NIMUKA MONOGATARI 4: Im Unterland

von Nimuka
GeschichteFantasy, Übernatürlich / P12
Nimuka Prinz Chagum Saya Tanda Torogai Toya
03.04.2018
03.04.2018
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DAS DORF DER AHNEN (Yimun)

1. Das Haus Shimai
Ihr erster Reisetag verlief ohne nennenswerte Zwischenfälle. Sie kamen abends zeitig in Nogo an und Nimuka war froh darüber, dass sich Yuki gut gehalten hatte. Er war zwar buchstäblich hundemüde, aber er lahmte nicht oder dergleichen. Nur hungrig war er über alle Massen. Unterkunft fanden sie bei Tandas Anverwandten der Shuwa-Sippe. Nimuka unterdrückte ihren Wunsch Ronya zu treffen, denn sie wusste um die drängende Unruhe Tandas.
Am nächsten Tag wanderten sie über Somé nach Yimun, welches sie am späten Nachmittag erreichten. Yimun war um einiges größer als das Straßendörfchen Somé, das nur wenig mehr als ein Umschlagplatz, der umliegenden Reisbauern war. Sie durchquerten es ohne Halt, Tanda wollte nicht unnötig Aufsehen erregen, es war ungewöhnlich genug, dass er mit einer Halbwüchsigen aus einer anderen Sippe unterwegs war. Er war mit Nimuka übereingekommen, dass er sie für die ersten zwei Mondviert bei Yugas Schwester lassen würde, damit er zuallererst seinen vernachlässigten Apothekergeschäften nachgehen könne, um daraufhin ihren Unterricht wieder aufzunehmen.
Als sie in Yimun eintrafen, musste sich Nimuka erst zurechtfinden. Sie war bereits zwei Mal an einem Frühlingstreffen vor Ort gewesen, erinnerte sich allerdings nur an das zweite Mal richtig. Yimun wurde geteilt und geprägt vom Aoyumi. Im Norden, aus dem sie kamen, unmittelbar am Brückenkopf, befand sich der große Marktplatz, von dem, halbsternförmig, Straßen und Gassen abgingen. Dieser Teil war das ursprüngliche alte Yaku-Dorf. Auf der anderen Seite der Brücke hatte sich seit der Eroberung durch die Yogo, ein neuerer, kleinerer Dorfteil gebildet, der Yogo-Yimun genannt wurde. Hier waren die Häuser etwas vornehmer geraten und meist von Yogostämmigen bewohnt. Der Festplatz hingegen – fest in Yaku-Hand – war seit je her auf der alten Seite im Nordosten auf einem Hügel mit Sicht auf den Aoyumi installiert. Daran erinnerte sich Nimuka genau. Das Haus von Tante Tamai war nicht weit davon entfernt, Richtung Marktplatz, gelegen. Mit ihren Cousins, Tameku und Mileko, hatte sie damals lustige Jagden vom Festplatz dahin veranstaltet und obwohl das nun schon einige Jahre her war, fand sie das Haus relativ rasch wieder. Als sie erwartungsvoll angeklopft hatte, erschien ihnen hingegen eine junge Yaku, mit einem Kind auf dem Arm, die ihr fremd war und die ihnen bedeutete, Shimai und Tamai seien nach Yogo-Yimun umgezogen, ihr neues Heim läge Dorf auswärts, es sei das letzte, unmittelbar an der rechten Straßenseite, sie könnten es nicht verfehlen.
So machten sie kehrt und überquerten die Brücke, die an beiden Seiten von je zwei trutzigen Wachtürmen gesäumt war. Die Wachen musterten sie zwar misstrauisch, aber es gab keinen Grund sie aufzuhalten. Die Häuser waren hier größer, schmucker geraten und ausnahmslos zweigeschossig gehalten. Unschwer fanden sie das letzte Haus an der Straße, das etwas zurückversetzt lag und von einer Hofmauer umgeben war. An einem eingelassenen Tor klopften sie. Durch ein Fensterchen rechterhand nahmen sie Bewegung wahr, ein blasierter Mann, den Nimuka noch nie gesehen hatte, öffnete ihnen und sah sie kritisch an, so, als ob sie Bettler wären. Tanda ergriff das Wort und vermeldete, die Tochter des Bruders von Tamai wünsche Einlass – ein Empfehlungsschreiben liege vor. Der hellhäutige Mann tat einen entschieden misstrauischen Blick auf Yuki, ließ sie dann aber mit einem knappen Nicken ein und führte sie über einen, mit Steinplatten verlegten, Weg zu einem stattlichen, zweistöckigen Haus, an den Rand der, vom Boden abgesetzten, Veranda. «Den Hund bindet mal schön hier an.» ließ er dezidiert von sich vernehmen. Yuki schaute Nimuka etwas verdutzt an, als sie seine Leine an einem der Holzpfosten fest zurrte. Sie hingegen staunte, als sie die dunklen Stufen empor stieg. Solch ein prächtiges Yogo-Haus hatte sie noch nie betreten! Alles war aus dunklem Holz gehalten, richtig vornehm, befand sie. Der Diener hieß sie in einem schlichten Empfangsraum zu warten und verschwand hinter einer Schiebetüre.
Es dauerte eine geraume Weile, bis eine großgewachsene Frau, in einem langen dunkelgrünen Kleid, den Raum betraf. Nimuka ergriff das Wort: «Tante Tamai! Wohl und Heil der Sippe Yimun! Wie schön Euch wiederzusehen! Ich soll euch von meinem Vater grüßen» «Nimuka! Du hier!? Das ist aber eine Überraschung!», entfuhr es ihr, «Und ihr, der Herr?» «Tanda der Shuwa, Heiler aus Yashiro, zurzeit in der Funktion als Lehrer Nimukas.» «Ah, interessant... nun denn... », sagte sie und breitete ihre Arme in einer verlegenen Andeutung aus. «Tretet ein!» Sie entledigten sich ihrer Schuhe, Tamai schob die Türe zurück und ließ sie in einen Raum mit Reisstrohmatten, niederem Tisch und Sitzkissen eintreten. «Keta, bring Tee und eine Erfrischung, die Leute sind weit gereist und bis zum Abendessen geht es noch eine geraume Weile.» Der Diener verschwand hinter einem Türvorhang. Nimuka entnahm ihrem Gepäck, das sie in einem Tuch zusammengebunden hatte, die Briefrolle und überreichte sie Tamai. «Von meinem Vater», sagte sie feierlich. «Kann er nun schreiben?!», lächelte sie leise und es schien Nimuka, als schwinge eine Spur Spott in ihrer Stimme mit. Doch sie schwieg und beobachtete Tamai eingehend, während diese die Briefrolle überflog. Die Runzeln auf ihrer breiter Stirn wurden zusehends tiefer und das dezent hell gepuderte Gesicht offenbarte deutliche Falten um den Mund, als das Begrüßungslächeln langsam auf ihm erlosch. Nimuka wusste, dass Tamai keine Wahl blieb – nach Yaku-Sitte war sie als Tante verpflichtet Yugas Bitte nachzukommen. Nun tat sie eine ärgerliche Handbewegung «Ihr gedenkt sie hier zu lassen?», fragte sie Tanda direkt ins Gesicht. Dieser nickte leicht «Ja, für die nächsten zwei Mondviert, dann schicke ich meinen Onkel, sie abzuholen.» «Bei euch kann sie nicht wohnen?» Nimuka zuckte leicht. Tamai überschritt mit dieser Frage zweifellos die Grenze zur Unziemlichkeit. Das hatte sie nicht erwartet, dass sie nicht willkommen sein würde. «In dieser Zeit nicht», antwortete Tanda sachlich. Tamai atmete verdrießlich aus. Keta brachte Tee und Gebäck.
