Gift und Wahrheit

OneshotAbenteuer, Fantasy / P12
31.03.2018
31.03.2018
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Ich hatte noch nie ein solch majestätisches Pferd gesehen. Seine Silhouette zeichnete sich gegen die Sonne ab, als der Hengst stieg und auf den Hinterbeinen tänzelte. Sein Reiter blieb fest im Sattel, als hätte er sein Leben lang nichts anderes getan. Mit seinem königsblauen Wams und dem langen, schwarzen Haar sah er auf dem Silbergrauen aus wie ein Mann mit viel Macht und Ansehen. Dabei wusste ich, dass er aus dem Spielmannslager kam.
„In Ordnung“, gab Wenzel seufzend nach. „Wenn er dir so viel bedeutet, muss ich ihn ja fast hier aufnehmen. Aber denk daran, er hat eigentlich nicht das Anrecht auf einen Platz im Burgstall. Es ist ein grosser Gefallen, den ich dir da tue, Sindri.“
„Dessen bin ich mir bewusst“, erwiderte der Reiter, als sein Pferd wieder auf allen Vieren landete. „Danke, Wenzel.“ Damit schwang er sich elegant aus dem Sattel und übergab meinem Meister die Zügel.
Er hatte den Platz schon verlassen, als Wenzel sich noch mit dem widerspenstigen Tier abmühte. Der Hengst warf den Kopf hin und her, tanzte auf der Stelle und liess sich nichts befehlen. Als Wenzel ihm auf das Hinterteil schlug, biss ihm das Pferd in  den Arm, woraufhin der Stallmeister erschrocken die Zügel fallen liess.
„Cuno!“, rief er. „Kümmer du dich um ihn!“ Mit diesen Worten verschwand er im Stall und überliess es mir, den Hengst wieder einzufangen.
Ich musste alle Tricks anwenden, doch schliesslich gelang es mir tatsächlich, den Silbergrauen sicher in seine neue Box zu führen. Während ich ihm Futter und Wasser gab, vermied ich den Blickkontakt, um ihn nicht unnötig aufzuregen und achtete darauf, ausser Reichweite seiner Hufe zu bleiben. Argwöhnisch wurde ich dabei beobachtet, als registrierte er jeden Fleck auf meinem staubigen Leinenhemd.
Entweder verstand sein Halter absolut nichts von Pferden, dass er sein Tier so gründlich verdorben hatte – oder er war der beste Pferdekenner des gesamten Königreichs, dass er mit einem derart verdorbenen Pferd so gut umgehen konnte. Ich tendierte zu Letzterem.

Das Burgfest gab uns Stallburschen alle Hände voll zu tun. Unser Meister war streng und ständig unzufrieden, mehr noch als die Adligen, denen die Pferde gehörten. Vermutlich kam das vom Stress. Man erwartete, dass auf dieser wichtigen Hochzeit alles perfekt lief. Trotzdem hätte ich mir keine andere Arbeit gewünscht. Ein Lied auf den Lippen mistete ich die Ställe aus und striegelte die Pferde der Burgleute. Ich mochte den Geruch von frischem Stroh und das Begrüssungsschnauben, wenn ich eine Box betrat. Die Tiere liebten mich und ich liebte sie.
Nur beim Silbergrauen kam ich wirklich an meine Grenzen. Jedes Mal, wenn ich mich ihm näherte, trat und schnappte er nach mir. Die anderen Stallburschen waren mit ihrer Geduld schon lange am Ende, als auch ich schliesslich resignieren musste. Der Hengst hatte mir kräftig in den Bauch getreten und dabei einen blauen Fleck hinterlassen, der mich noch lange daran erinnern würde. So musste ich dazu übergehen, ihm Futter und Wasser vorsichtig in einem Eimer mit der Heugabel zuzuschieben. Schon dabei hatte ich den Eindruck, er würde mich anknurren, wenn Pferde das denn konnten.
Sein Besitzer war gar nicht begeistert, als er mich einmal dabei beobachtete. „Wie er aussieht! Habt ihr ihn denn nie geputzt? Und ausgemistet habt ihr auch nicht! Mein armes Pferd!“ Wild gestikulierend unterstrich er seine Aussage mit Beschimpfungen und einer Predigt über Pferdepflege. Er war noch nicht damit fertig, als er dem zappelnden Hengst routiniert das Halfter umlegte. Fasziniert beobachtete ich ihn dabei.
„Es tut mir wirklich leid, Herr vom Winterfeld“, sagte ich geknickt. „Wir können uns ihm kaum nähern, ohne verletzt zu werden.“ Inzwischen hatte ich erfahren, dass Sindri so etwas wie ein abtrünniges Mitglied des Hochadels war, das die Gesellschaft der freiheitsliebenden Spielleute seiner strengen Familie vorzog. Auf eine Art bewunderte ich ihn – umso mehr traf mich seine Wut.
„Und du willst ein Stallbursche sein“, grummelte er und warf mir einen letzten bösen Blick zu, bevor er sich den Sattel schnappte und sein Tier am Strick hinaus führte.
