Der Traum vom Fliegen

OneshotAllgemein / P6
01.04.2018
01.04.2018
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Dieser OS spielt kurz nach Weihnachten, daher finde ich es sehr passend, ihn an Ostern hochzuladen x)
Nein, im Ernst: Die wundervolle Hanna hat mich mit ihrem Beitrag zum HP-Weihnachtswichteln dazu inspiriert, mich endlich mal an einem Harry Potter/Quidditch-OS zu versuchen - das Ergebnis habt ihr jetzt vor euch.
Ganz viel Liebe an meine Betaengelchen Hanna und Malin!
Und damit frohe Ostern und viel Spaß beim Lesen :3

* * *



Roderick Plumpton stand auf einem der kleinen Tische im Gryffindor-Gemeinschaftsraum auf dem Kopf und drehte sich.

Gedankenverloren betrachtete Anna ihn, während ihre Finger mit der Schokofroschkarte herumspielten. Sie brauchte nicht mehr abzulesen, warum er eine eigene Karte hatte: Roderick Plumpton hatte 1921 als Sucher für die Tutshill Tornados den Schnatz im Spiel gegen die Caerphilly Catapults in dreieinhalb Sekunden gefangen und damit den britischen Rekord aufgestellt. Anna hatte ihn in einem der Schokofrösche gefunden, die im Weihnachtspaket ihrer Eltern gelegen hatten.

Außerdem hatte am Fußende ihres Bettes ein Poster von den Pride of Portrees gelegen, auf welchem das Quidditch-Team lächelnd und winkend nach seinem zweiten Sieg in der britisch-irischen Quidditchliga zu sehen war, sowie eine Dose selbstgebackener Plätzchen in Besenform (ihr Vater hatte zwei davon verzaubert, sodass sie, wenn man die Dose öffnete, durch die Luft flogen und einem um den Kopf schwirrten, und Anna traute sich nicht, diese letzten beiden zu essen aus Angst vor dem, was sie in ihrem Magen anstellen könnten) und ein angeknackster (und daher ausrangierter) Schläger, den die Treiber der Prides signiert hatten (Anna wollte gar nicht wissen, welchem ihrer Kontakte ihre Mutter dafür freudestrahlend von der Quidditch-Besessenheit ihrer Tochter erzählt hatte). Ihre beste Freundin Leslie hatte am Weihnachtsmorgen nur wissend gegrinst und ihr beim Aufhängen des Posters geholfen, denn für sie war Annas Begeisterung nichts Neues.

Durch ein genervtes „Huhu?“ wurde Anna aus der Betrachtung des kopfstehenden Roderick gerissen. „Willst du hier sitzen bleiben und warten, dass sich der Aufsatz für Verwandlung von allein schreibt?“, fragte Leslie und sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen an.

Anna sah auf und schüttelte den Kopf. „Nein. Natürlich nicht.“

Leslie stand vor dem kleinen Tisch und wenn sie gekonnt hätte, hätte sie bestimmt so wie häufig die Hände in die Hüften gestemmt, doch die Rolle Pergament, ihre Schreibfeder und ein kleines Tintenfässchen in ihren Händen hinderten sie daran.

Anna verkniff sich ein Seufzen, hob dann aber widerstandslos ihre Tasche vom Boden neben ihrem Sessel auf, um die Karte darin verschwinden zu lassen und ihr Schreibzeug hervorzuholen. Leslie hatte mit ihren Sachen bereits die andere Hälfte des Tisches in Beschlag genommen und angefangen, die ersten Sätze aufs Pergament zu kritzeln.

Anna tauchte die Spitze ihrer Feder in die Tinte und versuchte sich vorzustellen, was McGonagall alles zu den Schwierigkeiten des Verschwindenlassens von Gegenständen hören wollte. Sie mochte das Fach, aber irgendwie hatte sie nach wie vor das Gefühl, McGonagall und ihren Anforderungen nicht gerecht werden zu können. Zumal sie als Hauslehrerin gefühlt nochmal ein strengeres Auge auf die Gryffindors zu werfen schien.

Am Ende des ersten Absatzes ließ Anna die Feder sinken. Ihr Kopf wollte im Moment nicht so wirklich mitdenken, was die Sache nicht gerade vereinfachte.

