Ein Brief für L.

KurzgeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P12
30.03.2018
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Lieber L.,

nun sitze ich hier und schreibe diese Zeilen an Dich, weil es so viele Dinge gibt, die ich Dir gerne mitteilen möchte, bei denen ich jedoch niemals den Mut dazu finden werde, sie Dir ins Gesicht zu sagen. Es gibt so vieles, was Du seit unserer ersten Begegnung in meinem Leben verändert hast. Seit ich Dich das erste Mal gesehen habe, ist in meiner kleinen Welt nichts mehr so, wie es einmal war.
Wie gut ich mich noch daran erinnere: Es war ein warmer, klarer Freitagabend im August des letzten Jahres, als ich das allererste Mal meinen ganzen Mut zusammengenommen habe und zum Treffen gekommen bin. Als ich mich das erste Mal zu Euch an den Tisch gesetzt und einen zurückhaltenden, verlegenen Blick in die Runde geworfen habe.
Natürlich habe ich zu diesem Zeitpunkt nicht einmal im Traum daran gedacht, dass dieser Abend meine Welt so aus der Bahn werfen würde, dass er Gefühle in mir auslösen würde, die ich seitdem so stark und intensiv wie schon lange nicht mehr spüre.
Aber woher hätte ich das auch wissen sollen? Wie hätte ich erahnen sollen, dass ein einziger Abend mich so aus dem Gleichgewicht werfen würde? Noch dazu, weil doch an unserer ersten Begegnung überhaupt nichts Besonderes oder gar Ungewöhnliches war.
Ich erinnere mich noch, dass ich mich gerade mit einem anderen Mädchen unterhielt, als Du Dich ganz plötzlich zu uns an den Tisch gesetzt hast. Als Du ganz freundlich und zuvorkommend gelächelt hast, Deine Hand dabei entspannt auf dem Tisch abgestützt war und Du Dich vollkommen unscheinbar und aus ehrlichem Interesse heraus nach meiner Geschichte erkundigt hast.
Schon während dieses Gesprächs ist mir aufgefallen, wie sympathisch Du bist – und ganz besonders Dein stetiges Schmunzeln, welches nicht eine Sekunde lang von Deinen Lippen wich, hat mich fasziniert und in Deinen Bann gezogen.
Leider habe ich es an diesem Abend versäumt, Dich näher kennenzulernen und mehr Details über Dich in Erfahrung zu bringen. Nicht einmal nach Deinem Namen habe ich gefragt, geschweige denn, wie alt Du bist oder woher Du eigentlich kommst.
Es war einfach zu viel Aufregung vorhanden, zu viel Schüchternheit und Unsicherheit vor dem Neuen, Unbekannten – immerhin war es das erste Mal für mich, dass ich an diesem Stammtisch teilgenommen habe.
Deshalb war ich einfach zu nervös, um eine richtige Unterhaltung mit Dir anzufangen – und noch ehe ich die Möglichkeit hatte, wenigstens nach Deinem Namen zu fragen, war die Chance schon vertan und Du hast Dich zu einigen anderen aus der Gruppe gesetzt.
Wenn ich jetzt, während ich diesen Brief schreibe, daran zurückdenke, glaube ich, dass es schon an jenem Abend angefangen hat, auch wenn es mir selbst vielleicht gar nicht so bewusst war.
Doch ich kann mich noch erinnern, dass ich immer wieder zu deinem Platz geschaut habe – und ich glaube deswegen, weil ich die unterbewusste Hoffnung darauf hatte, dass Du Dich noch einmal zu mir setzt und ich mehr über Dich in Erfahrung bringen kann. Aber dazu kam es an jenem Abend leider nicht mehr, weshalb mir nichts anderes übrig blieb, als Dich einfach aus der Ferne zu betrachten und das warme Lächeln, das Du bei jedem Blick in meine Richtung im Gesicht hattest, stillschweigend zu erwidern.