Ein wenig beleidigt blickte ich ihm nach. Ich hatte sehr wohl Talent. Es nahm bloss niemand wahr. Hätten alle, die auf mich herabsahen, mich richtig gekannt, hätte niemand derartige Aussprüche in den Mund genommen.

Später war ich damit beschäftigt, die Box auszumisten, wo der Silbergraue schon einmal nicht da war, als der Bruder des gefallenen Prinzen auf mich zukam.
„Hast du Wenzel irgendwo gesehen?“, fragte er.
Ich schüttelte den Kopf. „Nicht seit heute morgen.“
Falk lief nachdenklich auf und ab, bis er überrascht vor der Box des Silbergrauen stehen blieb. „Mein Bruder war hier?“, schloss er mit eigenartiger Stimme. Er schien mit gemischten Gefühlen zu kämpfen, wie immer, wenn Sindri zur Sprache kam. Ohne den Blick von der Box abzuwenden fügte er schliesslich hinzu: „Hast du mit ihm gesprochen? Wie geht es ihm?“
„Ganz gut, denke ich. Er war... enttäuscht, dass wir uns um den Silbergrauen nicht besser kümmern konnten. Doch es gibt niemanden, der sich so hervorragend auf Pferde versteht wie er.“
Falk lachte trocken. „Enttäuscht? Ich bin mir sicher, er hat herumgewütet wie sein Gaul.“
Ich senkte den Blick und musste an Sindris letzte Worte denken, bevor er aus dem Stall verschwunden war. „Und du willst ein Stallbursche sein.“ Wie oft hatte ich diesen Satz schon gehört, von Rittern, von Knappen, von Wenzel... Warum konnten sie nie zufrieden sein mit meiner Arbeit?
Falk schien meine Stimmung zu bemerken und legte mir die Hand auf die Schulter. „Nimm es dir nicht so zu Herzen. Sindri ist sehr eigenwillig, um nicht zu sagen eingebildet. Er ist ein hochnäsiger Schnösel, der denkt, er hätte zu allem das Recht. Er nimmt anderen alles weg, nur weil er der Erstgeborene ist, als wäre er der König. So besitzergreifend und streitsüchtig und verantwortungslos...“ Wie er da herumschimpfte, ging es gewiss nicht mehr um den Vorfall von heute. Doch Falk bekam gerade noch die Kurve. „Pferde sind ihm heilig, besonders seine eigenen. Doch egal, was er gesagt hat, du hast nichts falsch gemacht. Ich weiss, dass du erstklassig mit Pferden umgehen kannst. Ich habe dich mit den Schützen trainieren sehen.“
Da musste ich rot angelaufen sein wie eine Erdbeere. „Ihr habt mich gesehen?“
„Ich wette mit dir, dass du es schaffen würdest, dein Ziel auch in vollem Galopp zu treffen“, forderte er mich heraus. Als ich vehement den Kopf schüttelte, fügte er hinzu: „Ich wette um mein Pferd.“
Mit grossen Augen starrte ich ihn an. Um sein... Ich konnte doch nicht... Aber... „Das... Das kann ich nicht annehmen“, stotterte ich.
„Doch, das kannst du“, insistierte Falk. „Nimm einen Strohsack mit als Ziel, ich hole mein Pferd im Ritterlager.“
Ich war ihm so viel wert? Ein gesundes, erstklassiges Pferd? Das konnte doch nicht sein! War er so reich seit Sindris Abwesenheit, dass er Pferde verschenken konnte wie Wildblumen?

Der Hengst war wunderschön und an Eleganz nicht zu überbieten. Er war ein windfarbener Rappe, das Fell pechschwarz, die Mähne weiss wie Schnee. Vom Temperament her war er das glatte Gegenteil des Silbergrauen. Was Sindris Pferd an Stolz und Unruhe hatte, hatte Falks an Ausgeglichenheit und bedingungsloser Treue. Ich hatte das Gefühl, bei einem Ritt durch einen brennenden Wald würde es immer noch ruhig und absolut gehorsam sein.
Auf der Lichtung hinter dem Ritterlager schwang ich mich in den edlen Sattel und liess mir von Falk den Bogen überreichen. Das Zaumzeug hatte ich weggelassen, Zügel konnte ich beim Schiessen nicht brauchen. So lenkte ich den Hengst nur mit dem Gewicht und mit Schenkelhilfen vor dem Strohsack hin und her, um die optimale Entfernung abzuschätzen. Es war windstill, doch der Gegenwind beim Galopp und die Tatsache, dass ich mich beim Schiessen so schnell bewegen würde, machten das Ganze wirklich schwierig.
„Komm schon“, drängte Falk. „Du kannst das. Starte dort hinten.“
Zögernd lenkte ich den Hengst in die gewiesene Ecke und legte einen Pfeil auf. Das Ziel fest fixierend trieb ich das Tier zum Galopp an, schätzte den richtigen Moment ab, liess die Sehne los –
Und schoss völlig daneben.
Ich sah es erst, als das Pferd wieder langsamer wurde und in grossem Bogen zurück zum Strohsack lief. Das waren bestimmt vier, fünf Meter. Frustriert liess ich den Bogen sinken.
