Jahrestag

KurzgeschichteRomanze / P6
02.04.2018
02.04.2018
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Auf der Decke, die Leo sich unter den Arm geklemmt hatte, zeichneten sich nur noch schwach die Einhörner und Regenbögen ab, die sie vor Jahren einmal prachtvoll geschmückt hatten.
„Verrate mir mal, warum ich den Picknickkorb tragen muss und du nur die blöde Decke“, kam eine vertraute Stimme von hinten. Leo blieb stehen und drehte sich um. Eliot kam auf ihn zu, sein rechter Arm wurde von dem, in dieser Hand getragenen, Picknickkorb schwer nach unten gezogen. Verdrießlich grummelte er vor sich hin.
„Weil wir abgemacht haben, dass ich das Essen vorbereite und du es trägst“, antwortete Leo.
„Du hast das Essen nicht mal vorbereitet!“ Sie gingen weiter.
„Ich hab damit angefangen.“
„Du hast es falsch gemacht. Ich musste es dir abnehmen.“
„Hättest du ja nicht machen müssen. Außerdem hab ich das Obst geschnitten.“
„Oh wow, das Obst“, erwiderte Eliot und seine Stimme triefte vor Ironie. „Und außerdem mache ich doch lieber selbst das Essen, bevor du uns damit vergiftest.“
„Bloß, weil ich das Brot nicht grade abgeschnitten hab, ist es wohl kaum giftig geworden.“
„Und was ist mit dem Chiapudding? Hm?“
„Der wäre schlimmstenfalls ungenießbar, aber nicht vergiftet“, lachte Leo. Eliot fand das nicht so witzig. Er gab den Picknickkorb mürrisch von der einen in die andere Hand.
„Da mache ich ihn doch lieber selbst, als ihn wegen meinem Würgereiz nicht essen zu können.“
„Ach Elly, du bist immer so ... überempfindlich.“
„Was?“, rief Eliot verständnislos. Unfassbar! Er war doch nicht überempfindlich! Wenn überhaupt, dann war das Gegenteil der Fall. Er ... pah! ‚Überempfindlich’. Dass er nicht lachte. Nur, weil er kein ungenießbares Essen essen wollte. Auf einem Picknick. Das war ja nicht so, als wäre man zuhause, man war auf einer Wiese und man hatte nur das, was man mitnahm. Es gab keine Gelegenheit, sich schnell nochmal was in der Küche zu machen. Außerdem ... war er mit Leo da. Und das war der eigentlich Grund, aus dem das Essen gut schmecken sollte. Damit es das Picknick nicht ruinierte.
Aber das schaffte Eliot offenbar auch ganz ohne schlechtes Essen, und dann auch noch, bevor es angefangen hatte. Was war noch gleich der Inhalt ihrer Debatte gewesen? Ach ja, der Korb. Ein verdammter Korb!
„Ich wollte nur, dass es gut schmeckt“, sagte er. Jetzt sprach er nicht mehr so laut und weniger agressiv, seine Stimme war zu einem halblauten Grummeln geworden.
„Ja, ist doch gut“, sagte Leo. „Ich trag den Korb zurück, okay?“
Zustimmendes Grummeln. Spontan hakte er sich bei Eliot ein, um die angespannte Stimmung ein wenig aufzulockern. Eliot warf ihm einen überraschten Blick zu, sah aber fast sofort wieder weg. Ein wohliges Gefühl durchzog seinen Körper.
Sie bogen ab und betraten die, zum Picknicken vorgesehene, Wiese. Ein laues Lüftchen strich durch das Gras. Es hatte einen Hauch Kühle in sich, die wie eine flüsternde Stimme das Ende des Sommers ankündigte. Und jetzt war Leo doch recht froh darüber, dass er sich zuhause dazu hatte durchringen können, eine Jacke mitzunehmen. Die Kühle würde mit ihrem Aufenthalt sicherlich weiter zunehmen.