Eine kurze Zeit war es  still, nur das Klirren der zarten Tässchen war zu hören. Sie sahen teuer aus. Sicher stammen sie aus dem Land Chin, dachte sich Nimuka. Sie war sich nicht wohl in ihrer Haut. «Wir haben euch erstlich in Yimun gesucht; wann seid ihr umgezogen?», verlegte sie sich auf ein unverfängliches Thema. «Letzten Herbst», antwortete Tamai knapp und fügte an: «Shimai macht mit dem Handel gute Gewinne, so konnten wir  dieses Haus bauen lassen.» «Ah schön...» «Und wie geht es im verschlafenen Tomi so?», kam’s spitz zurück. Nimuka erzählte von Soya, Yuga und Nandé und erwähnte, wie nebenbei, dass Prinz Chagum von Yogo letzten Herbst bei Ihnen Auskunft eingeholt habe. «Auskunft!?» schnaubte Tamai darauf sichtlich schockiert und rief aus: «Wohl kaum! Er ist der wiedergeborene Torugaru und wird dereinst den Thron besteigen! Das ist eine große Ehre für unser Volk. Im Frühsommer gab es darob eine rauschende Feier, mei, was war das ein üppiges Fest! Welche zur Schau gestellte Pracht! Wir müssen wirklich dankbar sein!» Etwas Schwärmerisches, in dem sie sich für einen Moment zu verlieren schien, war in ihren Blick getreten. Plötzlich wurde sie wieder ernst. «Ihr bliebt über die Nacht?», fragte sie übergangslos zu Tanda gewandt. «Wenn es euch beliebt. Nach Yashiro schaffe ich es heute kaum mehr», antwortete dieser geschliffen. Sie nickte. Als der Diener wieder eintrat, befahl sie diesem, die Gäste ins hintere Gästezimmer zu führen. Dann erhob sie sich und ließ geschäftig vernehmen, sie habe noch Etliches zu erledigen bis zum Abendmahl. «Wo kann ich den Hund unterbringen, liebe Tante?» fragte Nimuka so unverfänglich wie möglich. Tamai blitzte sie an: «Einen Hund hast du auch dabei!?» Nimuka tat so, als wenn sie Tamais Ärger nicht bemerken würde. «Ja, ein Geschenk von Yuga, einen ganz jungen... zu meinen Ersten Homoto!» «Ach... gibt es diese alten Tänze immer noch...», seufzte Tamai abwertend. «Keta, gebt dem Hund einen Platz neben dem Stall!», befahl sie. Keta nickte und verbeugte sich leicht. Er führte Tanda und Nimuka durch einen langen Gang in den hinteren Teil des Hauses, zeigte ihnen Bad und Abtritt und wies ihnen ein geräumiges, helles Zimmer zu.
Als sie alleine waren, schmunzelte Tanda: «Du hast dich keck gehalten, bei soviel Unhöflichkeit.» Nimuka lächelte säuerlich: «Ablehnung zu ertragen bin ich mir von meiner Mutter gewohnt...» «Ist deiner Tante der Reichtum in den Kopf gestiegen?», mutmaßte Tanda. «Vielleicht, ich habe sie viel freundlicher in Erinnerung.» «Was macht ihr Mann?» «Ich glaube er handelt mit Metallen, aber im großen Stil...» «Hm...», machte Tanda, «ein einträgliches Geschäft, fürwahr...»
Als es dunkelte, wurden sie von Keta aufgefordert, ihm zu folgen und in einen großen Raum geführt, wo auf niederen Tischen schon eine ganze Reihe Leckereien aufgetischt waren: Verschiedene Arten Fisch, Hühnerfleisch, Reis, Hirse, Gemüse, Krüge mit Fruchtsäften und Reiswein. Fünf Personen erwarteten sie und saßen bereits zu Tische. Auf der einen Seite das Paar Shimai und Tamai, flankiert von Tameku und Milek und auf der anderen Seite ein kleines Mädchen, das Nimuka zum ersten Mal sah. Tanda setzte sich den Eheleuten gegenüber, während sich Nimuka zwischen ihn und die Kleine platzierte. Shimai, mit glattem, unverbindlichem Gesicht begrüßte sie förmlich und stellte sich vor. Er war ein stattlicher Mann, mit breitem geschwungenem Mund, hoher Stirn, einer geraden Nase und intelligenten Augen. Er war auffallend hellhäutig und trug die typische Yogo-Tracht, ein beiges, zweiteiliges, teuer wirkendes Gewand mit großem Kragen, darüber war sein schwarzes Haar nach Herrenart am Hinterkopf verknotet.  Sein Alter war schwer zu schätzten, aber er musste wie Tamai um die Vierzig sein. «Hola Nimuka», sagte lässig Tameku, ihr gegenüber. Seine Stimme klang irgendwie brüchig. «Hey Tameku! Freut mich Dich wiederzusehen!» strahlte Nimuka auf – mit ihm hatte sie es vor einigen Jahren richtig lustig gehabt. «Immer noch in Kinderkluft?», kam’s jetzt hingegen recht kühl zurück. Tameku war ziemlich aufgeschossen, er mochte nun – Nimuka rechnete – um die vierzehn sein. Etwas Entscheidendes schien sie zu trennen. «Ich habe diesen Frühling meinen ersten Homoto getanzt, das war lustig!», gab sie unbekümmert zu verstehen. «Homoto-Hüpfen! Doof! Das werd ich zum Glück nie müssen, gel Pa», brach es aus dem kleinen Mileko hervor. Shimai nickte ihm wohlwollend zu. «Die Yakufeste sind bedeutungslos geworden», sagte er nur in herblassendem Ton. Damit war das Thema beendet. Nimuka verstummte und widmete sich wieder dem vorzüglichen Essen.
Tamai durchbrach die peinliche Stille die entstanden war: «Das ist Sayumi, unsere Jüngste», sie zeigte auf das kleine Mädchen neben Nimuka. In ihrem gelben Seiden-Kleidchen wirkte sie wie eine kleine Prinzessin. Sie kuckte kurz zu Nimuka auf und lächelte verschmitzt. «Ich bin die Nimuka, deine Cousine!», sagte Nimuka  leise und beugte sich lächelnd zu ihr. «Ich weiß, Mama hat gesagt, du kommst hier putzen», prustete sie hinaus. Verhohlenes Gelächter ging durch die Runde. Sayumis ovales Gesichtchen, gerahmt vom halb hochgesteckten Haar, war ganz gerötet. Nimuka ließ sich nichts anmerken. «Ja», sagte sie, «ich wohne eine Zeit mit euch.» Shimai wandte sich indessen an Tanda «Wollt ihr der Kleinen wirklich diesen alten Hokus-Pokus lehren?», fragte er unverblümt. Tanda gab unbeirrt zurück: «Sie hat Talent!» «Talent!?» Shimai lachte geradewegs hinaus. «Als Märchentante!?» Tameku und Mileko grinsten. «Nun mal wirklich, Tanda-San», setzte er wieder an, «glaubt ihr nicht auch, dass diese Geschichten langsam ausgedient haben?» Tanda zuckte die Schultern, er verbiss sich eine markige Bemerkung über den Nyung Ro Chaga. «Nun, zugegeben, es sind die Geschichten der Yaku – für euch, als Yogo, mögen sie wertlos sein, das kann ich verstehen», wich er diplomatisch aus.