Sie ließ den Kopf über ihr Blatt gesenkt damit Leslie nicht merkte, dass sie nicht mehr bei der Sache war, doch ihr Blick huschte auf der Suche nach Ablenkung durch den Raum.

Draußen schneite es, weswegen der Gemeinschaftsraum recht voll war. Trotzdem herrschte Großteils geschäftiges Schweigen oder die Leute unterhielten sich aus Rücksicht auf die anderen mit gedämpften Stimmen. (Bei einer Gruppe Sechstklässler in einer Ecke war Anna sich jedoch ziemlich sicher, dass die Stille auf einen Verstummungszauber zurückzuführen war, denn sie schienen wild gestikulierend aufeinander einzureden und immer wieder in lautes Gelächter auszubrechen, ohne dass jemand außerhalb der Gruppe etwas davon zu hören bekam.)

An den anderen Tischen saßen ebenfalls kleine Zweier- oder Dreiergruppen über Bücher und Aufsätze gebeugt. Während der Weihnachtsferien wäre zwar genug Zeit dafür gewesen, aber natürlich hatte kaum jemand die freien Tage für Hausaufgaben genutzt.

Annas Blick blieb an einem Schüler hängen, der allein in einem der Sessel in der Nähe des Kamins saß. Sie erkannte ihn sofort. Es war Oliver Wood, Kapitän und Hüter der Quidditch-Mannschaft von Gryffindor. Er war drei Jahre über ihr, und das, was sie am meisten an ihm bewunderte, war seine Leidenschaft für Quidditch. Sie wusste von Katie, die bei ihr im Jahrgang und ebenfalls im Quidditch-Team war, dass es für Oliver nichts Wichtigeres zu geben schien als Quidditch. Aber eigentlich war das auch kein großes Geheimnis, Katies Aussage („Besessen ist eine Untertreibung, glaub mir“) hatte Anna lediglich darin bestätigt, dass es nicht nur so schien als ob.

Obwohl sie (abgesehen von gemeinsamem Gegröle mit den anderen Gryffindors im Gemeinschaftsraum, was ab und an auf gewonnene Spiele folgte) nichts mit Oliver Wood zu tun hatte, glaubte Anna, dass er sie verstehen würde. Dass er nicht nur nicken und sie belächeln würde, sondern dass sie in seinen Augen dasselbe Feuer finden würde, das auch in ihren brannte. Leslie gab sich zwar immer Mühe, interessiert zu wirken, wenn Anna sich in Ausführungen über Meisterschaften, Spielzüge oder Neuzugänge ihres Lieblingsteams ausließ, aber Anna ahnte, dass dieses Interesse mehr ihrer Freundschaft als dem Quidditch galt.

Sie nahm Leslie das nicht im Geringsten übel, denn immerhin hatte sie so jemanden, den sie bedingungslos vollquasseln konnte, aber es war eben doch meistens nur ein von gelegentlichen „Mhm“s und „Oha“s unterbrochener Monolog.

Oliver saß mit gerunzelter Stirn da und betrachtete die aufgeschlagene Doppelseite eines Notizbuches, und Anna hätte Wetten abgeschlossen, dass das Gekritzel auf den zwei Seiten die Planung für das nächste Training war. Oder zumindest passte das in ihr Bild vom leidenschaftlichen Quidditch-Kapitän.

Wenn die Gryffindors trainierten, hatte sie sich so oft es Stundenplan und Hausaufgabenberg zugelassen hatten in der Nähe des Feldes herumgetrieben und das Training beobachtet. Sie war nie wirklich nahe hingegangen, denn sie wollte das Training nicht stören und niemanden ablenken. Manchmal sah sie auch bei Ravenclaw zu, denn ein Mädchen, mit dem zusammen sie sich in der Winkelgasse staunend vor den Schaufenstern von “Qualität für Quidditch“ wiedergefunden hatte, spielte seit diesem Jahr als Jägerin für ihr Haus und sie hatten sich angefreundet.

Anna stellte sich oft vor, wie es wäre, sich auf einen Besen zu schwingen und mit dem Team gemeinsam über das Feld zu sausen, während sie sich den Quaffel zupassten. Oder Schlagübungen mit den Klatschern, unter denen der ein oder andere Baum in der Nähe des Quidditch-Feldes litt.