Als der Abend sich schließlich dem Ende zugeneigt und ich mich aus der Runde verabschiedet habe, da war mir noch immer nicht klar, welch weitreichende Folgen diese zufällige Begegnung mit Dir haben würde.
Dies ist mir erst in den darauffolgenden Tagen und Wochen bewusst geworden, als ich mich immer wieder dabei ertappt habe, wie meine Gedanken zu diesem Abend, und ganz besonders zu Dir zurückkehren. Immer wieder habe ich Dein Bild vor mir gesehen, Deine Augen und Dein warmes Lächeln. Sogar die Kleidung, die Du anhattest, ist mir mehr als deutlich in Erinnerung geblieben.
Und immer wieder hat sich mir dabei die zentrale Frage gestellt, wie Du wohl heißt und wer Du eigentlich bist. Immer wieder musste ich an unser, wenngleich nicht wirklich tiefgründiges Gespräch denken und hatte dabei den sanften Klang Deiner Stimme im Ohr.
Mit jedem Tag, der an mir vorüberzog, haben sich diese Gedanken gehäuft und still und heimlich die Hoffnung in mir geweckt, dass ich Dich beim nächsten Stammtisch wiedersehe.
Fast einen ganzen Monat lang musste ich diese Hoffnung mit mir herumtragen, musste die stetig kreisenden Gedanken aushalten und mir immer wieder dieselben Fragen stellen, ohne eine Antwort darauf finden zu können.
Erst einen Monat später, an einem Samstagabend im Oktober, habe ich die Chance auf ein Wiedersehen mit Dir erhalten. Als ich an diesem Tag zum Stammtisch ging, hatte ich nur eine Hoffnung im Kopf, nämlich, dass Du auch da sein wirst.
Und als ich schließlich beim Treffen ankam und Dich fast versteckt an einem der oberen Plätze sitzen sah, hätte ich am liebsten vor Freude einen Luftsprung gemacht.
Wieder hattest Du dieses einzigartige, warme Lächeln im Gesicht, das ich bei dieser Begegnung noch viel intensiver wahrgenommen habe als das erste Mal. Und wieder konnte ich Dich nur ganz fasziniert anschauen, Dich wie hypnotisiert betrachten und dabei feststellen, wie besonders Du bist. Besonders deshalb, weil ich niemals zuvor in meinem Leben einen Jungen mit solch einem Lächeln getroffen habe. Niemanden, der solch tiefe, klare Augen hatte wie Du.
Und je länger ich Dich betrachtet habe, je mehr ich mich auf Dich und Dein Lächeln konzentriert habe, desto deutlicher habe ich zu fühlen bekommen, dass irgendetwas in mir und mit mir passiert.
Zuerst konnte ich das Gefühl gar nicht richtig wahrnehmen, geschweige denn zuordnen, bis ich durch reinen Zufall mitbekommen habe, wie ein anderer aus der Gruppe Dich beim Namen nennt und so dem unbekannten Jungen, der Du bis dahin für mich warst, endlich eine Identität gibt.
L. hat er zu Dir gesagt – und beim Klang dieses Namens, sowie dem noch immer auf Deinem Gesicht ruhenden Lächeln, ist es schließlich irgendwie mit mir passiert.
Plötzlich wusste ich, wie das Gefühl heißt, das ich für Dich habe. Plötzlich war mir klar, warum alles in mir bebt und kribbelt wie unter Strom. Plötzlich habe ich erkannt, dass Du nicht einfach irgendein x-beliebiger Junge bist, sondern ein Prinz. Mein Prinz.
Denn genau das war der Augenblick, in dem es völlig um mich geschehen war. Ohne Dich näher zu kennen, ohne Genaueres über Dich zu wissen – und natürlich auch ohne die Chance, mich dagegen zu wehren –, habe ich Dich plötzlich in einem völlig anderen Licht gesehen.
