Salziger Zucker

OneshotFamilie, Schmerz/Trost / P16
Don Quichotte de Flamingo Monet
31.03.2018
31.03.2018
1
6.861
13
Alle Kapitel
8 Reviews
Dieses Kapitel
8 Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
31.03.2018 6.861
 
Vorwort der Autorin:

Hallo an alle, die sich hierher verirrt haben! :)

Ich hatte wieder einmal Lust auf einen kleinen OS. Dieses Mal handelt er von Monet und Sugar und wie sie gelebt haben könnten, bevor sie Doflamingo trafen.

Ich warne hier schon einmal explizit vor, dass sich diese Geschichte um Armut, Existenzängste und quasi ums nackte Überleben drehen wird und deshalb nicht besonders schöne Seiten der Welt aufzeigt. Monet und Sugar stammen ja „aus schwierigen Verhältnissen“ und das lässt viel Raum für Interpretationen.

Da die Mitglieder der Donquixote-Piraten vermutlich zum Großteil Decknamen tragen, es aber nicht bekannt ist, wie Sugar und Monet wirklich heißen, bin ich einfach bei den uns bekannten Namen geblieben und habe die Thematik mit den Pseudonymen außen vor gelassen, um niemanden zu verwirren.

Disclaimer: Alle Figuren des OP-Universums stammen von Eiichiro Oda. Ich leihe sie mir lediglich für schriftstellerische Unterhaltungszwecke aus.

Nun aber genug gelabert. Ich wünsche euch jetzt viel Freude mit diesem OS und würde mich sehr über Rückmeldungen jedweder Form freuen! :P


                                                                                                                                             


S A L Z I G E R   Z U C K E R


Das raue Leinen kratzt über meine nackten Arme, als mir die Decke vom Leib gezogen wird. Ein kleines Bündel neben mir rollt sich darin ein und lässt mich halb entblößt in der kalten Nachtluft liegen, die durch jede Ritze des alten Bretterverschlags, in dem wir seit einigen Tagen Unterschlupf gefunden haben, zu kriechen scheint.

Grummelnd drehe ich mich auf die Seite und will mir gerade meinen Teil der Decke zurückholen, doch ich zögere, als ich das schemenhafte, schmerzverzerrte Gesicht meiner jüngeren Schwester in der Dunkelheit sehe.

Ihre Wangen sind vor Kälte gerötet und ihr Atem geht wie meiner in milchig-weißen Wolken auf. Das Klappern ihrer Zähne dringt unterschwellig an meine Ohren und ich kann spüren, dass sie neben mir zittert wie Espenlaub.

Ich seufze und lege langsam die Arme um ihren schmalen, unterernährten Körper, drücke sie an meine Brust und versuche sie und mich gleichermaßen zu wärmen.

Diese Baracke hat zwar so etwas Ähnliches wie einen Kamin, aber da wir kein Holz, sondern nur eine halb heruntergerissene, schimmelige Gardine als Brennmaterial auftreiben konnten, war das Feuer nicht von langer Dauer.

Jetzt hocken wir dementsprechend im Dunkeln und einzig und allein unsere Körperwärme verhindert, dass der jeweils andere erfriert. Der harte Dielenboden, auf dem wir liegen, macht es uns auch nicht gerade erträglicher, aber uns bleibt nichts anderes übrig, als die Nacht irgendwie zu überstehen.

Ich versuche die beißende Kälte auszublenden und wenigstens ein bisschen Schlaf zu finden. Langsam fallen mir die Lider wieder zu, doch kurz bevor ich auch nur im Geringsten in die Traumwelt absinken kann, reißt mich eine kindliche, schläfrige Stimme aus meinem Schlummermodus.

„Monet?“

Schlagartig sind meine Augen wieder offen.

„Kannst du nicht schlafen?“, frage ich und blicke an meiner Brust hinab, in Sugars Gesicht. Es ist verschwommen, weil ich weitsichtig bin, aber ich brauche es nicht zu erkennen, um zu wissen, wie es aussieht.

Ihre Nase ist in mein Dekolleté gepresst und ich spüre, dass ihre Wangen nass sind. Tränen. „Ich habe Hunger“, wimmert sie heiser.

„Ich weiß.“

„Und mir ist kalt.“

„Ich weiß.“

Ich streichle ihr behutsam über den Rücken, weil ich ratlos bin und nicht weiß, wie ich sie sonst besänftigen soll.

Sie zieht ihren Rotz hoch und im selben Moment höre ich, wie ihr Magen grummelt. Meiner steigt gleich darauf mit in den Kanon ein. Wann haben wir das letzte Mal etwas gegessen? Das muss mindestens schon drei Tage her sein …

Einen kurzen Kuss auf ihren Haaransatz setzend, nuschle ich in ihr mintgrünes Haar hinein: „Ich werde morgen früh versuchen, etwas Essbares aufzutreiben. Und jetzt schlaf. Wenigstens für ein paar Stunden.“

Ich spüre, wie sie nickt und wie sich ihre Ärmchen um meine Taille schlingen, sie ihr Gesicht noch näher an meine Brust drückt, bis sich ihre Nasenspitze schmerzvoll in mein Brustbein bohrt.

Doch ich sage nichts. Ich lege die Decke wieder über unsere beiden Schultern, winde meine Arme ebenfalls schützend um sie und spinne sie so ein wie in einem Kokon.

Irgendwann – ich weiß nicht genau, wie lange es dauert – stelle ich erleichtert fest, dass ihr Atem gleichmäßiger geht und sie endlich eingeschlafen ist. Natürlich versuche ich es ihr gleichzutun, jedoch bleibt mir in dieser Nacht – genauso wie in der davor – jeglicher Schlaf verwehrt, zu aufgewühlt sind meine Gedanken und zu groß die Furcht, dass sie uns schon bald hier finden.


Warmes Sonnenlicht kitzelt meinen Rücken und prügelt mich unbarmherzig aus meinem Halbschlaf.

Ich setze mich mit einem Stöhnen auf und ziehe das schmuddelige, weiße T-Shirt zurecht, das ich vor einem Monat einem Hungertoten auf der Straße abgenommen und gleich dreimal in heißem Wasser ausgekocht habe, um den Stoff von sämtlichen Bakterien und dem Gestank der Verwesung zu befreien.

