Nach Menschen kann man süchtig sein

von tianshiii
GeschichteRomanze, Freundschaft / P16
Markus OC (Own Character)
31.03.2018
14.08.2019
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Zu Abend essen mit der Familie Von Theumer stand nicht auf meiner abendlichen Agenda, doch ich wusste, dass ich mich davor nicht drücken konnte. Nicht, weil ich höflich genug war das Angebot nicht abzulehnen, sondern weil ich wusste, dass Frau Von Theumer mit meiner Mutter mit Sicherheit berichten würde, dass ich wenig Anstalten machte, mich in das Familienleben einzufinden. Je länger ich mich gegen das für mich vorgesehene Programm sträubte, desto länger würde ich von meinem Motorrad und vor allem meinen Freunden getrennt sein und meine Mutter würde mich sicherlich nicht nach Hause holen, bevor ich sie nicht zufrieden gestellt hatte.

Außerdem war ich mir sicher, dass das Abendessen kein Angebot, sondern eine Pflicht war, auch, wenn Frau Von Theumer es nicht so ausgedrückt hatte.

Nun war es schließlich Abend und ich stand mitten in dem mir zur Verfügung gestellten Zimmer. Ich stand in der Mitte meines Zimmers und starrte auf die Kleider hinab, die Markus' Mutter für mich herausgelegt hatte. Es war schon nicht falsch gewesen, mich möglichst lange davor zu drücken, die Tür zu öffnen und ein apokalyptisches Debakel an Pastellfarben vorzufinden und so hatte ich die meiste Zeit meines Tages im Garten verbracht. Ich hatte heimlich geraucht und nachgedacht.

Ich hatte überlegt, ob ich dieses Spielchen mitspielen sollte, dass hier jeder In Grünwald zu spielen schien. Jeder schien hier so schön perfekt, auch wenn es im Endeffekt tatsächlich nur der schöne Schein war.

Wenn ich mitspielte, würde ich mit Sicherheit schneller hier weg kommen, doch wollte ich alle meine Werte über Bord werfen und so werden wie diese Schnösel?

Nein.

Nun, trotz allem stand ich nun vor einem Blitzgewitter bestehend aus Pink, Gelb, Blau, Weiß und Grün und wenn ich noch länger hinein starrte, würde ich womöglich erblinden. Es war nicht nur der Fakt, dass es tatsächlich alles Kleider und Röcke waren, es war der Fakt, dass sie keinerlei meinem Stil entsprachen – sie waren weder lässig noch schienen sie bequem zu sein.

Also wählte ich Weiß als allerletzten Ausweg mein Augenlicht und vor allem meine Würde zu behalten – ein weißes, knielanges Kleid mit mit Rüschen verzierten Ärmeln. Es war zwar nicht mein Geschmack, aber ich musste gestehen, dass es nicht furchtbar war. Ich ließ meine Finger über den Stoff fahren und fühlte ihn unter meinen Fingerspitzen. Er fühlte sich hochwertig an, von guter Qualität und so samtweich, dass ich kaum aufhören konnte ihn anzufassen.

Kurz darauf zog ich mich um und schlich die Treppe runter. Auf dem Boden meines Zimmers hatte ich auch ein Paar Pumps vorgefunden, doch diese hatte ich mit meinem Fuß schnell unters Bett gekickt. So weit sollte es noch kommen! Ich und Schuhe mit Absätzen, wir verstanden uns nicht und da der Marmorboden der Von Theumer Villa spiegelglatt und so sauber war, dass ich mich selbst darin betrachten konnte, sah ich auch nicht ein, warum ich Socken tragen sollte.

Nun, das war der Grund, wieso meine Füße bei jedem Schritt auf dem Boden kleben blieben und ich mich trotzdem lautlos nach unten bewegen konnte. Ich lauschte dem Geräusch von klappernden Tellern und gedämpften Stimmen – mehreren tiefen Stimmen und zwei hohe, weibliche. Unter ihnen erkannten meine Ohren die von Herr und Frau Von Theumer und auch die ihres Sohnes. Die zweite weibliche Stimme konnte ich nicht identifizieren.

„Nun, das Abendessen war nicht für fünf geplant“, hörte ich Herr Von Theumer sagen, keinesfalls amüsiert und darauf kam die prompte Antwort seines aufgebrachten Sprösslings.

