Silberzunge und Goldkehlchen

von Arawell
GeschichteRomanze, Fantasy / P18
02.04.2018
11.03.2019
5
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Dieses Kapitel
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Das habt ihr jetzt nicht kommen sehen, nicht wahr? =D Ich habe es tatsächlich geschafft, in der Geschichte etwas aufzuräumen, die Struktur zu ändern und auf dem Fundament herumgebaut, bis ich wieder System im Chaos hatte.
Das, was ich zuvor geschrieben hatte, hatte mir absolut gar nicht mehr gefallen, sodass ich mir die Zeit genommen habe, es grundlegend zu bearbeiten. Dabei sind ganze Kapitel geflogen und neue geschrieben worden. Ich bin noch lange nicht fertig, aber habe genug Vorlauf, um euch keine 3 Monate zwischen den einzelnen Kapiteln warten zu lassen. An alle, die noch da sind: VIEL SPAß und ich würde mich über eure 'bin noch am Start' Meldungen freuen!

Noch etwas: lasst euch nicht von den Sprüngen verwirren. Beachtet die fettgeschriebenen Zeitangaben! Ich mische mich wild durch die Jahre und reiße in der Vergangenheit bloß an, was für die Zukunft interessant wird ;-) Daher gibts nur Ausschnitte aus Lokis und Loreleis Kindheit / Jugend.



Norwegen, 2012 A.D.


,,Sie werden ihn zurück nach Asgard bringen.“ Amora legt das Handy auf dem Esstisch ab und bedenkt mich mit einem vielsagenden Blick. ,,Er wird dort vor Gericht gestellt.“

,,Odin neigt nicht dazu, rational zu denken.“

,,Odin muss ihn bestrafen. Ganz gleich, ob es sich bei dem Schuldigen um einen seiner Söhne handelt, oder nicht.“

Ich lasse meinen Körper an der Küchenzeile hinabgleiten, bis ich auf dem Fußboden sitze. Mit geschlossenen Augen lege ich meinen Kopf in den Nacken und seufze. ,,Er wird ihn wegsperren. Man kann Loki nicht einfach wegsperren. Das macht es nur schlimmer.“

,,Schlimmer als was? Schlimmer als das, was er angestellt hat? Er hat mehrere hundert Leben auf dem Gewissen.“

,,Wie sein Vater.“

,,Er wollte Midgard erobern.“

,,Wie sein Vater.“

,,Er will den Thron. Und wozu?“ Mit gehobener Augenbraue sieht Amora auf mich hinab und verschränkt die Arme vor ihrer Brust. Ich hasse es, wenn sie mich so ansieht. Wie ein Kind, das gegen die Regeln verstoßen hat. Habe ich vielleicht auch, aber das war in der Menschenwelt. Wir waren schon immer der Fuchs im Hühnerstall, wenn es um die Sterblichen ging. Warum jetzt also so ein Fass aufmachen?

,,Wie sein richtiger Vater“, nuschle ich und erwidere den stoischen Blick meiner Schwester. ,,Was?“

,,Nicht wie sein Vater, Lorelei. Wie du!“

Getroffen von den Worten, die durchaus einmal der Tatsache entsprochen haben, sehe ich gen Boden und zeichne mit dem Zeigefinger die Fugen der Fliesen nach. Niemand, abgesehen von Amora und Loki, war jemals in der Lage gewesen, dass ich mich schlecht, geradezu bösartig fühle. ,,Du weißt, dass das nicht stimmt.“

,,Ach, ist das so? Was hast du also in New Mexiko gesucht, als du diese Biker dazu gebracht hast, für dich zu plündern und zu töten?“

Daraufhin schweige ich. Was soll ich auch dazu sagen? Ich habe die Welt einfordern wollen, einfach, weil mir meine genommen worden war und er mir damals dieses Versprechen gegeben hatte, das er nicht hatte halten können. Also tue ich es selbst! ,,Du solltest ebenfalls zurück nach Asgard kehren und dich dem Gericht stellen.“

