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auf schlaflosen Planeten

KurzgeschichteDrama, Liebesgeschichte / P12 / MaleSlash
06.04.2018
07.04.2018
3
3.876
7
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Dieses Kapitel
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06.04.2018 1.291
 
Nacht 1


Ein Paar Schuhe hängt an den Schnürsenkeln zusammengeknotet an einem Haken. Sie sind schwarz und die Sohlen sauber, kein bisschen abgetragen, fast wie neu, nicht so wie seine eigenen. Die Schnürsenkel sind ordentlich in der Hälfte gefaltet und zu einer Schleife gebunden, die Enden verschlossen von silbern glänzenden Metallplättchen, nicht so wie die an seinen Füßen, die sind ausgefranst und hängen fast traurig zu Boden.

Die Schuhe sind das erste, was Felix auffällt, als er an diesem Abend auf der Suche nach Chan in dessen Zimmer schleicht. Er starrt auf seine Füße, dann an die Wand, dann wieder auf seine Füße und weiß plötzlich nicht mehr, ob er gehen sollte. Es ist spät, das Training längst vorbei, sein Körper noch klamm unter Shirt und Shorts, die er sich nach dem Duschen übergezogen hat. Es ist Sommer und selbst nachts sinken die Temperaturen an solchen Tagen selten unter zwanzig Grad und er sollte ihn nicht stören, sollte lieber schlafen.

Chans Zimmer ist nicht wirklich dunkel, der Mond scheint und wirft durch das Fenster ein dämmriges Licht in den kleinen Flur, schattenhaft und kühl und schön. Die Schuhe bewegen sich nicht, sie hängen einfach bloß da und starren ihn an, als wollten sie ihm einen stillen Vorwurf machen so spät noch zu stören. Er sollte gehen, ins Bett oder in die Küche oder sich auf die Couch setzen und irgendeine dämliche Sitcom schauen oder Musikhören oder… Felix hat Kopfschmerzen. Woran es liegt weiß er selbst nicht, vielleicht eine Mischung aus später Hitze, feuchter Luft und langem Training. Jeder Atemzug ist warm und klamm, seine Nase dagegen ist eisig, ein Zeichen von Nervosität.

Die meisten Anderen haben sich längst schlafen gelegt, es war immerhin ein langer und anstrengender Tag gewesen, ein paar Stunden im Studio, dann Tanztraining, bis sie alle keuchend und verschwitzt an den Wänden heruntergerutscht waren, wie die Wassertropfen an der Innenseite der Dusche. Woojin und Minho hatte es heute besonders mitgenommen. Beiden hatten nasse Strähnen auf der Stirn geklebt, als sie sich gegen Mitternacht auf den Weg in ihre Zimmer gemacht hatten. Die Anderen hatten ihnen freiwillig das Privileg überlassen die Duschen zuerst zu benutzen. Felix hatte das nichts ausgemacht, er war mit den Gedanken ganz woanders gewesen und sowieso war er schon daran gewöhnt einer der Letzten zu sein, die Abends fertig wurden.

Und jetzt? Jetzt steht er da, fühlt sich nach einer langen Dusche erstaunlich schwerelos in seinem eigenen Körper und trotzdem irgendwie, er weiß nicht wieso, eingesperrt unter enger, heißer Haut, die ihn umhüllt und festhält, ihn zwingt bei sich und seinen verdammten Gedanken zu bleiben. Langsam schließt er die Tür hinter sich wieder, bis er das leise Klicken hört und weiß, dass das Schloss eingerastet ist. Der Raum ist nicht wirklich groß, das ist keins der Zimmer. Sie teilen sie sich, immer zu zweit eins, dementsprechend zwei Betten, zwei Schränke, zwei Regale, eins voll mit Bildern, gerahmt oder bloß ausgedruckt, das andere gefüllt mit Bücher.

Seine Schritte sind laut in der Stille der Nacht und als Felix einen Blick auf die angestrahlte Wanduhr erhascht wird ihm erst bewusst, wie spät es ist. Fast halb drei, viel zu spät um noch so viel Schlaf zu bekommen, dass er morgen fit sein könnte, wie er es sein müsste. Er seufzt, Chans Bett ist leer, nur eine zurückgeschlagene Decke zeugt noch davon, dass der Leader ebenfalls versucht haben musste zu schlafen. Im Bett daneben schlummert Changbin selig, das dünne Laken bis unters Kinn gezogen, den Kopf eingeknickt und ein Bein an die Brust gezogen. Felix muss lächeln, als er ihn so sieht. Er liebt sie, er liebt sie alle irgendwie und er ist froh, bleiben zu dürfen, auch, wenn es genau das ist, was ihm diese Angst macht.

