Fakten & Fassaden

GeschichteHumor, Mystery / P12
Catherine "Kitty" Bennet Elizabeth Bennet Fitzwilliam Darcy Lady Catherine de Bourgh OC (Own Character)
04.04.2018
01.06.2018
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Es ist eine allgemein anerkannte Wahrheit, dass eine alleinstehende Frau, die nicht über ein schönes Vermögen verfügt, nichts dringender braucht als einen Ehemann.
Noch so eine Wahrheit ist, dass eine Frau dieser Art nie einen Ehemann finden wird, wenn sie gar nicht erst nach einem suchen darf. Hausarrest wird noch schlimmer in Kombination mit einer Unfähigkeit der besagten Frau, mit irgendetwas zu glänzen, worauf sie stolz sein könnte, schlicht und einfach, weil sie außer einer gehörigen Portion Tollpatschigkeit nichts vorzuweisen hat.
Seit ich mich erinnern kann, zerbreche ich unter der erdrückenden Präsenz meiner vier Schwestern. Nun ja, vielleicht ist »zerbrechen« nicht das richtige Wort, aber von einer heilen Welt bin ich noch viel weiter entfernt. Jeder in dieser Stadt redet ständig über die atemberaubende Schönheit meiner ältesten Schwester Jane, oder wie schlau und geistreich Elizabeth ist. Keine von beiden hatte je ein leichtes Leben, aber ihre Tugenden haben sich letztlich doch ausgezahlt.
Vor drei Jahren hat Jane, damals dreiundzwanzig Jahre alt, Charles Bingley geheiratet, einen recht vermögenden und hübschen Gentleman aus Netherfield, ganz in der Nähe von Longbourn, wo meine Familie wohnt. Im gleichen Jahr ging Elizabeth, zwei Jahre jünger als Jane, eine Ehe mit Fitzwilliam Darcy ein, einem noch vermögenderen und noch hübscheren Freund Bingleys. Man könnte sagen, dass die beiden einfach nur Glück hatten. Oder aber, dass sie nicht ohne Grund dort hingekommen sind, wo sie heute stehen.
Es ist nicht so, als würde ich sie hassen – ich liebe meine Schwestern alle. Aber manchmal bin ich ein bisschen neidisch auf sie. Ich bin nicht halb so schön wie Jane, nicht halb so intelligent wie Elizabeth, nicht halb so selbstbewusst wie meine jüngere Schwester Lydia, und nicht halb so willens, diesen Mangel jeglicher vorteilhafter Eigenschaften zu akzeptieren, wie meine andere Schwester Mary. Ich bin einfach nur Kitty, oder Kitty-Cat, oder Catherine, oder wie auch immer man mich gerne nennt, aber noch hatte ich nie die Chance, mehr zu sein als nur das. So war es schon immer – ich bin »nur Kitty«. Und manchmal bin ich nicht einmal mehr als »die vierte Bennet-Schwester«.
Wer würde so was wollen? Welcher Mann bei klarem Verstand würde eine Frau heiraten, die weder hübsch noch intelligent ist und auch sonst nichts zu bieten hat? Natürlich wünsche ich mir nicht so ein Leben wie Lydia. Sie wirkt vielleicht ganz schön glücklich, wenn man alles glaubt, was in den Briefen steht, in denen sie ihr »märchenhaftes« Alltagsleben mit ihrem Ehemann beschreibt – ja, Lydia ist zwei Jahre jünger als ich und hat trotzdem als Erste geheiratet, wie peinlich ist das? –, aber ich habe gelernt, zwischen den Zeilen zu lesen und ihre Fassade zu durchschauen. In dem Moment, als sie mit George Wickham durchgebrannt ist, hat sie mich fallen lassen wie eine heiße Kartoffel, aber davor bin ich lange genug ihre beste Freundin gewesen, um sie zu kennen und zu wissen, was ihr »Alles in Ordnung« wirklich bedeutet. Es bedeutet, dass ihr Mann letzte Nacht nicht so besoffen war die Nacht davor, als er mit seinen zwielichtigen Freunden sein ganzes Geld verspielt hat.
Auf dem letzten Brief, den ich bekommen habe, war ein kleiner, aber auffälliger weicher Fleck, und es sah aus, als wäre das Papier dort einmal nass gewesen. Ich schätze, dort ist die eine Träne gelandet, die sie sich nicht verkneifen konnte, als sie den Brief geschrieben hat. Meine Schwester mag alles Mögliche sein, aber glücklich ist sie definitiv nicht.