Falk trabte auf mich zu. „Hey, ich habe nicht gesagt, dass du es beim ersten Versuch schaffen würdest. Du musst dich erst einmal daran gewöhnen. Schau in den Köcher. Du hast so viele Versuche wie Pfeile. Wenn du es dann noch nicht geschafft hast, gehört das Pferd dir.“
„Euch ist schon bewusst, dass ich absichtlich daneben schiessen könnte?“, erwiderte ich kopfschüttelnd.
Falk grinste schelmisch. „Ich weiss, dass du das nicht tun würdest, weil du auch beweisen willst, was in dir steckt. Du bist völlig überqualifiziert. Wenn du es schaffst, werde ich das überall herumerzählen. Ich habe gute Beziehungen, musst du wissen. Wenn der junge Winterfelder dich empfiehlt, gilt das viel.“
Das würde er für mich tun? Wenzel würde mich mit ganz anderen Augen sehen! Vielleicht würde ich sogar Stallmeister werden! Cuno, der Stallmeister von Burg Neideck! Wobei, Wenzel würden sie niemals absetzen. Er war ein guter Freund der Familie. Alle liebten ihn. Dennoch setzte ich mit ganz neuer Motivation den nächsten Pfeil auf. Bei dieser Wette konnte ich ja gar nicht verlieren.
Das anfängliche Dutzend Pfeile schwand langsam, doch beim zweitletzten gelang mir tatsächlich noch der grosse Schuss. Ich hatte schon den letzten aufgelegt, bevor ich es realisierte. Doch da steckte er tatsächlich in der Mitte des Strohsacks. Ich konnte es kaum glauben.
„Bravo! Sauberer Schuss! Ich wusste, dass du es schaffst!“
„Ihr freut Euch doch nur, dass Ihr das Pferd behalten könnt“, lachte ich verlegen. Mein Blick ruhte auf dem Strohsack. Ich hatte tatsächlich ein Mitglied des hohen Adels beeindruckt, und er glaubte an mich. Das war ein völlig neues Gefühl. Es fühlte sich richtig gut an.
„Ich schulde Euch etwas“, sagte ich. „Was immer Ihr wünscht, sofern es in meinen Möglichkeiten liegt, werde ich es erfüllen.“
Falk lächelte. „Ich brauche nichts, ist in Ordnung. Ich habe alles. Und was ich mir wünsche, kann kein Sterblicher erfüllen. Es reicht mir völlig, dass ich einen unterhaltsamen Nachmittag hatte und einem unterschätzten Stallburschen helfen kann. Und dass ich meinen Bruder einmal mehr Lügen strafen konnte.“ Sein Lächeln war zu einem fiesen Grinsen geworden.
Das war also der Hintergrund. Der Graben zwischen den Winterfeldern war tief.
„Ihr versteht Euch nicht gut mit ihm.“ Mir stand eine derartige Bemerkung nicht zu. Als Stallbursche hatte man sich nicht in die Angelegenheiten der Adligen einzumischen. Dennoch ging mir der Bruderzwist sehr nahe.
„Ich bin ganz froh, dass er im Spielmannslager ist und nicht bei uns. Wir können uns keine fünf Minuten mit ihm unterhalten, ohne dass jemand durchdreht.“ Sein Blick glitt in die Ferne. Er wirkte gar nicht wütend oder triumphierend, nur traurig. Nach einer Weile fügte er leise hinzu: „Trotz allem ist er immer noch mein Bruder.“ Zum ersten Mal sah ich nicht den glänzenden Adligen in ihm, der unerreichbar hoch über mir stand, sondern den verletzten, jungen Mann, der seinen Bruder verloren hatte.
„Sagt mir Bescheid, wenn Euch doch noch etwas einfällt, das ich für Euch tun kann“, bat ich. Falk versprach es.

Schon am folgenden Tag bewies der Silbergraue, dass die Probleme sehr wohl bei ihm lagen. Wenzel hatte sich in seine Box gewagt, wohl um ihn zu putzen oder die Box grob auszumisten, was ich sehr mutig fand. Auch wenn er unangenehme Arbeiten normalerweise gerne auf andere abschob, war er doch ein verantwortungsvoller Stallmeister.
Doch der Hengst sah in ihm nichts als einen unerwünschten Eindringling. Sein panisches Wiehern ging mir durch Mark und Bein und alarmierte den ganzen Stall. Sofort rannte ich herbei, zusmamen mit den anderen Stallburschen. Der Hengst rollte mit den Augen und hatte die Ohren angriffslustig angelegt. Die Lippen hatte er zurückgezogen, bereit zuzubeissen, sobald Wenzel ihm zu nahe kam. Zunächst liess sich dieser nicht davon beeindrucken und band ihn mit geübten, schnellen Bewegungen am langen Strick fest. Doch das gefiel dem Silbergrauen erst recht nicht. Er keilte aus, stieg auf die Hinterbeine und riss am Strick, ohne sich befreien zu können. Plötzlich schrie Wenzel auf und sprang zur Seite. Im nächsten Augenblick warf sich der Hengst mit seinem ganzen Gewicht gegen die Wand, die ihn festhielt, und verfehlte den Stallmeister nur um Haaresbreite.