Ist sie jetzt von Sinnen? ,,Er wird mich köpfen lassen!“

,,Dann wäre das vermutlich deine gerechte Strafe.“

Obwohl ich weiß, dass meine Schwester nicht in der Lage scheint, mir gegenüber sentimentale Gefühle zu hegen, so schockiert mich die Kälte, mit der sie spricht. Wir teilen nichts, nicht einmal das Erbgut, doch damit, dass ihr selbst mein Tod egal scheint, habe ich nicht gerechnet. ,,Willst du mich ausliefern?“, frage ich sie angriffslustig. ,,Willst du den Asen sagen, wo ich mich befinde, damit sie mich der Gerechtigkeit zuführen?“

,,Mach dich nicht lächerlich, Lorelei. Odin weiß sehr wohl, wo du dich befindest. Es ist deine Aufgabe, dich ihm zu stellen.“

,,Dem Schafrichter freiwillig die Hand schütteln?“

Amora macht auf dem Absatz kehrt, um die Küche zu verlassen. Ehe sie durch die Tür tritt und mich damit allein lässt, sieht sie über ihre Schulter zurück. ,,Ich bin keine Freundin des Allvaters, doch manchmal ist die gerechte Strafe das einzige, was ein bockiges Kind zurück in die Spur bringen kann. Sif wird über kurz oder lang sowieso hier aufschlagen. Sie scheint beinahe im Wahn. Vielleicht ist Odins Urteil doch milder, als Sifs Ärger.“

,,Und wem habe ich das zu verdanken?“, frage ich flüsternd, erhalte allerdings keine Antwort mehr, da Amora schon längst verschwunden ist.



Asgard 1129A.D.


Die Geschichte zwischen Sif und mir war älter und länger, als manch Bart. Und ebenso verworren. Begonnen hatte alles, wie Feindschaften nun einmal begannen. Thor und meine Wenigkeit hatten auf dem Ascherund des Übungsplatzes gestanden. Während der blonde Prinz mir einen Dolch nach dem anderen zeigte und erklärte, welche Wunde man mit welcher Klinge am Besten verursachen konnte, saß die braunhaarige Kriegerin auf der Mauer, die den Platz umschloss und redete leise mit meiner Schwester. Die Mauer war eigentlich dazu da, um zu verhindern, dass Thor seinen Gegner zu weit in die Stadt schleuderte, wurde aber unsäglich von den Mädchen Asgards zweckentfremdet. Diese Aktion ging zwar nicht selten mit Knochenbrüchen einher, verhinderte aber die gröbsten Schäden, und wenn er dabei das ein oder andere kichernde Ding mit abräumte, erheiterte es auch mich. Der blonde Prinz war einige Jahre älter als ich und hatte sein Volljährigkeitsfest bereits vor einigen Jahren gefeiert. Dementsprechend, und mit jedem weiteren Tag, wurden die Augenpaare der Verehrerinnen stetig mehr. Sie drückten sich in Hecken herum, machten Räuberleiter, um den Blonden über die Mauer hinweg bei den Kampfübungen beobachten zu können – was der Prinz augenscheinlich genoss – und kicherten jedes Mal, wenn er ihnen fröhlich zuzwinkerte. Kokettieren, hatte meine Amme es einst genannt, als ich sie gefragt hatte, warum die Mädchen immer so blöd kicherten, wenn Thor etwas im Auge hatte.

An diesem Tage, einige Jahre später, wusste ich es besser. Und obwohl ich meiner Volljährigkeit mit großen Schritten entgegenging, gab es absolut nichts an diesem Asen, das mich zu eben diesem Kichern verleitete. Außer, er stolperte ungünstig über seine riesigen Füße. Aber ich glaubte mit Recht, dass das zwei unterschiedliche Dinge waren. ,,Das verstehst du eines Tages, wenn du ausgewachsen bist“, hatte meine Amme mir versprochen. Als Asin hatte ich wahrlich genug Zeit, um geduldig auf ,,eines Tages“ zu warten.

,,Und mit diesem hier stichst du zu, drehst und ziehst zurück“, erklärte Thor gerade eine der Klingen, die ungewöhnlich gezackt war.