Mein Blick schweift durch die einräumige, teilweise zerfallene Baracke. Es gibt hier nicht einmal ein Bett, nur einen wurmstichigen Tisch, der früher einmal eine Werkbank gewesen sein muss, und einen Kamin, in dem noch immer die spärlichen, verkohlten Reste der Gardine liegen. So etwas wie einen Herd gibt es in diesem Haushalt nicht.

Ich erkenne durch das Sonnenlicht, das durch die Milchglasfenster dringt, den Staub, der in Flocken durch die Luft wirbelt, und verkneife mir ein Husten.

Sugar regt sich neben mir und als sie die Lider aufschlägt, meinem Blick begegnet, wissen wir beide, dass es vorbei ist. Wir haben eine weitere Nacht hinter uns gebracht. Überlebt.

„Morgen“, gähnt sie.

Ich fahre durch ihr weiches, leicht fettiges Haar. „Morgen“, murmle ich zurück.

Das „gut“ sparen wir uns für die künftigen Tage auf, an denen wir auf der Straße nicht mehr um verschimmeltes Brot und einen Apfelstrunk kämpfen müssen.

Sie reibt sich den Schlafsand aus den Augen. „Du gehst heute in die Stadt, oder?“ Ihre Stimme hat einen besorgten Ton angeschlagen, doch ich nicke wie ferngesteuert und stehe auf.

Das T-Shirt des Toten ist so groß und ausgeleiert, dass es für mich wie ein Kleid ist. Es reicht mir bis zur Mitte meiner Oberschenkel und es ist obendrein alles, was ich am hageren Leib trage. Die letzten Klamotten, die Sugar und ich besessen haben, waren so löchrig und zerfetzt, so abgetragen gewesen, dass wir sie entsorgen mussten und sie nicht einmal für etwas anderes verwenden konnten.

Wir haben sie verbrannt und uns über dem Feuer eine Suppe aus Essensabfällen gekocht.

Sugar trägt ein Kleid, das ich vor einiger Zeit aus ein paar anderen Stofffetzen notdürftig zusammengenäht habe, und es zeigt mehr Haut, als es für ein kleines Mädchen wie sie gut und gesund ist.

Sie ist hübsch, denn sie schlägt mehr nach unserer Mutter, hat ihre Stupsnase und ihre Augen. Tiefseeblau. Ihre elfenbeinfarbene Haut ist verschmutzt von Ruß und Dreck und der Anblick bereitet mir immer ein wenig Bauchschmerzen.

Meine Augen sind im Vergleich zu ihren goldbraun und meine Haare gelbgrün wie die Algen in dem See, der hier in den Slums liegt und die einzige Wasserquelle darstellt.

Manche Leute meinen, wir sähen uns gar nicht ähnlich, aber das juckt uns nicht. Wir wissen, dass wir im Blute verbunden sind und nur noch füreinander leben.

Unsere Eltern sind früh gestorben. Bei einem Piratenüberfall. Ich war gerade einmal zwölf gewesen und Sugar vier. Wir hatten kein Geld, kein Zuhause, keine Perspektive mehr. Wir hatten nur noch uns und kämpfen uns seitdem durchs Leben.

Dass wir nie lange an einem Ort bleiben, ist einem vergangenen Fehler geschuldet, der noch immer an uns haftet wie alter Kaugummi. Sich mit den falschen Leuten zu messen, ist niemals eine gute Idee. Egal, ob man in den Slums lebt oder in einer Adelsfamilie.

Nachdem ich mir ein wenig Wasser aus der Schüssel, die auf dem Tisch steht, in meine Hände geschöpft und es getrunken habe, schultere ich einen zusammengeflickten Stoffbeutel und mache mich zum Aufbruch bereit.

Ich merke erst, dass Sugar vom Boden aufgestanden ist, als ich an der Tür bin und sie nach dem Saum meines Shirts greift. Schlagartig stoppe ich in meiner Bewegung. Ich drehe mich zu ihr um und gehe in die Hocke, um mit ihr auf Augenhöhe zu sein. Selbst für ihre neun Jahre ist sie sehr klein, aber das liegt vermutlich an der Unterernährung.

Wenn sie mich jetzt bitten würde, nicht zu gehen, würde ich es nicht tun, selbst wenn das bedeutet, dass wir einen weiteren Tag hungern.

Doch sie hält mich nicht auf, schaut mich lediglich mit einem flehenden und gleichzeitig entschlossenen Blick an.

„Komm zurück.“

Ich weiß, was sie in Wirklichkeit  damit meint.

Lass dich nicht von ihnen erwischen.

„Immer“, sage ich mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen.

Ich lasse dich nicht allein, denke ich, als ich mich erhebe und unseren Bretterverschlag hinter mir lasse.


Wir zählen zwar einen angerosteten Kessel und ein fast-stumpfes Messer zu unseren Überlebensutensilien, aber wir haben keine Feuerstelle, geschweige denn Brennmaterial. Wenn ich also losgehe, um in der Stadt zu stehlen, dann müssen es Rohkost oder konservierte Lebensmittel sein.

Mit diesem Gedanken im Hinterkopf durchquere ich die Slums, nehme die sicheren, gering besiedelten Seitengassen und schlüpfe durch die einen oder anderen Bauruinen, die es hier wie Sand am Meer gibt. Es riecht überall nach Moder, Rauch und Fäkalien.

Die Stadt ist eine Stunde Fußmarsch entfernt und je weiter ich mich von Sugar entferne, desto mehr schrumpft mein Herz zu einer Erbse zusammen, desto mehr presst mir die Angst die Luft aus den Lungen.

Diese Angst ist leider auch nicht unbegründet. Sie hat Beine wie eine Spinne und Krallen wie eine Krähe, die sich jedes Mal, wenn ich meine kleine Schwester zurücklasse, um auf Beutezug zu gehen, tief in meine Rippen schlagen und dort schmerzvoll verhaken.

Ich beruhige mich mit dem Gedanken, dass Sugar weiß, was sie zu tun hat, sollte jemand in unseren Unterschlupf kommen, während ich nicht da bin.

Sie ist schlau und sie weiß auch, dass sie niemals ans Fenster oder an die Tür gehen soll. Sie wird sich wie gewohnt unter den Fenstersims kauern, damit sie niemand von draußen sehen kann, und dort ausharren, bis ich wiederkomme. So haben wir es abgesprochen und bislang hat uns das auch größere Scherereien erspart.