„Dann kann die Nervensäge sich ja selbst was zu essen machen! Ich will sie jedenfalls nicht dabei haben und vor allem nicht, wenn Düse dann nicht hier bleiben kann. Entweder sie bleibt oder ich gehe mit ihr!“

Schnell erkannte ich, dass ich wieder einmal die Problematik darstellte, was mich jedoch weniger als mehr störte. Die Anwesenheit von Markus gefiel mir genauso wenig, wie die meine ihm gefiel, doch ich beschwerte mich nicht ständig darüber wie ein stures Kind. Ich nahm die Situation hin wie ein beinahe erwachsener Mensch, der ich auch wahr – so wie wir beide uns verhalten sollten.

„Ist schon gut, Markus, ich kann einfach mit Terry zu Abend essen.“

„Nein, wirst du nicht! Dampfender Teufelsdreck, das ist doch total idiotisch!“

In diesem Moment hatte ich die letzte Stufe überwunden und schritt ohne einen zweiten Gedanken zu verschwenden ins Esszimmer, aus dem die Stimmen kamen. Und ich bereute es sofort. Sobald ich den Schritt durch den Türrahmen überwunden hatte, fielen alle Augen auf mich und es wurde still im Raum.

Lag es daran, dass ich Barfuß war, dass ich meine Haare zu einem unordentlichen Zopf zusammengerafft hatte oder dass ich tatsächlich das Kleid trug? Ich wusste es nicht, aber ihre durchdringenden Blicke verliehen mir ein gewisses Unwohlsein.

„Oh, Liebes, du siehst fantastisch aus!“ Frau Von Theumer eilte zu mir herüber und umarmte mich so innig, dass es von außen aussehen musste, als würden wir uns bereits ewig kennen.

„Dankeschön“, murmelte ich, trennte mich jedoch so schnell wie möglich wieder von ihr. Nicht nur, weil ihre Umarmung mir ein komisches Gefühl verlieh, sondern auch, weil ich spürte, wie ein Paar Augen mich förmlich verbrennen ließen.

Ich schaute auf und sah sie durch einen Vorhang schwarzer Haare, die in Form eines unordentlich geschnittenen Ponys über der Hälfte ihres blassen Gesichts hingen. Der Rest ihrer schwarzen Mähne war in zwei hohen Zöpfen nach hinten gebunden. Sie war das Mädchen, dass ich bereits an meinem ersten Tag in Grünwald mit Markus auf das Gelände hatte fahren sehen. Und das Mädchen war sauer, mehr als sauer, als sie mich mit ihren dunkelbraunen Augen anstarrte.

Die Zeit schien stehen zu bleiben.

„Du bist also Lea“, sagte sie langsam, gefährlich irgendwie.

Ich nickte ebenso langsam und tat so, als würde ihr Blick mich nicht so sehr einschüchtern, dass ich mein Kleid am liebsten in Urin ertränken würde. Gott, dieses Mädchen hatte einen Killerblick drauf, der sich gewaschen hatte. „Und du?“

„Ich bin Markus' Freundin Düsentrieb.“ Ihre Hand ergriff seine, doch ihre Augen ließen nicht von mir ab.

Die Atmosphäre im Raum war bedrückend, gespannt und feindlich, doch die Von Theumer Eltern schienen davon nichts mitzubekommen. Herr Von Theumer ließ sich am Kopf des Tisches nieder, während Frau Von Theumer rechts von ihm Platz nahm. „Also“, sprach er, nicht amüsierter als zuvor „dann müssen wir wohl umplanen. Setzt euch bitte.“

Automatisch setzten sich meine Beine in Bewegung und ich sprintete beinahe zu dem Platz neben Frau Von Theumer, bei der ich mich zu diesem Zeitpunkt am sichersten fühlte. Auch, wenn ich auch ihr nicht besonders vertraute, war sie unter allen Menschen in diesem Raum die, die mich am meisten zu mögen schien – und am wenigsten zu verachten.

Das Paar nahm gegenüber von uns Platz, Markus nehmen seinem Vater und Düsentrieb gegenüber von mir und sie sah jede Minute weniger zufrieden aus.

Aber jetzt mal ehrlich, wer nannte sein Kind bitte Düsentrieb? Was hatte sie getan, um so bestraft worden zu sein? Jetzt tat sie mir ja schon fast ein wenig Leid.

Aber nur fast.

Das Essen verlief mehr oder weniger ruhig und ich versuchte so still wie möglich zu bleiben, während Frau Von Theumer genau das Gegenteil tat, nämlich versuchte, uns in ein Gespräch einzubinden. Ich schob nur Ladungen von Brokkoli und Reis in meinen Mund, um überhaupt nicht in die Situation gelangen zu müssen, etwas zu sagen, während sie ihr Essen kaum anrührte.