Das war der Augenblick, in dem wir uns alle aus der Schreckstarre lösten.
„Ein Seil!“, schrie jemand und rannte durch den Stall. Ein anderer sprang in die Box des Silbergrauen, floh aber blitzartig, als dieser nach ihm ausschlug. Wenzel zerrte unterdessen hysterisch am Knoten des Stricks. Er liess sich jedoch nicht lösen, solange der Silbergraue an seinem Ende zog wie ein Wilder.
Ich weiss nicht, wessen Angst grösser war, die des Stallmeisters oder die des Silbergrauen. Beide fürchteten um ihr Leben. Ich werde nie ihre panikerfüllten Augen vergessen.
Der Bursche mit dem Seil stolperte über seine eigenen Füsse, sodass ich es ihm schnell abnahm und ein Lasso daraus knotete. Ich versuchte, das Pferd irgendwie einzufangen, um es von Wenzel abzubringen. Die Rufe der anderen trugen wenig zum Erfolg bei. Die Wand war schon halb zertrümmert.
In diesem Moment stürmte der Besitzer des unheilvollen Tieres herein. „Was macht ihr?“, schrie er. „Lasst ihn in Ruhe!“
Ich wusste nicht, ob ich mich freuen oder aufschreien sollte. So würde ich niemals einen Ruf als guten Stallburschen bekommen. Doch andererseits war er der Einzige, der das Tier unter Kontrolle bringen konnte, bevor Wenzel zu Matsch wurde.
Mit einer Räuberleiter stemmte ich Sindri über die halbhohe Wand. Routiniert sprang er von meinen Schultern aus auf den Pferderücken und löste das Halfter, während der Silbergraue auf den Hinterbeinen tänzelte. Dann stürmte das Tier hinaus, wobei sich sein Reiter ohne Probleme auf ihm hielt.
Wo sein geliebter Besitzer wieder bei ihm war, hatte sich der Silbergraue bald wieder beruhigt. Doch die Schimpftirade des Winterfelders, die nun folgte, liess uns alle die Köpfe einziehen.
Erst nach einer Weile fiel mir auf, dass er zwar mit einem jungen Spielmann mit Krücken hereingekommen war, doch dieser war nun verschwunden. Ich fand ihn im Stall des Silbergrauen, wo er im Stroh wühlte.
„Was macht Ihr da?“, fragte ich zögernd. Ich glaubte, ihn einen Gegenstand in der Robe verschwinden lassen zu sehen, bevor er herumfuhr und irgendeine Ausrede stammelte. Nachdem er mir versichert hatte, dass sie den Silbergrauen ins Spielmannslager mitnehmen würden, liess ich ihn gehen. Doch ich folgte ihm leise. Irgendetwas hatten die beiden doch zu verbergen.
Ich hatte den Spielmann schon ein paar Mal gesehen. Einmal hatte er die spannende Geschichte eines Löwenritters erzählt, als man die Löwen für das Turnier in den Burggraben herabgelassen hatte. Ein andermal hatte er mich nach Legenden über den verschlossenen Turm der Neideck gefragt. Ich hatte ihm die Geschichte weitergegeben von dem Giftmischer, der von dort aus versucht hatte, den Brunnen der Burg zu vergiften und der Neideckerin, die sich nach seiner Überführung vor Liebeskummer umgebracht hatte.
Wenzel hatte sie mir einmal erzählt. Ich wusste nicht, wie viel an dieser Legende dran war. Doch als ich den Skaeldin nun mit dem Winterfelder am Brunnenrand sitzen sah, ein Messer in seinen spitzen Fingern, fühlte ich mich auf merkwürdige Art daran erinnert. Sorgfältig inspizierten sie es, den gravierten Knauf, die schwarzen Spuren an der Klinge.
Hatte er das Messer etwa aus dem Stall? Auf die Distanz verstand ich kaum, was sie sagten. Vorsichtig schlich ich näher, bis ich die gedämpften Stimmen verstehen konnte.
„Sindri, ich weiss, woher das Gift stammt.“
„Was? Woher?“
„Aus dem verschlossenen Turm.“
Da wurde ich blass und stürmte davon.

Es war der Tag der Hochzeit, an dem alles zusammenkam. Alle waren in Feierlaune und ich hätte im Stall sein sollen, um alles für das Ritterturnier vorzubereiten. Doch eine Botin hatte mir einen Brief überreicht, der von der Braut Kunigunda von Neideck persönlich stammte. Obwohl ich schon mehrere Jahre auf der Burg arbeitete, hatte ich bisher nicht viel mit ihr zu tun gehabt, sie hatte immer nur mit Wenzel gesprochen. Umso grösser war die Ehre, dass sie sich an mich wendete, und umso mehr wurde mir die Dringlichkeit des Inhalts bewusst.