Ich lasse das Messer und die Streichhölzer, die wir einmal einem betrunkenen Piraten am Hafen abgeluchst haben, zudem immer bei ihr, damit sie sich im Notfall verteidigen kann.

Hier in den Slums kümmert es niemanden, ob jemand abgestochen wird oder mit einem Haus in Flammen aufgeht. Hier ist jeder sich selbst der nächste. Und die Tatsache, dass Sugar und ich einander beschützen, macht unser Überleben schwerer, aber auch erträglicher. Denn wir sind nie ganz auf uns allein gestellt.

Ich erreiche endlich das Stadttor – das letzte Hindernis, an dem jeweils zwei Marinesoldaten patrouillieren, um zu verhindern, dass Menschen wie ich ins Innere der Stadt gelangen.

Der direkte Weg wäre reiner Selbstmord, doch glücklicherweise ist es nicht das erste Mal, dass ich der Stadt einen Besuch abstatte, und so kenne ich einen kleine, unterirdischen Gang, den ich einmal zufällig auf meiner Suche nach Holz entdeckt habe.

Ich laufe ein bisschen um die Stadtmauer herum, bis ich die Stelle gefunden habe: Ein kleiner Graben, der hinter einem dornigen Busch versteckt ist und knapp unterhalb der Mauer verläuft. Er öffnet einen Durchgang, der mich in die Stadt führen wird.

Langsam gehe ich in die Knie und beginne mich durch den Dreck und durch das Loch zu robben. Es ist so schmal und eng, dass mein Herz jedes Mal aussetzt und ich mich frage, was wohl wäre, sollte ich doch einmal stecken bleiben.

Doch da ich, trotz dessen, dass ich gewachsen bin und Brüste bekommen habe, noch immer dünn genug für das Loch bin, schlüpfe ich da durch wie ein Vogel aus seinem Ei.

Ich komme in einem verwahrlosten Hinterhof wieder heraus, in dem die Mülltonnen überquellen und ich mich wie immer nicht zurückhalten kann, darin herumzuwühlen, mich halb in ihnen zu versenken und die ein oder anderen Dinge wie ein angeknackstes Weinglas oder einen schrumpeligen Apfel mitgehen zu lassen.

Als ich plötzlich eine Tür zuschlagen höre, bin ich in Windeseile wieder aus der Tonne herausgeklettert und sprinte aus dem Hof und auf die offenen Straßen. Ich bin von oben bis unten mit nasser Erde bedeckt und stinke vermutlich auch nach Müll, doch nur wenige Menschen schenken mir tatsächlich Beachtung. Für sie bin ich nichts weiter als eine Ratte, die irgendwo ihre Krümel zusammensucht.

Zwischen meinen Zehen hängt getrockneter Dreck und auch meine Fußsohlen sind voller Matsch und anderem Unrat. Das Erste, was ich also tue, ist, sie an einem Pflasterstein abzuputzen, so gut es geht.

Nachdem das erledigt ist, setze ich meinen Weg in Richtung Marktplatz fort. Bereits wenige Meter davor steigen mir die leckersten und atemberaubendsten Gerüche in die Nase. Knusprig angebratenes Fleisch, in Fett gewälzte Kartoffeln, gedämpftes Gemüse, Suppen und fettige, süße Gebäcke, die nur so vor Zucker triefen.

Apropos Zucker …

Als ich die ersten Marktstände passiere, sehe ich, wie ein Mann gerade nach einem kleinen Beutel Zucker verlangt, und sofort überkommt mich eine Erinnerung.

Es ist bestimmt schon drei Jahre her, da haben Sugar und ich in den Slums die Vergewaltigung einer Frau verhindern können. Zu unserem Glück war es ein einzelner Täter gewesen – ein armer Schlucker, hager, schwach und leicht mit einem Messer zu verscheuchen.

Diese Frau, die wie einst unsere Eltern aus dem ärmeren Mittelstand stammte, schenkte uns zum Dank ein kleines Säckchen, das bis zur Hälfte gefüllt war mit einem weißen, körnigen, glitzernden Pulver.

Zucker, war unser erster Gedanke.

Wir hatten uns so darüber gefreut, dass wir sogar ein halbes Laib Brot vom Bäcker aus der Stadt mit unserem restlichen Geld kauften. Doch als wir eine Scheibe damit würzten und sie uns teilten, schüttelte uns der erste Bissen beinah die Zähne aus dem Mund.

Denn der Zucker schmeckte salzig.

Natürlich war das Salz eine Errungenschaft und ich kann mich erinnern, dass wir es nicht für irgendetwas zu Essen auf dem Markt eintauschten, sondern selbst davon lebten und Gemüse und Brot damit  aufpeppten oder Fleisch pökelten. Dank unserer Sparsamkeit waren wir fast ein dreiviertel Jahr mit den knapp hundert Gramm ausgekommen, aber dennoch verzehrt uns der Gedanke nach Zucker noch heute.

Mein Magen rumort hörbar laut, als wolle er mich in diese Realität zurückholen, und einige Passanten, die in meiner Nähe an den Verkaufsständen stehen, werfen mir missbilligende Blicke zu.

Ich lasse mich davon nicht irritieren, sondern begebe mich ein wenig zur Seite, um mir in Ruhe einen Schlachtplan zu überlegen, wie ich an ein bisschen Gemüse komme und was ich überhaupt mitnehme. Nicht alles davon ist roh genießbar.

Als ich mir eine Taktik zurechtgelegt habe, schleiche ich mich an meinen Zielstand heran und ducke mich neben die Körbe, um mich gekonnt aus dem Sichtfeld des Verkäufers zu halten. Mit Argusaugen beobachte ich die Leute im Umkreis, die mein Vorhaben verteilen könnten, und als der Moment günstig ist, schlage ich zu.

Wie ein geölter Blitz schaufle ich zwei Möhren und drei Steckrüben in meine Arme und mache die Biege, noch ehe einer der Passanten auf mich aufmerksam werden und losdonnern kann, dass ich klaue.

Die Ausbeute ist durchaus nicht schlecht und das Gute an Rüben ist, dass sie leicht süßlich schmecken und so Sugars und meine Begierde nach Zucker etwas zu lindern vermögen.

