Wenn der Wind sonnengoldene Worte wispert

von ToniLilo
GeschichteAllgemein / P12
31.03.2018
31.03.2018
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Kapitel 1: Dank und Lohn

Odyssey, 2207

Wutentbrannt warf sich Harbinger mit einem lauten Schnauben herum. Nur mit Mühe konnte sie den Zornesschrei niederkämpfen, der ungestüm, einem entfesselten Herbststurm gleich, aus ihr hervorbrechen wollte. Dieses Mal hätte es keineswegs zu ihrer Besänftigung beigetragen, hätte sie sich Falconettas Gesicht just in dem Moment vor Augen geführt, wenn ihre Trainerin im Begriff war, ihr eine Ohrfeige zu verpassen.

Harbinger war kein kleines Mädchen mehr.
Sie würde sich nicht mehr einschüchtern lassen – nie mehr.
Nicht nach diesem Kampf.

Nach ihrem Sieg in einer nie da gewesenen und eigentlich auch nicht zulässigen Konstellation gegen den derzeit mächtigsten Gladiator gab es keinerlei Grund, in alte Muster zurückzufallen und sich derjenigen gegenüber als willfährig zu erweisen, die sie sehenden Auges in dieses aufreibende Gefecht geschickt hatte – und wozu? Um einen Mittelklassegladiator und seine bisher mickrige Kampfstatistik vor ihrem vollkommenen Untergang in der Versenkung des kollektiven Vergessens zu bewahren.
Dafür also war Falconetta bereit gewesen, ihre Stargladiatorin zu opfern – ein schöner Dank für das glänzende Ansehen, das Harbinger seit den Jahren, da sie zu den Aktiven zählte, Hastings in nah und fern verschafft hatte.

Nein, es half Harbinger beileibe nicht, sich den Funken des eisigsten Zornes versprühenden Gesichtsausdruck Falconettas vorzuhalten, der ihre Seele so unzählige Male kalt durchglüht hatte, war es doch ihre Trainerin, die den Keim ihrer flammenden Wut in fruchtbare Erde gesetzt hatte.
Von allen Aktiven Hastings in die unerbittlichsten und aussichtslosesten Kämpfe geschickt zu werden – darüber zuckte Harbinger nicht einmal mehr mit der Schulter, so gleich war es ihr. Schließlich kannte sie es seit ihrem dritten Kampf im Käfig nicht anders, der einen Sieg auf zwei erfolgreich bestrittene Gefechte folgen lassen und eine beispiellose Gewinnserie bis zu ihrer allerersten Niederlage nach 51 weiteren Begegnungen eingeläutet hatte.
Kein Wort des Lobes aus Falconettas Mund zu hören – alles andere hätte sie vermutlich so erschüttert, dass sie sich nun nicht mehr hätte rühren und vor Zorn von ihrer Trainerin abwenden können, hatte diese ihr doch in all den Jahren nicht ein einziges Mal etwas wie Wertschätzung für ihr aufreibendes Tagwerk entgegenbringen können, was Harbinger, wie sie sich unwillig eingestehen musste, nach so langer Zeit noch immer schmerzte.
Doch nach einem Sieg, und zwar nach einem solch beispiellosen, nie da gewesenen und vollkommen unerwarteten, wie ihr das kopflose Johlen der Zuschauer bestätigte – nach einem solchen Sieg Falconettas helles Auge sich unter einem Schatten grenzenloser Enttäuschung und einem stillen Vorwurf verdüstern zu sehen, war neu für Harbinger und trieb sie zu einer nie empfundenen und vor nichts Halt machenden Weißglut.

Woher nahm Falconetta die Frechheit, sie so zu behandeln?  