„Wo setzen wir uns hin?“, fragte Eliot, der mitlerweile komplett ruhig geworden war, und sah sich um. Leos Hand rutschte an seinem Arm herab und seine Finger verschränkten sich mit Eliots. Auch er sah sich um. „Keine Ahnung“, sagte er dabei. Es war keine richtige Antwort, er setzte diese zwei Worte vor viele seiner Aussagen. Es verlieh ihnen automatisch weniger Wert. Und er mochte es, wenn die Dinge, die er sagte, leichter genommen wurden, für denn Fall, sie könnten falsch sein.
„Vielleicht da“, fügte er hinzu und zeigte auf eine Grasstelle, die in der Nähe einiger Bäume lag und von den warmen Strahlen der Sonne geschmückt war.
Ohne Antwort zog Eliot in zu der vorgeschlagenen Stelle hin. Dort breiteten sie die Einhorn-Decke aus und ließen sich auf ihr nieder.
„Du musst die Schuhe ausziehen“, wies Leo seinen Freund an, als er selbst grade dabei war, Gesagtes zu tun. Wenn man picknickte, dann musste man die Schuhe ausziehen.
„Ernsthaft?“, entgegnete Eliot, der grade dabei war, den Inhalt des Korbes auf der Decke auszubreiten. Er warf einen Blick auf Leos schuhlose Füße.
„Ja“, erwiderte dieser, als wäre das eine logische Schlussfolgerung ihrer Lage.
„Ich hatte die Hoffnung, dass du das irgendwann aufgibst, nachdem wir schon gefühlte hundertmal gepicknickt haben“, sagte Eliot, beugte sich aber trotzdem vor, um seine Schnürsenkel öffnen zu können. Aus Erfahrung wusste er, dass er bei diesem Thema nicht mit Leo diskutieren konnte, weil dieser immer irgendein Todschlagargument auf seiner Seite hatte, woher auch immer.
„Nie“, entgegnete Leo. „Wart’s nur ab, das wirst du auch noch mit Neunzig tun müssen, wenn du dann noch körperlich in der Lage bist, zu picknicken.“ Er grinste. Und hatte ganz unbewusst ein Thema angesprochen, das bei beiden Jungen Gedankenketten in Gang setzte. Wenn sie nämlich mit Neunzig noch gemeinsam essen würden, dann hieß das, dass sie bis dahin noch zusammen sein würden. Bis sie alt waren. Gemeinsam. Und da war es dann nicht mehr so schlimm, dass Eliot seine Schuhe ausziehen musste oder Leo nicht fähig dazu war, Brot grade zu schneiden.
Es wurde seltsam still zwischen den Beiden, jedem war die Situation irgendwie unangenehm. Es war ihnen ein bisschen peinlich, wie glücklich sie über diese Vorstellung waren. Zumal heute ihr erster Jahrestag war, worüber sie bestens bescheid wussten. Während andere Paare sich etwas ganz besonderes für diesen ausdachten, etwas mit Erinnerungswert, lief das bei Leo und Eliot ein bisschen anders. Noch niemand hatte dem jeweils Anderem gratuliert, weil beide nämlich davon ausgingen, dass der Andere es vergessen hatte. Und es waäre ja schon irgendwie peinlich, wenn Einer sagen würde: „Hey, alles Gute zum Jahrestag, vor einem Jahr haben wir uns zum ersten Mal geküsst und sind das zusammen gekommen!“ und der Andere erwidern würde: „Was? Achso. Das hast du dir ernsthaft gemerkt?“ Keiner von ihnen wollte als ein ‚romantischer Trottel’ da stehen und dass sich der Andere über ihn lustig machte. Dabei hatten sie extra schon Tage im Voraus ein kleines Geschenk für den Anderen gekauft. Leo kaufte sonst nie Geschenke, keine Karten, keine Blumen. Die Ausnahme war, wenn Eliot Geburtstag hatte und manchmal auch, wenn Oz ein Jahr älter wurde. Sonst nie.
Er zog seine Füße auf die Decke und holte aus dem Picknickkorb seine Strickjacke. Leicht fröstelnd schlüpfte er in diese hinein und war wirklich sehr froh, sie mitgenommen zu haben, die Temperatur sank drastisch, wenn man sich plötzlich nicht mehr bewegte.