Lydias Problem ist in gewisser Weise auch mein Problem, oder besser gesagt, sie ist mein Problem. Der unmoralische Lebensstil, auf den sie sich mit Wickham eingelassen hat, war eine große Schande für unsere Familie, die nur durch eine erzwungene, schnelle Hochzeit überwunden werden konnte. Na ja, fast. Trotz all der Zeit, die seither vergangen ist, sind mein Vater und die meisten meiner Schwestern immer noch sauer auf sie, was auf lange Sicht bedeutet, dass sie auch sauer auf mich sind. Warum? Weil sie denken, dass ich in einer ähnlichen Situation nicht anders handeln würde. Und manchmal fürchte ich, dass sie damit tatsächlich Recht haben könnten.
Ich lebe schon länger in Lydias Schatten als diese paar Jahre, seit sie offiziell Mrs Wickham geworden ist. Als wir jünger waren, haben wir ständig irgendwelchen albernen Blödsinn getrieben, und meistens war sie die treibende Kraft. Im Nachhinein muss ich erkennen, dass ich nie ein eigenes Leben oder auch nur eine eigene Meinung hatte, bis ich fast achtzehn war – da hat sie geheiratet und ist endgültig ausgezogen. Um zu verhindern, dass ich der Familie eine ähnliche Schande beschere, hat mein Vater mir Hausarrest aufgebrummt und gedroht, mich nie wieder ausgehen zu lassen, bis ich beweise, dass ich mindestens zehn Minuten am Tag sinnvoll verbringen kann.
Ich weiß nicht, ob es mir je gelingen wird, ihn zufriedenzustellen. Wenn ich doch nur wie Mary wäre! Sie hat noch nicht einmal Lust, auszugehen. Es sind die einfachen Dinge, die sie glücklich machen: Man stecke sie in ein beliebiges Zimmer mit einem Buch voller langweiliger Geschichten, die hauptsächlich aus Fremdwörtern bestehen und die kein normaler Mensch unter normalen Umständen gerne lesen würde, und sie wird eine ganze Weile damit beschäftigt sein. Manchmal, wenn sie besonders fasziniert ist von dem, was sie liest, kann man sie sogar schminken, ihr jeden möglichen Scheiß ins Gesicht malen und alles Mögliche mit ihren Haaren anstellen – sie beschwert sich nicht, solange man ihr die Brille und das Buch lässt, und da sie sowieso nie in den Spiegel schaut, warum nicht?
Es ist eigentlich ziemlich witzig. Aber leider fällt das Anmalen des Gesichtes meiner Schwester nicht gerade unter die Kategorie »Sinnvoll«, wenn man meinen Vater fragt. Und seit Lydia weg ist, wurde ich offiziell befördert zu dem »Mädchen, das Probleme macht«.
Falls Mary sich je Gedanken um ihre Zukunft macht, lässt sie es sich nicht anmerken. Während ich kein einziges Wort in ihren Büchern verstehen könnte, wenn sie sie mir geben würde, kann sie nicht verstehen, warum ich mir so viele Sorgen mache. Als die einzigen noch übrigen Schwestern, nachdem die anderen geheiratet haben, stehen Mary und ich uns in letzter Zeit sehr nahe, und obwohl sie nicht gerade eine Quasselstrippe ist, haben wir in den letzten drei Jahren mehr miteinander geredet als in unserem ganzen Leben davor, und ich erinnere mich insbesondere an eine lange Unterhaltung, die wir geführt haben, zwei Wochen bevor ich Longbourn verließ, um Elizabeth zu besuchen.
Auslöser dieser Unterhaltung war ein Brief von Lady Lucas mit einer Einladung zur Hochzeit ihrer zweitältesten Tochter. Die Älteste, Charlotte, war bereits mit unserem Cousin William Collins vermählt, und niemand, wirklich niemand beneidet sie darum. Aber die Zweitälteste, Maria, ist ungefähr in meinem Alter, und das war das Problem.
»Wann hörst du endlich auf, ein Gesicht zu machen, als hättest du gerade ein schlechtes Buch gelesen, nur weil jemand heiraten wird?«, fragte Mary mich an jenem Abend.
Zunächst wusste ich nicht, was ich sagen sollte. Mary wusste von meinen inneren Dämonen, ich musste ihr nichts erklären.
»Wie kann dir das so egal sein?«, erwiderte ich. »Hast du nie Angst, als verbitterte alte Junger zu enden, die kein Geld, keinen Mann, keine Kinder und kein Leben hat?«
Mary sah noch nicht einmal von ihrem Buch auf, als sie antwortete: »Wenn das deine Definition von Leben ist, und wenn ich du wäre, dann ja, wahrscheinlich hätte ich Angst.«
»Was bedeutet Leben denn dann für dich?«, wollte ich wissen.
»Leben ist das, was du daraus machst«, sagte sie. »Ich lese gerne Bücher im Garten, spiele Klavier und singe, unter anderem.«
»Du kannst nicht mal singen«, meinte ich, wohl im Wissen, dass ich Recht hatte. Unsere Mutter hat Mary einmal angebettelt, das Singen endlich aufzugeben, mit dem Argument, es sei nicht gut für ihre Nerven.