„Chan?“ Flüstert er in die Dunkelheit, nur um sicher zu gehen. Doch er bekommt keine Antwort. Dann fällt ihm auf, dass die Balkontür einen Spalt breit offen steht. Von draußen schleicht sich ein leiser Luftzug ins Zimmer und lässt die Vorhänge ein bisschen flattern, das Zimmer atmet auf, als mit Felix ein Schwall veratmeter Luft auf den Balkon und nach draußen gelangt. Nicht viel mehr als ein zwei Quadratmeter großer Vorsprung Stein und ein Geländer erwarten ihn, denn ebenso, wie das Zimmer klein ist, sind es auch die Balkonparzellen, die aneinandergrenzend das Stockwerk umrunden, wie Asteroidengürtel einen Planeten. Genau genommen ist das hier sogar ein eigener Planet, eine Welt in einem riesigen Gebäude, eine Welt mit umwerfend schönen und talentierten Bewohnern und ihr. Hier gibt es Freundschaft und Zusammenhalt, Kraft, Ambition, Mut und Verzweiflung, es ist wie ein kleines abgeschlossenes System, in das nur wenige Menschen einen Einblick bekommen und er weiß, dass er die Chance zu schätzen wissen sollte, aber zuhause ist so weit weg und mit jedem Tag scheint ihm die Erinnerung ein bisschen mehr aus den Händen zu rutschen.

Was passiert, wenn er hier nicht mithalten kann?

Es passt eigentlich überhaupt nicht zu Felix so zu denken, er ist der Sonnenschein der Gruppe, immer derjenige, der versucht allem etwas Positives abzugewinnen, der die Anderen aufbaut, wen es mal nicht so klappt, wie es sollte und jetzt macht er sich selbst solche Gedanken. Es ist zu spät, zu spät um schlafen zu gehen und zu spät um wach zu bleiben, einfach zu spät für alles. Als Felix sich ein Stück zur Seite lehnt, um zu erkennen, was dieser dunkle Fleck in der Ecke des Balkons ist, der sich im Schatten des Geländers nicht richtig erkennen lässt bekommt er einen kleinen Schreck. Es ist Chan, zusammengekauert mit dem Kopf auf einem der großen Kissen aus seinem Bett. Er schläft.

Vorsichtig hockt sich Felix hin, um den schlafenden Jungen zu betrachten. Ein paar Haarsträhnen verdecken Chan Augen, die Lippen sind leicht geöffnet und bei genauerem Hinsehen kann Felix sogar erkennen, wie sich seine Brust hebt und senkt. Er ist hübsch und er wirkt zufrieden, wie er so dort liegt und schläft, nur auf seinen Armen haben sich ein paar Härchen aufgestellt und als Felix sacht seine Finger über Chans Haut gleiten lässt, um ihn ja nicht zu wecken, fühlt er, wie kalt der Ältere ist. Bei After school club hatte dieses Mädchen sie gefragt, mit wem aus der Gruppe sie Körper tauschen wollen würden, wenn sie könnten und Felix hatte nicht mal überlegen müssen, bevor er Chan genannt hatte. Er hatte gesagt, dass er seinen Körper bewunderte, weil Chan so fit war und das war die Wahrheit gewesen. Für Felix war Chan eindeutig jemand, der in diese Welt passte, er war nicht nur schön, sondern auch begabt und er erinnerte ihn ein bisschen an sein altes Zuhause.

Auf Zehenspitzen schleicht Felix sich zurück ins Zimmer und zieht das Laken von der leeren Betthälfte, zurück unter freiem Himmel legt er es über Chans Körper, damit er nicht weiter frieren muss. Eigentlich hatte er mit ihm reden wollen, hatte auf ein paar tröstende Worte gehofft, ein „Du schafft das, wir alle sind da um dich zu unterstützen.“ Oder ein „Komm zu mir, wann immer du reden magst.“ Aber auch, wenn es dazu nicht gekommen war, hatte es sich gelohnt. Allein Chan so zu sehen ließ Felix Herz ein bisschen langsamer, ein bisschen gleichmäßiger schlagen und das tat einfach gut. Ohne lange nachzudenken, setzt sich Felix auf den Boden neben den schlafenden Leader, den Rücken an das Geländer gelehnt und schaut mal in den Himmel, mal auf Chan, mal auf seine Schuhe. Die Schuhe… Er muss schmunzeln. Wie er einschläft, bekommt er gar nicht mehr mit.


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Danke erstmal an jeden, der es bis hier geschafft hat. Das hier ist ein ziemlich spontanes kleines Projekt von mir, welches, wenn alles gut laufen wird drei Teile umfassen soll. Ich bin gespannt, was am Ende dabei entsteht. Rückmeldungen sind immer erwünscht. Glitzer, Seifenblasen und Konfetti,

Hanna
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