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What about all the broken happy ever afters?

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Familie / P12 / Gen
05.04.2018
25.04.2018
14
19.258
 
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05.04.2018 2.089
 
Wenn sie jemand fragen würde, ob sie glücklich sei, so würde sie diese Frage wahrscheinlich mit ja beantworten. Sie war endlich angekommen in ihrer eigenen kleinen Familie. Jenne, ihr kleiner Sohn Tim und sie teilten sich nun eine Wohnung, meisterten den Alltag seit knapp zwei Monaten nun gemeinsam. Weihnachten hatte sie ihrer Mutter, die sie seit 30 Jahren das erste Mal wieder gesehene hatte, eine Niere gespendet. Christianes Gesundheitszustand hatte sich rasant gebessert, sodass sie vor drei Wochen zurück in ihre Heimat hatte fliegen können. Die Genesungszeit im Krankenhaus hatten Mutter und Tochter genutzt, um Vergangenes zu klären, sich viel zu erzählen und sich schließlich gegenseitig neu kennenzulernen. Auch über Talia, ihre Adoptivschwester, hatte Lea eine ganze Menge erfahren. Anfangs war ihr nicht wohl dabei gewesen, wenn Christiane über sie gesprochen hatte. Sie fühlte sich eifersüchtig, überflüssig, zurückgelassen. Doch als sie dann das erste Mal mit ihrer Adoptivschwester telefoniert hatte, brach schließlich das Eis. Sie war unsicher und zurückhaltend gewesen, hatte nicht gewusst, was sie sagen sollte. Talia war es ähnlich ergangen. Am Flughafen dann hatte Lea Christiane versprochen, dass sie sie im Sommer mit Tim besuchen kommen würde.
„Lea, worüber denkst du nach?“, fragte Jenne, der neben seiner Freundin im Bett lag, ihr liebevoll seit einer halben Ewigkeit über den Arm kraulte und sie ansah. Es war bereits spät in der Nacht. Nachdem sie Tim ins Bett gebracht hatten, verbrachten sie einen wunderschönen Abend miteinander, der schließlich im Bett endete.
„Darüber, was für ein Glück ich mit meinen beiden Männern habe“, lächelte sie und drehte ihren Kopf zu ihm, um ihn zu küssen. Jenne strich ihr eine verschwitzte Strähne aus dem Gesicht und küsste sie sanft. „Genau so viel Glück wie wir mit dir. Weißt du, ich bin echt froh, dass wir jetzt eine richtige Familie sind.“ „Ich auch. Wenn ich daran denke, wie viel du mit mir mitmachen musstest.“ „Pscht“, er legte seinen Zeigefinger auf ihren Mund. „Denk jetzt nicht daran. Lass uns den Moment genießen. Ich liebe dich Lea.“ „Ich liebe dich auch.“  Sie kuschelte ihren Kopf an seine Brust und zog die Decke höher. „Lea, ich muss dir noch was sagen… Ich hatte dir doch erzählt, dass mein Vater Timmi unbedingt kennenlernen möchte. Er hat mich heute angerufen.“ Das Klingeln von Leas Handy unterbrach Jenne mitten in seinem Satz. „Peters? Was? Ja, natürlich. Ich bin in 20 Minuten da.“ Sie legte auf, sprang aus dem Bett und sammelte ihre Klamotten vom Boden auf. „Was ist denn los?“ Jenne richtete sich im Bett auf und sah Lea fragend an. „Ich muss in die Klinik. Schwerer Unfall auf der Autobahn. Es gab wohl Stau und ein LKW ist ins Stauende gekracht. Nach derzeitigen Erkenntnissen bis jetzt wohl drei Tote und etliche Schwerverletzte. Wir bekommen gleich fünf davon“, erklärte sie ihrem Freund routiniert. Als sie seinen enttäuschten Blick sah, hielt sie kurz inne, kniete sich dann nochmal aufs Bett und gab ihm einen Kuss. „Hey, nicht sauer sein. Du weißt doch: ich bin Ärztin.“ „Schon gut. Du kannst ja nichts dafür. Aber pass auf dich auf, ja?“ „Natürlich. Bis später!“ Jenne hörte, wie Lea den Autoschlüssel vom Flurschrank nahm und noch einmal zurückkam. „Du sag mal, was wolltest du mir denn wegen deinem Vater sagen?“ „Ach nichts, ist nicht so wichtig. Erzähl ich dir morgen.“  Während Lea sich auf den Weg in die Klinik machte, schaute Jenne nervös auf sein Handy. Noch immer war keine Sms angekommen.