Sicher, auch sie war einst die einsame Stargladiatorin Hastings’ gewesen, und doch war Harbinger auf dem besten Weg, Falconettas nie von einem anderen, auch keinem männlichen Gladiator aufgestellte Kampfstatistik mit einem unbeabsichtigten, leichten, doch entschlossenen Schwertstreich zu zermalmen, und dies in einem Alter, in dem ihre Trainerin noch weit von ihrer sich im strahlenden Glanze des Ruhms spiegelnden Gewinnserie entfernt gewesen war. Natürlich hatte Harbinger dies auch der Änderung des Regulariums über die Ausführung der Kämpfe zu verdanken, sodass kurz nach dem Beginn ihrer Zeit als Aktive in Hastings statt nur einmal in der Woche sogar jeden Tag mehrere Kämpfe im Käfig erlaubt worden waren, da die Sieger nach zunehmenden Unruhen verstärkt auf die Parole „Brot und Spiele“ vertraut hatten. Doch es war schließlich nicht damit getan, den Käfig zu betreten, man musste das entsprechende Gefecht zuerst einmal gewinnen. Und außerdem hatte es auch in Falconettas aktiver Zeit die Möglichkeit gegeben, mehrmals pro Woche einen Kampf im Käfig zu absolvieren, sodass ihre Trainerin und sie auf der Basis weitgehend gleicher Bedingungen begonnen hatten, ihre Kampfstatistik aufzustellen. Harbinger schien sich also als die erfolgreichere Kämpferin von ihnen beiden zu erweisen.
Wütend schüttelte sie den Kopf, und sie konnte sich nur mühsam beherrschen, um nicht die gesamte Arena ein vollkommen besinnungsloses Lachen hören zu lassen, nach dem man sie für verrückt erklärt und ihres derzeitigen Berufs enthoben hätte.

Als sie nur wenige Meter in dem schummrigen Licht der Katakomben unter dem Käfig zurückgelegt hatte, stieß sie plötzlich mit jemandem zusammen. Aus dem metallischen Scheppern, wie es der Zusammenprall zweier Rüstungen verursacht, schloss sie, dass es sich dabei um einen Gladiator wie sie handeln musste.
„Mensch, pass doch auf!“, herrschte sie den für sie nicht erkennbaren Kämpfer direkt vor sich an.
„Na, na, Harbinger – beruhig dich mal“, kam sogleich aus nächster Nähe halblaut die Antwort in einem deutlich gleichmütigeren Tonfall, als sie ihn hätte anschlagen können.
Harbinger ließ ungläubig aufstöhnend den Kopf in den Nacken fallen und verwünschte den Tag, da der Beamte in der Behörde für Namen und Werdegang beschlossen hatte, dass es eine gute Idee wäre, sie fürderhin als Aktive in Hastings zu führen.
Nahmen denn die einem Tag wie diesem unwürdigen Vorkommnisse gar kein Ende mehr?
Harbinger sog wütend die Luft ein, dann riss sie den Kopf wieder nach vorn und fauchte in das unergründliche Halbdunkel vor sich, während sie beinahe liebevoll ihre Sica tätschelte: „Hör zu, Tamarando – es ist ganz einfach. Entweder du machst mir den Weg frei oder ich werde ihn mir freischlagen.“
So nah an ihrem Ohr, dass sie erschauderte, wie sie es von sich eigentlich nicht kannte, erklang ein Lachen in demselben spöttischen Tonfall wie zuvor, der es ihr ermöglicht hatte, ihren ewigen Widersacher zu identifizieren. Ihre letzten Zweifel daran, wer tatsächlich vor ihr stand, beseitigte einer der Sonnenflecken, die die dichten Gitter über ihren Köpfen auf den sandigen Boden in der Tiefe bei ihnen zeichneten. Das goldene Licht fing sich in Tamarandos Haar und ließ dieses so hell wie nie zuvor erstrahlen, als er sich noch dichter zu ihr beugte und sie an beiden Oberarmen fasste. Harbinger war vollkommen unfähig, sich zu rühren, jedoch weniger Tamarandos Berührung als seiner Worte wegen, die er zum ersten Mal, seitdem sie ihm begegnet war, nicht despektierlich und belustigt, sondern ernst und sogar, wie Harbinger vollkommen verblüfft bemerkte, mit einer leisen Spur von Sorge an sie richtete.
