proletarian.

GeschichteDrama, Romanze / P16
Eustass 'Captain" Kid Killer Monet Nojiko Penguin Trafalgar Law
03.04.2018
11.02.2019
30
99929
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This one's for the workers who toil night and day
by hand and by brain, to earn your pay.
Who for centuries long past for no more than your bread,
have bled for your countries and counted your dead.
-     Dropkick Murphys, Worker’s Song


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1902.

Die Luft ist staubzerfressen. Jedes Mal, wenn du einatmest, kannst du hören, wie deine Lunge rasselt und mit den zahlreichen Partikeln um dich herum kämpft. Entkräftet drückst du ein Taschentuch auf deine Lippen. Rauch, Asche, feuchte Hitze, Dämpfe... Pechschwarzer Ruß sammelt sich auf deinem Kleid und zieht sich in jede Faser. Mit Sorge schaust du auf die Verfärbungen, weißt, dass deine Mutter darüber nicht erfreut sein wird. Hoffentlich schimpft sie nicht zu arg... Du ärgerst dich bereits, dass du an diesem Morgen nicht nach etwas Älterem gefragt hast. Wenn du Glück hast, wird eine der Küchenfrauen das Kleid für ihre Töchter mitnehmen, denn eigentlich würde es dir das Herz brechen, müsstest du diesen marineblauen Traum aus Stoff wegwerfen.

Deine schwarzen Lackschuhe werfen bei jedem Schritt einen Hall von sich. Je weiter ihr lauft, desto lauter wird es um euch. Pfeifen, Stampfen, Dröhnen, Quietschen... Deine Ohren sind an diese Geräusche nicht gewöhnt. Sie machen dir Angst. So hebst du vorsichtig eine Hand und umschließt damit die Finger deines Bruders, der sich umdreht und dich verwundert mustert. Er ist mit seinen sieben Jahren nur zwei Jahre älter als du und kaum einen Kopf größer, dennoch hat er einen Mut, von dem du nur träumen kannst. Es scheint dir, als könnte ihn nichts in dieser Welt erschrecken und das bewunderst du. „Es ist alles gut“, flüstert er dir mit einem aufmunternden Leuchten in seinen dunkelblauen Augen zu. Ihr folgt den drei erwachsenen Männern vor euch. Du fühlst dich stärker durch die Verbindung zu deinem Bruder und beschleunigst deine Schritte, damit deine kurzen Beine das Tempo der Gruppe halten können.

Bald erreicht ihr eine schwere Metalltür. Einer eurer Begleiter läutet eine Glocke, woraufhin ein Knarzen ertönt und der Eingang zu eurer Seite langsam aufgeht. Du erkennst zwei Männer, jung und dünn, die sich unter Ächzen gegen die Tür drücken und sie für euch öffnen. Anschließend begrüßen sie höflich deinen Vater und schauen zu, wie ihr an ihnen vorbeischreitet. Du bist neugierig, musterst sie genau, denn sie sehen ganz anders aus als die anderen Erwachsenen, die du kennst.

Die beiden Männer vor dir sind hager. Du erschrickst vor dem Dreck, der ihre Körper färbt und rümpfst deine Nase, als du näher trickst und einen beißenden, süßlichen Geruch wahrnimmst. Am liebsten würdest du ihnen sagen, dass es Zeit für ihr Bad ist – so wie es dein Kindermädchen immer sagt, wenn du im Garten spielen warst. Doch es erscheint dir unhöflich und so verkneifst du dir jeden Kommentar. Kurz blickst du auf ihre viel zu weiten Hosen, ihre Hemden mit dunkeln Rändern und die ausgedehnten Hosenträger. Erst am Ende legst du deinen Kopf in den Nacken und schaust in ihre Gesichter. Als du ihre Augen triffst, ziehst du scharf nach Luft – ihre Haut ist schwarz vom Staub, durchzogen von Linien, die sich zahlreiche Schweißtropfen gebahnt haben. Allein ihre Augen strahlen dir rotunterlaufen entgegen. Ihre Blicke sind dir nicht wohl gesinnt, deinen niedlichen schwarzen Locken und dem schönen Kleid, das du trägst. Nein; bedrohlich mustern sie dich mit verzerrtem Mund. Noch nie zuvor hat dich ein Erwachsener so betrachtet – nicht einmal Miss Johnson, wenn sie wütend war, weil du nicht gelernt hattest. Vor Schreck hältst du ihren Blicken trotzdem stand. „Komm schon, lass uns gehen“, drängt mit einem Mal die Stimme deines Bruders. Verstört beißt du die Zähne aufeinander und bist froh, dass er dich hinter sich herzieht.