Etwas abseits verstaue ich das Gemüse schnell in meinen Beutel und will bereits Ausschau nach einem Bäcker halten, doch ich komme nicht weit. Eine mir nur allzu bekannte Stimme lässt mich auf der Stelle zu Eis erstarren.

„Wen haben wir denn da? Wenn das mal nicht unsere kleine Diebin von den Slums ist.“

Wie ein stockendes Zahnrad drehe ich mich um.

Dakkar, dieser Fettwanst, und fünf seiner Anhänger – vom Beruf Straßenschläger, Drogenhändler und Gauner – stehen mir gegenüber und grinsen mich unverhohlen und schäbig an.

Sie sind überall, haben Augen und Ohren überall, egal ob in der Stadt oder in den Slums, und die Tatsache, dass sie auf der Suche nach mir und meiner Schwester sind, macht uns das Überleben und unsere wohntechnische Situation nicht gerade leichter.

Wir haben sie einmal, weil sich die Gelegenheit ergab, bis aufs letzte Hemd ausgeraubt, und sie nehmen uns das bis heute übel. So übel, dass sie meinen, uns quer durch die Slums jagen und unsere Leben mit Waffengewalt bedrohen zu müssen.

Sie wollen ihr Geld zurück. Aber das können wir ihnen nicht geben. Denn wir haben es nicht mehr. Wir haben es längst ausgegeben.

Doch Dakkar kennt keine Gnade. Er ist so skrupellos wie er fett ist.

Männer sind ungehobelte Wesen, die sich für etwas Besseres halten, nur weil sie die biologische Veranlagung haben, körperlich dominanter und stärker zu werden als Frauen. Und das nutzen sie aus, wo es nur geht.

Es sind immer die Schwächeren, die unter den Stärkeren leiden. Immer.

Dakkars schwarzes, langes, fettiges Haar ist seit dem letzten Mal wieder dünner geworden und ich glaube, er hat einen weiteren Zahn verloren. Sein Bauch quillt über seine Hose und seine Brust ist so beharrt, dass ich das Kräuselhaar oben über seinem Hemdausschnitt hervorsprießen sehe.

„Wo ist mein Geld?“

Wieder diese Frage.

Und wieder kann ich ihm nur dieselbe Antwort wie beim letzten Mal geben.

„Ich habe dein Geld nicht mehr.“

Meine Stimme beginnt zu zittern, ebenso wie meine Beine. Das Blut gefriert in meinen Adern und ich versuche langsam rückwärts zu gehen, überlege dabei krampfhaft, wohin ich flüchten kann und ob es etwas nützt, in der Masse unterzutauchen. Ich bin wendig. Und ich bin schnell. Schneller als diese Kerle. Vielleicht schaffe ich es …

„Das ist wirklich ein Jammer“, grunzt er und setzt eine heuchlerische, reuevolle Miene auf. Er hat natürlich damit gerechnet, dass ich seine Kohle nicht habe. „Dann wirst du jetzt wohl deinen hübschen Kopf dafür hinhalten müssen.“

Diese Drohung ist der Startschuss für mich. Im selben Moment presche ich los, doch offenbar hat Dakkar meinen Fluchtinstinkt einkalkuliert, denn ich pralle gegen die kräftige Brust eines Mannes, den ich vorher nicht bemerkt habe, und werde weggefedert wie ein Ball, so dass ich mich wenige Sekunden später auf meinem Hintern wiederfinde.

Dakkar kommt auf mich zu und packt mich mit seinen wurstigen Fingern an der Kehle, würgt mich und hebt mich mit einem tiefen, vibrierenden Lachen in die Luft.

Ich zapple wie ein trockengelegter Fisch und ringe mit aller Macht nach Sauerstoff.

Sein Griff um meinen Hals ist nur eine weitere Drohung, das weiß ich. Er wird mich nicht hier umbringen. Nein, er wird mich in irgendeine abgelegene, dunkle Gegend verschleppen und dort abmurksen.

Die Leute ringsum, die uns einige verunsicherte Blicke zuwerfen, denken allerdings nicht einmal daran, einzuschreiten. Sie erkennen, dass ich nicht hierhergehöre und dass ich mich mit Typen angelegt habe, denen man nachts nicht allein auf der Straße begegnen will. Sie schauen weg und tun so, als ereigne sich hier gerade kein Kindesmissbrauch.

Aber ich werde hier nicht kampflos untergehen. Ich habe Sugar versprochen, zurückzukommen. Ich werde sie nicht im Stich lassen. Sie braucht mich.

„Bedauerlich. Ohne dich wird deine kleine Babyschwester verhungern“, höhnt Dakkar wie aufs Stichwort und sein nach Fisch und Alkohol stinkender Atem weht mir ins Gesicht.

Dieser Satz legt bei mir sämtliche Schalter um. Ich höre auf, mich in seinem Griff zu winden, und gucke an mir hinab. Meine Nägel sind wieder viel zu lang geworden, doch in diesem Moment sind sie die beste Waffe, die ich habe.

Einen Wutschrei ausstoßend, ramme ich sie ihm in die hässliche Visage und ziehe sie ihm über Auge und Wange. Er jault auf vor Schmerz und lässt mich tatsächlich los.

Ich verschwende keinen Atemzug und hetze davon, verschwinde in dem Menschenauflauf und kämpfe mich bis zum anderen Ende des Marktplatzes vor. Ich bekomme noch mit, dass er seine Meute hinter mir herschickt, doch ich halte nicht inne, sehe nicht über die Schulter zurück, um mich zu vergewissern, dass mir niemand folgt.

Als ich die ersten Wohnhäuser erreiche und gerade um die Ecke stürme, überkommt mich ein Schwächeanfall. Plötzlich verliere ich all meine Kraft, meine Beine werden Pudding und ich sinke gegen die Hauswand. Mein Magen schmerzt vor Hunger, so dass ich kaum gerade stehen kann. Ich kauere mich mit einem leisen, unterdrückten Stöhnen zusammen und warte. Warte, dass der Moment vergeht und ich aufstehen und weiterrennen kann, bevor sie mich einholen.

Irgendwie schaffe ich es dann doch zu dem Loch zurück, durch das ich in die Stadt gekommen bin, und krieche auf die andere Seite der Stadtmauer. Ich lege einen letzten Sprint zu den Slums hin und laufe den Rest mit einem stetig pochenden Stechen in der Seite. Zurück zu meiner Schwester.