„Nein, Harbinger, du hörst mir zu: Wir haben jetzt keine Zeit für den Austausch von Höflichkeiten. Komm mit.“
„Mit dir?“, platzte es, lauter, als sie beabsichtigt hatte, aus ihr hervor, dass sie Tamarando zusammenzucken sah, doch fuhr sie unbeeindruckt fort.
„Na, da danke ich – ich bin doch nicht lebensmüde und folge gerade dir an einen Ort, …“
„Befehl von Falconetta“, unterbrach sie Tamarando knapp.
„Von Falconetta?“, stieß Harbinger zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Sie spürte ihren noch keineswegs besiegten, doch durch die Begegnung mit Tamarando kurzzeitig vergessenen Zorn heftig in sich auflodern, sodass sie den Kopf zurückwarf und herausfordernd das Kinn nach vorn reckte.
„Von Falconetta?“, wiederholte Harbinger mit vor Wut zitternder Stimme, bevor sie rief: „Du meinst, das imponiert mir? Nach diesem Abend ganz bestimmt nicht, das kann ich dir sagen! Diese selbstgefällige Schnepfe, die …“
Harbinger konnte ihren Satz nicht beenden, da Tamarando mit einer blitzartigen Bewegung hinter sie trat und ihr seine große Hand fest über den Mund legte. Den anderen Arm schlang er so unerbittlich fest um ihren Hals, dass sie zwar gerade eben noch Luft bekam, sich jedoch nicht im Geringsten mehr rühren konnte. Offenbar wusste Tamarando sehr genau um einen Punkt im Nacken, mit dem man, übte man einen bestimmten Druck darauf aus, den Gegner vollkommen außer Gefecht setzen konnte. Schlaff wie eine der Strohpuppen, die es in der Gladiatura in unüberschaubarer Zahl zum Üben der verschiedenen Schlag- und Stoßtechniken gab, hing Harbinger, jeder Bewegung und Abwehr unfähig, an Tamarandos Arm.
Er trat eine massive Tür auf, die Harbinger nie zuvor wahrgenommen hatte, und schlug sie hinter ihnen beiden behände und für ihr Gewicht überraschend leise wieder zu. Auch wenn er Harbinger dazu für kurze Zeit hatte loslassen müssen, war es ihr nicht gelungen, sich von ihm freizukämpfen, so gelähmt war sie noch von der Nachwirkung des Drucks in ihrem Genick. Bevor sie sich überhaupt ins Bewusstsein hatte rufen können, dass sie frei war und ihrem Widersacher entkommen können würde, hatte Tamarando abermals fest den Arm um ihren Nacken geschlungen, doch wahrnehmbar leichter, um nicht zu sagen einfühlsamer als zuvor. Tamarandos Bewegungen waren nun eigentümlich zäh, er schien Schwierigkeiten damit zu haben, auch nur seine Füße zu heben und dort abzusetzen, wo es sein Verstand ihm befahl – er, Tamarando, der drahtige, muskelbepackte Thraex, den Harbinger fürchtete wie keinen anderen Gegner, seit sie ihn zum ersten Mal erblickt hatte, was ihr jedoch erst in diesem Augenblick wahrhaft bewusst wurde.
Erstaunt nahm sie wahr, dass Tamarando schwer atmete, und sie war sich sicher, dass sie als nicht gerade leichte Last bei Weitem nicht der einzige Grund dafür war. Auch wenn sie sich beharrlich einredete, dass sie sich ganz bestimmt irrte, dass ihre Überlegung lediglich dem Wunsch entsprang, sich besser fühlen zu können, kämpfte sich ein klarer, scharf gezeichneter Gedanke immer wieder unbezwingbar an die Oberfläche ihres Bewusstseins.