Ich las ihn in einer unbeobachteten Ecke, wie die Botin es mir empfohlen hatte. Das Schreiben bestätigte meine Vermutung, dass Wenzel etwas mit einem Giftanschlag zu tun hatte. Kunigunda wies mich an, ihn genau im Auge zu behalten und das Schlimmste zu verhindern. Ich sollte den Spielmann mit den Krücken, dessen Namen Wolfram von Kürenberg war, und seinen Freund Sindri unterstützen, wenn sie etwas unternahmen. Sie schrieb auch, dass sie keine Möglichkeit sah, von oben Schritte einzuleiten, weil ihr ohne Beweise niemand Glauben schenken würde und weil das schnell den Ruf des Hauses Neideck zerstören konnte.
Doch das Ziel des Giftanschlages war niemand Geringerer als Sigismund von Schlüsselberg, Kunigundas Zukünftiger.
Ich durchsuchte die ganze Burg nach Wolfram und Sindri und fand Letzteren schliesslich eingebunden in eine Diskussion mit einer jungen Gardistin und einer Gruppe Zwergen. Ich kannte die Zwerge, sie waren nicht das erste Mal auf der Burg und ich hatte mich ganz gut mit ihnen verstanden.
„Sein Tod muss verhindert werden, das sehe ich ganz genauso“, sagte Rogor Silberklang. „Aber wo sollen wir bitteschön solche Kleidung herbekommen? Er passt gewiss nicht in Zwergensachen.“
Ich wandte mich an Sindri. „Herr vom Winterfeld“, begann ich. „Ich habe einen Auftrag erhalten...“
„Nicht jetzt“, unterbrach er mich abgelenkt.
„Doch, genau jetzt“, bestand ich und wartete, bis er mich ansah. „Wolfram von Kürenberg...“
„Ich weiss, dass sie ihn eingesperrt haben. Und zwar völlig zu Unrecht!“
„Eingesperrt?“ Entsetzt blickte ich hinüber zu den Zwergen. Darum ging es hier also. „Ich wollte sehen, ob ich helfen kann. Ich weiss von dem geplanten Giftanschlag und ich stehe auf eurer Seite, nicht auf der von meinem Stallmeister Wenzel.“
Sindri hob die Augenbrauen. „Und warum sollen wir ausgerechnet dir glauben?“
Ohne weitere Worte zeigte ich ihm den Brief, den er erstaunt überflog.
„Nun, wenn das so ist. Krona!“ Die Gardistin drehte sich zu uns um. „Hier ist jemand, der eingeweiht werden will“, sagte er. „Und der vielleicht Beziehungen hat.“
Schnell erklärten sie mir ihr Vorhaben und wiesen mich an, eine Rüstung und Kleidung für einen jungen, adligen Ausrufer zu besorgen.
Ich wusste, was ich zu tun hatte. Kurzerhand begab ich mich ins Ritterlager. Und ob ich meine Beziehungen hatte. Zum Beispiel schuldete mir einer der Knappen noch etwas, seit wir beim Training seines Herren gewettet hatten. Ich wusste, dass er noch eine alte Ersatzrüstung herumliegen hatte, an der der Rost nagte.
Wir kamen schnell ins Geschäft, da der Ritter scheinbar sowieso nicht vorgehabt hatte, das Ding wieder zurückzuschleppen. Ich merkte, dass sie fast etwas gross war für Sindri, doch sie war besser als nichts. Der Ausrufer des Ritters hatte sogar einen hübschen Ledergürtel für mich. Ich bedankte mich herzlich und zog weiter.
Ein Bediensteter der Neidecker, den ich gut kannte, konnte mir mit einer waldgrünen Hose und einer bestickten Cotta aushelfen. Ausserdem war er mit jemandem aus dem Gefolge derer von Vestenberg verwandt, der wiederum mit den Rosenbergern befreundet war, oder so ähnlich, und so kamen wir an übergrosse Schnabelstiefel. Natürlich wusste keiner von ihnen vom Plan und ich hoffte, dass sie ihre Sachen nicht allzu gut kannten.
Es war Falk, der die Garderobe schliesslich vervollständigte. Ich erzählte Sindri natürlich nichts davon – er fragte auch nicht – doch die Gugel aus dunklem Wollstoff kam von ihm. Sie war weit genug, dass Wolfram sein Gesicht darin verstecken konnte.

Während des Ritterturniers bekam ich vom eigentlichen Geschehen kaum etwas mit. Selbst der unruhige Silbergraue hatte nur einen Teil meiner Aufmerksamkeit. Hauptsächlich beobachtete ich Wenzel, der mit uns Stallburschen über die Pferde wachte. Meine Gedanken waren bei dem vergifteten Messer, das er in der Box von Sindris Pferd versteckt hatte. Sie waren bei Kunigundas Brief. Und sie waren bei Sindri und Wolfram, die in Kürze verkleidet beim Ritterturnier antreten würden, um das Schlimmste zu verhindern. Ich hoffte inständig, dass alles gut gehen würde.
Dann beschlossen sie, dass nun der richtige Augenblick gekommen war. Wolfram sah gut aus in den neuen Sachen. Er war plötzlich gar nicht mehr auf seine Krücken angewiesen, was ich mir nicht erklären konnte, doch für seine Tarnung war das natürlich hilfreich. Sindri sah in seiner Rüstung grösser aus, als er war und Krona trug Zivilkleidung.