Nimuka musste plötzlich an die Worte der Mutter Mora denken, dann meldete sie sich mit überraschend klarer Stimme zu Wort: «Ihr habt sicher Recht, verehrter Shimai-San, was heute noch gilt, kann morgen schon bedeutungslos sein, weil über Nacht eine neue Ordnung sich festigte. Das kann den Baum der Yaku treffen, genauso wie den Baum der Yogo. Wichtig scheint mir für das Überdauern des Einen wie des Anderen, einzig seine Verwurzelung in der Erde der Heimat.» Einen Moment waren alle paff. Tanda am allermeisten. Auch Shimai brauchte einen Augenblick sich zu fassen. «Stammt das aus dem Lande Chin, Nim'ka?», fragte er mit einem süffisanten Lächeln auf den Lippen. «Nein», antwortete Nimuka, «ich lehre bei Schamane Tanda.» «Angeberin!» schnalzte Tameku leise dazwischen. Niemand beachtete ihn. Tanda schien aus seiner Starre zu erwachen: «Wie gesagt, Nimuka hat Talent!», lachte er übertrieben laut los. «Kürzlich gar, hat sie mich mit Fragen über die Natur der Zeit bedrängt, ob sie sich falten ließe zum Beispiel oder umkehren – gar aufheben! Woher das Mädchen diese Ideen hat, ist mir rätselhaft. Dann wieder bekommt sie diesen glasigen Blick und errät mühelos die Gedanken der Leute oder antwortet freimütig auf Fragen, die niemand gestellt hat, die aber immanent wichtig sind! Stellt Euch vor! In Tomi waren sie schon ganz durch den Wind, wegen dem Wirbel, den das Mädchen  ständig verursacht hat und haben mich gerufen, diesen unbändigen Freigeist soweit zu zügeln, dass er wenigstens nicht ständig in seine selbstgestellten Fallen läuft... also, wie soll ich sagen...» Tanda brach ab und kratzte sich, die Stirn runzelnd, am Hinterkopf.  Nun musste Nimuka grienen. Auch Shimai und Tamai lächelten, wenngleich etwas hohl, mit. Nur schien es, als hätten sie eben etwas von ihrer zur Schau gestellten Überheblichkeit eingebüsst.
Das Thema wurde jedenfalls an diesem Abend nicht mehr angeschnitten und Tanda und Nimuka war das nur recht. Die zwei Buben verließen als erste den Tisch, Nimuka würdigten sie dabei keines Blickes. Was Tameku betrifft, tat es ihr weh, dass er offenbar nichts mehr von ihr wissen wollte. Auf ihn hatte sie sich gefreut. – Eine mittelgroße, drahtige Magd mit verhärmtem Blick und zerkniffener Miene trat indessen ein und nahm Sayumi in Empfang. Diese wirkte wenig erpicht, mit der Kinderfrau zu gehen und wollte aufbegehren. Ein strenger Blick Tamais ließ sie verstummen. Schließlich zogen sich Nimuka und Tanda auch zurück. Letzterer verabschiedete sich höflich von Shimai, da er ihn morgen vor seinem Aufbruch nicht mehr sehen würde. Zurück in ihrem Zimmer lachten sie beide hinter vorgehaltener Hand. «Ich finde, wir haben uns nicht schlecht geschlagen!», griente Tanda und Nimuka nickte eifrig mit dem Kopf. «Vorallem das mit den 'glasigen Augen' war gut! Das muss ich unbedingt mal ausprobieren!», lachte sie.
Am nächsten Tag brach Tanda zeitig auf. Sie wussten beide, dass es nur ein Abschied auf kurze Zeit war. Hingegen nahmen beide wahr, dass sie nun vier Monate fast Tag für Tag gemeinsam verbracht hatten. «Ganz einfach wird es für dich wohl hier nicht werden», ließ Tanda etwas besorgt von sich vernehmen. Nimuka nickte ernst. «Es wir schon gehen, Yuki ist auch noch da», sagte sie tapfer. «Also, wenn etwas schief läuft, geh nach Yashiro, frag nach meinem Onkel, Watanabe von den Shume. Er wohnt in der Nähe des öffentlichen Bades, wenn du dort jemanden fragst, führt er dich sicher zu ihm. Er kann dich dann zu mir bringen. Ansonsten holt er dich am ersten Tag nach dem Ruhetag, nach zwei Mondviert hier ab, halte dich bereit!» Er legte kurz seine Hand auf ihre Schulter «Danke... Sensei... danke», lächelte sie verlegen. «Bis bald!», sagte er leise und wandte sich zum Gehen.
Kaum war Tanda weg, als auch schon die Kinder-Magd, mit dem verkniffenen Ausdruck im Gesicht auftauchte und Nimuka eröffnete, sie müsse nun im Bedienstetenanbau ein Zimmer beziehen, das große Gästezimmer werde gebraucht. Das neue Zimmer im hinteren Teil war klein, etwas düster und roch nach Mäusepisse. Eine niedere Liege, ein kleines Tischchen, eine Sitzmatte und eine Truhe, war die einzige Ausstattung. Es lag gleich neben jenem des Stallmeisters Kansa. Allesamt komische Leute hier, befand Nimuka seufzend. Keta neugierig und zugleich reserviert, die Küchenmagd und Amme Nokia verbrämt, ja hinterlistig wirkend mit ihrer Scharte und der grobe Stallmeister Kansa, zwar vordergründig freundlich, sie jedoch immerzu mit so eigenartigen Blicken taxierend, welche sie nicht zu deuten vermochte. Yuki mochte ihn nicht ausstehen und knurrte regelmäßig, wenn er in seine Nähe kam.
Kurz nach dem sie ihr Zimmer bezogen hatte, ließ Tamai sie alle in die Küche rufen. Ohne Nimuka eines Blickes zu würdigen, übertrug sie die Verantwortung für sie an Nokia und Kansa. Sie solle Ihnen ganz nach deren Gutdünken zur Hand gehen und ihre Arbeitsbereiche teilen. Für sie gälten die gleichen Regeln und ihr Tagesablauf richte sich ganz nach dem ihren. Mit anderen Worten, dachte Nimuka, bin ich nun so etwas, wie die Magd der Diener... Gab es eine klarere Weise ihr zu verstehen zu geben, dass sie hier unerwünscht war?... Sie seufzte und blickte betreten zu Boden. Tamai fuhr unbeirrt im Befehlston fort: «Was das Treffen des ‚Historischen Zirkels’ am Ende des nächsten Mondvierts betrifft, soll Nimuka auf gar keinen Fall in irgend einer Weise in Erscheinung treten. Wir sind keine Yaku-Sippe hier und unsere Gäste sollen sich auf gar keinen Fall belästigt fühlen. Ist das allen klar!» Alle nickten, nur Nimuka nicht, sie stand einfach da und ließ die Arme hängen. Tamai verließ rauschend die Küche. Nokia keckerte, sie genoss es offensichtlich, dass mal jemand für sie arbeiten musste. «Na, dann wollen wir mal, Kleine» und klemmte Nimuka unsanft in den Arm. «Frühmorgens Holz für die Küche bereit stellen. Ich zeig Dir wo das ist. Frühstück zubereiten helfen, Abräumen, Abwasch, dann die Abtritte reinigen, danach gehst Du mir im Waschhaus zur Hand dann wieder in der Küche. Nachmittags wird geputzt, die Flure, Empfangsraum und so fort. Langweilig wird es dir hier sicher nicht werden, das verspreche ich dir!» «Gegen Abend kann sie mir auch im Stall helfen, das kommt mir gerade recht», polterte Kansa los und bedachte sie mit einem verheißungsvollen Blick. «Geh nun in dein Zimmer, ich bringe dir Arbeitskleider, in dieser lächerlichen Tracht, willst du doch wohl kaum arbeiten können», spottete sie hochnäsig und gab ihr einen Klaps an den Hinterkopf. Nimuka war wie betäubt. Sie ließ sich von Nokia widerstandslos in alte Kleider von Tameku stecken. «Es sind zwar Knabenkleider, aber an dir ist ja sowieso nichts dran» grinste sie lieblos und führte sie zu den Abtritten. «Hier, Kessel und Bürste, das sind vornehme Leute, die wollen es sauber haben, auch beim Scheißen! Mileko macht immer extra daneben, damit wir auch etwas zu tun haben, so waß macht ihm Spaß, ha, ha... 'lass mich da gerne von dir entlasten...» Nimuka hätte am liebsten losgeheult. Nicht wegen der Arbeit, nein, sondern weil an diesem Ort alle so gemein zueinander waren. Das konnte sie gar nicht begreifen, wo sie es doch so schön hatten und wohlhabend waren. Es war ihr, als würde ein Schatten über allem hier liegen.
Dennoch, sie schickte sich in den nächsten Tagen in die ihr zugeteilte Arbeit, ließ sich hingegen nicht mehr als nötig mit Nokia und Kansa ein – die Anderen sah sie sowieso so gut wie nie. Zu den Essenszeiten erledigte Ketu das Zudienen der ‚Herrschaften’, sie hingegen aßen alle in der Küche. Wenigstens war das Essen gut. Wann immer möglich, genoss Nokia den Freiraum, den sie durch Nimuka gewann, trödelte mit Kansa in der Küche rum oder verbrachte den halben Nachmittag mit Sayumi im Garten. Soll sie doch, dachte sich Nimuka trotzig, ICH kann hier wieder gehen während DU, DAS HIER, ist DEIN LEBEN!