,,Hm?“ Dümmlich sah ich von der Klinge in sein bärtiges Gesicht und hätte mich selbst dafür ohrfeigen können, dass ich unaufmerksam geworden war. Wenn er schon einmal die Zeit fand, mich selbst zu unterrichten, sollte ich doch wohl in der Lage sein, bei der Sache zu bleiben, oder?

,,Warte.“ Der Blonde kam um mich herum, bis er hinter mir stand, drückte mir den Dolch in die Hand und umschloss meine Rechte mit seiner viel größeren. Aufgebrachtes Tuscheln und Luftschnappen war aus den Büschen und von den Mauern zu vernehmen, bei dem wirklich keuschen Körperkontakt. Mit gehobener Augenbraue musterte ich die jungen Frauen. Wirklich? War das ihr ernst? Seine warmen Finger umschlossen meine Hand etwas fester, sortierten meine viel kürzeren Gliedmaßen am Griff des Dolches, sodass er perfekt in meiner ausgestreckten Hand lag. ,,Du stichst zu.“ Er zog unsere Arme zurück und imitierte eine Stoßbewegung. ,,Dann drehst du.“ Darauf drehte er unsere Handgelenke entsprechend. ,,Und ziehst die Klinge mit einem Ruck aus dem Torso deines Gegners heraus.“ Auch diese Bewegung demonstrierte der blonde Hühne so schwungvoll, dass ich haltlos zurück stolperte und mit den Schulterblättern gegen seinen harten Oberbauch stieß. ,,Vorsicht“, kommentierte er unseren unfreiwilligen Körperkontakt und zwinkerte mich an. Aber nicht irgendwie. Thor zwinkerte mich so an, wie er die Mädchen auf der Mauer immer an zwinkerte. Er kokettierte.

,,Ah-ah“, machte ich tadelnd, wich mit zwei Schritten aus seinem Dunstkreis und sah den blonden Prinzen strafend an. ,,Das machst du mit mir jetzt aber nicht auch noch.“

Thors donnerndes Lachen erfüllte den Übungsplatz, entlockte den jungen Damen verzückte Seufzer und Kichern, mir lediglich ein genervtes Stöhnen. ,,Keine Sorge, Füchschen. Du musst noch etwas am Baum hängen, bis du vollends reif bist.“

Diese Aussage verstand ich zwar nicht im Ansatz, sie erweckte aber immerhin das beruhigende Gefühl in mir, dass er mit mir nicht dasselbe machte, wie mit den anderen Mädchen. Ich wollte nicht eines von ihnen werden, das schmachtend dem Prinzen hinterherlief und um seine Aufmerksamkeit buhlte. Vor allem aber wollte ich nicht im Augenmerk einer bestimmten dunkelhaarigen Neukriegerin landen. Sif besah sie sich alle, strafte sie mit Blicken ab und deutete ihnen nonverbal, dass sie ihre Finger vom Kronprinzen zu lassen hatten. Denn eines war sicherer, als der Sonnenaufgang am nächsten Morgen: Sif sah mehr in Thor, als es für Freunde und Kriegsgefährten angemessen war.

Dass ich so schnell auf Sif und ihren Zorn stoßen würde, damit hatte ich nicht rechnen können. Ich war gerade auf dem Weg in die Bibliothek gewesen, um Loki zwischen seinen staubigen Büchern hervorzuholen, als ich um die Ecke bog und beinahe mit der Dunkelhaarigen zusammenstieß. ,,Verzeihung“, entschuldigte ich mich augenblicklich und machte mich sofort daran, um sie herum zu gehen. Bei Odins Bart, sie schaffte es wirklich, mir eine scheiß Angst einzujagen!

Jede anständige Hofdame hätte diese Entschuldigung eines geistesabwesenden Mädchens angenommen und wäre ihrer Wege gegangen. So jedoch nicht Sif. Grob griff sie meinen Oberarm und drückte mich gegen die nächste Wand. Die Kriegerin überragte mich um einen ganzen Kopf, sodass ich ihn in den Nacken legen musste, um ihren wütenden Blick zu erwidern. ,,Ich weiß nicht, was du planst, doch lass dir gesagt sein, dass ich es nicht dulde, Füchschen.“ Den Kosenamen, den Thor mir gegeben hatte, sprach sie mit dermaßen Verachtung aus, dass ich unwillkürlich zusammenzuckte.