Von einer Sekunde zur nächsten war da ganz lautes Herzklopfen und die Farbe Rosarot hat meine Sinne überflutet. Von einer Sekunde zur nächsten war dein Lächeln wie ein Geschenk und Deine sanfte Stimme wie eine Melodie, die mit jeder einzelnen Note mein Herz erreicht.
Und noch ehe ich wusste, was überhaupt mit mir passiert, hatte ich mich auch schon in Dich verliebt. Auf einmal warst Du kein Fremder mehr für mich, sondern der Mensch, für den mein Herz brennt.
Und dass es lichterloh gebrannt hat, daran gibt es überhaupt keinen Zweifel. Als mir klar wurde, was eigentlich los ist, da hat es sich so angefühlt, als würde die komplette Welt um mich herum einfach stillstehen. Das Einzige, worauf ich mich noch konzentrieren konnte, warst Du. Nur Du ganz allein.
Ich habe nichts mehr gehört oder gesehen – nur noch Dich. Dich und Deine warmen, glitzernden Augen, in denen ich auf der Stelle hätte ertrinken können. Dein sonnengleiches, strahlendes Lächeln, mit dem Du mich vollkommen unabsichtlich dazu angestiftet hast, mich dem Gefühl in mir zu ergeben und die Liebe zu Dir einfach zuzulassen. Deine dichten, tiefschwarzen Haare, die ein einziges Mal zu berühren mein allergrößter Herzenswunsch war und ist. Kurzum gesagt hat mich einfach alles an Dir in seinen Bann gezogen und meine bis dato im Dunkeln liegende Welt hell erstrahlen lassen.
Dabei hatte ich bis zu dieser Sekunde nicht daran geglaubt, dass es mit der Liebe so rasend schnell gehen kann. Dass ein einziger, flüchtiger Moment schon dazu ausreicht, um die Gefühle auf den Kopf zu stellen und sie völlig aus dem Gleichgewicht zu bringen.
Doch Du hast mir bewiesen, dass es sehr wohl möglich ist. Du hast mit Deiner offenen, herzlichen Art meine Seele erreicht und mich Dir und Deiner unbewussten Magie vollkommen erlegen gemacht.
Genau das war auch der Grund dafür, warum ich an jenem Abend mit Millionen Schmetterlingen im Bauch nach Hause gegangen bin und von da an nur noch an Dich denken konnte.
Dein wunderschöner Name hat sich permanent in meinem Kopf wiederholt, Dein Lächeln sich in mein Bewusstsein eingraviert und mich immer wieder an unser erstes, gemeinsames Gespräch im August zurückdenken lassen.
Fast kein Tag ging an mir vorüber, an dem ich mich nicht nach Dir gesehnt habe, an dem ich Dein Bild nicht vor Augen hatte und mir dabei vorgestellt habe, ganz nah bei Dir zu sein.
Fast keine Nacht lang konnte ich ruhig schlafen, weil Du sogar in meinen Träumen mein stetiger Begleiter warst. Weil Du Dich in mein Unterbewusstsein eingeschlichen hast und mich in jeder einzelnen Sekunde an Dich denken lässt.
Was immer ich machte und wohin ich auch ging – Dein Bild kam mir stetig entgegen und tauchte immer wieder vor meinem inneren Auge auf. Und mit ihm auch die heimlichen Träume, die seit jenem Abend still und leise in mir erwacht sind.
Träume, die ich vorher noch niemals geträumt habe. Träume, die von Dir und mir erzählen, von der Geschichte, die sich meine Fantasie für uns beide ausgedacht hat. Die Geschichte meiner Liebe zu Dir.
Es sind Träume, wie es sie nur einmal gibt – manchmal zärtlich und still, manchmal auch aufregend und verboten. Träume davon, wie es wäre, ganz nah an Deiner Seite zu gehen. Davon, wie ich all meinen Mut zusammennehme und Dir erzähle, was ich fühle. Davon, wie wir zwei zusammen sind, einfach nur zusammen, uns ganz nahe kommen und die Grenze zur Zärtlichkeit überschreiten.