Die Tage vergingen erstlich langsam, dann immer schneller. Abends fiel sie todmüde ins Bett, morgens wachte sie früh auf, wenn Kansa gegen die Wand schlug. Yuki war ihr einziger Trost, wenn sie abends mit ihm hinter dem Haus saß und mit ihm karessierte. Im Stall machte sie erstmals Bekanntschaft mit Pferden. Die Tiere faszinierten sie, sie schienen einen sehr wachen Sinn zu haben und mehr wahrzunehmen, als was man Tieren gewöhnlich zutraute. Sie waren ganz anders als Esel und ihre Grösse zollten Nimuka einigen Respekt ab. Nach dem Stallmist führen, was sie teils an die Grenzen ihrer Kräfte führte, durfte sie manchmal beim Striegeln helfen. Sie mochte die warmen Flanken, ihr Zittern und den herbsüßlichen Duft, den sie verströmten. Der linkische Kansa, mit seinen großen Händen, dem breiten Kinn, der knolligen Nase und dem ewig verschwitztem Haar, war zwar gutmütig, gleichzeitig aber, wirkte er stets auf eine Art... hinterhältig.
Einmal, gerade als Shimai von Kosenkyo zurückgekehrt war und Kansa seinen stolzen Rappen in Empfang nahm, fragte er sie, ob sie mal aufsitzen möchte. Noch als sie daran war ihren Mut zu sammeln, griff ihr Kansa von hinten in den Schritt und hievte sie auf den Rücken des Pferdes. Dieses war genau so überrascht wie sie und tänzelte einwenig. Nimuka hielt sich krampfhaft an seiner Mähne fest. Kansa grinste breit und drehte ein paar Runden mit ihr auf dem Hof. Trotz der Aufregung, genoss sie den warmen, sich bewegenden warmen Leib, zwischen ihren Schenkeln. Schließlich griff Kansa wieder unter sie und stellte sie auf den Boden ab, dabei presste er sie absichtlich gegen sich. Was drückt der auch meinen Hintern so fest? durchfuhr es Nimuka, die es an seiner Schweiß-Brust ekelte. «Lasst mich los!», rief sie und stieß ihn heftig zurück. Als sie ihn mit einem zornigen Blick bedachte, kicherte er nur blöde. Danach achtete sie darauf, dass er ihr nicht mehr zu nahe kam.
Aber nur einen Tag später, hatte Nokia Kansa Sayumi übertragen und sie weilte mit ihm im Stall bei den Pferden. Nimuka war einen Moment unbeaufsichtigt und saß in der Nähe bei Yuki und kraulte ihm den Kopf. Plötzlich hörte sie Sayumi schrill rufen: «Nein Kansa, ich will nicht... ich will nicht hier Pipi machen! Lasst mich durch!» Es klang ängstlich und verzweifelt. Nimuka runzelte die Stirn. Was ging da ab? Sie band Yuki los und führte ihn leise an den Stall heran und spähte hinein. Breitbeinig stand Kansa vor der hingekauerten Sayumi. Die Kleine wimmerte: «Lasst mich gehen, ich will nicht!» «Aber Sayumi-Chan, die Pferde machen doch auch hier, das ist überhaupt kein Problem, sogar ich! Willst du sehen?» Das Kind schüttelte heftig den Kopf. Kansa wurde immer aufgeregter «Komm... mach schon, ich mach dir dann auch wieder das Schneckchen sauber... oder... oder willst du, dass ich Nokia verrate, dass du wieder Honig abgeräumt hast in der Küche?» Seine Stimme hatte plötzlich einen schneidenden Unterton angenommen. «Glaubst du, ich hät's nicht  gesehen, eh!? Und die Sache mit dem zerbrochenen Teekrug! Mama wird sehr, sehr böse sein, wenn sie es erfährt...» Er klang bedrohlich jetzt, er tat einen Schritt auf sie zu und packte sie unsanft am Arm. «Lass schon runter!», presste er hervor. Sie quengelte erstickt los. Nimuka trat an die Stalltür, Yuki knurrte gefährlich. «Kansa, lass sie sofort los!» herrschte sie ihn an. Er fuhr überrascht herum «Was zum... Du!...» Speichel stand ihm am Mund, er schluckte schwer. «Hau bloß ab! Das geht dich überhaupt nichts an!» Yuki begann plötzlich zu bellen an und zerrte wie irre an der Leine in seine Richtung. «Ich lass den Hund los», drohte sie unerschrocken. Die Pferde im Stall wurden unruhig und stampften bereits nervös. Kansa schätzte lauernd die Situation ab, er zögerte einen Moment, doch dann ließ er die schluchzende Sayumi los. Diese sprang auf, schlüpfte neben Nimuka zur Stalltüre hinaus und rannte über den Hof zum Haus. Auch Nimuka wich schnell zurückt und zerrte den wütend knurrenden Yuki mit. Zornentbrannt erschien Kansa in der Tür «Du... du blöde Drecks-Yaku!», rief er erstickt aus. «Ich... ich werde dich...» Er griff impulsiv mit seiner Hand in ihre Richtung und setzte sich in Bewegung. Nimuka fuhr zwar die Angst in die Knochen, aber sie atmete sie sofort runter. Yuki bellte wieder los, sie kniete zu ihm hinab und beruhigte ihn ohne Kansa aus den Augen zu lassen. «Gar nichts wirst du!» zischte sie ihn an. «Wenn mir etwas passiert, kriegt meine Tante jede Menge Probleme mit unserer Sippe und du verlierst hier mit Bestimmtheit deine Stellung!  Todsicher!» stieß sie hervor. Mitten in der Bewegung verlor er den Schwung. Er hielt inne, ließ seine Pranken sinken und warf ihr einen finsteren Blick zu. Abrupt machte er kehrt und stapfte schnaubend zurück zum Stall. Nimuka atmete auf, zögernd ging sie mit Yuki zurück. Langsam hatte sie diesen Laden, wo alle aufeinander rumhakten, gründlich satt. Sie band Yuki wieder fest.
Auf dem Weg zur Küche begegnete ihr Keta. Der Lärm hatte seine Neugierde geweckt. Natürlich! Sie hielt auf ihn zu. «Sag mal Keta, hat man hier als Magd oder Diener auch mal einen Tag Pause oder so?», sprach sie ihn an. Keta strich sich übers glatte Kinn und hüstelte. «Ja klar Nimuka-San, einmal pro Mondviert, einen Nachmittag oder einen Morgen, seltener einen ganzen Tag.» «Danke für die Auskunft», sagte sie aufrichtig und blickte ihm direkt in die Augen. Er mochte zwar ein eingebildeter Kerl sein, aber wenigstens war er höflich. «Lasst mich morgen Mittag raus. Ich arbeite nun schon über zehn Tage hier ohne eine Verschnaufpause... von Yimun habe ich noch gar nichts gesehen.» Er wiegte den Kopf, nickte dann aber. «Wenn ihr mir sagen wollt, was war...», er deutete zum Stall. «Kansa-San hat Sayumi ganz doll geärgert, da musste ich mal dazwischen fahren... sie... sie ist immerhin mein Cousine» und fügte an: «Ich, anstelle von Tamai, würde das Mädchen nicht mehr allein zu Kansa in den Stall gehen lassen...» Keta neigte den Kopf, sein Lächeln wirkte daher noch schiefer, aber in seinen Augen sprang kein Funke.