Sie träumte vom euphorisierenden Einmarsch vor einem der Spiele gegen ein anderes Haus, von den Jubelrufen der vollbesetzten Tribünen und dem Adrenalin, das einen hoch über dem Boden alle Angst vergessen ließ.

Sie wünschte, es wäre mehr als ein Traum. Sie wünschte, sie könnte über ihren eigenen Schatten springen und ihre Chance beim nächsten Auswahltraining ergreifen.

Sie wünschte sich, sie könnte.

Sie wusste, sie würde es nie bis auf einen Besenstiel schaffen, geschweige denn in die Luft.

„Anna?“, drang plötzlich die Stimme von Leslie zu ihr durch. Anna zuckte zusammen und wandte ihr den Kopf zu. Sie hatte nicht bemerkt, dass ihr zum Alibi gesenkter Kopf in der Zwischenzeit nach oben gewandert war und sie mehr oder weniger unverhohlen durch den Gemeinschaftsraum hinüber zu Oliver Wood gestarrt hatte.

„Hm?“, machte Anna möglichst gleichgültig, doch Leslies Blick über den Rand ihrer Brille hinweg zeigte, dass sie sich das sparen konnte.

„So wirst du nie fertig. Außerdem starrst du.“

„Gar nicht“, murmelte Anna und senkte den Kopf wieder, dieses Mal mit dem festen Vorsatz, wirklich an ihren Hausaufgaben zu arbeiten.

Könnte es in dem Aufsatz nicht wenigstens darum gehen, wie man Ängste verschwinden ließ? Wie man sie mit dem Zauberstab zu einer farblosen Erinnerung verblassen ließ, mit dem Wissen, dass sie mal einen Platz im eigenen Kopf gehabt aber ihr Mitspracherecht verloren hatten? Verschwundene Gegenstände waren so klischeehaft.

Ganz nett, aber im Großen und Ganzen nichts Beeindruckendes. Und vor allem nicht das, was Anna jetzt brauchte.



„Vielleicht bist Du ein Gryffindor,

sagt Euer alter Hut,

denn dort regieren, wie man weiß,

Tapferkeit und Mut.



Wo war dieser verdammte, vom sprechenden Hut besungene Mut, wenn man ihn dann mal brauchte? Wenn es um etwas ging, an das man sein Herz gehängt hatte. Genau dann, wenn man den meisten Mut brauchte, weil Versagen den tiefsten Fall bedeuten würde.

Wer hatte sich sowas wie Höhenangst überhaupt ausgedacht? Wer dachte sich „Ja, ist bestimmt ‘ne super Idee, Menschen vollkommen irrationale Ängste in den Kopf zu pflanzen“, rieb sich die Hände und sah dann zu wie die Menschen darunter litten?

Natürlich war die Angst irgendwie nicht irrational. Man konnte sich natürlich was brechen, wenn man vom Besen fiel, und Anna wollte gar nicht wissen wie schnell das passieren konnte. Aber dennoch, in einer Welt, die durch Zauberei so viel mehr sein konnte als ein Muggel sich auch nur vorstellen konnte, schien das Risiko so klein verglichen mit dem, was man geboten bekam. Und so viele Zauberer und Hexen konnten es einfach genießen, konnten sich in die Lüfte schwingen und frei sein. Nur sie war durch ihre eigenen Gedanken an den Boden gefesselt und hasste nichts mehr als das.

Sie glaubte nicht, dass es eine echte Phobie war. Dafür waren ihr die Quidditch-Tribünen und die Aussicht aus dem Astronomieturm zu geheuer. Dennoch, das Unbehagen und die Angst, die Anna überkamen wenn es auch nur im Rahmen des Möglichen war, dass sie auf einen Besen steigen und fliegen würde, war greifbar und holte sie zuverlässig ein.