„Nicht mehr lange und wir werden uns das zweitgrößte Werk in Thetford nennen dürfen“, ruft der Mann zur Seite deines Vaters mit vor Stolz geschwelter Brust, breitet die Arme aus und deutet auf den weiten Innenraum der Industriehalle, die ihr soeben betreten habt. Zwar kannst du bereits die Maschinen hören und den Gestank wahrnehmen, der sich um euch legt, doch wagst du noch nicht aufzublicken. Law, dein Bruder, kniet sich hinab, greift dich an den Oberarmen und sieht dir ernst ins Gesicht: „Reiß dich zusammen. Kopf hoch, verstanden? Wir wollen doch nicht, dass sich Vater für uns schämen muss. Das ist schließlich seine Fabrik!“ Du schluckst schwer. „Ich werde es versuchen, Law“, murmelst du leise. Irgendwie hat dein Bruder immer im Blick was wichtig ist. Ein Grund mehr, weshalb du ihn bewunderst.

„Wir entwickeln die Technik der Zukunft! Nicht mehr lange und die Eisenbahn wird sich in jeden Winkel Großbritanniens erstrecken. - Dank Trafalgar Industrials!“ Der Mann zur Linken deines Vaters schreit enthusiastisch in die Halle hinein, laut genug, dass ihn all die Menschen, die an den Maschinen arbeiten, hören. Es reagiert kein einziger. Deine Augen wandern zu deinem Vater. Er steht kerzengerade mit breiten Schultern, kleine blaue Augen unter markanten, schwarzen Brauen. Sein Anzug sitzt perfekt, legt sich um die Konturen seines Körpers und gibt ihm eine autoritäre Aura. Seine Gestalt verleiht dir Respekt, gleichzeitig liebst du ihn wie nichts Anderes auf dieser Welt. Für dich ist er ein Mann, der eine Antwort auf alle Fragen hat und dich für immer beschützen wird.

Ein ohrenbetäubender Knall erschüttert die Fabrikhalle ohne jede Vorwarnung. Erschrocken und unter einem Aufschrei drückst du dir die Hände auf die Ohren, kneifst die Lider fest aufeinander und spürst unter aufkeimender Panik, wie der Boden unter dir vibriert. Dem ersten folgt ein zweiter Aufprall, der dich von den Füßen reist. Dein Atem geht schnell, dein kleines Herz schlägt, als würde es dir aus der Brust springen wollen. Dieser Ort ist schaurig, laut und dreckig. Die Menschen wirken gemein und niemand scheint sich für dich zu interessieren. Du kannst nicht im Geringsten verstehen, wieso all diese Menschen hier freiwillig arbeiten wollen...

Als es wieder leise wird und du die Augen öffnest, siehst du an dir hinab. Mit schmerzverzerrtem Gesicht streichst du über dein Knie, wobei deine weiße Strumpfhose noch dreckiger wird als sie ohnehin schon ist. „Nun hilf deiner Schwester auf die Beine. Der mechanische Schlaghammer hat sie wohl etwas überrascht“, hörst du die tiefe Stimme deines Vaters fordern und spürst bald darauf Laws Hand, die dich packt und nach oben zieht. „Entschuldigung, Sir“, nuschelt dein Bruder dabei und wirft dir einen erzieherischen Blick zu. „Alles in Ordnung?“ Dein Vater sieht zu dir herunter, kurz treffen sich eure dunkelblauen Augen, bis du die Lippen zusammenpresst und entschlossen nickst. Es wäre dir unverzeihlich, würde dein Vater Tränen sehen.

