Der Krieg wüted weiter

GeschichteAngst, Schmerz/Trost / P12
G'Kar
04.04.2018
04.04.2018
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Im Nachhinein, dachte Na’Toth, war der Alkohol schuld.

Es hatte alles so gewöhnlich angefangen.

Sie saß in ihrem Quartier, hörte dem Rock-Sänger zu wie er sich die Lungen aus dem Leib brüllte und feilte an einem Stück Speckstein. Mit jeder flüssigen Bewegung der Steinraspel entspannte sie sich ein wenig mehr. Ihre Finger glitten fast von alleine über die halbfertige Skulptur und ihrer Gedanken wanderten ebenfalls, doch sie musste sich immer genug konzentrieren damit sie daran gehindert wurde zu sehr zu grübeln. Zum ersten Mal an diesem Tag musste sie nicht angestrengt nachdenken, welche Aktionen sie am besten unternehmen müsste und mit welchen Worten sie ihre Gegner am besten überzeugen konnte. Sie konnte ihre Gedanken einfach so wandern lassen wie sie ihr einfielen.

Obwohl sie Ohrstöpsel trug, konnte sie G’Kar singen hören während er ihr Abendessen vorbereitete. Das Lied vom einsamen Fisch. Schon wieder.
Doch es war auf eine seltsame Weise idyllisch, der Geruch des Gerichts und seine gelassene Stimme, vermischt mit der Ko’Jers der sich grade anhörte als würde er versuchen einen Kriegsschrei zu fabrizieren während er erwürgt wurde.

Sie sah wieder zu G’Kar hinüber. Fröhlich stellte er den Herd ein. Als sie bemerkte dass der verzweifelte und angespannte Gesichtsausdruck, der den ganzen Tag über sein Gesicht geziert hatte, endlich verschwunden war, spürte sie, wie auch sie ein wenig Anspannung verließ.

Für sie war Kochen verschwendete Zeit, doch es erleichterte sie dass er einen Weg gefunden hatte auszuspannen und es war definitiv praktischer als zum Zocalo zu gehen und Botschafts-Buget darauf zu verschwenden, Essen zu kaufen.

,,Essen ist fertig!“, rief er, und sie ging barfuß und mit nackten Händen ins Wohnzimmer.

,,Es ist ein menschliches Gericht namens ,Lasange‘“, erklärte er.

,,Schmeckt genau so wie Jo'tach"

Als sie beinah fertig waren, stellte er eine Flasche voller blauer Flüssigkeit auf den Tisch.

,,Besonders in dieser Zeit haben wir uns das verdient!“, er machte Anstalten, die Flasche ihr zu reichen.

,,Ich trinke keinen Alkohol.“, verkündete sie, ,,Es macht meinen Geist zu langsam und verworren um meine Dienste für die Narn Republik zu erledigen.“

,,Ich glaube nicht dass du diesen Abend noch irgendwelche Pflichten hast.“

,,Nun…“, sie wünschte, sie hätte es. Entspannen und nichts zu tun fühlte sich irgendwie an wie warten, selbst obwohl sie alles getan hatte was sie konnte, nachdem gestern die Narn-Flotte bei Sovar Drei ein weiteres Mal besiegt worden war. Vielleicht wäre ein Trink-Abend mit G’Kar gute Ablenkung.

Sie langte nach der Flasche und nahm einen tiefen Schluck. Das blaue Zeug schmeckte bitter und scharf und verbrannte ihren Mund, doch sie wollte vor G’Kar keine Schwäche zeigen und so nahm sie noch einen Schluck.

,,Man trinkt das normalerweise vermischt mit Säften.“, kommentierte er.

,,Gut.“, schaffte sie zu sagen, ,,Es schmeckt absolut wiederwärtig!“

Er öffnete den Küchenschrank, holte eine Flasche Saft und schüttete etwas in ihren Becher, und dann in seinen, und vermischte es mit dem blauen Zeug.

,,Irgendwelchen anderen Dinge die ich wissen sollte bevor ich das trinke?“

Er lachte. Es tat so gut ihn endlich wieder lachen zu sehen.

,,Nein.“, gluckste er. Sie sah ihn auffordernd an, wollte die Geschichte hören.