2. Der Schmuckhändler
Am nächsten Tag, nach dem Mittagsimbiss, eröffnete Nimuka Nokia salopp: «Ich nehme mir heute meinen freien Nachmittag.» Nokia fiel fast der Löffel aus der Hand. «Du nimmst was??» Den Blick kannte Nimuka von Nandé – er machte ihr überhaupt keinen Eindruck. Sie stand auf. «Halt mal die Luft an, du freche Göre, das geht NICHT!», sie erhob sich ebenfalls. «Morgen treffen die ersten Gäste ein, da haben wir jede Menge zu tun!», argumentierte sie. «Das hättest du dir vorher überlegen müssen. Ihr alle nehmt euch einmal pro Mondviert frei. Nur mir enthält man es vor... glaubst du, ich wüsste nicht was gespielt wird?!» Nokia fuhr sich mit der Zunge über ihre versehrte Oberlippe. Nimuka fuhr ruhig fort: «Die Sache mit Kansa...» und wollte sich auf den Vorfall mit Sayumi beziehen. Nokia zuckte zusammen und erbleichte. «Du... du weißt, dass... dass wir...», sie brach ab.  Nimuka stellte gerade fest, dass Nokia sie falsch verstanden hatte. Blitzschnell nutzte sie ihren Vorteil. «'Bin doch nicht blöd! Dann also... eben... du lässt mich jetzt schön gehen und niemand erfährt ein Wort...» Nokia blitzte sie an, die Knöchel ihrer geballten Fäuste verfärbten sich weiß, ihre hässliche Nase hingegen lief rot an, sie klappte den Mund auf und zu wie ein Fisch auf dem Trockenen. Nimuka ließ sie stehen, verließ die Küche, zog sich rasch in ihrem Zimmer um, holte Yuki und ließ sich von Ketu das Tor öffnen. Er erging sich in geheucheltem Mitgefühl. Was er damit bezweckte war Nimuka schleierhaft – egal – Hauptsache er hielt Wort und ließ sie raus.
Mit so einem Wahnsinn hatte sie mit Nichten gerechnet. Sie atmete erleichtert auf, als die Umfassungsmauer hinter ihr verschwand. Es war ein sonniger Tag und noch ordentlich warm. Das Klima war hier wirklich viel milder als in den Bergen, wo jetzt sicher schon ein kühler Wind die ersten bunten Blätter von den Bäumen riss. Das erste Mal in ihrem Leben bewegte sie sich allein im nahezu fremden Unterland. Sie nahm das erst jetzt richtig wahr. Ein übermütiges Hochgefühl durchströmte sie. Nicht nur, weil sie sich von Tamais Haus hatte losreißen können, sondern das erste Mal spürte sie das süße Gefühl der Unabhängigkeit und der Freiheit. Es war nicht die Freiheit der Berge, die für sie mehr wie eine Kinderstube war, sondern die Freiheit, zu tun und zu lassen, was sie wollte, die Freiheit, die sich einem jungen Leben verspricht und die deshalb so berauschend ist, weil sie tausend ungeahnte Möglichkeiten bereithält. Obwohl sie erst in ihrem zwölften Lebensjahr ging, spürte sie ihren erwachten Sinn, ihren federnden Schritt, ihre, eine unbändige Neugierde auf die Welt.
Die Wachen, die sie passierte, hatte sie gar nicht beachtet. Auf der Brücke senkte sie ihren Blick in das rasche Fließen des grünblauen Aoyumi, der sich hier tiefer eingegraben hatte, als in Nogo. Dann trat sie in das eigentliche Yimun auf den großen Platz: Hier also war die Heimat ihrer Ahnen. Die Yimu-Sippe nämlich, sagte man, habe dereinst Yimun begründet. Das war vor vielen hundert Jahren gewesen, lange bevor die Yogo das Tal hinaufdrängten und ihre Nachfahren zur Flucht bewegten. Hier stand sie nun, am Anfang ihres Lebens, freier als jeder Andere von Tomi und doch bereits auf eine Bahn eines vage vorgezeichneten Geschicks geschossen. – Sie wandte sich die erste Straße nach links, die sie durch das Dorf zum Festhügel hinauf führen würde. Viele Leute hatte es um diese Tageszeit nicht auf der Straße. Die aneinandergebauten Häuser, deren Rückseiten dem Fluss zugewandt lagen, waren die meisten erneuert worden und wiesen, ebenso wie die Yogo-Bauten, leicht schräg stehende Flachdächer und übereinanderliegende Veranden auf. Aus dem Innern der Bauten drangen Stimmen, Kindergeschrei und Küchenlärm. Leckere Düfte zogen durch die Gassen. Nimuka kam an Tamai's früherem Heim vorbei, frische Wäsche hing über einer Leine der oberen Veranda. Die junge Frau mit dem Kind ging eben hinein. Nimuka lächelte. Hatte nicht eben erst Tamai mit Milek auf dem Arm denselben Weg genommen: Alles wiederholt sich, sinnierte sie. – Als sie auf dem Festhügel ankam, wo große, runde, schwarze Flächen in der Grasnarbe von den Sommerfeuern kündeten, verfiel sie wieder in Gedanken. Auch die Sonnenwenden wiederholen sich – ob wir sie feiern oder nicht – seit Urzeiten... in steter Regelmäßigkeit immer wieder... und wohl auch in Zukunft... Ein unerklärlicher Schrecken befiel sie. Erfüllt sich etwas durch die Zeit, oder dreht sie sich im Kreise? Wird gelenkt oder lenken wir selber? Was ist das Schicksal der Menschen? Sie blickte über das stattliche Dorf zum Ostgebirge hin, dann nach Süden, wo am Fuße von Hügelausläufern knapp Yashiro zu erkennen war. Dort bog sich das Tal zu sehr nach Westen, als dass man noch weiter hätte sehen können. Aber sie wusste, der Palast des Mikados lag dort und darin – weggeschlossen, hinter unendlich vielen Türen – Prinz Chagum – alleine... genauso vor der Welt verborgen, wie er vergraben in ihrem Herzen lebte: Nur für sie... für sie, ganz alleine... –
Wie milde die Sonne hier schien. Sie atmete tief durch. Ein Schwarm Gold-Staren verschwand im Süden. Ziehen nicht auch sie jedes Jahr... und folgen dem Lichte ihres Herzens? Sie lächelte nachdenklich und setzte sich hin. So viele Geheimnisse ließen sich nicht an einem einzigen Nachmittag lösen. Und doch... Die Sinam hat mir alles gezeigt...  alles, was ich zu wissen brauche... Hier, genau, ich bin schon einmal auf diesem Hügel gestanden... Wie kann so etwas sein? Tanda sagte zwar, die Zeit laufe stetig, von einer Richtung in die andere und wir mittendrin, eingegossen in ihren Fluss... Aber so, war das nicht mehr stimmig für sie – nicht, nachdem was sie erlebt hatte... –
Yuki hatte sie gleich frei gelassen, als sie die letzten Häuser hinter sich gelassen hatten.  Auch er genoss es ungemein, wieder einmal Freilauf zu haben. In den letzten Tagen – meist angebunden – schien auch er etwas trübe geworden zu sein. Obwohl sich, wie Nimuka bemerkt hatte, Sayumi in vermeintlich unbeobachteten Momenten zu ihm gesellte und offenbar mit ihm Freundschaft geschlossen hatte. Nun kam er hechelnd auf sie zu gerannt, barg die Schnauze in ihrer Hand und leckte sie. Sie nahm seinen Kopf in die Hände und gründete tief in seinen schwarzen Augen. Für einen Moment, schien sie ein wachsames Leuchten in ihnen zu erkennen, dann entwand er sich ihr. Warum eigentlich halten Hunde dem Blick eines Menschen nicht lange stand? Jetzt sprang Yuki bellend um sie herum. Aber diesmal bellte er aus Freude, nicht aus Wut. «Wir haben uns tapfer geschlagen gestern, für die kleine Sayumi, gel!», murmelte sie und klopfte seinen Rücken, während er seine rosafarbene Zunge lustig raushängen ließ. Was wollte Kansa überhaupt mit ihr anstellen? Irgendwie abartig. Überhaupt wirft das Haus Shimai-Tamai viele Fragen auf... Weder wurde sie schlau aus den Leuten, noch verstand sie, warum sich alle ständig in dieser gehässigen Angespanntheit befanden. Darüber war sie hilflos. –
