Nachtschatten

GeschichteAllgemein / P16
Demir Azlan Gebhard Schurlau
06.04.2018
14.04.2018
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-Geb-


„Was ist mit Waschen? Hat der eigentlich jemals ne Badewanne von Innen gesehen?“, richtete ich mich zwei Stunden später an Demir und ließ das Badewasser ein.
Der Junge saß vor seinem Teller im Nebenzimmer und hatte sein Essen nicht einmal angerührt.

Während der Wasserhahn lief, begab ich mich zurück in den Nebenraum. Glück im Unglück, dass der Junge wenigstens ein paar Brocken Deutsch verstand und schnell lernte.

„Du musst etwas essen“, deutete ich auf das Toastbrot mit Butter, das er nur unsicher weg geschoben hatte und dann lustlos mit dem Kopf schüttelte.

„Komm schon“, spornte ihn Demir an, der sich neben mich auf die gegenüberliegende Seite setzte und ihn wie ich aufmunternd taxierte.
Er sah nur traurig auf seinen Teller, verzog keine Miene.

Ich schnappte mir als Erster mein eigenes Toast und machte begeisterte Geräusche. Wenn meine Kinder nicht essen wollten, hatte ich sie früher auf ähnliche Weise animiert.

„Mh, das ist lecker. Komm schon“, nahm ich sein Toast in meine Hand und reichte es ihm entgegen. Zögerlich begann er schließlich einen Happen zu essen.

„Na, bitte geht doch.“

Irgendwann war das Badewasser eingelaufen. Die nächste Herausforderung bestand darin, den Jungen  zu überzeugen sich nach Tage langer Verweigerung zu waschen.

Demir gab ihm in seiner Landessprache zu verstehen, worum es ging. Aber wie zuvor blieb er stumm.
Ich saß daneben wie bestellt und nicht abgeholt, weil ich weder persisch noch arabisch konnte.

„Super und jetzt? Hast du dir den mal angeguckt? Der stinkt vor Dreck.“


Offenbar dachten wir das Gleiche.
„Wenn du nicht freiwillig baden gehst, dann müssen wir dich tragen“, versuchte ihn Demir noch ein letztes Mal zu überzeugen und wiederholte die Worte in seiner Landessprache. Aufgrund unserer eindringlichen Blicke schien Tarek tatsächlich nachzugeben und zog sich widerwillig die Strümpfe,   Hose und  T Shirt aus. Was wir dann sahen, verschlug uns beiden den Atem, denn wir starrten unmittelbar auf eine ca. 20 Zentimeter lange Narbe, die sich quer über seinen Bauch zog und von weiteren Einschüssen begleitet wurde. Man musste kein Arzt sein, um zu sehen, dass die ursprünglichen Verletzungen durch die Kugeln einer Waffe verursacht worden war.

Demir sah mich aus entsetzten Augen an, während ich seinen Blick widerspiegelte.

„Geh schon mal ins Bad“, flüsterte mein Kumpel mit tonloser Stimme und hatte offenbar  noch schwer damit zu kämpfen, das Gesehene zu verarbeiten.
Nur kurz nachdem der Junge außer Reichweite war, brachten wir den Anblick zur Sprache.

„Die Verletzungen hat er sich bestimmt nicht beim Spielen zugefügt“, stotterte ich fassungslos.

Demir biss sich auf die Lippen.

„Scheiße, hast du das gesehen? Das war ein Bauchschnitt und Narben von Großkaliberwaffen.“

Ich sah Demir mit ernster Mimik an, nickte entschlossen.

„Das ist Wahnsinn. 8 Wochen, wie sollen wir das schaffen? Wenn du sowas als Kind erlebst, dann sind dir doch jegliche Gefühle abhanden gekommen? Ich meine, spürt der überhaupt noch was? Von moralischen Werten zu schweigen. Der weiß wahrscheinlich gar nicht mehr was Recht und Unrecht bedeuten.“

Fassungslos setzte ich mich nach oben auf und wollte ins Bad gehen. Ich drückte die Klinke nach unten und machte eine überraschte Entdeckung, sah meinen Kollegen mit mulmigem Gefühl an.

„Es hat sich eingeschlossen. Der Kurze hat die Tür verriegelt.“


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„Super, Demir und jetzt?“

„Bleib ruhig, er wird aus Shampoo keine Sprengsätze bauen.“

„Danke, darauf wäre ich jetzt nicht gekommen“, giftete ich meine Kollegen an und besah mir die Tür.