,,Diese Situation hier erinnert mich an das erste Mal als ich betrunken war. Ich war fünfzehn und meine Widerstandszelle hatte es geschafft, eine große Menge an Centauri-Vorräten zu erbeuten, unter anderem an die zweihundert Flaschen Brivari. Es hatte zu viele andere Bestandteile um es zum desinfizieren zu benutzen, und den Alkohol hinaus zu destillieren hätte zu viele unserer Ressourcen verbraucht, also gaben sie sie uns Wiederstandskämpfern. Da war dieser Junge dessen Mutter eine Dienerin für einen adeligen Centauri gewesen war, und er erklärte uns dass es eine traditionelle Art gab es zu servieren und dass man die Finger auf einen ausgesprochen unnatürliche Art abspreißen musste wenn man sein Glas hielt, und wir alle scheiterten, es richtig zu machen, bis eine meiner Kameraden einfach fauchte dass wir keinen Respekt vor diesem Centauri-Gesöff zeigen würden, genauso wenig wie die Respekt vor uns zeigten, und von da an trank jeder einfach so viel wie er oder sie konnte. Irgendwann schaffte es besagtes Mädchen, dass den Jungen unterbrochen hatte, eine Wette mit ihm einzugehen, dass sie es schaffen würde, mehr Brivari zu ,vernichten‘ als irgendjemand sonst. Und das tat sie dann auch. Sie trank so viel dass einer von uns einige unser Kommandanten holte um das mitzuerleben. Sie war so verdammt stolz als sie eintrafen. Sie war so betrunken dass sie in Schlangenlinien ging und nicht mal mehr in der Lage war ruhig zu stehen, sie schwankt wie Schilf im Wind. Doch da stand sie, groß und stolz, und sah dem Kommandanten direkt in die Augen, für vielleicht zwanzig Sekunden. Und dann kotzte sie genau auf seine Rüstung.“

Na’Toth brach in Lachen aus.

Sie erzählten mehr witzige Geschichten aus ihren Leben, und dass sie mehr und mehr tranken mache – wie Na’Toth insgeheim vermutete – die Geschichten noch lustiger. Doch dann erinnerte sie sich an die Sache mit ihrer Mutter, ihrer Schwester und der Statue: ,,Für die meiste Zeit hat meine Mutter einen exzellenten Geschmack in Kunst, aber sie wird älter und älter und manchmal wird sie einfach nur… schrullig. Einmal trafen wir uns nach meinem Dienst für den Kha’Ri, und plötzlich trug sie eine Kiste aus ihrem Shuttel und reichte mir die Statue eines gigantischen pinken Schafes.“

,,Eines pinken Schafes? War das ein Symbol für die Verzerrung einer fremden Kultur wenn sie durch die Augen einer anderen betrachtet wird?“

,,Zuerst erwartete ich auch so etwas wie das. Doch es war kein Symbol. Keine versteckte Bedeutung. Es war einfach ein gigantisches rosa Schaf. ,Ich wusste dass du es mögen würdest, Na’Toth!‘, sagte sie, ,Du hast dich immer schon für Skulpturen interessiert!‘. Du kennst mich, normalerweise sage ich wenn mir etwas missfällt. Aber sie war so glücklich, endlich ein Geschenk gefunden zu haben was mir gefiel. Und so nahm ich das Schaf.“
Sie wollte ihm mit ihrem Formulierungsgeschick imponieren, doch sie erinnerte sich nicht mehr an das Wort, dass sie benutzen wollte, und so meinte sie einfach: ,,Warte, die Geschichte geht weiter. Eine Weile danach reisten meine Schwester, meine Mutter und ich nach Gostak und wanderten durch die Dünen. Auf einmal sagte meine Schwester: ,Na’Toth, hast du immer noch dieses pinke Schaf?‘
,Ja?!“, sagte ich.
Und meine Mutter erwiderte: ,,Oh, das ist so süß! Na’Toth liebt es, nicht wahr?“
Irgendwie schaffte ich es, erfreut auszusehen.
,Das ist zu schade‘, sagte meine Schwester, ,,Ich finde die Statue wirklich nett und süß und ich denke sie würde in meinem Garten gut aussehen‘
Selbstlos erwiderte ich: ,Ich liebe das Schaf, aber du bist meine Schwester und du kannst es haben.‘
Bis heute weis ich nicht ob meine Schwester es wirklich mag, oder ob sie sich einfach selbst geopfert hat um das pinke Schaf daran zu hindern meine Autorität im Kha’Ri zu untergraben, oder ob sie vielleicht dachte ihre Kindergarten-Gruppe würde Spaß daran haben oder so etwas ähnliches. Aber ich bin eine zu gute Diplomatin um jemals nachzufragen.“

G’Kar lachte, aber irgendwie, zu ersten Mal heute, erreichte es sie nicht. Ein Gefühl von Abwesenheit stieg in ihr auf und so sehr sie auch versuchte, es zu bekämpfen, sie schaffte es nicht. Sein Lachen verschwand.

