war soeben in ein Gespräch mit Wieland vertieft, als Schiller, in Begleitung der jungen von Lengefeld, die die Augen nie von ihm abwandte, den Saal betrat. Seine Erscheinung war durch das bernsteinfarbene Licht der Kronleuchter begünstigt, er sah aus, als sei er aus reinem Gold gegossen. Ihr Blick traf sich sogleich, denn Goethe hörte Wieland nur mit halbem Ohr, der Blick war immerzu auf den Eingang zum Saal gerichtet, die Ohren warteten nur auf die mal ruhige, mal erregte Stimme Schillers. Jener bemerkte die ungeteilte Aufmerksamkeit, die man ihm widmete und schenkte ihm ein strahlendes Lächeln. Er hatte überraschend gute Zähne, weiß wie poliertes Elfenbein.
In seiner charmanten, scharfsinnigen Art schaffte Schiller es in wenigen Minuten, Fräulein von Lengefeld in ein Gespräch mit Frau Herder zu verwickeln und nickte dann Goethe zu. Als Goethe es sich nicht anmuten ließ, den Wieland einfach stehen zu lassen, schlenderte Schiller großmütig auf die beiden zu und integrierte sich leichtfüßig in die Konversation.
„Entschuldigen Sie, Herr Wieland, aber dürfte ich den Herrn von Goethe kurzzeitig beanspruchen? Sicher wird er Ihnen später noch gerne zuhören. Möglicherweise kann er dann auch seine vollständige Aufmerksamkeit für Sie aufbringen.“
Schiller packte Goethe am Arm und zerrte ihn weg, ehe Wieland realisieren konnte, was er gesagt hatte. Er wollte es sich nach den Verstimmungen Ende des letzten Jahres offenbar nicht erneut mit dem älteren Schriftsteller verscherzen – Goethe hatte von dem Vorfall gehört.

„Was denn? Warum haben Sie es so eilig? Monatelang rühren Sie sich nicht und nun meinen Sie, einen Generalanspruch auf mich erheben zu können. Sie sind und bleiben ein Wunderling!“, empörte Goethe sich, als sie etwas abseits von der Gesellschaft standen, durch einen großen Kerzenständer von neugierigen Blicken abgeschirmt. „Sie mögen es nicht glauben, Herr Goethe, aber ich war doch recht verunsichert nach dem Abend im Staatstheater. Und dann kamen die Schwestern dazwischen... Sie wissen ja, wie die Frauen sind. Aber seien Sie versichert, in Gedanken war ich stets bei Ihnen.“

Da war es wieder. Nun war Goethe sich sicher, dass es keine Einbildung war, dieser laszive Unterton. Fast schon suggestiv waren die dunkel glimmenden Augen des jüngeren Mannes, zweideutig waren Gestik und Mimik. Schiller schlug die Augen nieder – Demut? - biss sich auf die Unterlippe – Verlegenheit, oder eine Andeutung? - lehnte sich gegen die Wand, auch auf Goethe zu. Er spürte den warmen Atem des jüngeren. Eine Strähne hatte sich aus dem Zopf, der so gut wie aus der Mode gekommen, aber an Schiller noch immer ein Bekenntnis zur Moderne war, gelöst und tanzte seicht in dem leichten Zug. „Ich kann mir nicht helfen, aber Sie tendieren dazu, zweideutige Botschaften auszusenden. In ihrer Umgebung fühlt sich alles mehr oder weniger inappropriat an. Sie...“, Goethe stockte. Man hatte ihn um die Worte gebracht.
Schiller lächelte schief.
„Darf ich Ihnen etwas zeigen?“ Goethe nickte. Er fühlte sich jung, in Schillers Gegenwart. Immerzu so, als wäre er im Begriff, etwas Verbotenes zu tun. Immerzu so, als würde er an der Nase herumgeführt und würde gleichzeitig, schelmisch wie er einst war, an der Nase herumführen. In der bubenhaften Hoffnung, diese Gefühl möge sich intensivieren, willigte er ein. Wieder griff Schiller, der sich offenbar  nicht vor Berührung zierte, nach seiner Hand und zog ihn zum Ausgang hinaus. Peinlich berührt hörte er das Munkeln der anderen Anwesenden, aber Schillers Anwesenheit überzeugte ihn davon, dass ihm das Gemunkel der anderen für einen Moment egal sein konnte.