Ob dies nun ihrem Redefluss oder ihrer scheinbar strengen Diät zu verdanken war, wusste ich nicht. Frau Von Theumer war spindeldürr, so dürr, dass ihre Schlüsselbeine aussahen, wie ein Fossil. Und ihre Arme waren so knochig, dass sie mit jeder Bewegung wie ein Skelett wackelte.

Herr Von Theumer war ebenfalls wenig gesprächig, genauso wie Markus, doch Düsentrieb versuchte tatsächlich, sich mit ihr zu unterhalten. Sie tat nett und freundlich und gar nicht so, wie sie wirklich war – zumindest nicht, wie sie zu mir war. Ich glaubte, dass sie eifersüchtig war, weil Frau Von Theumer mich scheinbar lieber um sich und ihre Familie hatte. Jedoch wurde schnell klar, dass die beiden überhaupt nicht auf einer Wellenlänge waren. Ganz im Gegenteil, sie reden komplett aneinander vorbei.

Das Essen schmeckte gut und überraschenderweise teilte mir Markus' Mutter mit, dass sie es gekocht hatte. Ich hatte erwartet, dass sie irgendeinen Zwanzig-Sterne-Koch arrangiert hatte, der hunderte von Euros gekostet hätte. Auch brachte sie mich mit ein paar Erzählungen aus Markus' Kindheit zum schmunzeln, die dieser nur mit wütenden Blicken kommentiert hatte.

Wütende Blicke, die sowohl mir als auch ihr gegolten hatten und die mir herzlich egal waren. Ich war tatsächlich positiv überrascht – vielleicht entwickelte ich sogar einen Hauch von Sympathie für sie.

Aber nur einen Hauch.

Und ob man es glauben konnte oder nicht, die Sympathie färbte auch ein wenig auf den blonden Schmollmund auf der gegenüberliegenden Seite des Tisches ab.

Die Erzählungen seiner Mutter ließen ihn wie einen normalen Jungen erscheinen, nicht wie den Idioten, den ich kennengelernt hatte. Es wurde von Unterhosen gesprochen, die als Hüte getragen wurden und von Lippenstiften, die gegessen wurden. Es handelte sich einmal sogar um einen versehentlichen Kuss mit einem Frosch, was mich besonders zum Grinsen brachte. So sehr, dass ich es nicht einmal versuchte zu verstecken.

„Mama, du bist total peinlich!“

Frau Von Theumer lachte herzlich. „Ach, Markus, jetzt sei doch nicht so! Ich bin mir sicher, Lea und Düsentrieb haben genauso komische Geschichten aus ihrer Kindheit, oder?“

Wir beide bleiben still.

„Oder Lea?“ Nachdrücklich sprach sie mich erneut an, knuffte mich sogar sanft in die Seite und ich zuckte nur mit den Schultern.

„Hm“, antwortete ich.“

Markus verdrehte feindselig die Augen. „Niemand interessiert sich für ihre Geschichten, die handeln doch sowieso nur von Alkohol, Drogen und so einem Scheiß“, zischte er und erntete daraufhin ein Kichern von seiner Freundin.

Das brachte mich jedoch überhaupt nicht aus dem Konzept. Ich lächelte nur. „Nun, tatsächlich haben auch Leute die rauchen und ab und zu Alkohol trinken eine normale Kindheit gehabt. Ob du es glaubst oder nicht, ich wurde nicht mit einer Whiskey Flasche aufgezogen.“

Und Markus, der schnaubte nur und aß weiter. Und Düsentrieb, die schien mich noch mehr zu hassen als vorher. Sie sah aus, als würde sie am liebsten über den Tisch springen und mich erwürgen, strangulieren.

Zeit, mich aus dem Staub zu machen.

Nachdem ich meinen Teller geleert hatte, bedankte ich mich kurz und leise und verzog mich dann ganz schnell wieder auf mein Zimmer. Ich wollte nicht länger dort unten bleiben und mich mit bösen Blicken berieseln lassen, auch, wenn sie mich nicht sonderlich gestört hatten. Ich hatte für mich sein wollen, weil ich nicht nur mein Zuhause vermisste, sondern vor allem meine Freunde. Da konnte diese Villa noch so groß, das Essen noch so gut und Mama Theumer noch so nett sein, aber aller Komfort der Welt konnte das Loch in mir drin nicht füllen.