Vom Fliegen träumen, das konnte sie. Seit sie denken konnte, gab es nichts anderes, das sie so konsequent begleitet hatte. Sie war mit leuchtenden Augen bei der letzten Quidditch-Weltmeisterschaft vor knapp zwei Jahren über das Gelände gelaufen, hatte sich einfangen lassen von der ganz eigenen Magie dieses Großevents und den Massen an Hexen und Zauberern, die zumindest für die Dauer des Turniers Annas Leidenschaft in ähnlichem Maße zu teilen schienen. Hatte sich für einen Moment lang nicht allein gefühlt, aber eben auch nur so lange, bis dieser Moment von kleinen Kindern unterbrochen wurde, die lachend auf Spielzeugbesen durch die Luft schossen und sie an das erinnerten, was sie sich so sehnlichst erträumte.

Nicht selten ertappte Anna sich bei dem Gedanken, dass sie ihre Angst gern eintauschen würde. Gegen irgendeine andere, Angst vor Spinnen oder vor Nadeln oder was auch immer. Nur die Angst vor dem Fliegen wollte sie los sein.

Sie würde sich nicht mehr so lächerlich vorkommen mit ihrer Quidditch-Besessenheit, wenn sie sich trauen würde, dem wirklich nachzugehen. Wenn sie die Frage „Spielst du auch?“ mit einem inbrünstigen „Ja“ beantworten, wenn sie das Teamfoto ihrer Mannschaft neben das der Prides hängen und endlich dieses Gefühl des Versagens loswerden könnte.

Es war so bescheuert. Eigentlich hätte sie sich schon längst damit abfinden können, dass sie die Quidditch-Laufbahn zumindest für dieses Leben streichen konnte, aber es holte sie immer wieder ein.

Nicht, wenn sie auf der Tribüne stand und die Gryffindors anfeuerte oder wenn sie in Erinnerungen an Spiele der Prides schwelgte. Sondern dann, wenn sie genug Zeit hatte, sich Gedanken zu machen. Gedanken über das, was sein könnte, wenn sie keine Angst hätte und damit eben über das, was nie sein würde.

Anna sah zu Leslie, die konzentriert an ihrem Aufsatz arbeitete. Sie sollte es ihr gleich tun, sonst würde das in einer Nachtschicht enden.

Anna warf Oliver einen letzten Blick zu (er war immer noch in seine Notizen vertieft), schloss dann einen Moment die Augen und widmete sich endlich mit einem leisen Seufzen ihrem Aufsatz.



„Ich schau beim Training zu, kommst du mit?“

Das dreckige Geschirr und die leeren Platten des Abendessens waren vor einigen Augenblicken verschwunden, und Leslie und Anna gehörten zu den letzten, die in der Großen Halle saßen und sich unterhielten oder, wie im Falle von den beiden, dasaßen und mit vollem Magen Löcher in die Luft starrten.

Bei Annas Frage hob Leslie die Augenbrauen in ihrer typischen „Meinst du das ernst“-Miene.

„Bei dem Wetter? Bis ich dafür genug Klamotten angezogen habe, ist das Training schon wieder vorbei. Aber geh du ruhig, ich geh wahrscheinlich sowieso bald Richtung Bett.“

Anna nickte und stand dann auf.

„Alles klar, dann vielleicht bis nachher“, verabschiedete sie sich von Leslie und beeilte sich, im Gemeinschaftsraum ihre Jacke zu holen und sich dann auf den Weg nach draußen zu machen. Sie hatte vorhin gesehen, wie das Gryffindor-Team gemeinsam die große Halle verlassen hatte, und wenn das Training so war wie immer, dann würde sie gerade dann am Spielfeld ankommen, wenn das Aufwärmen vorbei war. Außer ihr war ob der beinahe eisigen Temperaturen, die nach Sonnenuntergang herrschten, niemand draußen außer den Mitgliedern der Quidditch-Mannschaft. Es hatte immerhin aufgehört zu schneien und irgendwer hatte Beleuchtungszauber für das Spielfeld eingerichtet, sodass das Training auch nach Sonnenuntergang stattfinden konnte.

Anna suchte sich einen etwas windgeschützten Platz, von dem aus sie das Spielfeld gut im Blick hatte. Oliver hatte gerade das Team zusammengetrommelt und schien ihnen eine Übung zu erklären, denn er schob die Jägerinnen am Boden hin und her in verschiedene Formationen, ehe er sie in die Luft schickte. Die Weasleys waren etwas abseits, um niemanden zu gefährden, mit Schlagübungen beschäftigt. Potter, der neue Sucher, sah den anderen dabei zu, wie sie umher flitzten, sich treffsicher Pässe zuspielten, und dabei die von Oliver vorgegebenen Formationen flogen.