Auch Eliot platzierte seine Füße auf der Decke. Peinlich berührt von seinen Gedanken ließ er seinen Blick über die Wiese schweifen, darauf bedacht, Leo nicht anzusehen. Weiter hinten, wo keine Bäume mehr waren, spielten ein paar Kinder und ließen ihre Drachen steigen. Der Wind war dafür kräftig genug.
„Hey“, sagte Eliot überrascht. „Sieh mal, wer da ist.“ Er sah in Richtung offene Wiese.
Leo hob seinen Kopf und blickte in dieselbe Richtung. Zuerst erkannte er nichts, was für die Überraschung seines Freundes verantwortlich sein könnte, aber dann konnte er Oz ausmachen. Er lief über die Wiese, aber nicht alleine, bei ihm war ein kleines Mädchen. Und selbst auf dieser Distanz sahen sich die Beiden unglaublich ähnlich.
„Süß“, sagte Leo und lächelte. Er fand es schön, wie viel Oz mit seiner Schwester machte. Er bekam es sogar hin, ihren Drachen irgendwie steigen zu lassen.
Leo wandte sich seinem Freund zu, immer noch lächelnd. Dieser sah ihn ebenfalls an, um ihm zuzustimmen, aber irgendwie kam es dazu nicht mehr. Wie durch eine unsichtbare Kraft, die die meisten Personen Liebe nennen, befanden sie sich plötzlich in einem lähmenden Zustand und versanken sie in den Augen des jeweils Anderen. Und sie wachten erst wieder so richtig auf, als sich ihre Lippen schon fast berührten.
Atemlos lösten sie sich voneinander.
„Ich liebe dich“, sagte Eliot und gab Leo einen erneuten, aber diesmal viel kürzeren, Kuss auf die heißen Lippen.
„Ich dich auch, Eliot. Ich liebe dich auch“, entgegnete dieser und legte seine Hände auf die seines Freunds, die in dessen Schoß ruhten. Er lächelte glücklich.
Eliot sah seine Chance und räusperte sich. Jetzt war es ihm egal, ob Leo es kitschig finden würde, dass er an ihren Jahrestag gedacht hatte. Also konnte er ihm das Geschenk auch genauso gut geben.
„Ich“, begann er, „ich hab was für dich.“ Er holte ein kleines Päckchen aus dem Picknickkorb und gab es Leo, welcher es verdutzt anblickte.
„Womit habe ich das denn verdient?“, fragte er überrascht. Eliot räusperte sich erneut.
„Weil ... Ach, weil heute doch unser ... Einjähriges“, dieses Wort vernuschelte er mit Absicht, „ist.“ Er sah Leo möglichst unschuldig an. Diesem klappte die Kinnlade herunter. Damit hatte er nun wirklich nicht gerechnet.
„Das ...“, begann er. „Daran hast du dich erinnert?“ Er war ernsthaft gerührt.
Ein rosa Schimmer legte sich auf Eliots Wangen. „Ja, naja“, brummelte er.
„Wo wir grade dabei sind“, sagte Leo und zog ein kleines Geschenk aus seiner Jackentasche, „hier, das ist für dich.“ Eliot nahm es mit großen Augen entgegen.
„Moment, du hast auch daran gedacht?“, fragte er dann. Sein Freund nickte. Er sah kurz zu Oz rüber, dem er ziemlich dankbar dafür war, dass er das Treffen arrangiert hatte. Oz kannte seine beiden Freunde einfach zu gut und ihm war es glasklar gewesen, dass beide viel zu stolz dafür waren, um zuzugeben, dass sie an ihren Jahrestag gedacht hatten.
Immer noch spielte er mit seiner Schwester und gab ein Musterbeispiel von großem Bruder ab. Leo lächelte Eliot an und rückte ein bisschen näher zu ihm. Er gab ihm einen kurzen Kuss, lehnte sich dann gegen ihn und blickte in den wolkigen Himmel.
„Schau mal“, sagte er dann verblüfft und zeigte nach oben, „die Wolke sieht aus, wie ein Schiff.“
„Ein Wolkenschiff“, stimmte Eliot ihm zu und ihm kam der Gedanke, dass er ohne Leo nie irgendwas in dieser Art gedacht hätte.
„Ich liebe dich, Leo.“
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