Zugegeben – es ging mir halb so schlimm wie ich erwartet hatte, doch was war ich ohne alles, was mich ausgemacht hatte? Was war ich ohne Löcher in der Hose, Rockmusik und meine geliebte Ninja? Was war ich ohne Zigaretten, meine besten Freunde und ein Pinchen Wodka?

Ich lag lange im Bett, rauchte mir ab und zu eine Zigarette und hörte zu, was ein Stockwerk unter mir so vorging. Düsentrieb war kurz nach dem Essen nach Hause gefahren und Markus hatte sich in sein eigenes Zimmer verzogen. Gegen Mitternacht waren auch die Von Theumer Eltern schlafen gegangen und das seltsam rhythmische Geräusch nebenan hatte mir schnell verraten, dass die beiden sich scheinbar an diesem Abend besonders gut verstanden hatten. Mit einen Stöhnen hatte ich zwei Kissen gegen meine Ohren gepresst und gewartet, bis die beiden zum Ende gekommen waren, was ungefähr eine halbe Stunde später der Fall gewesen war.

Nun war es eins und ich ging einer furchtbar dummen Idee nach. Mit erneut klebenden Sohlen begab ich mich auf die Suche nach Alkohol. Ich schlich erneut die Treppe runter und tapste in die Küche und ich suchte nach irgendetwas mit alkoholischen Prozenten. Mir war egal, ob Bier, Wein, Wodka oder Whiskey – ich wollte diesen desaströsen Abend einfach nur meine Speiseröhre hinunterspülen und durchschlafen können, denn das war etwas, was mir in den letzten Nächten von meinen eigenen schreienden Gedanken nicht gegönnt worden war.

Und tatsächlich wurde ich schneller fündig als gedacht.

Aus dem Kühlschrank zog ich eine volle Flasche Rotwein, die nicht einmal einen Korkenzieher benötigte, um geöffnet zu werden. Ich versteckte sie unter meinem übergroßen Shirt und machte mich auf den Weg zurück ins Zimmer, wo sie prompt innerhalb von einer Stunde geleert wurde.

Eine Stunde später lang das Shirt auf dem Boden und ich tanzte in Slip und BH durch mein Zimmer, tanzte zu Musik, die ich selbst in meinem Kopf komponierte und mich interessierte nicht, ob ich erwischt wurde oder nicht.

Ich war frei wie ein Vogel und ich genoss jede Sekunde, in der meine Gedanken mit einem Schleier verhüllt waren. Ich musste mir nun keine Sorgen mehr machen, alles rutschte für den Moment in den Hintergrund und war unbedeutend.

„La la la“, sang ich leise vor mich hin „la la lala la“ und dabei zündete ich mir bei geschlossenem Fenster eine Zigarette an. „Lala la lalala.“

Ich war frei und das Leben war schön.

„Was zur gottverdammten Hölle tust du da?!“

Ich war doch nicht so frei.

Mein Körper schwang in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war und ich war mehr als überrascht, als ich eine verschlafenen Markus Von Theumer im Türrahmen stehend vorfand. Er trug eine graue, lockere Trainingshose und ein einfaches weißes Shirt, eins das ähnlich war wie das, was ich bis vor einer halben Stunde selbst getragen hatte. Ich hatte es aber nicht mehr an und trotzdem klebten meine Haare an meinem verschwitzten Gesicht. Sie waren so vollgesogen, dass sie aussehen, als wären sie beinahe schwarz. So wie die von Düsentrieb.

Ich trug kein Shirt mehr und stand betrunken vor ihm, in nicht mehr als Unterwäsche. Sobald er dies realisierte, wurde sein Kopf hochrot und er drehte sich weg, verließ aber nicht das Zimmer. Stattdessen zog er die Zimmertür hinter sich zu und blieb auf dem gleichen Fleck stehen, seine nackten Füße vergraben in dem flauschigen Teppich, der die Hälfte des Zimmerbodens bedeckte.

Wieso ich lachen musste wusste ich nicht, aber ich musste lachen. Mein Lachen war hoch und mädchenhaft, es klang fast schon wie ein Kichern. Wahrscheinlich, weil die Situation so unglaublich lächerlich war.

„Warum lachst du so bescheuert?“ zischte Markus, mit dem Rücken zu mir gedreht. „Zieh' dir sofort etwas an!“

„Nein!“ Ich lallte. Und wie ich lallte.