,,Na’Toth, ist alles in Ordnung?“

,,Ja.“, sagte sie.

Doch sie fanden danach kein anderes Thema, und so sah er sie einfach besorgt an, und irgendwann konnte sie nicht mehr anders als es zu sagen:

,,Ich… Ich bereue dass ich  sie nicht öfter besucht habe. All diese Jahre sagte ich mir selbst dass die Narn Republik meine Dienste brauchen würde und meine Familie warten könnte. Und jetzt entdecke ich dass ich nichts tun kann für niemanden und… Ich vermisse sie, G’Kar. Alle von ihnen. Meine Eltern, meine Schwester, meinen Onkel und seinen Mann, selbst die lauten und unverschämten Kinder meiner Schwester. Was ist das, das in einem Moment alles normal ist, und im nächsten begreifst du, dass Krieg herrscht und dass das letzte Mal dass du jemanden gesehen hast… vielleicht das letzte Mal war, dass du sie je gesehen hast und wenn du nur begriffen hättest dass dieser Moment der letzte mit ihnen war… wünschst du dir, du hättest es mehr genossen.“

Er legte seine Hand auf ihre Schulter. Zu fühlen dass er wirklich hier bei ihr war machte auf irgendeine Weise das Gefühl ein wenig weiter entfernt.

,,Ich weiß. Ich hatte eine Menge solcher letzten Momente von denen ich damals nicht begriff dass es letze Momente waren.“

,,Im Wiederstand?“

,,Ja. Und später in meiner politischen Kariere. Nach Macht zu streben ist nicht grade ein sicheres Geschäft, wie du weißt.“

,,Ich ebenfalls. Nicht zu erwähnen die Kollegen, die wegen ihren unbequemen politischen Ansichten wahrscheinlich von Centauri oder Extremisten ermordet wurden, aber das so geschickte dass man nichts nachweisen konnte.“

Sie atmete tief ein und sah all die Kreuzer und Kampfjäger vor ihrem inneren Auge, und wie selbst in diesem Moment Narn starben, und die Centauri der Heimatwelt näher und näher kamen. Sie begriff plötzlich dass sie niemals um den Heimatplaneten selbst gefürchtet hatte. Für sich selbst, für ihre Freunde, ihre politischen Ziele, um die Macht der Republik, aber niemals für ihren Heimatplaneten.

,,Ich war niemals selbst in einem Krieg. Mein Großvater und meine Großtante haben im Dilgerkrieg gekämpft, doch so barbarisch er auch war, kam er niemals dem Heimatplaneten nah, und ich bin zu jung um die Besetzung miterlebt zu haben. Meine Erinnerungen starten genau danach als wir langsam alles wieder aufbauten was die Centauri zerstört haben. Ich weiß ich bin zäh und stark und klug, ich weiß wie man überlebt.“, sie versuchte ihre Stimme nicht zittern zu lassen, und scheiterte, ,,Doch wenn die es wirklich schaffen, zur Heimatwelt durchzubrechen – und sie scheinen eine Macht auf ihrer Seite zu haben, die zu stark für uns ist – wirst du wissen wie es damals war, und was du tun kannst. Aber ich werde völlig verloren sein.“

Er sah gradewegs durch sie hindurch: ,,Es ist nichts für das man vorbereitet seien kann. Man reagiert einfach so wie man es in dieser Situation schafft. Wir können beten dass G’Quan uns die Kraft gibt, dass hier zu überleben.“

,,Vergieb mir wenn ich respektlos klinge, doch – wie kannst du immer noch glauben nach allem was geschah?“

Er lächelte traurig, und starrte tief in Gedanken versunken auf den Tisch. Dann begann er, eine Art Gedicht zu zitieren:
,,Der Krieg wütet weiter,
Du bist an meiner Seite,
Während allem,
Durch harte Zeiten, ungesehen,
Überlebten wir trotzdem, abgehärtet,
Bitte lasse mich nicht alleine,
Kannst du mich nicht hören, wie ich deinen Namen rufe?
Vergib die Dinge, die ich tat,
Wende mir nicht den Rücken zu wenn ich dich brauche,
Der Krieg wütet weiter“

,,Es war auf ,Nostalgie Radio‘ als Apor’Kor vor ein paar Tagen zusammenbrach, doch ich kann nicht aufhören, darüber nachzudenken.“