„Tarek, mach auf!“, forderte ich zum unzähligen Mal und versuchte durchs Schlüsselloch zu schauen. Großartig.

„Demir, ich seh ihn nicht. Er ist nicht mehr hier.“

„Was?“

Der Deutsch Türke schubste mich zur Seite, tat dann das einzig Richtige und stemmte sich mit aller Wucht und so wie wie es bei der Polizeischule gelernt hatten gegen die Tür, Es war seine Wohnung, deshalb wollte ich ihm nicht zuvor kommen.
Das Schloss flog zur Seite. Aus der Badewanne tauchte ein kleiner dunkelhaariger Junge auf, der uns aus seinen braunen Augen irritiert musterte. Erleichtert atmeten wir auf.

Wir hatten bereits mit dem Schlimmsten gerechnet.

„Erinnerung an uns: Schlüssel von sämtlichen Türen abziehen.“
Mein Kollege musterte mich wie Falschgeld.

„Geb,  wir wohnen nicht in der Psychiatrie. Was willst du denn machen, wenn Lissy und Sophia zu Besuch kommen, wenn hier die Griffe von den Fenstern entfernt sind.“

„Wahrscheinlich wäre es aber genau das was er bräuchte.“
Die Tatsache, dass der Junge im nächsten Moment seine Hand hob, mit der er Zeigefinger und Daumen zur Pistole geformt hatte und dann auf uns zielte und uns ein eingefrorenes Lächeln schenkte, bestärkte meine Aussage.

„Siehst du. So viel zu dem Thema. Kein Fall für die Psychiatrie, ja?“
Wir sahen einander entsetzt an, ehe ich mich aus meiner Starre löste und auf den Badewannenrand setzte und nach seiner Hand griff, die ich festhielt.

„Hey, schau mich an“, deutete ich auf meine Augen, warf ihm einen scharfen Blick zu und schüttelte mit dem Kopf.

„Das machst du nicht nochmal, klar? Keine Gewalt und keine Pistolen.  Gegen niemanden. Man zielt nicht mit Waffen auf Menschen. Auch nicht aus Spaß.“

Zur Sicherheit übersetzte ihm Demir noch einmal alle Worte. Auch wenn er die Geste nicht noch einmal wiederholte, ließ mir sein Blick eine Gänsehaut über den Rücken fahren.

Ich sah ihn scharf an, half ihm nach draußen und rubbelte ihm die Haare trocken, ehe ich ihm das Handtuch gab und bedeutete, dass er den Rest selbst erledigen sollte.

Demir und ich musterten ihn mit vorwurfsvoller Miene. Er sollte begreifen wer hier der Chef war.
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Tarek zog sich den Schlafanzug über, ehe ihn Demir in sein Zimmer führte.
Er zeigte ihm sein Bett und bedeutete ihm, dass er Zeit zum Schlafen war.

Ich stand im Türrahmen und beobachtete die Szene mit skeptischer Haltung. Für Kinder, die derartige Dinge wie der Junge erlebt hatten, war die Erziehung, die ich bei meinem Nachwuchs angewandt hatte nicht übertragbar. Gleichzeitig schienen wir hochgradig verunsichert, wie wir mit dem Kind umgehen sollten.

„Was ist mit einer Gutenachtgeschichte?“, musterte mich Demir fragend, der offenbar noch immer annahm, dass ich allwissend war, nur weil ich als Chef unser SET leitete. Ich hatte schon oft erlebt, dass mich meine Jungs auch außerhalb des Jobs bei prekären Fragen anriefen oder zu Hilfe baten.

Ich zuckte ratlos mit den Schultern, weshalb er leise auf Arabisch zu sprechen begann. Ich wusste nicht, um was es sich handelte, aber es klang beruhigend und der Junge wurde zunehmend stiller, bis er die Augen schloss und vor Erschöpfung einschlief.

Demir, der bis eben an seiner Bettkante Platz genommen hatte, schlich zur Tür, die er halb angelehnt ließ und ging mit mir ins Wohnzimmer.
Wortlos setzten wir uns an den Tisch. In unseren Köpfen ging offenbar ein ähnliches Chaos vor.