Ihr entschlossener Blick liess mich nicht daran zweifeln, dass sie alles tun würden, um nun für Recht und Ordnung zu sorgen. Die Welt brauchte mehr Leute wie sie. In mir keimte die Hoffnung.
Ich reichte dem falschen Ritter die Zügel des Silbergrauen, den ich mit blauen Bändern geschmückt hatte. Das Pferd baute langsam, ganz langsam Vertrauen zu mir auf. Auch sein Besitzer schenkte mir ein Lächeln.
„Du bist ein guter Stallbursche“, sagte er. Damit klappte er sein Visier zu, schwang sich auf das Pferd und ritt davon.
Die Worte waren wie Honig für mich. Stolz beobachtete ich den Winterfelder auf dem Turnierplatz, und er schlug sich ziemlich gut.
Bis Wolfram dem gesamten Publikum die ganze Geschichte erzählte. Ich war schockiert, kannte ich doch selbst nur einen Bruchteil davon. Es hatte schon einen Toten gegeben?
Doch während ich ihm jedes Wort abnahm, schenkte der Rest ihm wenig Glauben und man liess gleich alle drei zusammen mit einem weiteren Spielmann festnehmen. Silfra vom Winterfeld nahm ihren Sohn noch in Schutz, obwohl sie ihn ebenso wenig leiden konnte, wie Falk es tat. Dennoch folgte Sindri seinen Freunden treu in den sicheren Tod.
Ich kletterte auf einen der Balken, an denen die Pferde festgebunden waren, um besser sehen zu können. Während die vier abgeführt wurden, wurde unter den Zuschauern eifrig diskutiert. Bald darauf erhob sich Sigismund, begab sich in die Arena und forderte mit fester Stimme Wenzel zu einem Schwertkampf heraus.
Ich sprang von meinem Balken und schritt auf meinen Meister zu, der sich schon seit einiger Zeit verunsichert an einem Pfosten festhielt und dem nun der Schweiss auf der Stirn stand. Jetzt würde das Recht siegen.
„Wo ist Euer Kettenhemd?“, fragte ich unschuldig. Er wies undeutlich in eine Richtung und ich holte es ihm.
Sigismund hatte inzwischen die Schwerter ausgesucht und drückte Wenzel eines in die Hand, sobald dieser den Platz betrat. Er trug keine Rüstung, nur sein schneeweisses Gewand, und als Wenzel das Schwert erhob, warf er sich todesmutig hinein.
Ich war mir nicht sicher, ob ich ihn als Held sehen sollte, der den Aufrichtigen zu ihrem Recht verhalf, als Leichtsinniger, der das Risiko seines Mordes im Selbstversuch abschätzte, oder als bewusster Selbstmörder. Doch als er dalag, das weisse Gewand von rotem Blut durchtränkt, von heftigen Krämpfen geschüttelt und nach Luft ringend, zweifelte niemand mehr daran, dass Wenzel ihn tatsächlich vergiftet hatte. Was wir um jeden Preis hatten verhindern wollen, war nun doch eingetroffen. So hatte ich es mir auf jeden Fall nicht gedacht.
Mein Meister stolperte kreidebleich vom Platz. Er schlich an den Pferden vorbei, wo ich ihn festhielt.
„Sie werden Euch hängen“, sagte ich. „Ihr habt es nicht anders gewollt. Und das an Kunigundas Hochzeitstag.“
„Cuno“, sagte er leise. „Du weisst, dass ich sie liebe.“
Seine Augen waren derart von Verzweiflung erfüllt, dass ich einen Augenblick meinen Griff lockerte, woraufhin er sich losriss und davonstürmte.
Ich konnte ihm nicht folgen, denn ich wurde vom Silbergrauen abgelenkt, der herrenlos um mich herumtänzelte. Ich streckte vorsichtig die Hand nach ihm aus, doch er zuckte zurück. Plötzlich stieg er und wieherte bedrohlich – doch dafür war nicht ich der Grund. Erschrocken fuhr ich herum und im nächsten Augenblick wurde mir auf grauenvolle Weise klar, wohin Wenzel gerannt war. Das Chaos war ihm wohl noch nicht perfekt, die Toten nicht zahlreich genug.
Aus ihrem provisorischen Verschlag drangen die Löwen mit diabolischem Gebrüll.

In Schockstarre blieb ich wie angewurzelt stehen, während um mich herum eine Massenpanik ausbrach. Die Adligen flohen von der Tribüne, die Spielleute kreischten, alle rannten durcheinander. „Ein Arzt!“, rief jemand, der um Sigismund besorgt war. „Ein Jäger! Ein Bogenschütze!“, forderte ein anderer.
Ein Bogenschütze. Das war mein Stichwort. Hastig kämpfte ich mich durch die Menschenmasse zu den Waffen durch und mit Pfeil und Bogen wieder zurück zu den Pferden. Nur am Rande realisierte ich, dass ich angerempelt und umgeworfen wurde, ich rappelte mich sofort wieder auf und rannte weiter.
