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Letzte Schicht

von RalfKor
KurzgeschichteHorror / P16 / Gen
31.03.2018
31.03.2018
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„Was ist das für ein Chaos?“, fragte die alte Frau, die in dem Nachthemd noch dürrer und zerbrechlicher wirkte, als sie ohnehin war.
„Es ist nichts, Frau Hübner. Es ist …“
Chaos. Das absolute Chaos. Und diese Dinger.
„… ich weiß es nicht, aber ich bin mir sicher, dass bald Ruhe herrscht. Schlafen Sie.“ Hannah strich ihr über die faltige Stirn und schenkte ihr ein beruhigendes Lächeln.
Allein.
Kein Arzt weit und breit und die Stationen waren gnadenlos unterbesetzt. Tim, der Azubi, der ihr helfen sollte, ist nicht wieder aufgetaucht. Sie hatte ihn losgeschickt, Medikamente aus dem Medizinschrank zu holen, doch er kam nicht zurück. Ebenso wie einige der Patienten, die sich selbst entlassen haben. Zumindest die, die noch mobil waren. Mit Frau Hübner befanden sich noch fünf weitere Patienten in ihrer Obhut, die an ihr Bett gefesselt waren.
Sie wollte sich grade das Zimmer verlassen, als sie jemanden über den Flur rennen hörte. Hannah hielt inne.
„Und jetzt nichts wie weg hier“, sagte eine Stimme.
Hannahs spürte, dass etwas nicht stimmte. Sie spurtete zur Tür und sah grade eine junge Frau, kaum älter als sie selbst, die auf der Stelle verharrte. Ihre Blicke trafen sich. Sie erkannte Panik in ihren Augen und ahnte, was vor sich ging.
Plünderer.
„Hey! Was machen Sie da?“, rief sie ihr hinterher.
„Scheiße!“, schrie die Frau und ergriff die Flucht.
Hannah nahm die Verfolgung auf. Wutentbrannt holte sie auf. Die Frau hetzte desorientiert zum Treppenhaus, wurde von der schweren Tür kurzzeitig behindert, fluchte, und sah sich panisch nach ihrer Verfolgerin um. Mit quietschenden Sohlen kam Hannah um die Ecke.
Im Treppenhaus nahm die Frau mehrere Stufen auf einmal, die Schritte halten. Sie sah sich nach Hannah um.
„Verflucht, bleiben Sie stehen!“, rief Hannah ihr zu. Die Frau rannte weiter, verfehlte eine Stufe, als sie sich ein weiteres Mal nach ihrer Verfolgerin umdrehte, und stürzte. Mit dem Gesicht voran, prallte sie gegen mehrere Stufen, bis sie mit dem Kopf gegen die Wand des Treppenhauses knallte.
Hannah kreischte und hielt sich die Hände vor dem Mund. Keine Regung. Leblos lag die Frau auf dem harten Boden, die Augen geschlossen. Wie tot.
Im Treppenhaus lugte ein Gesicht ängstlich zu ihr hoch. Ein junger Mann, der nach Luft rang. Er trat näher an die regungslose Frau heran, ohne Hannah aus den Augen zu lassen. Beschwichtigend hob er die Hände, um zu zeigen, dass von ihm keine Gefahr ausging.
„Bitte“, sagte er schwer atmend. „Das ist Lisa, meine Freundin. Ich heiße Nick. Ich tue Dir nichts.“
Er ging in die Hocke und fühlte ihren Puls. Erleichtert pustete er aus.
„Lebt sie?“, flüsterte Hannah mit zittriger Stimme. Das Adrenalin der Verfolgungsjagd wich einem leichten Schock.
Nick hob den Kopf. „Ja, sie ist aber bewusstlos.“
Hannah sah den ausgebeulten Rucksack auf seinem Rücken und ahnte, was sich darin befand. „Habt ihr die Sachen gestohlen?“, fragte sie ihn, obwohl sie die Antwort kannte.
Nick presste die Lippen aufeinander, sah Hannah eindringlich an. „Wir brauchen die Sachen. Wir müssen unsere Leute versorgen. Wir wollen nur überleben. Lass und gehen. Bitte!“
Ihr Blick wanderte zu der bewusstlosen Frau und erinnerte sich an den Moment, an dem sich ihre Blicke trafen. Die Panik in ihren Augen. Eine Frau in ihrem Alter.
Hannah atmete tief durch und sah Nick an.
„Verschwindet“, sagte sie scharf. „Verschwindet und lasst Euch hier nie wieder blicken.“
Nick machte große Augen und nickte. Danke und viel Glück!“
Er nahm seine Freundin und schleppte sie fort.