»Ist mir egal«, erklärte Mary. »Wenn es das ist, was mich glücklich macht, dann mache ich damit weiter.«
Wie sie mit mir redete, ohne mich auch nur anzusehen, ging mir auf die Nerven. Wieder fühlte ich mich wie ein Kind, so unfähig wie eh und je, diese wesentlichen Lebensweisheiten zu verstehen, die man ihm schon zum x-ten Mal beibringen wollte. Und jetzt fing meine augenscheinliche Dummheit an, sogar Mary zu nerven. Sie war aber auch noch nie die geduldigste meiner Schwestern gewesen.
»Das sagt sich so leicht, wenn man so… zurückgezogen ist wie du. Wäre ich doch auch so eine Leseratte, dann würde ich den ganzen Tag nichts anderes machen.«
»Wenn dir etwas anderes besser gefällt, warum machst du dann nicht das den ganzen Tag?«
»Weil ich dafür das Haus verlassen müsste. Und eine andere Person bräuchte.«
Endlich hob sie den Kopf, um mich anzusehen, und stellte mir ganz beiläufig diese eine Frage, die ich mir selbst noch nie zuvor gestellt hatte. »Kitty, willst du überhaupt heiraten?«
Anfangs erschien mir die Frage albern und deplatziert. »Natürlich! Mutter sagt, dass wir das brauchen. Eine alleinstehende Frau kann nicht…«
»Nein«, unterbrach sie mich, was normalerweise nie vorkommt, weil sie es für unhöflich hält. »Ich habe nicht gefragt, ob du glaubst, dass du das brauchst. Ich habe gefragt, ob du das willst
In diesem Moment erkannte ich, wenn auch nur für den Bruchteil einer Sekunde, dass das, was ich brauchte, nicht unbedingt dasselbe sein musste wie das, was ich wollte. Wollte ich damals heiraten? Das weiß ich nicht. Will ich es jetzt? Ich weiß es immer noch nicht.
Aber da ist immer dieses furchtbare Gefühl, dass ich etwas sehr Wichtiges im Leben einfach verpasse, und das kann ich nicht abschütteln. Manchmal sind Marys Antworten auf alle Fragen, die das Leben betreffen, zu einfach. Ob sie nur auf Männer steht, die sie nie haben wird, oder eine verkappte Lesbe ist oder einfach nur das Alleinsein genießt, keine Ahnung. Aber obwohl sie vielleicht anders denkt, kann sie nicht die Tatsache ignorieren, dass sie eines Tages jemanden brauchen wird, der sie versorgt. Wo wird sie leben? Was wird sie essen? Wie wird sie das Geld verdienen, das sie braucht, um ihre geliebten Bücher zu kaufen? Das ist der Grund, warum Charlotte William Collins geheiratet hat: Eine Frau braucht ein Dach über dem Kopf und Essen auf dem Tisch.
Ich kam an jenem Abend nicht dazu, Mary mit diesen Fakten zu konfrontieren, denn plötzlich hatte ich eine brillante Idee, die mir noch nie zuvor gekommen war – hauptsächlich weil ich das nie für möglich gehalten hätte. Mein Vater konnte mir zwar verbieten, unverheiratete Exemplare des männlichen Geschlechts zu treffen, aber nicht, meine Schwester zu besuchen. Ich hatte Elizabeth schon eine Ewigkeit nicht gesehen.
Aber bereits kurz nachdem ich sie hatte, wurde mir bewusst, dass die Idee vielleicht doch nicht so brillant war. »Ich werde viel zu viel Zeit mit einem Ehepaar verbringen«, meinte ich, besorgt, dass ich meine Schwester um ihr Glück beneiden könnte. Denn wenn Lydias Beziehung mit Wickham die Hölle auf Erden war, musste Elizabeths Ehe mit Darcy der Himmel sein.
»Aber so wirst du nicht auf Marias Hochzeit gehen müssen, und ein Tapetenwechsel würde dir bestimmt gut tun«, lautete Marys logischer Einwand.
Alles wurde mit meinen Eltern besprochen, Briefe wurden nach Pemberley geschickt, und schon bald antwortete Elizabeth, dass sie und ihr Mann mich gerne für eine Weile bei sich aufnehmen würden. Die Tatsache, dass »eine Weile« mit einer bestimmten Hochzeit zusammenfallen würde, störte meinen Vater nicht, denn auf Hochzeiten lernte man neue Menschen – und Männer – kennen, und genau das wollte er ja nicht. Was meine Mutter angeht, so wie sie nun mal ist, verließ ich mich erfolgreich auf ihre Unfähigkeit, zwei und zwei zusammenzuzählen.
Und jetzt, kaum zwei Wochen später, sitze ich in der Kutsche, zum ersten Mal in meinem Leben allein unterwegs, und dann sogar gleich nach Pemberley! Ich habe ein Gefühl, dass diese Reise unvergesslich wird.
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