„Wie „nein“?“

„Nein.“ Der Blonde drehte sich um, noch röter als zuvor. Wobei es diesmal wahrscheinlich eher auf Wut zurückzuführen war, als auf Scham. Er stampfte zu mir herüber und bevor er mich erreichte, ließ ich mich rückwärts aufs Bett fallen, mit einer Miene, die zu einem Schmollmund verzogen war. „Mir ist warm, ich will mich nicht anziehen.“

Seine hohe Silhouette war über mich gebeugt, sie wurde vom Mondschein angestrahlt und auch, wenn Markus Von Theumer ein arroganter Schnösel war, sah sein Gesicht irgendwie schön aus und seine Augen wie flüssige Schokolade. Er sah plötzlich so viel weniger bedrohlich aus und das konnte selbst der immense Größenunterschied zwischen uns beiden nicht ändern. Vielleicht wäre er bedrohlich gewesen, wenn er mich angeschrien und beleidigt hätte, doch kein einziges Wort verließ seinen Mund. Selbst dann nicht, als ich die Zigarette zu meinem eigenen führt und noch einen tiefen Zug nahm.

Und selbst dann nicht, als ich den Rauch direkt in sein Gesicht pustete und ihm somit das letzte bisschen Respekt verweigerte, dass er eigentlich verdiente. Ich war rücksichtslos, rücksichtslos auf vollster Linie.

„Sag' deinen Eltern, was ich hier heute gemacht habe“, sagte ich, als ich ihm in die Augen starrte. „Sag' ihm, dass ich mich dir freiwillig in Unterwäsche gezeigt, im Zimmer geraucht und Wein von deinen Eltern geklaut habe. Vielleicht schicken sie mich ja wieder nach Hause, wenn ich mich schlecht genug benehme.“

Ich wollte wirklich nach Hause. So sehr.

Sein Gesicht wurde einen Hauch sanfter und seine Wut schien zu verebben, die Narbe über seinem rechten Auge glättete sich. Er nahm mir die Zigarette aus der Hand und schmiss sie aus dem Fenster, welches er offen stehen ließ, dann kletterte er neben mir aufs Bett und ließ sich mit dem Rücken gegen die Wand sinken. „Du willst wirklich unbedingt zurück nach Hause, oder?“

„Ja.“

„Ist es wirklich so mies hier?“

Ich nickte, die leere Flasche in meinen Händen. Sie kühlte durch den nächtlichen Wind schnell ab, ebenso wie ich, bis eine angenehme Kühle meine nackte Haut umhüllte. „Wie würdest du dich fühlen, wenn dir alles weggenommen werden würde, dass du liebst? Alle meine Freunde sind Zuhause und hier bin ich umzingelt von Idioten und Schnöseln, dich eingenommen.“

Vielleicht bildete ich es mir wieder nur ein, aber ich glaubte, seine Mundwinkel aus dem Augenwinkel zucken zu sehen und so musste ich selbst ein wenig grinsen. Er gefiel mir besser, wenn er nicht so griesgrämig war. Er gefiel mir besser, wenn er nicht so tat, als hätte er keine Gefühle und auch, wenn ich es nur auf den Alkohol schon, musste ich zugeben, dass er eigentlich ganz annehmlich war.

Ich sah zu ihm hoch, doch er hatte seinen Blick auf die Landschaft hinter dem Fenster fixiert, flüssige Schokolade in seinen Augen. Während seine Wimpern auf und abschlugen und einige Momente Stille vergingen, stellte ich mir vor, dass tatsächlich flüssige Schokolade begann aus seinen Augen zu tropfen und wie Tränen seine Wangen hinunter ran. „Du willst mich doch sowieso nicht hier haben, also was schert es dich, ob ich es hier schlimm finde oder nicht?“

„Du bist schrecklich.“

„Das beantwortet nicht meine Frage.“

„Naja.“ Seine breiten Schultern zuckten und unter seinem Shirt bewegten sich seine Muskeln. Er hatte nicht viele, sein Körper eher schmal als breit, aber er war auch nicht dürr und sah nicht schwächlich aus. „Manchmal bist du schon ganz lustig – abgesehen von den Momenten, an denen du einfach schrecklich ätzend bist.“

Erneut schlich sich ein Grinsen auf meine Züge und ich drehte mich in seine Richtung. Dabei vergaß ich, dass ich immer noch nichts trug, aber es hätte mich sowieso nicht geschert. Mit dem Alkohol im Blut war ich nicht nur mutig, sondern auch extremst unbedacht. Dumm sogar.

Er hingegen schien sich der Situation mehr als bewusst und versteifte sich neben mir. Kaum eine Sekunde später sprang er dann auf und ich wünschte ich wüsste, was in seinem Kopf vorging, als er die Flasche aus meinen Händen riss und wortlos das Zimmer verließ.