Plötzlich hatte sie eine Idee. Ja! Das würde sie tun! Jetzt! Entschlossen stand sie auf. Yuki spürte sofort, dass es wieder losging. Sie nahm nun absichtlich einen anderen Weg, der nordöstlich ins Dorf hinunterführte.  Von hier aus, war gut zu erkennen, dass die Straßen, die vom großen Platz ausgingen jeweils von zwei Ring-Straßen durchbrochen wurden. Am äußeren Ring standen sogar noch einige alte Rundhäuser, die traditionellen Wohnstätten der Yaku, welche Tomi noch heute fast ganz prägten, wohingegen sich der Dorfkern hier nahezu vollständig erneuert hatte. Als Nimuka sich im Dorf Richtung des großen Fernwegs bewegte, sah sie sich mehr und mehr Einheimischer gegenüber, die ihren gewohnten Beschäftigungen nachgingen. Mit dem schneeweißen Yuki und ihrer traditionellen Yaku-Tracht, dem altrosa Giletmäntelchen, mit den Schafsfell besetzten Säumen und den halblangen Hosen war sie eine so auffällige Erscheinung, dass sie erhebliches Aufsehen erregte. Schließlich sprach Nimuka von sich aus eine ältere Frau, die einen Warenkorb trug, an und ließ ihre glockenhelle Stimme erklingen: «Wohl und Heil geehrte Frau, könnten sie mir verraten, wo ich Schmuckhändler Arashi von der Yimu-Sippe finde?» Die Alte lächelte versonnen und stellte ihren Korb hin. «Ach Kind, wie höflich du sprichst, so wie die Leute früher, als die Yaku noch stolz auf ihre Tradition waren.» Nimuka kicherte. «Zum Arashi willst du. Der ist im ersten Ring, östlich vom Fernweg.» gab die Alte stoßweise und etwas heiser von sich. «Aber sag, von wo stammst du?», schlug sie neugierig nach. «Ach, ich bin eine einfache Yaku aus dem Norden und besuche meine alte Heimat», wich Nimuka aus. Je weniger ich preisgebe, je schwieriger wird es sein, mich zu verfolgen, dachte sie sich – der Hof wird nicht nur seine Magier schicken... «Ach so», machte die Alte gedehnt und schien sich gerade eine neue Frage zurechtzulegen. Doch bevor sie dazu kam, weiter in sie zu dringen, lispelte Nimuka unbekümmert: «Habt Dank für die Auskunft. Wohl und Heil Eurem Weg, geehrte Frau!», und hüpfte davon. –
Vom Fernweg her war es einfach den ersten Ring zu finden. Sie bog ein und stand auf Anhieb vor dem kleinen Schmuckladen auf der rechten Seite. Als sie eintrat erklang über ihr ein helles Glöckchen. Sie sah sich ganz von Gestellen, Regalen, übervoll mit Kristallen, Edelsteinen, Gold- und Silberwaren, Ketten, Ringen und Amuletten umgeben. Gebannt starrte sie auf eine riesige Kristalldruse aus dessen Mitte ein fast kopfgroßer, klarer Bergkristall wuchs. Sie spürte, wie sich etwas löste in ihr und sprach sofort innerlich die Schutzformel, mit der sie Nayugo verschließen konnte. «Das Yaku-Fräulein wünscht?», war eine zarte Stimme zu vernehmen. Sie zuckte leicht zusammen, es war ihr gar nicht aufgefallen, dass jemand eingetreten war. Kurz erinnerte sie sich an das Zelt der Mentiren und erschauderte. Sie sah auf in das hübsche Gesicht einer kleinen Frau, die ein schlichtes, braunes Kleid trug, auf dem, unter dem rund geschnittenen Ausschnitt, ein in Silber gefasster, großer Luisha prangte. Unergründlich flackerte sein himmelblaues Feuer Nimuka an. Sie erkannte ihn sofort, es war ihr Luisha, den sie Arashi am Frühlingsmarkt angeboten hatte! Sie fasste sich und schluckte aufgeregt: «Wohl und Heil, geehrte Frau, man hat mir gesagt, ich könne Schmuckhändler Arashi der Yimu hier finden» Die Frau lächelte belustigt ¬¬– wohl aufgrund ihrer förmlichen Ausdrucksweise – und warf einen wachen Blick auf Yuki. «Einen Moment nur», sagte sie, hob den kurzen Vorhang am Durchgang hinter ihr und rief: «Arashi, ein Yaku-Mädchen will dich sprechen.» Erst war ein Scheppern, dann ein Schlurfen zu vernehmen und in der Tür erschien Arashi in einer hellen Schürze und einem Kristallmonokel über dem Auge. Erst erkannte er Nimuka in der ungewohnten Umgebung gar nicht, er nahm sich die Linse vom Auge, dann dämmerte ihm. «Ja nein, Jungfräulein Nimuka! Heil unserer Sippe! Sowas! Was macht ihr denn hier, so fern Eures Dorfes!?» «Wohl und Heil unserer Sippe! Es freut mich ungemein, ein bekanntes Gesicht in der Fremde zu sehen! Ich möchte euch auch gar nicht unnötig mit meiner Geschichte aufhalten, doch wäre ich froh, wenn ihr mir einige Auskünfte als Starthilfe im Unterland gewähren könntet.» «Aber natürlich, gerne! Wir Yimu müssen zusammenhalten! Das ist übrigens meine Gattin Loniya», stellte er mit einem Strahlen die zierliche Frau neben sich vor. «Loniya, das ist die Nimuka, die Tochter vom Schmied Yuga von Tomi, eine echte Yimu!»  «Wohl und Heil Jung-Frau Nimuka, von soweit hierher gefunden!?», übernahm Loniya, mit einem Augenzwinkern, die alte Redeart. Nimuka deutete eine Verbeugung an. Loniya strich sich mit einer anmutigen Bewegung die braune Strähne aus dem Gesicht, die als einzige dem strengen Pony entkommen war und sich auf ihrer Stirn frei hin und her bewegte. Nimuka hatte die eigenartige Empfindung, dass auch sie, Loniya, wie der Luisha aus sich selbst heraus leuchtete. Kein Wunder, dachte sie bei sich – inmitten all der himmlischen Edelsteine! «Geht nur», sagte die Frau sanft, «ich hüte inzwischen den Laden hier und...» – mit einem schelmischen Blick auf Yuki ¬– «...diesen süßen Hund. In der Küche hat es übrigens noch frische Apfelschnitze, nehmt nur, gel Arashi!» «Danke sehr!», sagte Nimuka und freute sich, dass Yuki wohlgelitten war.
Sie ging dem Schmuckhändler hinterher. «Es ist ein bisschen eng hier.» entschuldigte sich der etwas korpulente Arashi. Nimuka erspähte an einem Fenster seinen Arbeitsplatz, wo unfertige Schmuckstücke, Entwürfe und rohe Steine lagen. Ein enger Gang, ganz in nachgedunkeltem Holz, führte an einer ebenso schmalen, aufsteigenden Treppe vorbei und mündete schließlich in eine kleine geschwärzte Küche, deren offene Regale voll von Töpfen, Tellern, Tassen war und deren Feuerstelle in der Ecke, rege gebraucht aussah. Noch weiter eröffnete sich hinter einem Vorhang, das – hingegen geräumige ¬– Esszimmer. Belegt mit wohl duftenden Reisstrohmatten, sowie ausgestattet mit Öllampen und zwei violetten Kristalldrusen sowie den obligaten Tischchen und Sitzmatten, strahlte es eine schlichte Behaglichkeit aus. Nimuka setzte sich entzückt hin, noch nie hatte sie solch große Drusen gesehen. Sie nahmen das Licht der Fensterreihe auf, die auf die gegenüberliegende Häuserfront ging. Arashi kam mit Tee, Tässchen und Schälchen auf einem Tablett daher und setzte sich etwas umständlich ihr gegenüber. Seine roten Backen, die buschigen Augenbrauen über den fröhlichen Augen, der geschwungene Schnauz über den vollen Lippen – alles schien Lebensfreude und Schalk an ihm. Man kommt gar nicht umhin, ihn zu mögen, dachte Nimuka bei sich. «Nun, geschätzter Arashi, ich befinde mich auf dem Weg zu einer Ausbildung, die in der Nähe von Kosenkyo stattfinden wird. Mein Lehrer ist mir vorausgeeilt, im Glauben, dass es mir ein Vergnügen sei, mich noch einige Tage bei Tamai, meiner Tante und Schwester von Yuga aufhalten zu dürfen.» Als der Name Tamai fiel, huschte ein Schatten über Arashis Gesicht. «Aber», fuhr Nimuka unbeirrt fort, «ich habe eine merkwürdige Situation vorgefunden da: Tamai und Shimai in einem neuen Haus in Yogo-Yimun; Tamai ganz als Yogo aufgemacht und mir gegenüber betont abweisend. Ich will nicht ins Detail gehen, aber ich durchlebe momentan eine höchst unerfreuliche Zeit im Hause Shimai und werde – entgegen meiner ursprünglichen Absicht – wohl kaum noch einmal dorthin zurückkehren... Und da nun ihr, verehrter Arashi, von unserer Sippe seid und in Yimun lebt, dachte ich mir, ihr könntet mir hinsichtlich dieser Veränderungen einige erhellende Hinweise geben.»