Ich halbiere eine der Möhren mit dem Messer und gebe Sugar die größere Hälfte.

Das Gemüse, welches ich heute ergattert habe, wird maximal für zwei Tage reichen. Danach muss ich mir einen neuen Plan machen, wie wir an Essen kommen und ob ich mich traue, so schnell wieder in die Stadt zurückzukehren, jetzt, wo ich Dakkar begegnet bin und ihn wieder einmal auf die Palme gebracht habe.

Wir sitzen eine halbe Stunde schweigend auf dem Boden und knabbern an unseren Möhrenstückchen herum, genießen den Moment, wieder etwas Nahrhaftes zwischen die Zähne zu bekommen.

„Wir müssen uns langsam mal nach einem neuen Versteck umschauen“, breche ich nach einer Weile die Stille. „Wir sind schon viel zu lange hier. Bald werden Dakkars Leute uns finden.“

„Du hast ihn heute getroffen, oder?“, fragt meine Schwester mit ruhigem Ton.

Ich schaue sie verdutzt an. „Woher weißt du das?“

Sie deutet wortlos auf meinen Hals, auf dem sich vermutlich mittlerweile Würgemale abzeichnen. Im Vergleich zu anderen Kindern ist sie wirklich aufmerksam, aber das liegt wahrscheinlich an den rauen Verhältnissen, in denen wir aufgewachsen sind.

„Ja“, gebe ich schließlich zu. „Ich bin ihm auf dem Markt über den Weg gelaufen, deswegen konnte ich nicht mehr Essen mitbringen.“

„Also verschwinden wir besser schon morgen von hier?“

Ich nicke. „Das wäre das Beste. Es ist gut möglich, dass uns Dakkar seine Leute nachgehetzt hat, die nun die Slums nach uns durchforsten.“

Und die Bewohner der Slums entpuppen sich meist als sehr nützliche Helfer und Späher, wenn es um ein Stück Brot oder ein paar Berry als Belohnung geht. Wir können niemandem trauen. Niemandem, außer uns.


Am nächsten Morgen klauben wir all unsere wenigen Halbseligkeiten zusammen. Das restliche Wasser, das wir noch haben, fülle ich in eine vergilbte Glasflasche ohne Deckel, die ich weitestgehend mit einem Stück Plastik und einem Gummiband zu verschließen versuche.

Sugar hängt sich den leichteren Beutel um, während ich den schweren schultere und sie bei der Hand nehme.

Als wir den alten Bretterverschlag, der uns lange Schutz geboten hat, verlassen, haben wir jedoch nicht mit solch einem Aufruhr in den Slums gerechnet, der nur dann auszubrechen pflegt, wenn wieder einmal Freibeuter bei uns an Land gegangen sind.

Piraten legen nicht im Hafen der Stadt an, denn dort werden sie nicht einmal reingelassen, sondern gleich mit Kanonen versenkt. Piraten legen bei den Slums an.

Ich frage den erstbesten Typen, der mir über den Weg rennt, wer sich denn dieses Mal auf diese gottverdammte Insel verirrt hat. Doch er drückt mir lediglich einen Zettel in die Hand, ohne ein Wort darüber zu verlieren.

Ich betrachte den Papierfetzen, auf dem etwas abgedruckt ist, doch ich erkenne nicht, was genau es ist. Meine Sicht ist verschwommen und als ich das Papier so weit weghalte, wie meine Arme es zulassen, kann ich es immer noch nicht genau zuordnen. Es scheint ein Bild zu sein, aber meine Weitsichtigkeit macht mir wieder einmal schwer zu schaffen.

Ich reiche den Zettel an Sugar weiter, die zumindest ein gutes Auge besitzt. „Was ist da drauf?“

„Irgend so ein blonder Kerl mit Sonnenbrille und pinken Federn. Donquixote Doflamingo“, erwidert sie mit gleichgültiger Miene.

Ich verziehe den Mund. „Ist das der Pirat, der heute hier angekommen ist?“

„Scheint so.“

„Dann lass uns schnell weitergehen, bevor wir ihm noch über den Weg laufen.“ Mit diesen Worten greife ich nach dem Zettel, zerknittere ihn und werfe ihn in irgendeine Gasse links von mir.

Meine Hand rutscht wieder in Sugars. Ich ziehe sie einen matschigen Pfad hinab, der von der Stadt weg und tiefer in die Slums führt. Ich steuere den See an, damit wir uns dort waschen und ein wenig Wasser nachfüllen können, denn ich weiß nicht, wie viel Zeit vergehen wird, bis wir wieder dorthin kommen.

Dass wir allerdings genau in die Richtungen laufen, die uns dem Piratengesindel direkt in die Arme treiben wird, realisieren wir erst zu spät, als wir niemanden mehr auf den Straßen entdecken und alle Türen und Fenster zu unseren Seiten so dicht verriegelt sind, wie es die baufälligen Baracken des Armenviertels zulassen.

Ich bleibe wie angewurzelt stehen und da Sugar nicht mit einem plötzlichen Halt gerechnet hat, stolpert sie von hinten in mich hinein.

„Was ist los?“ Sie flüstert, weil sie ebenfalls bemerkt hat, dass etwas nicht stimmt.

Ich antworte nicht, starre einfach den Weg vor uns hinauf und blicke der Sonne entgegen, die gerade hinter den Dächern aufgeht.

Ich mag weitsichtig sein, aber dafür sind meine Augen in der Ferne umso besser.

Schwarze Schemen zeichnen sich vor der flimmernden Sonne ab und folgen dem Verlauf der Straße, kommen uns näher und näher. Mein Griff um Sugars Hand verstärkt sich reflexartig und sie drückt mit ebenbürtiger Angst zu.

Ich weiß nicht, wieso ich mich nicht bewege, wieso ich meine Schwester nicht in eine Seitengasse zerre und dort mit ihr warte, bis diese Leute vorbeigezogen sind. Aber Sugar macht auch keine Anstalten, sich zu bewegen. Sie ist genauso in diesem Moment gefangen wie ich.

Diese Leute … Diese Piraten sehen aus wie ein Verband von Zirkusartisten. Groteske, quietschbunte, große, drohende Gestalten und an ihrer Spitze ein blonder Mann mit Sonnenbrille und einem pinken Federumhang, der seicht im Wind wallt.