„Dr. Peters, da sind sie ja. Ich habe ihnen direkt ihren Kittel mitgebracht. Die ersten Patienten sind schon da. Dr. Kaminski, Dr. Müller und Dr. Heilmann kümmern sich. Wir bekommen gleich noch einen Mann rein, Mitte 60. Ihn hat es wohl schwer erwischt. Er hatte noch am Unfallort zwei Kreislaufstillstände. Er kommt intubiert und beatmet. Ich habe ihn direkt zur Traumaspirale angemeldet. Ich hoffe, das war in ihrem Sinne?“ „Ja, perfekt. Danke, Schwester Arzu. Können sie dann gleich bei mir bleiben?“ „Ja, natürlich.“ Lea zog ihren Kittel über und eilte mit Arzu in die Notaufnahme. Sie kamen zeitgleich mit ihrem Patienten an. „Was haben wir?“, fragte die Neurochirurgin routiniert. „Polytrauma. Ich kann es ihnen nicht genau sagen. Becken ist instabil, ich tippe auf eine Rippenserienfraktur. Bauch ist bretthart, eine tiefe Kopfplatzwunde. HWS sieht auch nicht gut aus.“ Notärztin Winter brachte ihre Kollegin auf den neuesten Stand. „Gut, dann bringen sie bitte Herrn…?“ „Wir haben noch keine Personalien. Seine Tasche lag auf dem Rücksitz. Das Auto ist durch den Aufprall total demoliert. Die Polizei wollte sich darum kümmern und dann bei ihnen vorbeikommen.“ „In Ordnung. Dann bringen sie den Mann bitte direkt ins CT und piepen mich an, sobald die Bilder vorliegen. Ich suche solange nach Verstärkung.“ „Ist gut. Philipp müsste auch gleich kommen. Er musste nur warten, bis unsere Babysitterin kommt.“
Nach der Sichtung der Bilder machte Lea sich umgehend steril. Der Mann musste so schnell wie möglich operiert werden. Mit jeder Minute, die verging, sanken seine ohnehin geringen Überlebenschancen rapide ab. „Entschuldigung! Es ging nicht schneller. Was haben wir?“ Abgehetzt kam Philipp in den Vorbereitungsraum gerannt. „Dr. Brentano. Ich war noch nie so froh sie zu sehen. Mann, Mitte 60. Sein Auto wurde zwischen LKW und Mittelleitplanke eingeklemmt. Er hat multiple Verletzungen. Normalerweise würden wir mit mindestens zwei weiteren Kollegen im OP stehen. Aber die haben wir nicht. Hier ist jede Menge los.“ „Ich habe von dem Unfall gehört.“  Lea nickte. „Wir versorgen zuerst die inneren Blutungen: Milz, Leber, Lunge. Er hat eine Rippenserienfraktur. Ein Knochenfragment hat die Lunge durchbohrt. Außerdem ist der siebte Halswirbel gebrochen, aber das müssen wir hintenanstellen. Offene Oberschenkfraktur beidseits, Radiusfraktur, Mittelgesichtsfraktur, Hirnblutung. Ich würde sagen, ich kümmere mich als erstes um seinen Kopf, dann helfe ich ihnen dabei, die Blutungen der Organe zu stoppen. Anschließend versorgen wir die Oberschenkel.“ „Wenn er solange überhaupt durchhält. Wie sind seine Werte?“ „Im unteren Bereich, aber momentan wenigstens stabil. Dr. Lorenz macht die Anästhesie. Sie sagt, dass sie das schon hinkriegt.“ „Ihr Wort in Gottes Ohr. Wir sollten loslegen.“ Die beiden Chirurgen betraten gemeinsam den OP und machten sich sofort an die Arbeit. „Haben wir genug Blutkonserven bestellt?“, wollte Philipp bereits nach den ersten zehn Minuten wissen. „Wir haben bis jetzt sechs Stück. Die erste ist gleich durchgelaufen.“ „Dann lassen sie nochmal drei nachkreuzen.“   „Ah Mist, ich komme so nicht ran. Ich muss offen operieren. Ich kann die Blutung so nicht stoppen“, meldete Lea sich vom Kopfende des Patienten zu Wort. „Dafür haben wir keine Zeit. Ich brauche ihre Hilfe hier unten.