Der Silbergraue irrte herum und schlug panisch um sich. Die anderen Pferde zerrten an ihren Stricken, mit denen sie angebunden waren. Ich sprang auf den Balken und rannte darauf weiter, bis zum windfarbenen Rappen von Falk. Doch die Löwen liessen mich meinen Plan ändern, als sie Anstalten machten, die Tiere anzuspringen. So löste ich jedes der Stricke mit einem Ruck, damit die Pferde fliehen konnten.
Falks Hengst löste ich zuletzt und sprang sogleich auf. Schnell befreite ich ihn von seinem Halfter, damit mir der Strick nicht im Weg war. Den Köcher hatte ich auf dem Rücken, den Bogen in meiner Linken, mit der Rechten hielt ich mich an der Mähne fest.
Tatsächlich stellte sich der Windfarbene als absolut zuverlässig heraus. Die Löwen aber versteckten sich, sodass ich sie aus den Augen verlor.
Ich war kein Bogenschütze. Das wurde mir bewusst, während ich den zunehmend leeren Platz entlangritt. Ich war bloss ein hoffnungsloser Träumer, der sich eine bessere Welt wünschte. Mein Platz war im Stall. Ich hätte mir nicht anmassen sollen, mich als einer von ihnen zu sehen. Erst recht nicht hätte ich mich in die Angelegenheiten der Adligen mischen sollen. Jetzt waren die anderen eingesperrt, Sigismund tot, und der Mörder lief immer noch frei  herum. Vielleicht hätte ich mich zu den Gefangenen stellen sollen, das wäre wenigstens konsequent gewesen. So war ich weder ihnen noch meinem Meister gegenüber solidarisch gewesen.
Ich war kurz davor, den Bogen hinzuschmeissen und mich wieder auf die Pferde zu konzentrieren, als die Zuschauertribüne in Flammen aufging. Bald darauf sprang ein Löwe darunter hervor, der aussah, als seien ihm die Augen ausgepickt worden. Orientierungslos, aber umso aggressiver stürzte er sich in die Menge und liess sich nicht davon beirren, als er in einen Pfosten rannte.
Ich spannte den Bogen, um das Raubtier zu erlösen. Der Rauch der brennenden Tribüne ätzte sich in meine Lungen und liess meine Augen tränen. Dem Windfarbenen gefiel es gar nicht, zwischen Flammen und Löwen hindurch zu galoppieren, doch er gehorchte treu. Dass der Löwe blind war, kam mir natürlich entgegen. Dennoch gelang es mir nicht beim ersten Schuss – ich weiss nicht mehr, wie viele Pfeile daneben gingen. Doch schliesslich hatte ich den König der Tiere erlegt.

Von meinem Treffer noch ganz überwältigt besann ich mich schliesslich des Silbergrauen. Er hatte einen der Musikanten mit den Hufen am Kopf getroffen, der nun am Boden lag.
Das Lasso, ich über seinen Kopf warf, sah er nicht kommen. Sofort stieg er in die Höhe, woraufhin ich fast vom Windfarbenen fiel. Ich hatte das andere Ende des Seils um den Hals meines Reittiers gebunden, sodass nun ein regelrechter Zweikampf entstand. Die Pferde hatten ihre Ohren angelegt und schnappten nacheinander, keilten aus und zerrten am Strick, sodass das jeweils andere mitgezogen wurde. Der aufwirbelnde Staub liess mich husten. Mit aller Kraft klammerte ich mich am Windfarbenen fest, um nicht herunterzufallen und unter ihren Hufen zu landen.
Im Nachhinein war das eine richtig schlechte Idee gewesen.
Schliesslich resignierte der Silbergraue jedoch erschöpft. Er liess sich sogar in das Spielmannslager zurückführen, wo ich ihn an einen Baum band. Eine ganze Schar hatte sich um mich versammelt, dem Mann, der sich gegen das widerspenstige Tier durchgesetzt hatte. Man lud mich ein, am Abend auf ein Met vorbeizukommen. Dankend nahm ich an.

Als ich mich später im Stall um die Pferde kümmerte, hatte ich die Ereignisse noch immer nicht verarbeitet. Sigismund war von einem Heilkundigen aus dem Spielmannslager gerettet worden, was wohl nur dank der Warnungen Wolframs möglich gewesen war. Wenzel hatte sich scheinbar am Ende selbst umgebracht, um der Todesstrafe zu entgehen. Wir Stallburschen waren nun meisterlos. Ich war der Einzige, der  noch seiner Arbeit nachging.
„Du bist ein guter Stallbursche“, hörte ich eine Stimme hinter mir. Ich drehte mich um. Vor mir stand Falk, den Kopf gesenkt, mit den Fussspitzen im Stroh stochernd. „Du verdienst den Posten als Stallmeister so viel mehr als er.“
„Er verstand etwas von seinem Fach“, warf ich ein.
Falk lachte trocken. „Ich habe ihm vertraut. Ich dachte, er betrachtet mich als Freund. Aber auch wenn er gut mit Pferden und Falken umgehen kann und über ein paar Ecken mit uns Winterfeldern verwandt ist – er ist ein Mörder. Ich habe mich zu oft von solchen Leuten hinters Licht führen lassen.“
Er versank in Gedanken, drohte, darin zu ertrinken.