Der freudige Ausdruck in Arashis Gesicht war endgültig in ein finsteres Brüten übergegangen. «Eine leidige Sache», brummte er. Dann war es verhältnismäßig lange still. Nimuka tat sich unterdessen an den Schnitzen gütlich – sie schmeckten vorzüglich! Er nippte an seinem Tee, atmete schwer und hob dann zögernd, mit einer seltsam matten Stimme, zu erzählen an: «Für euch, Jung-Frau Nimuka aus Tomi, dürfte das alles noch viel schwerer zu verstehen sein, ihr lebtet bis anhin noch – weitgehend unbehelligt –  in der alten Zeit der Yaku-Tradition. Aber hier unten im Tale hat sich das Leben in den letzten fünfzig Jahren stark gewandelt. Neue Techniken, neue Materialien, neue Sitten und – nicht immer sinnvoll erscheinende – eherne Gesetze bestimmen den Alltag – die Yogo dominieren auf allen Ebenen. – Wohingegen ihr, ihr steigt einmal pro Jahr von Tomi hinunter und erlebt das Yaku-Fest als etwas Ursprüngliches, Bedeutungsvolles. Aber für die Meisten hier – je näher sie an Kosenkyo leben – ist es nur noch Zerstreuung und leere Folklore. Es tut mir leid. Jung-Frau Nimuka, bitte haltet mich nicht für unhöflich, aber wenn ihr hier im Tale nicht stets verspottet werden wollt, rate ich euch, andere Kleidung anzuziehen und euch andere Umgangsformen zuzulegen. Ich glaube, ihr seid in einem Alter, wo euch das leicht fallen wird...»
Nimuka nickte. Sie hatte absichtlich nichts über die Natur ihrer Ausbildung verlautbaren lassen. Bei Tamai war es nur natürlich gewesen sie zu involvieren, leider mit für sie eher unvorteilhaften Folgen. Aber im großen Ganzen, war sie sich der Widersprüche, in denen sie sich bewegte, besser bewusst, als allen Andern. Dafür bürgte schon das Zeichen Moras und endlich: Der Eindruck den die Schau der Sinam in ihr hinterlassen hatte. Daher sagte sie leise: «Ihr müsst euch nicht entschuldigen, großer Bruder* Arashi, (*Anmerkung: In alten Zeiten ehrenvoll gebräuchlich unter gleichen Yaku-Sippen-Mitgliedern) ich bin mir dessen bewusst – mehr als es den Anschein macht. Aber bei Tamai und Shimai, da ist es mehr... es... es ist nicht nur der Wechsel des äußeren Kleides, was mich betrübt, sondern das des Inneren!» Arashis Augen waren in die Ferne gerichtet. Er wünschte sich, das Mädchen hätte eine weniger scharfe Beobachtungsgabe, denn er hätte vorgezogen das Thema ruhen zu lassen. Aber, aus irgendeinem Grunde, hatte die Kleine ihn 'Großen Bruder' genannt... Das hatte schon lange niemand mehr und es appellierte unfehlbar an seine Redlichkeit. Er atmete schwer. «Ihr habt recht, Jung-Frau Nimuka, ich werde euch etwas verraten, auch etwas, das nicht ausgesprochen werden sollte...» Nimuka hob die Brauen. Er holte Papier, Tusche, eine Feder. Was hat das zu bedeuten? Ihre inneren Sinne spannten sich an.
«Vorab», ächzte er, als er sich wieder setzte,  «ist es eine simple Geschichte bei Shimai, es ist ganz einfach die Wirkung des Reichtums und der damit verbundenen Macht. Oftmals verdirbt sie die Menschen und macht aus ihnen herzlose Sklaven. Das ist es, was mit dem Hause Shimai geschehen ist.» Herzlos, überlegte sich Nimuka, ja, das traf die Sache recht genau! «Was das Gesonderte betrifft, nun Nimuka, da ich ein Schmuckhändler bin und mit hochgradigen Werten, wie Gold, Silber und Edelsteinen zu tun habe, habe ich auch gewissen Einblick in den Großhandel, worin es, ohne Zweifel, um sehr, sehr viel Geld geht. Die Yogo haben ein System entwickelt, das bewirken soll, dass das Geld und die damit verbundene Macht in ihren Händen bleibt. Es ist eine Gruppe von Großhändlern verschiedener Gebiete, die sich gegenseitig decken, einander Aufträge zuschieben und gemeinsame Interessen vertreten; teils langfristige, übergeordnete, teils kurzfristige, sachbezogene. Die Mittel, die sie dabei anwenden, sind – nun..., gelinde gesagt – nicht immer gesetzeskonform, offiziell existiert der Verein gar nicht, er zieht seine Fäden im Verborgenen, sein Name ist geheim.
Durch eine fatale Verwechslung ist er mir bekannt geworden... Aber... man sagt, sie... sie hätten Methoden, womit... womit seine Nennung bemerkt und geahndet werden kann...» Nimuka horchte auf: «Magische Methoden!... Und ihr wollt mir den Namen aufschreiben?!», stellte sie erschrocken fest. Arashi sah sie irritiert an und nickte, grimmig sagte er: «Shimai ist einer von ihnen und das ist der Grund, warum alles Yaku-Anrüchige möglichst aus seinem Haus ausgeschlossen sein muss.» «Aber Tamai! Seine Kinder!», warf Nimuka entgeistert ein. Arashi zuckte die Schultern. «Solange sie mitspielen... Shimai auch, kann es sich, bis zu einem gewissen Grad, leisten. Er ist wirklich einflussreich geworden... doch... doch der Preis seiner Mitgliedschaft, ist der Grund, warum auf sein Haus, seine Familie und alle die dort leben ein tiefer Schatten gefallen ist.» «Der Preis?» flüsterte Nimuka erschrocken. Arashi winkte mit einem vielsagenden Blick ab und griff nach dem Pinsel. Nimuka fuhr dazwischen: «Halt! Geschätzter Arashi, tut das nicht!» Er blickte sie überrascht an.  «Papier und Tusche sind nicht sicher! Die... die Natur meiner Ausbildung bringt es mit sich, dass ich etwas von diesen Dingen verstehe, vertraut mir! Ich weiß einen sicheren Weg!» Arashi war verdutzt. «Eine Feuerstelle habt ihr, habe ich gesehen.» «Ja natürlich.» «Da ist Asche?» «Ja.» «Also, lasst uns in die Küche gehen. Dort schreibt den Namen in die Asche, ich werde ihn ausblasen.» «In die Asche?!» «Ja, in die erkaltete Asche mit einem Stück Holzkohle!» Arashi zögerte, er wirkte verwirrt «Ihr erstaunt mich maßlos... wie... wie alt seid ihr...» «Fürchtet euch nicht, ich gehe im magischen Alter – wie mein Lehrer sagt – noch ganz der Sonne, aber mit der Eingebung eines Weibes.» Er schaute sie beunruhigt an. Gleichzeitig erhoben sie sich. Sie lächelte ihm aufmunternd zu.