Sie folgte ihnen mit ihrem Blick, musste lächeln, wenn sie das Lachen der Mädchen hörte und grinste, wenn sie Oliver Anweisungen über das Spielfeld rufen hörte, wenn es nicht so lief, wie er es gerne hätte.

Die Kälte war ihr längst egal und sie war einfach nur froh, hier zu stehen und alles, was nicht mit Quidditch zu tun hatte, für den Moment ausblenden zu können.

Oliver hatte sich vor den Ringen positioniert, während Katie und Alicia sich den Quaffel im Doppelpass zuspielten. Gerade, als Katie den Quaffel erneut zurückpassen wollte, gab Oliver ein Zeichen und die beiden starteten einen Angriff auf seine Torringe.

Katie flog auf Höhe des rechten Rings, Alicia auf Höhe des Linken. Kurz vor den Ringen hob Katie die Hand zum Wurf, doch statt auf die Ringe zu werfen, spielte sie einen Pass zu Alicia, den diese wenige handbreit vor dem linken Ring fing und direkt weiter warf, um ein Tor zu erzielen. Oliver nickte scheinbar zufrieden und die beiden Jägerinnen flogen zurück zu Angelina und wechselten durch.

Johnson in Quaffle-Besitz, sie befindet sich im Anflug auf die gegnerischen Ringe. Spinnet zu ihrer Rechten unterstützt den Angriff und steht als Anspielposition bereit. Johnson wirft einen Blick zum Hüter, der darauf wartet, sich ihrem Wurf in den Weg zu stellen, doch Johnson spielt ab nach rechts! Spinnet fängt den Pass, und wirft ihn im selben Atemzug durch die Ringe. Tor für Gryffindor!

Während Annas Gedanken den Quidditch-Kommentator in ihrem Kopf durch den Applaus der begeisterten Gryffindor-Schüler ergänzten, flog Angelina dem Quaffel hinterher, und die Übung begann von vorne.

Bell und Johnson im Angriff, Bell in Besitz des Quaffels. Sie sprintet auf die Ringe zu, den gegnerischen Hüter im Blick. Sie zögert den Wurf auf die Ringe hinaus, scheint an Johnson abgeben zu wollen, spielt ab an Johns- Nein! Wundervoll angetäuscht! Der Hüter hechtet ins Leere, und Bell versenkt den Quaffle gemütlich im Tor. Perfekter Spielzug!

Als Katie triumphierend und mit einem breiten Grinsen im Gesicht die Faust in den Himmel streckte, ehe sie den Quaffel holen flog, lächelte Anna.

„Machst du mir etwa Konkurrenz?“, fragte eine Stimme hinter ihr.

Sie zuckte erschrocken zusammen und fuhr herum.

„Ich hab dich gar nicht kommen gehört“, murmelte Anna, nachdem sie Lee Jordan erkannt hatte. Aber warum Konkurrenz? Sie hatte doch nur gedacht, und nicht...

„Hab ich…?“

Lee grinse nur und nickte.

„Nicht laut. Es war eigentlich nur ein Flüstern. Die anderen haben es sicher nicht gehört, aber ja, du hast geredet.“

Anna merkte, wie sie rot wurde. Sie hätte Wetten abgeschlossen, nur stumm die Lippen bewegt zu haben.

„Ich würde nie…“

„Ach, warum denn nicht? Das war nicht schlecht, was du da von dir gegeben hast.“ Lee trat einen Schritt nach vorne und stand jetzt neben ihr. Er verschränkte die Arme und sah seinerseits zu den Quidditchspielern in den Himmel.

„Nicht, dass du besser wärst als ich, das nicht. Aber… ich meine, irgendwann braucht jeder einen Nachfolger. Außerdem hat man als Kommentator immer den besten Platz im Stadion.“

Anna kniff die Lippen zusammen. Dass sie das wirklich laut gesagt hatte...