Schiller zog ihn quer durch das Schloss, durch dunkle Gänge, in denen ihre Schritte doppelt verhallten. Im Licht hätte Goethe diesen Teil des Schlosses wohl ohne Mühe wiedererkannt, aber im Zwielicht ferner Kerzen wurde ihm erst sehr spät bewusst, wohin der andere ihn führte.
„Der Schlossgarten?“, fragte er.
„Das Herz des Schlosses“, bestätigte Schiller agitiert. Er wirkte aufgeregt. Goethe bemerkte, dass er seine Hand noch immer nicht losgelassen hatte. Was konnte Schiller ihm zeigen wollen? Den Schlossgarten hatte er schon oft gesehen, es musste etwas anderes sein, das seinem Kollegen vorschwebte.
Als sie angelangten bat Schiller ihn, unter einer Birke Platz zu nehmen.
„Birken sind gute Bäume. Leider sehr anfällig für Krankheiten. Aber das macht es mir leichter, mich mit ihnen zu identifizieren“, erklärte Schiller. Seine Stimme war ruhig, ja fast schon träge. So kannte Goethe ihn gar nicht.
„Schließen Sie die Augen. Und sprechen Sie kein Wort“, wies Schiller ihn an. Goethe gehorchte, obwohl ihm seine eigenen Beweggründe nicht ganz klar waren. Warum sollte er diesem Manne, der vor nicht allzu langer Zeit noch ein verhasster Fremder war, so großes Vertrauen schenken? Aber Schillers intime Art, die ungezwungene Traulichkeit die er um sich trug wie einen leichten Seidenschal, überzeugten Goethe letztendlich.

„Ich glaube fest daran, das eine Verbindung zwischen uns zweien eine Bereicherung für die literarische Nachwelt sein kann. Sein muss. Aber...“, wieder dieser suggestive Unterton.
„Dafür müssen wir zulassen können. Verstehen Sie? Wir müssen ein gewisses Risiko eingehen können.“
Goethe hörte, wie Schillers Kleidung raschelte, als der sich neben ihm niederließ. Durch mehrere Kleidungsschichten spürte er die Wärme, die Schillers Körper ausstrahlte. Er spürte auch, wie nah Schiller ihm gekommen war.
„Das Risiko haben Sie seit Ihrer Stürmer und Dränger Zeit vergessen und hinter sich gelassen. Ich werde es zurück in Ihr Leben holen, wenn Sie gestatten. Angefangen damit, dass ich Sie Johann nenne. Nachnamen sind so unpersönlich.“ Goethe glaubte zu spüren, dass Schiller sich vor lehnte.
Er nickte stumm und seine Nase streifte... Haut?
Er hätte gefragt, was da vor sich geht, hätte sich gewehrt, wenn nicht das Gefühl, das ihm diese Nähe gab, so sensationell, neu und angenehm wäre.
„Und jetzt, Wolfgang, Sie dürfen mich Friedrich nennen, jetzt will ich etwas austesten. Seien Sie bloß nicht zu verspannt.“ Goethe verkrampfte unwillkürlich.
Dann spürte er, was Schiller – nein, Friedrich – austesten wollte. Die geringen Zentimeter, die wohl noch zwischen ihnen bestanden, schmolzen dahin und erst spürte er die lange, scharf geschnittene Nase, die sein Gesicht ungestüm zu erforschen versuchte, dann den weichen Mund, der sanft auf seinen eigenen traf.
Goethes Haltung versteifte sich weiter, er wusste, dass das, was er tat, was Friedrich mit ihm tat, vollkommen unorthodox war. Er wusste ebenfalls, dass es ihm nicht gefallen dürfte... aber letztlich war es im alten Griechenland auch nicht verpönt gewesen. Schönheitsideale kannten keine Geschlechter, warum sollte die Liebe es tun? Goethe beschloss, sich darauf einzulassen und schmiegte sich in Schillers Griff. Die filigranen, mechanisch veranlagten Hände hatten begonnen von den Schultern herab seinen Körper, seinen Gehrock, das Wams und das Hemd zu erforschen. Als seine Zunge, vorsichtig und fast schon zögerlich, um Einlass in Goethes Mund bat, gewährte jener ihn.

Nach jenem feucht-fröhlichen Intermezzo, das unter dem strafenden Blick des silbernen Mondes noch einige Zeit beanspruchte, lagen die beiden Dichterfürsten schwer atmend nebeneinander, ein jeder zufrieden und doch verlangend nach mehr. Goethe spürte sich selbst, dort am meisten, wo Friedrich ihn berührt hatte und fuhr suchend, wie ein Verdurstender nach Wasser, mit der Zunge über seine Oberlippe, um den verbleibenden Geschmack des anderen in sich aufzunehmen. Schiller wirkte fast schläfrig und schmiegte sich schlummernd an den gedrungenen Körper seines neu gewonnenen Freundes. „Sie haben keine Ahnung“, schnaufte er, „wie lange ich schon auf diesen Moment gewartet habe.“
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