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Wie Regen an einem warmen Sommertag

GeschichteLiebesgeschichte / P12 Slash
Friedrich Schiller Johann Wolfgang von Goethe
02.04.2018
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Wie Regen an einem warmen Sommertag
Es war eine gemeinhin nicht zur Kenntnis genommene, geradezu verdrängte Gemeinheit, was die Liebe mit den Sinnen anstellen konnte. Wenn nämlich das Wohlsein des, fälschlicherweise als Unwohlsein, beschriebenen Gefühls in der Magengegend sogar den Duft vergorener Äpfel versüßen konnte, so wusste man, dass es um den Verstand bestellt war. Und so saß er da, fragte sich, wie ein Hallodri, der Friedrich nun einmal war, ihn mit solch jugendlichen Emotionen und Ausbrüchen bescheren konnte. Er grübelte, wie lange er schon die Sensation vernebelter Wahrnehmungen und das Kribbeln in jedem Teil seines Körpers vermisst hatte und sein Blick schweifte von Fenster zu Friedrich, der Schönheit der Natur zu einer natürlichen Schönheit. Der junge Mann saß, mit dem Haupt tief über dem Studiertisch gebeugt, im dunkelsten Eck der Kammer und da kaum ein Sonnenstrahl vermochte, über seine filigranen Finger zu wandern, oder seinen gelockten Schopf zu kitzeln, flackerte eine Kerze gleich neben ihm, schummrig war sein Antlitz in deren Schein zu erkennen. „Warum?“, begann Johann und blinzelte träge in das Sonnenlicht, dass draußen Flimmerspiele trieb. Friedrich blickte auf und ein herzensgutes Lächeln breitete sich auf seinen rosigen Wangen auf. „Was denn?“ Johann brummte belustigt und nahm seine Füße von der Fensterbank, nur in Friedrichs Gegenwart erlaubte er es sich, seine Füße hochzulegen und eine unwürdige, am Hofe verpönte Position einzunehmen. Die Füße hochzulegen, auf dem Tische zu platzieren wenn er sich besonders aufrührerisch fühlte, im Stuhle tief und tiefer zu sinken, unmöglich, unschicklich für einen Geheimrat, einem Mann seines Standes und Alters, doch in Schillers Kammer, seiner ‚Bude‘, wie der Schriftsteller selbst sie zu nennen pflegte, war solches Fehlverhalten möglich. Hier war nämlich Goethe nicht Goethe, sondern Friedrichs Liebster, sein Freund und Liebhaber, ungebunden und doch versklavt, seinem eigenen Herzen nämlich.
„Warum sitzt der schönste Mann auf Erden in der dunkelsten Ecke? Du ruinierst dir die Sicht. Ohnehin sollte die Sonne dich sehen, bescheinen wie einen Theaterstern, du solltest die Hauptrolle auf Erden spielen. Stattdessen begnügst du dich mit dreckigem Kerzenschein.“ Schiller lachte jenes sorglose Lachen, welches Goethe bereits damals, bei ihren ersten Begegnungen so beeindruckt hatte, ein Mann, erwachsen, mit einer Gesinnung wie der eines Schuljungen. „Du schmeichelst mir, Jo.“ Johann konnte und wollte sich nicht an Friedrichs affektionierten Spitznamen gewöhnen, nicht zuletzt weil dessen Nennung immerzu eine Überraschung mitbrachte, die ganze Wochen der Dunkelheit erhellen konnten. ‚Jo‘ war kein Name für einen Johann Wolfgang von Goethe und er hätte sicherlich jeden Narren gelyncht, der es sich erlaubt hätte, ihn so zu rufen. Doch Friedrich nutzte ihn nur im Geheimen, wenn sie in Johanns Gartenlaube saßen, oder sich stundenlang in Schillers Höhle rumtrieben. „Dennoch gibt es Tage, an denen die Düsternis mir mehr gibt, als jedes helle Licht.“ Johann wurde nicht schlau aus seinem Kollegen, wollte auch nicht schlau aus ihm werden, die Verwirrung tat ihm zu gut, in einer Welt, die sonst so geordnet schien. „Warum eignen sich denn Regentage nicht, die Dunkelheit zu verehren? Muss es ein sonniger Maitag sein?“, hakte er nach und zog eine Augenbraue hoch. „Ein Regentag? Du beliebst wohl zu scherzen, mein Liebster. Regentage eignen sich, die Natur in all ihrer Intensität zu erfahren.“ Goethe erinnerte sich an einen Samstag vor wenigen Monaten, als Schiller noch nicht viel mehr als ein flüchtiger Bekannter, ein Rivale war, damals hatte er aus seinem Stubenfenster beobachten können, wie der junge Kerl mit einem asketischen Lächeln, perfekt wie das einer gemeißelten Statue, durch den Regen flaniert war, ein Strahl der puren Zufriedenheit, obwohl er durchnässt war, bis auf die Haut. „Die Jugend von heute.“, schüttelte er den Kopf und sein Herz flatterte wie ein kleiner Vogel, als er das verhaltene Kichern am anderen Ende des Raumes hören konnte. „Es ist nun mal so, dass die Dunkelheit hinter der Fassade nur beschrieben werden kann, wenn man sie am eigenen Leibe erfährt. Da ich aber seit Wochen damit gestraft bin, wir ein törichter Narr lächelnd durch die Welt zu ziehen, bietet sich keine bessere Möglichkeit, als das schöne Wetter auszusperren um sich darüber zu ärgern, dass man in einer dunklen Kammer sitzt.“ Goethe wusste nicht, was er darauf antworten sollte. Methoden waren das!