Und als ich gerade meinen Mund öffnete, um etwas darauf zu antworten, unterbrach sie mich mit einem Zischen. ,,Sprich nicht. Sag gar nichts und nimm die Warnung ernst.“ Sie ließ mich los und stieß mich zur Verdeutlichung nochmals an meiner Brust zurück gegen die Steinwand, ehe sie um die Ecke verschwand, hinter welcher ich hervorgekommen war. Ich hatte keine Ahnung, was das zu bedeuten hatte, warum sie mich bedrohte, nur eine vage Vermutung. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich geglaubt, dass ich lediglich ungerechtfertigt Opfer ihrer Eifersucht geworden war. Wie sehr ich falsch lag, erfuhr ich erst viele, viele Jahre später. Und auch, dass meine eigene Schwester nicht ganz unbeteiligt gewesen war.



Asgard, 1129 A.D.

Das Geräusch aufeinander treffender Klingen, untermalt vom Zwitschern der Vogel in der Sommersonne, waren alles, was die nachmittägliche Ruhe zu stören vermochte. Während Sif ihren Willen bekommen hatte und meine Wenigkeit den Übungsplätzen seit einigen Vollmonden fern blieb, befand ich mich unweit von ihnen im Schatten eines Baumes und versuchte den Drang, an den Übungen teilzunehmen, vehement zu unterdrücken. Mit zwischen den Lippen geklemmten Kohlestift hob ich seufzend das Buch neben meinem Oberschenkel auf und blätterte darin herum. Manche Runen konnte man doch aber auch nicht verstehen, egal wie sehr man es versuchte. Ich hatte mir vorgenommen, wenigstens meinen Geist zu erweitern, wenn ich schon die Kampfeslehre hatte aufgeben müssen. Sehr zum Wohlwollen eines gewissen, dunkelhaarigen Prinzen. Daher hing ich nun seit einigen Wochen über den alten Büchern, hatte alles über den großen Wanenkrieg gelernt und erfahren, woher die Asen die Magie beherrschten. Entgegen meiner Annahme, war die Kunst keine Frage asischer Herkunft. Freyja hatte die Magie mit nach Asgard gebracht, so viele Jahre vor meiner Geburt. Ebenfalls hatte ich mittlerweile herausfinden können, was es mit der sagenumwobenen Stimme auf sich hatte, die Königreiche zu Fall bringen konnte, und von der Loki vor über zehn Jahren gesprochen hatte.

Eilig verfasste ich eine Notiz am Rande der Seite. Eine Frage, die ich Frigga zu stellen gedachte, wenn ich ihr das nächste Mal begegnete. Als sich ein Schatten über mein Gesicht legte, sah ich hinauf in das grinsende Gesicht eben des Prinzen, dem ich meine verstaubte Nase zu verdanken hatte. Ohne Aufforderung rutschte ich vom Stamm des Baumes ab. Loki verstand die Geste, stieg mit großen Schritten über meine ausgestreckten Beine und füllte die nunmehr entstandene Lücke mit seinem eigenen Körper. Er stellte sein linkes Bein neben dem meinen auf, legte seinen Arm auf dem Knie ab und beugte sich so weit vor, bis er über meine von rotem Haar bedeckte Schulter blicken konnte. ,,Wie weit bist du gekommen, kleine Nixe?“, fragte er neugierig und folgte meinen Bewegungen. Seufzend lehnte ich mich zurück, bis mein Rücken an seiner Brust ruhte und fischte eines der vielen Bücher hervor. Ich liebte den Geruch von Sandelholz und Schnee, den er immer mit sich zu bringen schien. Wie ein Schatten, immer gleich.