Donquixote Doflamingo.

Der Mann mit den Federn bleibt stehen, als er merkt, dass wir ihm im Weg sind. All seine Anhängsel tun es ihm gleich und sofort stehen wir im Mittelpunkt ihrer Aufmerksamkeit.

Mein Blick verfinstert sich, als ich daran denke, dass solche Leute unsere Eltern auf dem Gewissen haben. Sie haben uns erst dazu getrieben, solch ein erbärmliches, grauenhaftes Leben führen zu müssen.

Statt Angst nistet sich nun Wut in meinem Herzen ein und ich begegne dem Blick des Federmannes. Zumindest glaube ich das. Ich weiß nicht, ob er mich ansieht, aber das Gefühl, von ihm durchbohrt zu werden, bricht über mich herein wie ein unbefestigter Turm aus Ziegelsteinen.

Seine Gesichtsmimik wirkt wie versteinert, während wir uns ansehen, doch dann plötzlich zucken seine Mundwinkel und seine Lippen biegen sich zu einem beunruhigend breiten, teuflischen Lächeln.

„Was haben wir denn hier?“, wiehert er und leckt sich obszön über die Lippen. „Den ganzen Weg von der Küste begegnen wir niemandem und plötzlich tauchen zwei kleine Mädchen auf, die uns in Empfang nehmen wollen. Wie reizend.“

Die Zirkusleute hinter ihm lachen schallend auf.

Jetzt wird mir klar, wie unheimlich dumm die Idee gewesen ist, einfach stehenzubleiben. Wieso bin ich diesen Piraten nicht aus dem Weg gegangen? Sie werden uns töten. Aber vielleicht ist das immer noch besser, als Dakkar in die Finger zu fallen. Und vielleicht, aber nur vielleicht, habe ich keine Lust mehr zu kämpfen und ersehne mir Erlösung.

Doch da ich eine kleine Schwester habe, darf ich mich solchen Gefühlen nicht hingeben.

Also schiebe ich Sugar hinter mich und spüre, wie sie mir das Messer hinterrücks zuschiebt. Ich umfasse es so fest, als wäre es die letzte Rettungsleine, die mich vorm Ertrinken bewahrt. Schweiß bricht mir über die Stirn, doch ich gucke ihn noch immer so finster an wie ich kann.

„Kleine Mädchen wir ihr seid für den rauen Boden wie dem der Slums doch gar nicht gemacht.“ Sein Grinsen wird breiter. Böser. „Wollt ihr nicht meiner Crew beitreten?“

Er verspottet uns. Ich höre es klar aus seiner Stimme heraus.

Ich nehme all meinen Mut zusammen und spucke ihm entgegen: „Verarsch uns nicht, Pirat! Wir brauchen kein Mitleid! Lass mich und meine Schwester in Ruhe!“

Dann drehe ich mich auf dem Absatz, hieve Sugar in meine Arme und renne. Ich renne fast den ganzen Weg zurück, den wir gekommen sind, nehme Biegungen und Wendungen und Seitengassen, in der Hoffnung, dass die Piraten uns jetzt nicht an die Gurgel wollen und uns nicht folgen.

Sugar klammert sich um meinen blaugeprügelten Hals und atmet zittrig gegen meine Haut.

Als ich schließlich einen Blick zurückwerfe, sehe ich niemanden.

Sie stellen uns nicht nach …


Nachdem wir dutzende Umwege gelaufen sind, um den Piraten nicht noch einmal zu begegnen, erreichen wir endlich den See, der von Anfang an unser Ziel gewesen ist.

Ich gehe in die Hocke, fülle unsere Flasche auf und spritze mir ein wenig Wasser ins Gesicht. Sugar zieht unterdessen ihr Kleid über den Kopf und springt ins kalte Nass. Ich folge ihr wenige Sekunden später und tauche unter, fahre mit den Händen durch meine Locken, die sich im Wasser bewegen wie dichte Algen. Mein Haar ist so verfilzt und dreckig, dass es wahrscheinlich kein Kamm je wieder bändigen kann.

Nach dieser kleinen Erfrischung setzen wir uns auf die matschige Sandbank und lassen uns von der Mittagssonne trocknen.

Ich schneide meiner Schwester mit dem Messer die zu lang geratenen, welligen Locken und beschließe dann spontan, meine mit einem kurzen Handgriff ebenfalls zu kürzen und mich von dieser Last zu befreien.

Wir schweigen uns die ganze Zeit an und starren auf den See, der grün und keimig daliegt und von einigen Wasserspinnen und Fröschen bevölkert wird.

Sugar streift sich ihre Bekleidung wieder über und rutscht dann ein wenig näher ans Ufer, versucht ein paar Kaulquappen, die sich in einer Kuhle aus Steinen tummeln, in ihre Hände zu schöpfen, doch sie entwischen ihr immer wieder.

Ich beobachte sie mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen, ehe ich aufstehe, das Toten-Shirt wieder über meinen entblößten Oberkörper ziehe und unsere Sachen zusammenpacke.

„Wir müssen los“, durchbreche ich schließlich die Stille, als ich neben ihr zum Stehen komme und ihr ihren Beutel hinhalte, den sie nickend annimmt.

„Ihr müsst nirgendwohin.“

Ich ziehe bei dieser Stimme scharf die Luft ein und Sugar drückt sich panisch an mich.

Sie haben uns gefunden …

Ich blicke zur Seite, habe das Messer bis jetzt nicht aus der Hand gegeben und nun zur blutigen Abwehr bereit, auch wenn es mir vermutlich nicht sonderlich viel nützen wird. Aber zumindest kann ich so sicherstellen, dass Sugar fliehen kann.

„Du wirst weglaufen, wenn ich es sage“, wispere ich, so dass nur sie es hören kann.

Doch sie schüttelt nur wild mit dem Kopf. „Nein, ich lass dich nicht allein!“

Am liebsten würde ich mich jetzt über ihre sentimentale Dickköpfigkeit aufregen, aber das ist nicht der richtige Zeitpunkt dafür. Denn dort, wo das Ufer beginnt, steht Dakkar, hinter ihm eine Gruppe seiner Lakaien, die bis an die Zähne bewaffnet sind und tollwütig mit den Säbeln rasseln. Sie wollen uns an den Kragen und dieses Mal wird es definitiv keine Kinkerlitzchen geben.