“ „Wenn ich die Hirnblutung nicht stoppe, dann stirbt er.“ „Wenn ich hier nicht bald Hilfe bekomme, dann stirbt er auch.“ „Rufen sie bitte im OP eins an und fragen, wie lange Dr. Globisch dort noch braucht? Sie soll so schnell wie möglich rüberkommen und Dr. Brentano assistieren“, wies Dr. Peters eine der OP- Schwestern an. „ Das müsste der OP sein, indem es am schnellsten geht.“ Brentano nickte. „Die Werte werden schlechter.“ Dr. Lorenz blickte besorgt auf den Monitor und spritzte immer wieder Medikamente, um den Patienten einigermaßen stabil zu halten. Jedes Mal, wenn Lea es wagte, einen kurzen Blick auf die Uhr zu werfen, war wieder eine wertvolle, halbe Stunde vergangen. Sie operierten nun seit guten eineinhalb Stunden. „Ich bin hier oben gleich fertig, dann kann ich ihnen helfen. Wie sieht es bei ihnen aus?“ „Leber ist soweit versorgt, aber ich fürchte, dass ich die Milz nicht erhalten können werde. Es blutet einfach zu stark.“  Brentano ließ sich den Schweiß von der Stirn tupfen. „Schwester Anja, hängen sie bitte noch eine Blutkonserve an und geben sie mir ein Bauchtuch.“ „Ich kümmere mich jetzt um seine Lunge.“ Lea nahm sich ein frisches Skalpell und wollte gerade zum ersten Hautschnitt ansetzen, als die Monitore hektisch zu piepen begannen. „Er wird tachykard. Tun sie was.“ „Geben sie mir zehn Milliliter…“ „Herzstillstand.“ „Instrumente raus! Schnell!“ „Ziehen sie Adrenalin auf.“ Lea begann sofort mit einer Herzdruckmassage.“ „Weg vom Patienten. Ich schocke.“ Philipp platzierte den Defi. „Nichts, nochmal.“ „Laden auf 300. Weg vom Tisch.“ „Immer noch nichts. Laden sie auf 360.“ Lea stand nervös nebendran und hoffte, dass der Patient mit diesem Schock wieder zurück ins Leben kam. Sie reanimierten seit mittlerweile einer Viertelstunde. „Wir haben ihn wieder!“, rief Dr. Lorenz erleichtert. „Sie müssen sich jetzt beeilen, Kollegen. Ich will ihn vom Tisch haben.“ „Ich brauche mindestens noch eine Stunde. Ich muss das Bruchstück aus der Lunge entfernen, sonst bekommt er in den nächsten Stunden einen Pneumothorax. Damit ist ihm dann auch nicht geholfen.“ Dr. Lorenz nickte. „Dann machen sie das. Aber bitte, so schnell wie möglich.“ Lea seufzte und begann mit ihrem Eingriff. „Noch mehr Licht bitte. Ja, so ist’s gut. Zange.“ Souverän und vorsichtig entfernte Dr. Peters den Knochensplitter aus dem linken Lungenflügel. „Ist draußen. Ich bin denke ich in 20 Minuten fertig.“ „Das ist gut. Es geht ihm zunehmend schlechter. Dr. Brentano, wie lange brauche sie noch?“ „Ich bin hier auch gleich fertig. Aber die offenen Oberschenkelfrakturen. Die können wir nicht so lassen.“ „Verdammt, der Druck fällt. Er ist kaum noch messbar. Instrumente raus.“ „Aber wir müssen doch…“ „Instrumente raus. Bitte, Frau Dr. Peters!“ Lea legte schnaubend die Instrumente zur Seite. Sie wusste, dass der Patient auf einen erneuten Kreislaufstillstand zusteuerte. In seinem Zustand würde er einen erneuten Herzstillstand nicht überleben können. „Können wir jetzt…“ Der Klang der Nulllinie unterbrach die Neurochirurgin. „Nicht schon wieder. Scheiße!“ „Adrenalin.“ „Defi. Laden sie direkt auf 300. Wir müssen ihn zurückholen. Weg vom Patienten.“ Lea schockte dreimal hintereinander, während Brentano zwischendurch eine Herzdruckmassage durchführte. „Es bringt nichts. Es hat keinen Sinn mehr.