„Wir brauchen ein Konzept“, sagte ich schließlich als Erster und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Feste Richtlinien, einen Tagesablauf, Strukturen wie wir mit ihm umgehen“, führte ich aus.

Demir schien ganz meiner Meinung zu sein.

„Sicher, aber wir können ihm auch nicht immer nur die Harke zeigen. Der hat so viel Mist erlebt. Der muss lernen was Vertrauen und Geborgenheit heißen. Wir dürfen auch nicht zu streng sein, Geb. Wenn wir ihn nur triezen und ihm dadurch  bewusst machen, dass seine Denkweise  falsch ist, haben wir den militärischen Trill in umgekehrter Form. Was er braucht sind Konsequenz und Belohnungen in Ausgewogenheit“, fügte ich hinzu.

„Und einer von uns muss in den ersten Nächten wach bleiben.“
Demir wirkte wenig begeistert, aber die Notwendigkeit lag auf der Hand.

„Du, ich hab auch keinen Bock, aber willst du, dass er uns im Extremfall im Schlaf die Kehle durchschneidet? Ich bleibe heute wach, du morgen. Um acht ist aufstehen angesagt, danach gehen wir mit ihm auf den Spielplatz und raus in den Wald. Und vielleicht braucht er irgendwas kreatives, mit dem er die Dinge, die er erleben musste, besser verarbeiten kann. Wenn er schon keine Therapie bekommt. Malen oder bauen. Eben all das, was normale Kinder in seinem Alter auch machen. Und dazwischen bringen wir ihm lesen und schreiben bei, damit er nicht auf der Strecke bleibt und sich besser integrieren kann.“

Ich wandte mein Augenmerk von Demir ab, griff dann nach meinem Handy.

„Was hast du vor?“
Ich wählte eine mir bekannte Nummer.

„Helmholz anrufen. Ich hab vergessen zu fragen, ob sie was zu seiner Familie weiß oder besser gesagt, was mit den Eltern ist. Nur als wichtige Fakten für uns.“
Zu meiner Erleichterung war sie noch im Büro. Auch wenn uns die folgenden Worte nicht gefielen. Demir konnte den Anruf mitverfolgen, denn ich hatte den Lautsprecher aktiviert, sodass ich die Neuigkeiten nicht an ihn weiterleiten musste.

„Schlechte Nachrichten, Geb. Der Vater und die Mutter wurden enthauptet. Der Junge muss dabei gewesen sein.“
Ich schluckte schwer. Demirs dunkle Augen wurden noch betrübter, als sie es seit einigen Stunden ohnehin waren.

„Ist das sicher?“

„Zumindest belegen das die Unterlagen des auswertigen Amts.“

„Was ist mit Angehörigen? Onkel? Tante? Cousins?“

„Darüber haben wir keine Daten.“
Damit legte ich auf, sah Demir traurig an.
Wir fanden keine Worte, weil es keine Worte gab.
Demir war ein harter Kerl, aber an diesem Abend sah ich Tränen in seinen Augen glänzen.

„Vielleicht hätten wir lieber nicht fragen sollen.“

„Mit Zuckerbrot und Peitsche, mh?“
Ich konnte nicht weiter reden, denn mein Handy klingelte erneut. Dieses Mal war es meine Frau. Meine Pupillen weiteten sich.

„Maja“, flüsterte ich wenig begeistert und sah Demir bedrückt an.

„Sie will sicher wissen, ob ich morgen die Mädchen nehme?“
Demir zog eine schiefe Grimasse.

„Shit, dann versuch es zu verschieben auf das darauffolgende Wochenende. Wir brauchen hier mindestens noch eine Woche Zeit.“
Ich zögerte unentschlossen.

„Geb, du willst deinen Mädchen doch kein unnötiges Risiko aussetzen oder?“
Damit hatte er mich überzeugt. Notgedrungen versuchte ich den Termin um zu verlegen und stieß wie bereits zu erwarten auf wenig Begeisterung bei meiner Frau.

Nach fünf Minuten endete unser Anruf im Kleinkrieg. Wie immer wurde mir vorgehalten, dass ich meine Arbeit über meine Kinder und die Familie stellte.
Frustriert legte ich schließlich auf und ließ mich erschöpft gegen die Rücklehne des Sofas fallen.

Erstklassige Sache. Der Tag war gelaufen.
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