Endlich blickst du dich um. Vor euch erstrecken sich mehrere große Maschinen aus denen heißer Dampf strömt, der auf deiner Haut brennt. Gleichzeitig hast du das Gefühl, dass der Gestank des Rauches zugenommen hat, sodass du abermals dein Taschentuch hervorholst und es dir auf den Mund drückst. „Kohle für die neuen Dampfmaschinen – wahre Wunderwerke sage ich Ihnen!“, schreit einer der beiden Männer gegen den Lärm. Du weißt zwar nicht, was diese Maschinen sind und wofür sie genutzt werden, dennoch verstehst du, dass diese Männer die Fabrik deines Vaters loben und das macht nicht zuletzt auch dich stolz.  

Überall wimmelt es. Zahlreiche Arbeiter laufen umher, allesamt sehen sie aus wie die zwei, die euch die Tür geöffnet haben: Verschwitzt, dreckig und mit einem angriffslustigen Blitzen in den Augen; vorwiegend Männer, wenige Frauen. Einige riechen wie der Whiskey deines Vaters.

„Schau Law!“ Als die Stimme deines Vaters erklingt, wendest du dich wieder eurer Gruppe zu. „Spürst du es? Natürlich! Das liegt uns Trafalgars im Blut: Wir spüren Erfolg. Wir spüren, wenn Geschichte geschrieben wird - wenn die Welt verändert wird! Trafalgar Industrials!“ Für seine Verhältnisse ungewöhnlich beginnt dein Vater laut zu lachen. Du hörst den Stolz in seiner Stimme und hebst dein Kinn in blanker Freude. Das hat unsere Familie geschafft. Wir! Als du auf deinen Bruder guckst, lupfst du jedoch verwundert eine Braue. Sein Gesichtsausdruck ist vollkommen neutral, keine Anzeichen von Emotionen, gar nichts. Unbewegt von den Worten eures Vaters starrt er geradeaus und legt neugierig den Kopf schief.

Irritiert verfolgst du seinen Blick, bis du zu erkennen meinst, was deinen Bruder so sehr fasziniert. Wenige Meter von euch entfernt, am Fuße einer der größten Maschinen der Halle, steht ein junger Mann. Dir fällt sofort auf, dass er größer ist, als die meisten anderen. Er ist dünn, doch alles andere als schlaksig. Seine Schultern sind breit; sein Kreuz gerader als das deines Vaters. Die Arme des Mannes sind in Schwarz getränkt. Es wirkt nicht wie einfacher Ruß. Er ist bedeckt von einer zähen Flüssigkeit, die an seiner Haut klebt, als würde er sie ausschwitzen. Schau nicht hin! Diese Menschen sind voller Sünde, verrotten im Innern und tragen den Dreck stolz wie der Teufel nach außen. Schau nur nicht hin, mein Kind! Worte deiner Großmutter schießen dir durch den Kopf und lassen dich erzittern. Ob sie damals Recht hatte, als sie über die Hafenarbeiter sprach? Bisher hieltest du es immer für Gruselgeschichten, doch nun – bei dem Anblick dieses Mannes – beginnst du zu zweifeln. Kaum haben deine Augen ihn erblickt, fallen dir seine Haare auf: Ein so leuchtendes Rot wie glühende Kohle hast du noch nie zuvor gesehen, so grell und fremdartig in der grauen, eintönig dunklen Maschinenwelt. Das Feuer auf seinem Kopf spiegelt sich auch in seinen Augen wieder – fast Weiß auf die Entfernung und mit einem Ausdruck, der dir kalte Schauer über den Rücken laufen lässt.

„Wer ist das?“, fragst du leise und klammerst dich an den Ärmel deines Bruders. Dieser zuckt mit den Schultern. Schweigen füllt die Luft und pocht gegen die heiße Fabrikluft. Spannung steigt wie Rauch aus den Kohleöfen, bis mehrere in ihrer Arbeit innehalten und neugierig verfolgen, was passiert. Am Ende drehen sich auch die Begleiter deines Vaters um, wirken verdutzt, wobei einer entnervt aufseufzt. „Donnelly, du irischer Nichtsnutz!“, ruft er durch die Halle und schreit allem Lärm entgegen. Der Name entlockt dem Angesprochenen ein zufriedenes Grinsen. „Eustass Donnelly... Hast du deinen kleinen Arbeiterarsch nicht schon in genug Dreck stecken? Geh an die Arbeit und halt deinen verlausten Mund!“, beschwert sich der zweite Mann an eurer Seite. Der Rotschopf euch gegenüber lacht laut auf und bleckt die Zähne. „Na wie wo, McCarthy, als ob ich etwas Böses vorhätte...“, erwidert er ohne jeglichen Anflug von Respekt oder Angst vor Konsequenzen, die sein aufmüpfiges Verhalten mit sich bringen könnten. Du bist erstaunt, welch tiefe Stimme aus seinem sehnigen Körper kommt.