„Und was, wenn ich mir die Impertinenz erlauben darf –
„Du darfst.“
- versetzt dich neuerdings in diese Ekstase?“
Schiller, dem mittlerweile ganz klar war, dass er das Dichten auf einen anderen Moment, bestenfalls einen anderen Tag schieben musste, löschte die Kerze mit seiner Fingerspitze, wie waghalsig!, und erhob sich von seinem Stuhl. „Wie beschreibe ich eine Ursache, die mich wortlos macht? Ich kann und will sie -  ihn -  nicht beschreiben, denn jedes Wort dieser oder einer anderen Sprache wäre unwürdig.“ Jungenhafte Röte malte ein neues Bild von Johanns Antlitz, er war verlegen, um all die schönen Worte, die Schiller da umschrieb und nicht nennen konnte. Der junge Mann tat einen Schritt vor den anderen, mit außerirdischer Grazie, die jeden Tänzer neidisch gemacht hätte. Schließlich stand er vor Goethe, nah und fern zugleich, jeder Zentimeter seines Körpers vertraut, doch fremd, wie kein zweiter. „Ein menschgewordenes Wunder.“, murmelte Goethe, den die plötzliche, wenn nicht unerwartete Nähe um die gewitzte Sprache gebracht hatte. Friedrich aber rollte mit den Augen und legte eine Hand auf seine Schulter. „Wunder. Wunder sind Dinge, die man nicht erwartet.“ Seine Hand glitt hinab von der Schulter, eine zweite fand ihren Platz, er setzte sich und ehe Goethe es sich versah, waren ihre Nasen wenige Millimeter voneinander entfernt, ein bekanntes Gewicht hatte sich auf seinem Schoß platziert. „Du kennst mich, Jo. Du musst damit rechnen, dass ich dir nicht von der Seite weiche. Du kannst nicht anders, als mich zu erwarten. Wie soll ich bei all der Vertrautheit noch ein Wunder sein?“ Ein anderer hätte aus reiner Bescheidenheit so getan, als habe er das Kompliment nicht gehört, oder habe es abgetan, Friedrich aber? Er spielte bloß mit Goethe. Er wusste doch, dass er ein Wunder auf Erden war. Er wusste, dass er dem älteren Mann den Verstand raubte, mit seiner Frische, seinen komischen Angewohnheiten, seinen Eigenarten. Der Schriftsteller verstand es, die Sinne zu verwirren und er tänzelte um Goethe wie kein zweiter, aber er wusste, was er an seinem älteren Genossen gefunden hatte, mehr als eine Liebschaft, er, als träumerischer Dichter, wagte es sogar als die wahre Liebe zu bezeichnen. Nicht, dass er Johann davon erzählen würde, nicht jetzt.
Friedrich küsste ihn auf den Mund, um ihn zu schmecken und zu wissen, dass er da war. Johann war sein, sein Jo, er hatte ihn schon etliche Male so geküsst, doch das Gefühl, die Wärme, wie Regen an einem Sommertag, oder dem aufregenden Sentiment, den ersten Schnee des Jahres zu sehen, verflog nie. Johanns Hände legten sich auf seine Hüften und er zog ihn näher, nicht nah genug, doch manche Wände vermochte nicht einmal der blanke Wille zu durchbrechen. Atemlos trennten sie sich, ihre Lippen waren gerötet und ihre Augen geweitet, als hätten sie soeben eine göttliche Eingebung erfahren. „Nun verstehe ich.“, gestand Friedrich und sank in sich zusammen und legte den Kopf auf Goethes Schulter. „Was verstehst du?“, fragte der, Gänsehaut da, wo Friedrichs Atem seine Haut streifte. „Die Dunkelheit, die ich zu verstehen ersuchte kann ich tagtäglich erfahren.“ Er strich sich eine der wilden, unzähmbaren Locken hinter das linke Ohr. Johann verstand nicht, schon wieder. Er wurde als einer der gebildetsten Männer des Landes bezeichnet, doch neben Friedrich fühlte er sich wie ein Debütant. „Wenn ich nur von dir getrennt bin, ist da diese Sehnsucht, die ich seit Wochen zu umschreiben versuchte. Es ist der Wende- und Angelpunkt in meinem Stück. Liebe, die konnte ich mühelos mit schnörkeligen Worten verzieren, war ich doch jeden Tag mit deiner Anwesenheit gesegnet. Doch Sehnsucht? Was mir einst das leichteste war, hast du im hintersten Schrank verschlossen. Jo, du bist meine Schreibblockade!“ Er drückte ihm einen hastigen Kuss auf beide Wangen und hüpfte auf. „Verschwinde, Liebster. Geh mir aus den Augen!“ Verdattert richtete der Ältere sich auf. Meinte Friedrich das ernst? Scheinbar, denn der scheuchte ihn aus der Kammer, bevor er sich ein letztes Mal an ihn drückte und in Ohr wisperte: „Ich komme heute Nacht und klopfe an dein Fenster. Wehe dir, wenn du nicht aufmachst, denn Sehnsucht verwandelt sich binnen Augenblicken in Verzweiflung.“
Goethe stand noch eine Weile vor der Tür, bis er ihr den Rücken kehrte und nach draußen spazierte. Dort lief er nun, von der spätnachmittäglichen Sonne beschienen, aber das Licht erhellte seinen Tag nicht mehr, als das schummrige Schimmern einer Wachskerze. Verdammt.
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