„Monet“, flüstert meine Schwester hinter mir.

Meine freie Hand wandert nun in ihre und ich drücke sie fest. „Keine Angst.“

„Oh, ihr solltet sehr wohl Angst haben“, knurrt Dakkar wie eine hungrige Töle und er macht einen bedächtigen Schritt auf uns zu, wobei einer seiner Stiefel leicht im Matsch und Morast einsinkt. Ich erkenne die Streifen, die meine Nägel auf seinem Gesicht hinterlassen haben. Die Kratzer leuchten rot und sind offenbar entzündet. „Da ihr die Dreistigkeit besaßt, euch an meinen Reichtümern zu bedienen, aber nun nichts davon zurückerstattet könnt, müsst ihr eure Schuld wohl anders begleichen.“

Mir schwant Übles, doch ich versuche die Galle, die sich meine Kehle hochbrennt, wieder herunterzuschlucken und den Brechreiz zu unterdrücken.

Sein gieriger, schmieriger, ekliger Blick bleibt auf meinem Gesicht hängen. „Mit dir Schlampe kann ich nichts mehr verdienen, du würdest selbst einen Bettler um seine paar Berry bringen, aber deine kleine Schwester …“ Und huscht weiter zu dem meiner Schwester. „… die wird vielleicht mal ganz hübsch. In einem Hurenhaus wäre sie sicherlich gut aufgehoben.“

„Du wirst dich nicht an meiner Schwester vergreifen!“, zische ich.

Er geht noch weiter vor, so dass er nun einen halben Meter vor mir steht und ich seine ekelhaften Ausdünstungen wahrnehmen kann. „Wer soll das verhindern? Du?“

Panik steigt in mir auf, als ich die Ausweglosigkeit der Lage erkenne. Sie haben mittlerweile einen Kreis um uns geschlossen, uns eingekesselt und die einzige Fluchtmöglichkeit ist der See. Wir müssen zurück ins Wasser und auf die andere Seite schwimmen, aber Sugar ist noch ein Kind und selbst wenn sie sich an meinen Schultern festhalten würde, wären wir dennoch zu langsam, um den erwachsenen Männern zu entkommen.

Während ich mich hektisch nach einer Lösung abringe, fällt mir erst zu spät auf, dass Dakkar seine Pranke zum Schlag erhebt. Er schmettert sie mir ins Gesicht, so dass ich das Gleichgewicht verliere und nach hinten in den Schlamm stürze, Sugar dabei halb mit mir reiße.

Der Geschmack von Eisen flutet meinen Mund. Der Geschmack von salzigem Zucker. Blut benetzt meine Lippen und fließt mir aus dem Mund.

Ich höre meine Schwester hinter mir kreischen, doch es dröhnt in meinen Ohren, so als wäre ich eben taub geworden, und ich kann nicht verstehen, was sie ruft oder ob sie einfach nur meinen Namen schreit.

Sie klammert sich an meinen Arm, will mich tatsächlich ins Wasser ziehen, doch sie ist nicht stark genug.

Dakkar schubst sie zurück, packt mich an den Haaren und zerrt mich wieder auf die Beine. Der Schmerz ist allgegenwärtig. Es fühlt sich so an, als reiße dieser Mann mir die Kopfhaut ab. Mir kommt ein gequältes Stöhnen über die Lippen.

Er beugt sich zu mir und ich sehe ihn an, sammle Blut in meinem Mund und spucke es ihm in sein widerliches, fettes Gesicht.

Er wird rot vor Rage. „Ich habe dir eine Frage gestellt!“, bellt er und schüttelt mich wie ein Wahnsinniger, bis mir schwindelig vor Augen wird und ich fast kotzen muss. Ich will ihm das Messer in die Hand stoßen, doch er hört einfach nicht auf, mich wie eine Puppe herumzuschleudern. „Wer soll verhindern, dass ich dich umbringe? Wer soll verhindern, dass ich deine kleine Schwester zu einer Hure mache, häh?!“

„Ich“, antwortet plötzlich eine Stimme aus dem Nichts und die nächsten Sekunden spielen sich so rasend schnell vor mir ab, dass ich gar nicht mitbekomme, was passiert.

Plötzlich erschlafft Dakkars Hand, die sich in meinem Haar verkrallt hat, und ich falle zu Boden. Ich rapple mich auf und sein Kopf rollt mir im selben Augenblick vor die nackten Füße. Ein sauberer Schnitt hat seine Kehle durchtrennt und sein Schweinsgesicht von seinen Schultern gefetzt. Frisches, rotes Blut bedeckt den Morast des Ufers.

Ich starre in seine leblosen, glasigen, weißen Augen und sie starren zurück, durchbohren meine Seele.

Um mich herum brechen die wütigen und schockierten Schreie seiner Anhänger aus, doch sie verstummen einer nach dem anderen. Pistolenschüsse und das Singen von Metall erklingen. Sugar klammert sich an mich und fängt an zu weinen, doch ich rühre mich noch immer nicht. Ich bin in einer Schockstarre gefangen, so dass ich weder schreien, noch weinen, noch lachen, noch irgendwie reagieren kann.

Erst, als ein paar spitze Schuhe in mein Sichtfeld rücken, als die Geräusche um mich tot sind und Sugar nicht mehr weint, sehe ich auf, erblicke das sonnenbebrillte Gesicht des Vogelmannes. Des Piraten.

Er grinst wie ein Honigkuchenpferd und als hätte er eben das schönste Geburtstagsgeschenk überhaupt bekommen.

„Ich hoffe, ihr zwei seid nicht verletzt“, grient er.

Ich schüttle benommen mit dem Kopf.

„Gut. Wäre auch eine Schande, wenn meinen neuen Familienmitgliedern etwas zustieße.“

Neue Familienmitglieder?, tönt es in meinem Kopf.

Was redet dieser Kauz da?

Ich verziehe den Mund und greife mein Messer. Als ob ich mit irgendeinem Piraten etwas zu tun haben wollte! Ich will ihm meine Waffe in den Oberschenkel jagen, doch eine Handbewegung seinerseits und das kühle Metall fliegt mir aus den Händen und direkt zwischen seine Finger.