Arashi ging vor ihr her in die Küche. Vor der Feuerstelle machten sie halt. Nimuka strich die Asche glatt und besprach sie; dann gab sie den Platz für Arashi frei und nickte ihm zu. Er schrieb, trat beiseite. Nimuka ging mit dem Kopf runter, las und blies sofort. Es stäubte ganz ordentlich, sie kniff die Augen zusammen, ihr Gesicht und ihre Fransen bedeckten sich mit Asche, sie lachte prustend. Arashi schöpfte ihr Wasser in ein Beckelchen und sie wusch sich, während er ein Tuch bereithielt. Als sie sich das Gesicht trocken gerieben hatte, schaute sie ihn verschwörerisch an «Das haben wir gut gemacht, Arashi-San!» Er lächelte verlegen. «Nun, ich glaube es ist an der Zeit, mich wieder in die Höhle des Löwen zu wagen...» «Ihr wollt gehen?» «Ja... ich weiß gar nicht, wie ich euch danken soll! Mein Besuch hier, hat sich mehr als gelohnt!», sagte sie befriedigt. «Ich verstehe jetzt, dass ein böser Geist über das Haus Shimai gekommen ist, so bin ich gewarnt und kann mich schützen.» Sie befand sich, nach wie vor, in einem leicht erweiterten Zustand. «Es... es war mir eine Ehre, Jung-Fräulein Nimuka!» strahlte Arashi. Nimuka nützte die Gunst der Stunde und fuhr fort: «Sayumi, die Jüngste der Shimai, sie ist vielleicht sieben Sonnen alt, sie scheint mir die Einzige zu sein, die noch nicht ganz unter dem Einfluss des Schattens steht. Darf ich ihr einen Not-Ausweg über Euer Haus anbieten?» Arashi schien nicht ganz wohl bei der Sache. «Natürlich nur aufgrund der Sippenzugehörigkeit, kein Wort sonst über irgendwas!» Er willigte schließlich ein. «Wenn ihr mich kontaktieren wollt, so über Watanabe der Shume, er wohnt in der Nähe des Badehauses in Yashiro. Er ist der Onkel meines Lehrers.» Arashi hatte verstanden. «Ansonsten besuche ich euch natürlich am Frühlingsfest!» lächelte sie verschmitzt.
Sie traten zurück in den Laden wo Yuki still neben Loniya saß. Beide hoben den Kopf und musterten die Eingetretenen still – wie in geheimer Übereinkunft. Der Raum der Kristalle war aufgeladen wie eine Säule aus Licht. Nimuka flimmerte es vor den Augen, mit aller Kraft verwurzelte sie sich in Sayugo. Überraschend sagte  Arashi weich und zugleich rau «Nehmt euch irgendwas.» und beschrieb mit dem Arm eine ausladende Geste. Loniya's Augen zuckten für einen Moment. Nimuka kniff die Augen zusammen, dann griff sich einen schwarzen, taubeneigroßen Stein. «Der schwarze Turmal aus Chin! Nur Kenner wissen was er bedeutet!» rief Arashi erstaunt aus. «Die Drei in der Sechs, gebunden im schwarzen Licht – der stärkste Schutzstein im verkörperten Raum – in Nayugo hingegen, erscheint er, merkwürdigerweise, als Spiegel der Leere!», sprach Nimuka wie in Trance. Der Stein lag kühl in ihrer kleinen Hand, seine Energie rotierte wie ein Kreisel auf ihrem sensitiven Zentrum. Loniyas dunkle Augen waren ganz groß geworden. Nimuka wandte sich ihr mit einem offenen Blick zu. «Loniya, wie schön ihr seid! Ihr leuchtet von innen her, so stark wie mein Luisha! Durch ihn erst bin ich heute hier... durch ihn und eurem werten Mann!» Sie hob die Hand, Yuki war aufgesprungen. «Wohl und Heil unserer Sippe... wären nur alle so freundlich wie ihr... habt Dank!» Sie öffnete die Türe. Die beiden erwiderten ihren Gruss. Hell tönte das Glöckchen auf, als sie mit Yuki behend in die Dämmerung schlüpfte. –
Einen Moment lang herrschte betretene Stille im Laden. Dann erwachte Arashi fieberhaft zum Leben «Schließ sofort den Laden ab, lösch die Lichter, wir gehn nach hinten»,  sagte er nervös. Loniya tat wie ihr geheißen. «Was hast Du? Was ist geschehen?», fragte sie ihn, als sie in der Küche im Halbdunkel standen. «Die Kleine ist... sie ist unheimlich!» Loniya zuckte die Schultern. «Auf eine Art... ja.» Sie lächelte versonnen. «Aber... sie... sie ist auch hoch begabt und... guten Willens», bemerkte sie weiter. «Was hat sie gemeint mit dem Luisha?» «SIE hat ihn gefunden!», sagte Arashi beschwörend «Ich habe ihn von IHR gekauft, am Frühlingsmarkt heuer». Loniya stutzte, geistesabwesend berührte sie den kühlen Stein an ihrer Brust. «Los komm, lasst uns ausfliegen!», drängte Arashi. «Jetzt?!» «Nur für ein paar Tage, wir könnten in den Süden runter.» «Echt?» Loniya kam nicht ganz mit. «Die treffen sich doch übermorgen in Yogo Yimun, versteh doch!» «Wer?» «DIE eben!» «DIE?!» «Ja, und die Kleine weiß Bescheid, wenn die Mist baut, sind wir dran!» «Traust du ihr denn nicht?» «Die ist doch noch ein Kind! Die haben Mittel!» «Vor der Reinheit des Herzens müssen selbst stärkste Schatten weichen», warf Loniya ein. «Du hast gut reden...», jammerte er. «Warum? Jetzt beruhige dich doch! Angst ist ein schlechter Ratgeber. Warum hast du es ihr dann gesagt?» «Gesagt, gesagt!», äffte Arashi aufgebracht. «Du hättest die sehen sollen!», flüsterte er, «die zaubert! Ich verlier einfach den Kopf bei der!» Loniya kicherte auf. «Wie bei mir?» neckte sie leise «Ja... wie bei dir...» Arashi sank erschöpft in ihre Arme. «Nun sieh, es geht ja schon wieder besser. Komm mein Schmuckstück, lass uns zusammen nach hinten gehen...»
Als Nimuka und Yuki von Ketu eingelassen wurden, war es fast schon dunkel. «Tamai-San ist aber gar nicht zufrieden mit euch!», sagte er in seiner blasierten Art. «'Ist schon klar», konterte Nimuka relativ gelassen. «'Werd wohl in den nächsten Tagen Arrest kriegen», fügte sie unbeeindruckt an. «Helles Köpfchen, Nim'ka-Chan!», spottete er sanft. Aber sie wusste: Es war alles nur Theater! Durchschaute man es einmal, war viel einfacher mitzuspielen. Sie ging stracks in die Küche, wo sie von Nokia und Kansa misstrauisch äugend empfangen wurde. Der Schwung der Beiden, sie ständig zu piesacken, war eindeutig weg. Nimuka hatte das Spiel durchbrochen. Sie waren dumm genug gewesen, ihr Mittel gegen sie in die Hand zu geben. Nimuka wusste zwar nicht so genau, was für welche, aber es war ihr auch egal – solange sie wirkten! Sie schnappte sich was zu Essen und verschwand in ihrem Zimmer. Ihre Zeit hier war fast um. Sie konnte sich in Etwa vorstellen, was in den nächsten Tagen geschehen würde. Danach war für sie immer noch Zeit, zu entscheiden, ob sie nun trotzen oder Lämmchen spielen wolle. So oder so, Watanabe würde kommen und sie abholen und sie würde dieses Haus nie mehr betreten. Wichtig war, dass sie wusste, was im Hintergrund lief! Einzig um Sayumi machte sie sich Sorgen. Konnte sie überhaupt etwas für sie tun? Mit dem schwarzen Turmal in der Hand fiel sie in einen unruhigen Schlaf.