Hannah vergrub ihr Gesicht in ihren Händen und weinte. Wie sollte es weitergehen? Die anderen Stationen reagierten nicht auf Anrufe, überall im Haus schienen die Menschen in Panik zu sein und auf den Straßen herrschte durcheinander. Sirenen heulten ununterbrochen und das Handynetz ist zusammengebrochen. Hannah konnte ihre Familie nicht erreichen, um nach dem Rechten zu fragen. Sie saß alleine in dieser Scheiße. Sie konnte nicht weg, ohne die Patienten im Stich zu lassen. Das kam für sie nicht infrage.
Es klingelte. Der penetrante Klingelton des Stationstelefons, das ihr im gewöhnlichen Dienst auf die Nerven ging, schien ihr in diesem Moment wie das Singen von Engeln. Mit zittrigen Händen zog sie das Telefon aus der Tasche ihres Kasacks, wischte sich mit dem Ärmel Rotze unter der Nase weg und zählte innerlich bis drei. Dann nahm sie ab. „Ich bin froh, dass noch jemand da ist. Ich …“
„Hannah“, unterbrach sie die Stimme der Anruferin. „Hör mir zu.“
Hannah biss sich auf die Unterlippe, um nicht plötzlich zu schluchzen. Es war Diana.
„Ich brauche Deine Hilfe. Bei mir hier unten ist die Hölle ausgebrochen. Ist es bei Dir oben sicher?“
Hannah überlegte. Sicher? Sie lachte in den Hörer. „Ich wurde soeben ausgeraubt, meine Hilfskraft hat die Biege gemacht und kein Schwein hilft mir. Ich denke nicht, dass …“
„Sind Zombies bei Dir?“, drängte Diana.
Hannah schluckte. Da war es, das Z-Wort. Sie wollte es nicht einmal denken, und Diana spricht es aus, als sei es das Natürlichste der Welt, das Zombies ein Problem in einem Krankenhaus darstellen. „Nein, hier sind keine … Zombies“, antwortete Hannah sonor.
„Gut. Sehr gut. Pass auf, ich bringe Dir zwei Kinder hoch. Ein Junge und ein Mädchen. Der Vater des Jungen ist ebenfalls dabei.“
„Diana, ich denke, Du solltest …“, unterbrach Hannah sie. Diana fuhr sie harsch an.
„Hör mir zu, verdammt! Wir kommen hoch und Du schließt die Türen zum Treppenhaus ab. Keine Widerworte. Bis gleich.“
Ein Klacken unterbrach das Telefonat. Aufgelegt. Sie drückte sich von der Wand ab und stand auf. Hannah wartete ungeduldig auf Diana, die wenige Augenblicke später mit zwei Kindern an der Hand nach oben hetzte. Ihr folgte ein Mann, der in seinen Händen eine Axt hielt. Wie paranoid sah er sich nach Verfolgern um.
„Gut, dass Du noch da bist. Die meisten sind fort“, sagte Diana keuchend. Schweißringe haben sich unter ihren Armen gebildet. Sie hob die beiden kleinen Hände hoch, die sich an die ihre klammerten. „Das hier sind Anna und Marko“, stellte sie die beiden Kinder mit gezwungen sanfter Stimme vor.
Hannah lächelte die beiden an, die sie mit verängstigten Kulleraugen musterten. „Hey, Anna ist ein schöner Name. Weißt Du, ich heiße Hannah, klingt fast genauso, oder?“, fragte Hannah das Mädchen, die ihr ein angedeutetes Lächeln schenkte. Mit ihrem Kinn deutete Hannah auf den Mann, dessen Augen ständig zwischen Flur und Treppenhaus umherzuckten. „Und wer ist …“
„Das ist Jörg, der Vater von Marko“, antwortete Diana. „Und jetzt schließ ab!“, befahl sie.
Hannah tastete die Taschen ihres Kasacks ab. Das vertraute Klimpern des schweren Schlüsselbundes blieb aus. Sie hatte das Gefühl, ihr Herz würde einen Moment aussetzen. Der Schlüssel. Der Azubi ist damit getürmt. „Ich hab ihn nicht mehr“, sagte Hannah entsetzt.
„Fuck“, zischte Diana und hielt sich sofort die Hand vor dem Mund. In Anbetracht der Apokalypse waren Schimpfwörter das geringste Übel für die Kleinen.
Jörg, der bislang kein Wort gesagt hatte, seufzte laut und presste seinen Handballen gegen seine Stirn, als würde er unter Migräne leiden.
„Gibt es einen anderen Schlüssel?“, fragte er mit heiserer Stimme.