Wenn ich von Dir träume, dann ist das so, als würde ich fliegen, als wäre ich weit weg von hier – an einem Ort, an dem es nur Dich, mich und unsere Liebe gibt. Ein Ort, an dem niemand uns stören oder dazwischenfunken kann, an dem Du mich fest an der Hand hältst und nie wieder loslässt.
In meinen Träumen gehörst Du zu mir, bist der Mensch, mit dem ich zum ersten Mal erlebe, wie endlos tief die Liebe sein kann. In meinen Träumen darf ich Dich festhalten, darf mit Dir lachen und weinen und jeden Tag mit Dir als ein neues, kostbares Geschenk erleben. In meinen Träumen darf ich Dir nah sein, darf Dich küssen und Dein wunderschönes, tiefschwarzes Haar streicheln. Ich darf auf eine Reise gehen, die nur durch Dich allein zu der schönsten meines gesamten Lebens wird.
Zumindest so lange, bis der Tag mir die einmaligen Träume entreißt und mich wieder mit der eiskalten Wirklichkeit konfrontiert. Bis ich mich im Bett herumdrehe und begreife, dass Du nicht ganz nah neben mir liegst. Dass Du fern und unerreichbar bist, so wie ein Sonnenstrahl am Horizont.
Und genau in solchen Momenten kommt die Sehnsucht in mir hoch – die vermutlich unliebsamste und quälendste Begleiterscheinung des Hochgefühls, das man Liebe nennt. In solchen Momenten ist das Herzklopfen am stärksten – und die ganzen Schmetterlinge in meinem Bauch wirbeln wie verrückt durcheinander, bis es anfängt, richtig wehzutun.
Weil Du nicht da bist, mir nicht nah bist, und meine Träume von Dir das Einzige sind, woran ich mich festhalten kann. Weil Dein Lächeln, Deine Augen und Deine Stimme mich stetig verfolgen und ich nicht davon lassen kann, intensiv an Dich zu denken. Weil Du ein kostbarer, einzigartiger Mensch für mich bist, der mir mehr bedeutet als irgendjemand je zuvor. Mehr als ich es Dir mit Worten jemals beschreiben könnte.
All die Monate seit unserer ersten Begegnung, an jedem Tag und in jeder Nacht habe ich Dein Lächeln vor Augen, das meine ganze Welt zum Strahlen bringt. Du allein lässt mich Farben sehen, die ich noch niemals zuvor gesehen habe. Du weckst die Sehnsucht und das Verlangen in mir. Das Verlangen danach, einfach in Deiner Nähe zu sein.
Genau aus diesem Grund hatte ich mir auch vorgenommen, Dich beim nächsten Treffen endlich anzusprechen. Dich einfach näher kennenzulernen und zu sehen, was sich daraus entwickelt.
Endlose Überlegungen und Phasen der Hoffnung, Sehnsucht und auch des Zweifels habe ich hinter mich gebracht, bis ich mich schließlich selbst zu diesem Entschluss ermutigen und mir fest vornehmen konnte, mein Schweigen zu brechen und Dich anzusprechen.
Zuspruch für dieses Vorhaben bekam ich von einer Bekannten, welcher ich von meinen heimlichen Gefühlen für Dich erzählt habe und die mich dazu ermutigt hat, mich einfach zu trauen und einen Schritt auf Dich zuzumachen.
Genau deshalb habe ich die ganze letzte Woche vor dem Treffen hin- und herüberlegt, wie ich am besten mit Dir ins Gespräch komme, wie ich Dir sagen oder erklären kann, was Du für mich bist, ohne mich damit komplett zu blamieren. Genau deshalb habe ich meinen Mut zusammengepackt und mich dafür entschieden, einfach den Sprung ins kalte Wasser zu machen.