,,Einige Runen sind zu alt, andere zu jung.“ Erklärend schlug ich die entsprechenden Seiten auf und deutete mit gerunzelter Stirn auf die Symbole. ,,Als wäre etwas ersetzt worden.“

Natürlich spürte ich das überhebliche Grinsen des Prinzen an ihrem Ohr, während ich aufmerksam seinen schlanken Fingern folgte, die über die neuen Runen strichen. ,,Nicht ersetzt, verändert. Schau.“ Zügig erklärte er, welche Veränderungen die Schrift über die Jahrhunderte durchlebt hatte und wiedereinmal musste ich mich fragen, woher er das alles wissen konnte. Loki war kaum älter als ich. Zwanzig Jahre trennten uns. Also keine Zeitspanne, die sein Wissen über vergangene Zeiten rechtfertigen sollte. Und dennoch schien er mehr Kenntnisse in sich zu beherbergen, als die königliche Bibliothek.

,,Ich beginne mich zu fragen, ob ich wirklich aus Asgard stamme“, sinnierte ich, zog ein weiteres Buch hervor und schlug es auf. Während ich darin blätterte, um meinem Freund den Grundstein meiner Theorie zu offenbaren, spürte ich sehr wohl, wie er seine Nase in meinen roten Locken vergrub. Beinahe hätte ich das Buch fallen lassen, bei dem Gedanken daran, wie alltäglich und doch intim diese Geste war. Nachdem Loki einige Augenblicke vergeblich darauf gewartet hatte, eine Erklärung für meine Zweifel zu erhalten, griffen seine Finger selbst nach dem Buch und entzogen es mir. Hilflos konnte ich ihm nur dabei zusehen, wie er mich beraubte und schamlos mit meinem Innersten spielte. Als wüsste er nicht, wie sehr mich seine Nähe beruhigte und gleichzeitig aufwühlte.

Langsam las er die Zeilen, die ich nicht hatte verstehen können und erklärte, als wäre es selbstverständlich gewesen, was dort geschrieben stand. Nun, war es nicht!. ,,Sie haben die Magie mit nach Asgard gebracht, Prinzessin. Glaubst du nicht, dass sie vielleicht auch deine Gabe mitgebracht haben könnten?“

,,Kann man Gaben denn erlernen?“, fragte ich zweifelnd und überhörte den neuen Kosenamen, den Loki mir gegeben hatte. In den vielen Jahren, die wir uns nun schon Freunde nannten, hatte ich den Überblick verloren.

Er schmunzelte. ,,Die Magie haben wir schlussendlich auch erlernt.“

,,Und dennoch ist die Tauglichkeit Magie zu beherrschen nicht jedem in die Wiege gelegt.“

,,Was willst du damit andeuten?“ Vorsichtig klappte er das Buch alter Zeiten zu und legte es neben sich. Ich spürte, dass dieses Thema eigentlich beendet war, obschon er eine Antwort von mir forderte. Einige Momente dachte ich über meine nächsten Worte nach, die seiner Aufforderung nachkamen, das Gespräch aber ebenfalls in eine andere Richtung lenkten. Loki war, was das integrieren nichtasischer Lebewesen betraf, noch eine Spur drastischer, als sein Vater. Und Odin ließ niemanden in Asgard länger verweilen, als unbedingt notwendig, wenn es sich verhindern ließ.

,,Das asische Göttergeschlecht wird seit jeher als hochgewachsen und blond beschrieben.“ Mein Blick flog zu den Übungsplätzen, auf denen sich das Fallbeispiel asischer Göttlichkeit mit seiner weniger blonden Freundin duellierte. ,,Manchmal erkennt man ein reines Weiß erst, wenn man etwas weniger reines daneben hält.“

,,Ich fürchte, dass du nicht derartig exotisch bist, Lorelei. Eine gewöhnliche Asin, die von ihrem Vater ein großes Geschenk erhalten hat.“

Ergeben nickte ich, sagte aber nichts weiter. Mochte sein, dass ich meine Stimme von dem Heerführer geerbt hatte, doch von wem hatte dieser seine Kunst erlernt? Entgegen der wachsenden Neugier in mir, schwieg ich weiter. Stattdessen lehnte ich mich tiefer gegen Lokis Brust, nahm erneut das Lehrbuch zur Hand und studierte das, was mir geschenkt wurde: Meine Stimme und deren möglichen Auswirkungen.