Konnte es wirklich sein, dass Tamarando von Schuldgefühlen ihr gegenüber geplagt wurde, weil er sie zu einer wehrlosen, ihm bedingungslos überallhin folgenden Strohpuppe gemacht hatte und ohne Rücksicht auf Verluste zur Durchsetzung seines Willens schritt, sei er gut oder böse?

Doch Harbinger blieb keine Zeit mehr, über eine sinnvolle Antwort auf diese zugegebenermaßen vollkommen abwegige Frage nachzudenken, überfiel sie doch die Überraschung gleich einem über ihren Kopf ausgegossenen Kübel Eiswasser, als Tamarando sie geschickt mit einer einzigen kraftvollen Armbewegung auf die Füße zog und ihr einen so festen Stoß gab, dass sie vornüberfiel. Es war alles so schnell gegangen, dass Harbinger nicht einmal mehr die Zeit gefunden hatte, den Mund aufzureißen, um ihrem Ärger über Tamarando und sein eigenartiges und unerklärliches Verhalten in Form eines Wutschreis Ausdruck zu verleihen. Sie hörte nur, gleichsam aus der Perspektive einer sie beobachtenden Zuschauerin, wie sie sie zu Tausenden von den Rängen des Käfigs kannte, dass sie entsetzt nach Luft schnappte, während sie die Hände hochriss, um den Sturz abzufangen. Tatsächlich fiel sie mit ihrem vollen Gewicht auf ihre Unterarme und Ellbogen, dass sie ihre Rüstung klirren hörte, dann fühlte sie sich schon immer schneller, bald in einer wahnwitzigen Geschwindigkeit, in einer metallenen Röhre abwärtsrutschen. Harbinger versuchte, ihre unkontrollierbare Bewegung aufzuhalten oder wenigstens abzubremsen, doch fanden ihre behandschuhten Hände keinerlei Halt. Noch nicht einmal Schweißnähte zwischen den verschiedenen Teilen der Röhre ertasteten ihre Finger, die ganze Konstruktion schien in einem einzigen Stück gegossen – eine Leistung, wie sie mit der auf Odyssey zur Verfügung stehenden Technik niemals zu bewerkstelligen gewesen wäre.
Beinahe hätte Harbinger entnervt aufgeseufzt, als sie beschloss, sich der unfassbar schnellen Rutschpartie in dieser eigentümlichen, in schwärzeste Dunkelheit getauchten Röhre bedingungslos zu überlassen – welche Wahl hätte sie auch sonst gehabt? Doch da vernahm sie mit einem Mal aus einiger Ferne und dennoch bedrohlich nahe hinter sich ein Schleifen, wie sie selbst und auch jeder andere Mensch es verursachte, dem die angenehme Aufgabe zuteilwurde, dieses tunnelartige Gebilde zur Fortbewegung zu benutzen.

Harbinger bemerkte, wie sie vor unbestimmter und ihr in dieser Ausprägung unbekannter Furcht den Atem anhielt.
Wer war es, der ihr derart entschlossen und in so kurzem Abstand folgte?

Das Schleifen, das die für sie nicht sichtbare Person verursachte, war, ganz anders als das ungleichmäßige, unwillige Scharren, das um sie herum infolge ihrer hektischen, ins Leere gehenden Abwehrbewegungen erklang, gleichförmig, scharf, zielgerichtet.

Hatte Tamarando ihr jemanden hinterhergeschickt, um sie sich ein für alle Mal vom Hals zu schaffen?
War die Geschichte mit Falconettas Befehl nur erfunden?

Und doch – Harbinger hatte nicht die Spur einer Lüge in Tamarandos Gesicht lesen können, und selbst wenn sie ihren härtesten Widersacher nicht sonderlich leiden konnte, musste sie eingestehen, dass ihm eine entwaffnende Ehrlichkeit eigen war, die an den Tag zu legen ein für sie hehres, doch nicht in diesem Leben zu erreichendes Ideal war.

War er es vielleicht einfach selbst, der ihr folgte, um gemeinsam mit ihr Falconettas Auftrag nachzukommen, den sie doch wirklich erteilt hatte?    

Bevor sich die tröstliche Erleichterung, die bei diesem letzten Gedanken unerklärlicherweise in Harbinger aufkeimte, Bahn brechen und ihren ganzen schmerzenden Körper entspannen machen konnte, sah sie sich mit einem Male in ein gleißendes Licht getaucht. Schon kam sie vollkommen ungebremst auf einem harten, glattpolierten Boden auf, dass ihr für einen Augenblick die Luft wegblieb. Sie fühlte sich durch die Wucht des Aufpralls ein gutes Stück Weges entlangschlittern, bis ihre Rüstung sie abbremste und schließlich zum Stillstand kommen ließ.
Gierig sog sie die kühle Luft ein. Zum ersten Mal in ihrem Leben erkannte sie, wie es war, wenn sie nicht nach Müll stank, ein Erlebnis, von dem sie sich davor keine Vorstellung hatte machen können. Sie spürte, wie sie eine nie gekannte Kraft ermutigend unaufhörlich durchströmte, dass sie sich geschmeidig erheben wollte. Bevor sie jedoch auch nur die geringsten dahin gehenden Anstalten machen konnte, fühlte sie einen menschlichen Körper auf sich fallen, der sie vollkommen flach auf den Boden drückte, dass es alle soeben eingeatmete Luft schmerzhaft aus ihren Lungen presste. Als sie Tamarandos dichtes, goldblondes Haar erkannte, flammte der Zorn wieder belebend in ihr auf.
„Geh gefälligst runter von mir“, keuchte sie erstickt, dann schob sie ihn mit einer Kraft, die sie sich selbst nicht zugetraut hätte, entschieden von sich und stand auf.
„Unsere Stargladiatorin, wie sie leibt und lebt“, vernahm sie direkt hinter sich eine wohlbekannte Stimme, dass sie wutentbrannt herumfuhr.
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