„Ja, gibt es“, sagte Diana. Die Sorgenfalten verrieten, dass die Sache einen Haken haben musste. „Mein Schlüssel ist auf dem Tisch im Schwesternzimmer.“
Sie sahen sich tief in die Augen, als Jörg antwortete: „Dann geh ich ihn holen.“
„Nein“, entgegnete Diana erschrocken, „das ist Selbstmord!“ Jörg presste die Lippen zusammen und sah seinen Sohn an. „Ich muss es tun. Verriegelt hier oben alles. Wenn ich nicht in einer halben Stunde zurück bin … wartet nicht länger und verbarrikadiert hier alles.“ Er gab seinem Sohn einen Kuss auf die Stirn, flüsterte ihm etwas ins Ohr und verschwand im Treppenhaus.
„Was ist hier los?“, fragte Hannah verwirrt.
„Bring die beiden in ein Zimmer. Irgendeines“, entgegnete Diana und rannte ins Schwesternzimmer, kam mit zwei Stühlen zurück und stemmte sie gegen die Türen. Hannah brachte währenddessen die Kinder in eines der leeren Zimmer.
Rüttelnd vergewisserte sich Diana, dass die provisorische Verriegelung hielt. Als sie sich zu Hannah umdrehte, stand diese mit in den Hüften gestemmten Händen vor ihr.
„Ich will jetzt wissen, was hier los ist?“, fragte Hannah.
Diana rieb sich durchs Gesicht. Erst jetzt fiel Hannah auf, wie übermüdet die Krankenschwester wirkte. Noch mehr, als man in dem Job eh war. „Sie haben meine Etage übernommen. Ich glaube das ganze Krankenhaus ist voll von ihnen. Du bist die Einzige, die auf meinen Anruf reagiert hat.“
Obwohl Hannah die Antwort kannte, kam sie nicht umhin zu fragen: „Wer sind ‚sie‘?“
„Die Toten“, antwortete Diana knapp.
Sie redeten eine Weile nicht. Wagten nicht, sich in die Augen zu sehen und starrten stattdessen in das Treppenhaus. Inzwischen schliefen die Kinder. Vor Erschöpfung.
„Vierzig Minuten“, sagte Hannah klanglos.
Jetzt sah Diana sie an. „Wir warten.“
„Wie lange?“, fragte Hannah an ihren Fingernägeln kauend.
„Solange wie nötig. Er wird kommen.“
Wie auf Kommando huschte ein Schatten durch das Treppenhaus. Hannah versteckte sich neben der Tür und lugte mit einem Auge in das Treppenhaus. Sie biss sich auf die Unterlippe. Wenn es einer von denen ist? Womit sollten sie sich verteidigen?
Ein schwarzer Haarschopf war zu sehen. Hannah klammerte sich an die Lehne von einem der Stühle, die gegen die Tür geklemmt war. Das Weiß ihrer Knöchel trat hervor. Auf wackeligen Beinen kam Jörg stolpernd um die Ecke. Mit einer Hand an der Wand. Er hinterließ einen blutigen, schmierigen Abdruck auf den Fliesen. Die Axt hatte er nicht mehr bei sich.
Ein finsterer Gedanke kam Hannah in den Sinn. „Ist er einer von ihnen geworden?“
Diana schwieg. Sah sich Jörg an, der nicht zu ihnen aufsah. Langsam hob er seinen Kopf. Blut bedeckte seine Stirn. Braune Augen fixierten uns und Diana atmete erleichtert aus. „Nein“, flüsterte sie. „Man kann es in ihren Augen sehen.“
Hannah sah sie fragend an.
„Ihre Augen sind nicht mehr menschlich. Sie sind … seelenlos.“
Seelenlos.
Sie schoben die Stühle weg und öffneten Jörg die Türen. Er lehnte sich erschöpft gegen den Türrahmen und hielt den beiden einen klimpernden Schlüsselbund hin, der an seinem Finger baumelte.
„Komm schnell rein“, zischte Diana. Jörg schüttelte den Kopf.
„Ich kann nicht“, keuchte er.
Die beiden Krankenschwestern sahen in fassungslos an, als er mit schmerzverzerrtem Gesicht sein blutgetränktes Hemd hochzog. Ein Stück Fleisch fehlte an seiner rechten Seite. Herausgebissen. Er stöhnte.
„Verbarrikadiert alles. Ihr müsst Marko beschützen.“
Diana nickte und schloss die Tür. Tränen füllten Jörgs Augen, als er zusah, wie Diana den Schlüssel in den Zylinder steckte und mehrmals drehte.
„Was machst Du?“, fragte Hannah entsetzt. „Du kannst ihn nicht da draußen lassen.“
Diana versuchte ihre Tränen zurückzuhalten und strich Hannah zärtlich über die Schultern.
„Er ist nicht mehr zu retten. Ich habe gesehen, wie sie sich verwandeln.“ Sie machte eine Pause, ihr Körper bebte. „Wir müssen ein paar Regeln aufstellen, wenn wir den Mist überleben wollen“, sagte sie und fing an zu weinen.
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