So sehr ich es auch zu verhindern versuchte, mein Blick wanderte immer wieder zu den Übungsplätzen, auf welchen ich mich normalerweise jetzt befinden und trainieren sollte. Oder wollte. Als ich beim wiederholten Zusehen in Blickkontakt mit Sif kam, sah ich eilig zurück auf die Seiten des Buches auf meinem Schoß. Das rote Haar ließ ich wie einen Vorhang über meine Schulter fallen. Ich wollte es mir nicht eingestehen, doch jedes Mal, wenn die dunkelhaarige Kriegerin mich ansah, verspürte ich eine instinktive Angst. Als fürchtete sich etwas in mir, die Asin könnte jeden Augenblick auf mich losgehen und ihre vermeidliche Nebenbuhlerin zur Geschichte werden lassen. ,,Einen Taler für deine Gedanken“, hörte ich Loki gegen meine Schläfe nuscheln.  

,,Behalt dein Gold und kauf dir etwas schönes davon“, zischte ich genervt zurück. Das darauffolgende, sachte Zuckten seiner Brust spürte ich nur zu deutlich in meinem Rücken. Der Schweinehund machte sich auch noch über mich lustig! Über mich und meinen Wunsch, zu kämpfen anstatt zu studieren.

,,Fahr die Krallen wieder ein, Wildkatze. Wenn du lieber im Dreck spielen möchtest, solltest du das Geschenk, das sich Stimme nennt, nutzen und deinen Wunsch äußern.“

,,Das geht nicht“, antwortete ich bedrückt, hob das Buch demonstrativ vor meine Nase und schloss damit die Welt für einen kurzen Moment aus.  

Loki richtete sich hinter mir ungelenk auf und versuchte einen Blick auf mein Gesicht zu erhaschen. ,,Warum sollte das nicht möglich sein?“

,,Sif kratzt mir die Augen aus, wenn ich mich dem Rund mehr als drei Schritte nähere. Und das, obwohl Thor versprochen hatte, mich im Umgang mit den Dolchen zu unterrichten.“

Teils belustigt, teils genervt schnaufte Loki dicht neben meinem linken Ohr. Erneut vergrub er die Nase in meinem dichten Haar, ehe er seinen Unmut entließ. ,,Ich fühle mich zutiefst gekränkt von dir, kleine Nixe. Du fragst meinen grobschlächtigen Bruder, ob er dir die Handhabung der Dolche zeigt, wo du vom Besten lernen könntest.“

,,Und wer sollte das sein?“, fragte ich provozierend und befeuchtete übertrieben meinen Daumen, um zu blättern.

Blitzschnell umschlossen seine schlanken Finger mein Handgelenk, hielt es in der Bewegung fest. ,,Du solltest einen Provokateur nicht provozieren, Prinzessin.“

Kichernd zählte ich die unnötig vielen P's in Lokis Drohung und wollte ihn gerade auf den Missbrauch des Buchstaben hinweisen, als er sich unwillkürlich erhob. Wie beiläufig klopfte er sich den Dreck von seiner Lederhose und streckte mir die Hand entgegen. ,,Sif steht zu weit unten in der Hierarchie, um mir die Kampfeslehre zu verbieten. Ganz gleich, ob sie mit meinem Bruder das Bett teilt, oder nicht.“

,,Aber ich...“ Zögernd sah ich von meinem Buch auf die dargebotene Hand, hinüber zum Übungsplatz und hinauf in das Gesicht des dunkelhaarigen Prinzen. Beharrlich wartete er darauf, dass ich mich von ihm hinaufziehen ließ. ,,Sif würde ausrasten.“

,,Das will ich doch hoffen.“ Das Grinsen, das sich auf die schönen Züge des Mannes stahl, ließen mich frösteln. Manchmal hatte Loki etwas an sich, das selbst in mir ein gewisses Unbehagen zu wecken vermochte. Doch entgegen dieses Gefühls, legte ich meine viel kleiner Hand in seine und ließ mich auf die Beine ziehen. ,,Am Ende der Woche wird sie dich fürchten, selbst wenn du lediglich ein stumpfes Buttermesser in den Händen hältst.“
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