„Katie meinte, dass du ein ziemlicher Quidditch-Fan bist“, redete Lee einfach weiter. „Ich hab mich also nicht wirklich gewundert, dich hier trotz der Kälte stehen zu sehen. Und wenn du hier stehst und das Training kommentierst, würde das immerhin erklären, warum du weder letztes noch dieses Jahr beim Auswahltraining versucht hast, es ins Team zu schaffen. Die Statur für eine Jägerin hättest du nämlich auf jeden Fall… Oder lieber Sucherin?“

Anna sah weiterhin den anderen beim Training zu und vermied es, Lee anzusehen. Sie hatte irgendwie nicht damit gerechnet, dass Katie mit jemandem über sie geredet hatte. Erst recht nicht mit Lee Jordan. Er war als Kommentator so sehr Teil der Quidditchspiele in Hogwarts, dass sie ihn immer nur in dieser Rolle wahrgenommen hatte.

Natürlich wusste sie, dass er auch ein Schüler war, wie jeder andere auch.

Und wie jeder andere auch ging er davon aus, dass es kein Problem wäre, sich einfach mal auf einen Besen zu setzen. Dass sie doch einfach mal zum Auswahltraining gehen könnte.

„Du musst nicht antworten“, fuhr Lee fort, als Anna nichts sagte. Stumm nickte sie und versuchte, den Kloß in ihrem Hals zu ignorieren.

Kurz standen sie einfach nur nebeneinander und gerade als Anna versuchte, sich doch Wörter für eine Antwort zurecht zu legen, drehte Lee sich um, ging in Richtung Schloss und ließ sie ohne Erklärung wieder allein zurück.

Lees Worte hallten in ihrem Kopf nach wie ein unnatürlich lautes Echo.

Konkurrenz.

Sie hatte nie darüber nachgedacht, Quidditchspiele zu kommentieren – abgesehen von den kleinen Selbstgesprächen, wenn sie alleine das Training beobachtete. Ihr Traum vom Quidditch hatte immer auf dem Spielfeld stattgefunden.

Vielleicht genau deswegen ließen Lees Worte sie nicht mehr los. Wusste er eigentlich, was er mit dieser kurzen Unterhaltung in ihr ausgelöst hatte?

Die Möglichkeit, die er so ganz nebenbei angesprochen hatte, hatte sich in Annas Kopf eingenistet und sie erschrak fast davor, wie gut sich der Gedanke anfühlte.

Sie hatte den Traum vom Fliegen nie aufgeben wollen. Es hätte sich danach angefühlt, sich selbst aus der Quidditchgemeinschaft auszuschließen, dabei war die Begeisterung für diesen Sport seit sie denken konnte ein Teil von Annas Leben. Aber wer sagte, dass sie kein Teil der Quidditch-Welt sein konnte, nur, weil sie nicht selbst auf dem Besen saß?

Nur, weil es die Quidditchspieler waren, die Einzug in die Geschichtsbücher hielten, bedeutete das nicht, dass abseits davon nicht mindestens genauso viele Aufgaben und Personen existierten, die Quidditch zu dem machten, was es war: Einer faszinierenden Sportart, die die verschiedensten Menschen auf der ganzen Welt zusammenbrachte.

Spieler, Schiedsrichter, Kommentatoren und Zuschauer machten gerade die großen Turniere doch erst zu dem Großereignis, das sie waren und das sie so besonders machten. Die Stimmung, die Begeisterung, das Gemeinschaftsgefühl – das kam nicht von 14 Spielern auf dem Feld. Das kam von so vielen.

Ein Kommentator warf keine Tore, schleuderte keine Klatscher auf die Gegner und beendete nicht das Spiel, aber er bereicherte es für alle abseits des Spielfeldes.

Und wenn Lee das nicht nur gesagt hatte, um ihr einen Gefallen zu tun, dann könnte sie womöglich so ihren Beitrag zu Quidditch leisten – auch ohne Besen.

Vielleicht tat sie damit nicht das, was alle von ihr erwarteten, oder noch weniger das, was sie selbst von sich erwartet hatte. Vielleicht konnte sie ihre Angst damit nicht besiegen, aber gleichzeitig würde es bedeuten, dass sie einen anderen Weg finden konnte.

Einen, der für sie funktionierte.

Einen, mit dem sie trotz allem in die Quidditch-Welt abheben konnte.
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