„Sein Posten ist wieder frei“, sagte er schliesslich. „Ich werde dich empfehlen. Ich habe gehört, dass du den Löwen erschossen hast. Saubere Leistung.“
„Er war blind. Und ich hatte ein gutes Pferd – tut mir leid, dass ich es ungefragt genommen habe. Aber der Windfarbene ist sehr gut erzogen, behält in den schlimmsten Situationen kühles Blut.“
„Das ist nicht mein Verdienst, Meister Konrad hat ihn ausgebildet.“ Er druckste herum. „Cuno, du sagtest doch, du würdest mir einen Gefallen tun.“
„Den schulde ich Euch noch.“
Er drückte mir ein Ledersäckchen in die Hand. „Das sind fünfunddreissig Goldkronen. Kannst du sie unauffällig in Wolframs Satteltasche verstecken? So, dass dich niemand sieht. Und sag auf keinen Fall weiter, dass es Winterfelder Geld ist.“
Das war mehr Geld, als ich je besessen hatte. „Ich werde es zuverlässig überbringen“, versprach ich.
„Davon bin ich überzeugt.“ Er drückte mir eine silberne Halbkrone in die Hand. „Das ist für deine Mühen.“
„Ihr müsst mich nicht bezahlen, ich schulde Euch das“, lehnte ich ab.
„Dann nimm es als Preisgeld für den Löwen“, meinte Falk. Mit zitternden Fingern nahm ich die Münze entgegen.

Beim Sängerwettstreit sah das frisch gebackene Ehepaar so glücklich aus. Die besten Sänger und Erzähler des Landes traten auf. Auch wenn er schlussendlich nicht gewann, fand ich den Beitrag von Wolfram mit Abstand am besten. Die Abenteuer des Sternenritters, der gefährliche Drache, die majestätischen Greifen – das alles klang so fantastisch und dennoch hätte ich es ihm abgenommen, hätte er behauptet, es wäre tatsächlich so geschehen. Ich glaube, dass auch Kunigunda und Sigismund ihn am besten fanden, den mutigen Spielmann, der sie vor dem Giftmord gewarnt hatte.
Das Spielmannslager feierte ihn auf jeden Fall wie einen Gewinner. Mit der Hilfe der Zwerge hatte ich es geschafft, zur Feier des Tages eine Schweinehälfte zu besorgen. Ich brachte Wolfram die Gròrssaga bei, die ich von den Zwergen bei ihrem letzten Besuch gelernt hatte. Man musizierte mit Lauten und Sackpfeife, später steuerten Krona und ihr Kollege einige Soldatenlieder bei. So liessen wir das ereignisreiche Hochzeitsfest ausklingen.


Cuno Aulet verstummt. Sigismund von Schlüsselberg steht schon seit mehreren Minuten am Fenster und beobachtet die Raben, die vor Burg Neideck umherfliegen. Seine Frau betrachtet ihn nachdenklich. Ich bin der Erste, der seine Sprache wiederfindet.
„Ist das wahr“, vergewissere ich mich, „das mit meinem Bruder?“
„So wahr Ihr Sindri vom Winterfeld seid.“ Erst jetzt erkenne ich in dem Lächeln des Stallmeisters den jungen, hoffnungsvollen Burschen wieder, der mir damals beim Ritterturnier die Zügel meines Silbergrauen überreichte. Häufiger hatte ich ihn verängstigt und bedrückt gesehen, wovon heute keine Spur mehr übrig ist. Im Nachhinein tun mir die Schimpftiraden leid.
„Ich bin kein Winterfelder mehr“, korrigiere ich ihn. „Ich gehöre nur noch zur Familie meiner Frau, den Herzbergern.“
Ein betretenes Schweigen legt sich über den Raum.
„Was wurde eigentlich aus Wolfram – Wolfram von Kürenberg?“, wechselt Kunigunda das Thema. Ich muss schmunzeln. Er beschäftigt sie also immer noch, so wie sie ihn.
„Er ist immer noch ein Spielmann ohne Festanstellung“, erkläre ich. „Wir haben uns eine Weile aus den Augen verloren, aber jetzt ist er wieder bei mir und wird bleiben, hoffe ich.“ Dass die Weile aus über siebzehn Jahren bestand und er auch jetzt ständig kurz davor ist, wieder wegzulaufen, verschweige ich.
„Eure Freundschaft hat mich immer berührt“, sagt Kunigunda deshalb. Wir versinken beide in Erinnerungen an die Tage der Geschichte vom Silbergrauen und dem Windfarbenen.
Cuno steht auf und holt uns zurück in die Gegenwart. „Wollen wir zu den Pferden gehen?“
„Tun wir das!“, bestätige ich und folge ihm. „Sie werden Euch gefallen. Es sind mit Sicherheit ein, zwei für Euch dabei. Ihr müsst wissen, meine Zucht basiert auf den direkten Nachkommen des Silbergrauen.“
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