“ „Da! Sehen sie: Sein Herz schlägt. Wenn auch nur ganz schwach. Machen sie weiter.“ Die Ärzte atmeten erleichtert durch. „Er fällt wieder.“ „Nein.“ „Laden sie den Defi.“ „Achtung, weg vom Tisch. Ich schocke.“ „Nichts.“ „Laden sie nochmal.“ „Nein.“ „Wie nein?“ „Nein. Brentano, es bringt nichts mehr. Er ist einfach zu schwer verletzt. Er KANN es nicht schaffen. Egal wie sehr wir kämpfen. Er kann nicht.“ Lea sah Brentano eindringlich an. „Aber wir können doch nicht einfach“ „Doch, wir können und wir müssen.“ Lea seufzte. „Schalten sie die Geräte ab.“ „Sicher?“, fragte Dr. Lorenz nach. Sie wusste nicht, wie sie in diesem Moment entschieden hätte. Es war aber auch nicht wichtig, denn Dr. Peters leitete die Operation. „Ja, sicher. Er kann nicht mehr. Schalten sie ab.“ Von der einen auf die andere Sekunde wurde es komplett still im OP. Kein monotones Piepen mehr, kein  Auf und Ab der Beatmungsmaschine, kein hektisches hin und her Gewusel der Schwestern. Nicht einmal mehr das Atmen ihres Kollegen konnte Lea hören. Sie hatte plötzlich das Gefühl unter ihrem Mundschutz zu ersticken. „Hoffen wir mal, dass er keine Familie hatte.“ Ungläubig blickte Lea zu Philipp. Der Endoprothetiker schüttelte den Kopf. „Entschuldigung.“ „Todeszeitpunkt 04:17 Uhr“, sagte Dr. Lorenz mit belegter Stimme fürs Protokoll und zog dem Patienten den Tubus. „Ich muss hier raus“, murmelte Lea und verließ eiligen Schrittes als Erste den OP. Sie riss sich im Vorbereitungsraum den Mundschutz runter und öffnete die Tür zum Gang. Sie wollte so schnell wie möglich unter die kalte Dusche. Ihr Magen rebellierte, sodass sie das Gefühl hatte, sich jeden Moment übergeben zu müssen. „Lea, Lea! Was ist mit meinem Vater?“ Jenne kam auf seine Freundin zugerannt. „Herr Derbeck, bitte beruhigen sie sich.“ Die Oberschwester hielt den Wandergesellen am Arm zurück. „Wieso dein Vater? Jenne, was machst du überhaupt hier?“ Die Neurochirurgin blieb stehen, musterte ihren Freund und rieb sich über die Schläfen. Sie hatte plötzlich starke Kopfschmerzen. „Die Polizei war hier“, informierte Schwester Arzu die Ärztin. „Sie hat die Tasche von unserem Patienten mitgebracht. Es ist… Herr Derbecks Vater. Ich habe ihn natürlich sofort angerufen.“ „Was? Und wieso sagt mir das keiner verdammt nochmal? Ich hätte doch…“ Lea konnte nicht weitersprechen. Sie merkte wie ihr schwindelig wurde und lehnte sich gegen die Wand, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. „Ich dachte es wäre besser, wenn…“ Arzu trat einen Schritt auf Dr. Peters zu und wollte sie stützen, doch Lea schubste sie weg und rannte zurück in den OP. Sie schloss die Tür zur Op-Vorbereitung schwungvoll hinter sich und beugte sich übers Waschbecken. Ihr Atem ging heftig. Hätte sie anders gehandelt, wenn sie gewusst hätte, dass dort Jennes Vater lag? Hätte sie länger versucht, ihn wiederzubeleben? Hätte sie die Entscheidung getroffen, die Geräte abzuschalten? Ihr Magen zog sich immer mehr zusammen. Sie musste würgen. „Dr. Peters, was ist mit ihnen?“ Brentano, der eben erst aus dem OP gekommen war, stellte sich neben seine Kollegin und strich ihr besorgt über die Schulter. Lea schüttelte ihren Kopf. Im nächsten Moment musste sie sich übergeben.
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