Dein Vater tritt an deine Seite. Du verfolgst, wie er die Arme vor der Brust verschränkt und den rebellischen Arbeiter argwöhnisch betrachtet. Es wundert dich, dass er noch nichts gesagt hat, sondern stattdessen seine Handlanger die Arbeit machen lässt. Euer Begleiter macht weiter: „Das wären ja mal ganz neue Allüren...“ Er tritt provokant in einen Ausfallschritt, doch sein Gegenüber bleibt davon unbeeindruckt. Der Arbeiter hebt lediglich seine Schirmmütze, fährt sich durch die Haare und verteilt die dunkle Flüssigkeit von seinen Armen. In einer beängstigenden Seelenruhe redet er weiter: „Ich dachte nur... Da wir doch die Welt verändern und son Scheiß...“, sein Blick wandert zu deinem Vater, „wo wir schon so wichtig sind, da kann ich es doch nicht versäumen, meinem Sohn zu zeigen, wem er das alles zu verdanken hat.“

Es wird stiller in der Halle. Immer mehr Maschinen kommen zum Stillstand. Inzwischen hat sich sogar eine Traube von Menschen um euch gebildet, verfolgt zum Teil neugierig und zum anderen besorgt die Geschehnisse. Dein Vater bleibt weiterhin stumm. Law legt schützend einen Arm um deine Schultern und du lehnst dich dankbar gegen seinen warmen Körper.

„Hey! Kid!

Die düstere Stimme des Arbeiters schallt durch die Halle. Die Menschengruppe schaut sich um und während du ihren Blicken folgst, hebst du irritiert deine Augenbrauen. Wenige Sekunden später erkennst du eine Bewegung in der Masse. Einige Arbeiter treten an die Seite, senken ihren Blick, bis sich eine winzige Hand an ihnen vorbeischiebt und ein kleiner Körper zum Vorschein kommt: Eine winzige Ausgabe des rothaarigen Arbeiters. Der Junge, der auf dem Schauplatz erschienen ist, schaut kurz zu euch, dann legt er seinen Kopf in den Nacken und blickt hinauf zum hochgewachsenen Mann mit dem Mangel an Respekt. „Was?“, entgegnet er frech und mit dem gleichen aufmüpfigen Grinsen, das auch sein Vater im Gesicht trägt.

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Eine neue FF mit einem neuen Profilnamen und natürlich, wie sollte es anders sein, geht es u.a. um Kid ;)
Ein rebellischer Arbeiterjunge und ein junges Mädchen aus einem bürgerlichen Haushalt in einer Welt, in der
soziale Ungerechtigkeit in menschenunwürdigen Verhältnissen abgesegnet wird – da kann man was draus machen.

Die Geschichte verfolgt mich nun schon seit ein paar Monaten. Ich selbst stamme aus einem Arbeiterhaushalt,
habe mich im Studium mit Familien der Arbeiterklasse beschäftigt und freue mich, das Thema hier aufgreifen zu können.
Anregung zu dieser FF ist der OS Industrial Revolution - Fabrikkinder, den ich vor einiger Zeit geschrieben habe.
Der Prolog orientiert sich stark daran, wurde aber hier und da verändert, angepasst und gekürzt.  

Über die Hälfte der Geschichte ist bereits geschrieben und wird nun noch einmal editiert und dann hochgeladen.
Dabei würde ich mich freuen, Tipps, Anregungen und Feedback von euch zu bekommen,
die ich dann bei der endgültigen Überarbeitung berücksichtigen kann.

Was sagt ihr zum Auftakt und insbesondere was sagt ihr zum Schreibstil?
Die Perspektive ist noch recht neu für mich, macht aber Spaß in der Umsetzung.

Ich freue mich von euch zu hören. Man schreibt sich,
LG, Wortfitzel