,,Ich beneide dich um die Stärke deines Glaubens.“, sie drehte und neigte ihren Becher in ihren Händen, ,,Als ich jung war, war ich eine dieser arroganten Atheisten, die glauben, jede religiöse Person wäre ein Idiot der sich auf imaginäre Kräfte stützt und schwachsinnige Versuche, Dinge zu verstehen, die er nicht begreift. Und dann kehrte mein Großvater den Experimenten der Todesbringerin zurück. Vorher war er der mutigste und stärkste Mann den ich kannte, und er besaß einen Humor so schwarz das mein eigener nichts dagegen ist. Er hatte mir und meiner Schwester immer Kampftricks beigebracht oder mit uns im Garten gearbeitet. Aber dann hörte mehr und mehr seines Gehirns auf zu funktionieren. Er halluzinierte, verletzte sich mehrmals weil er nicht mehr in der Lage war diese oder jene Bewegung zu machen, bis er zuletzt den ganzen Tag im Bett lag oder Fernsehen guckte oder in die Luft starrte und nicht mal mehr in der Lage war zu sprechen. Nicht mehr in der Lage zu essen, oder alleine zur Toilette zu gehen. Dreimal am Tag kam der Pflegedienst. Meine Großmutter musste all ihre Ersparnisse verbrauchen nur damit er nicht erbärmlich in seiner eigenen Scheiße verreckte und gleichzeitig verhungerte. Meine Schwester saß neben ihm und fütterte ihn geduldig oder spielte Kartenspiele mit ihm die eigentlich für kleine Kinder gedacht waren, und ich… Ich arbeitete den ganzen Tag im Garten oder saß in einer Ecke und lernte für meine Abschlussprüfung, weil ich es nicht ertragen konnte ihn so zu sehen. Meine Schwester, du, ihr seit alle solche Kümmerer, voll mit Verständnis und Mittgefühl, aber ich… ich bin nur pragmatisch und rational und kalt.

Meine Großeltern waren tief religiöse Anhänger von G’Lan. Einmal schenkten sie mir das Buch von G’Lan am F’Haq-Tag, eine mit Glas und Kupfer verzierte Sonderausgabe, und ich war aufgebracht dass sie mir kein nützlicheres Geschenk gebracht haben, und meine Mutter schüttelte nur ihren Kopf darüber wie religiös sie waren. Doch jetzt half ihnen ihr Glauben. Meine Großmutter sah sich mit meinem Großvater jeden Morgen die Morgengebete im Fernseher an, und das war die einzige Zeit am Tag an der er wirkte als würde er wirklich mitkriegen was um ihn herum passierte. Und als er schließlich starb war meine Großmutter glücklich dass er nun im im Leben nach dem Tod war. Da begriff ich wieviel Kraft Glauben gibt und wie wichtig er für eine Gesellschaft ist.

Er gibt auch dir Kraft. Nach allem was passierte glaubst du immer noch dass die Welt sich verändern kann, dass die Völker in der Lage sind ihre Vorurteile zu überwinden, dass die Dinge sich für uns wieder zum besseren wenden könnten. Du kämpfst immer noch weiter. Ich…“, ihre Augen brannten, ,,Ich beneide dich um die Hoffnung die du hast. Ich wünschte ich könnte ebenfalls glauben, dass… Ich wünschte, ich könnte glauben, dass ein höherer Sinn hinter all diesem Leiden steht, dass die Leute gut sind, das Hoffnung tatsächlich existiert. Aber ich… ich schaffe es einfach nicht.“

Ihre Augen brannten, sie bekam kaum noch Luft und ihr Körper fühlte sich plötzlich zitterig und fragil an.

Er umarmte sie dann. Er schloss seine Arme eng um sie, und er war warm und fest und lebendig, und sie vergrub ihr Gesicht in seinem Hals. Das Gefühl des Leders seiner Rüstung und seine weiche, warme Haut war beruhigend, und sie atmete seinen Geruch ein, so allgegenwärtig dass sie nie zuvor einen Gedanken daran verschwendet hatte wie er roch. Sie ließ los und weinte bis seine Robe durchnässt war, und war sich vage bewusst dass nur der Alkohol sie so fragil machte, normalerweis weinte sie nicht leicht. Doch das Wissen half nicht im Geringsten.

Nach einer Weile wusste sie nicht mehr, ob er sie tröstete oder sie ihn. Sie lagen sich einfach in den Armen und schluchzten wie zwei komplette Idioten.

,,Wenigstens haben wir uns.“, schaffte er zu sagen und streichelte ihren Rücken, ,,Es ist solche ein Glück eine Attaché zu haben der ich vertraue und die gleichzeitig meine engste Freundin ist.“

Wärme breitete sich in ihrer Brust aus. Sie fühlte sich als ob sie etwas genauso bedeutendes erwidern müsste, doch nichts kam ihr in den Sinn, und so sagte sie nur: ,,Ja.“