Verdutzt schiele ich von meiner Hand zu seiner Hand. Wie hat er das gemacht?

„Ich habe euch gerade das Leben gerettet und biete euch bereits ein zweites Mal an, meiner Crew beizutreten, und du willst mich immer noch abstechen? Das ist aber nicht sehr nett. Ich unterbreite nicht vielen Leuten solch ein Angebot. Wie wäre es mit ein wenig Dankbarkeit?“

„Dankbarkeit?“ Ich schnaube spöttisch.

Doch anstatt zornig zu reagieren, wird sein diabolisches Grinsen breiter. „Ich habe Kinder wie euch schon zur Genüge gesehen. Diese Welt hat euch nichts außer Leid angetan und ihr kämpft weiter und immer weiter, aber nichts ändert sich.“ Er beugt sich langsam zu meinem Gesicht hinab und haucht: „Wollt ihr die Welt nicht auch brennen sehen?“

Ein Schauer der Erregung gleitet bei diesen Worten über meinen Rücken, denn sie beinhalten eine Wahrheit, über die ich bis jetzt nie nachgedacht habe.

Ohne eine Antwort von mir abzuwarten, stolziert er in einem seltsamen Gang zurück zu seiner vielköpfigen Mannschaft, die ihre Waffen vom Kampf noch immer in den Händen hält. Ein Berg von leblosen Körpern hat sich ringsum um sie aufgetürmt. Es sind Dakkars Anhänger. Alle tot.

Diese Leute … Sie haben uns geholfen. Sie haben unsere bemitleidenswerten Leben gerettet, obwohl wir ihnen mit so viel Feindseligkeit gegenübergetreten sind und nichts getan haben, um ihr Mitgefühl zu verdienen.

Wieso?

Donquixote Doflamingo scheint mir meine Frage direkt vom Gesicht ablesen zu können, denn er antwortet mit ausgebreiteten Armen und dem breitesten Lächeln, das ich je an einem Menschen gesehen habe: „Menschen, die ihre Familie schätzen und bereit sind, für sie zu sterben, sind bei mir stets willkommen. Ihr beide seid solche Menschen und deswegen biete ich euch an, mir bis zum Ende dieser Welt zu folgen. Wenn ihr euch als würdig erweist, werde ich sichergehen, dass euch niemals jemand wieder Schaden zufügt!“

Mein Herz fängt an zu stottern und die Luft bleibt mir im Hals stecken. Sugar lässt plötzlich meine Hand los und rennt auf die Seite der Piraten.

„Sugar!“, rufe ich etwas verwirrt.

Sie dreht sich zu mir um und es ist das erste Mal seit langem, dass ich sie lächeln sehe. „Monet, diese Leute haben uns geholfen, oder nicht? Du hast doch gesagt, dass wir eines Tages wieder ein gutes Leben führen würden, ohne zu hungern und ohne immer weglaufen zu müssen. Eine Chance wie diese bekommen wir nie wieder!“

Ich blinzle sie perplex an und kann nicht glauben, dass diese Worte gerade eben aus ihrem Mund gekommen sind. Sie ist so erwachsen geworden und jetzt komme ich mir vor wie das Kind.

Mechanisch nicke ich und überwinde die letzten Meter zu den Piraten. „Du hast recht“, sage ich und blicke entschlossen in das Gesicht des Vogelmannes hinauf. „Wir werden dir folgen. Jeder Ort dieser Welt ist besser als dieser.“

Daraufhin bricht ein hyänenartiges Lachen aus ihm heraus, das wie eine Verheißung über den See hallt.


Sugar und ich bekommen die Münder kaum zu, als wir gewaschen und in neuen Kleidern die Kombüse des Schiffs betreten und uns eine Tafel voll mit Essen begrüßt. Nicht nur, dass das Wasser sauber gewesen ist und die Kleidung keine Löcher hat … das Abendbrot ist noch einmal eine Sensation für sich.

So viele köstliche Gerichte auf einem Fleck habe ich noch nie gesehen und mir läuft buchstäblich das Wasser im Mund zusammen.

„Bloß keine Scheu“, lacht der junge Meister – so nennen sie ihn alle – und macht eine ausschweifende Geste zum Tisch hin. „Esst, so viel ihr wollt.“

So fühlte es sich also an, wieder eine Familie zu haben. Jeder amüsiert sich am Tisch, quatscht, lacht und isst zusammen zu Abend …

Ich kann mich gar nicht entscheiden, was ich zuerst auf meinen Teller laden soll. Der Obstkorb wandert durch unsere Hände und Sugar fischt sich einen Strauch Trauben heraus, beginnt sie sich einzeln in den Mund zu schieben. Ihre Wangen werden ganz rot vor Genuss und Freude und auch mir steigen langsam die Tränen in die Augen. Ich kann noch immer nicht begreifen, dass gerade wir beide das Glück hatten, unserer trostlosen Welt entflohen zu sein. Dass gerade wir von diesen Piraten aufgelesen wurden …

Es wird Tee ausgeschenkt. Er duftet himmlisch und ich bekomme eine wohlige Gänsehaut.

„Zucker, ihr Süßen?“, fragt eine Frau mittleren Alters mit einer extravaganten, zweifarbigen Haarpracht und hält uns ein weißes Porzellandöschen entgegen.

Wir beide starren das Gefäß mit großen Augen an und nicken synchron.

Die Frau, die uns auch mit Sachen eingedeckt hat, gibt mir die Dose und ich hebe den Deckel an, offenbare eine hügelige Miniaturberglandschaft aus weißen, funkelnden Zuckerkristallen. Doch anstatt gleich zwei Löffel davon in den Tee zu machen, angle ich mir eine Scheibe Brot aus dem Brotkorb und verteile das weiße Pulver darauf.

Alle Augenpaare am Tisch sehen uns verdattert dabei zu, doch wir ignorieren das und teilen uns das Brot, so wie wir es schon immer gemacht haben. Und wie wir es wohl nie wieder tun werden.

Gemeinsam beißen wir hinein und lassen uns den Geschmack des Himmels und der Hölle zugleich auf der Zunge zergehen. Wir sehen uns an und lachen, während uns die Tränen über die Wangen laufen.

Denn dieser Zucker schmeckt nicht salzig …

Er schmeckt süß.

Ende.
Review schreiben