Und mit diesem festen Vorsatz bin ich schließlich zum Stammtisch gegangen, hatte schon die ganze Zugfahrt über wieder dieses Herzklopfen und die durcheinanderwirbelnden Schmetterlinge in meinem Bauch. Immer wieder kamen Unsicherheiten und Zweifel in mir hoch, ob ich wirklich stark und mutig genug dafür bin, Dich näher kennenzulernen.
Trotzdem habe ich mich ganz auf mein Vorhaben konzentriert und mir selbst geschworen, dass ich dieses Mal keinen Rückzieher mache. Dieses Mal komme ich mit Dir ins Gespräch, habe ich mir selbst gesagt. Und dann sieht man schon, was daraus wird. Denn vielleicht, so habe ich weiter überlegt, magst Du mich ja auch ein bisschen.
Ich kann nicht beschreiben, wie aufgeregt ich war, als ich an diesem Abend schließlich beim Stammtisch angekommen bin. Noch nicht einmal die Tatsache, dass ich die Allererste war, die eintraf, hat mich großartig gekümmert.
Alles, woran ich denken und worauf ich meine Konzentration richten konnte, war mein fester Vorsatz, eine Unterhaltung mit Dir anzufangen und damit den ersten Schritt zu machen, aus dem sich, so habe ich zu diesem Zeitpunkt wenigstens noch gehofft, alles Mögliche entwickeln kann.
Nach einiger Zeit traf schließlich auch meine Bekannte ein – diejenige, mit der ich tags zuvor noch einmal ausführlich telefoniert und die mich darin bestärkt hatte, einfach ehrlich zu Dir zu sein.
Durch ihren erneuten Zuspruch habe ich nur umso mehr Mut gewonnen und war fest dazu entschlossen, den ersten Schritt auf Dich zuzugehen. Aber fast so, als wäre es ein Wink des Schicksals gewesen, bist Du ausgerechnet an diesem Abend nicht zum Stammtisch erschienen.
Lange Zeit habe ich immer wieder zur Tür gestarrt und gewartet, jedes Mal mit der stillen Hoffnung, dass Du doch noch kommst. Aber Du kamst nicht.
Stattdessen wurden noch am selben Abend meine sämtlichen Träume zunichte gemacht, als ein anderes Mädchen vom Stammtisch, das Dich wohl sehr gut kennt, mir ganz beiläufig erzählte, dass Du einen Freund hast.
Mein erster Gedanke, als ich diese Nachricht vernommen hatte war, dass das überhaupt nicht sein kann. Bestimmt verwechselt sie Dich, habe ich mir eingeredet – doch nachdem ich Dich ihr kurz beschrieben hatte, bestand kein Zweifel mehr daran, dass wir von ein und derselben Person sprechen.
Als mich diese Erkenntnis erreicht hatte, als ich begriffen hatte, was das bedeutet, da ist für mich eine ganze Welt in sich zusammengebrochen.
Meine Emotionen haben verrückt gespielt – und der einzige, brennende Wunsch, den ich noch hatte, war wegzulaufen. Ganz weit weg, irgendwohin, wo niemand mich jemals finden kann.
Nur das Zutun meiner Bekannten, die mich dazu aufgefordert hatte, raus an die frische Luft zu gehen, konnte diesen Reflex unterbinden. Statt also die Flucht zu ergreifen, bin ich zusammen mit ihr nach draußen gegangen – und konnte mich gerade noch so beherrschen, bis wir dort angekommen waren.
Dann aber habe ich die Kontrolle über meine Gefühle verloren und es nicht mehr geschafft, mich noch länger gegen sie zu wehren. Ohne dass ich selbst es richtig wahrnahm, liefen mir unzählige Tränen über das Gesicht und ein stechender, durchdringender Schmerz jagte durch meinen ganzen Körper.
Zum ersten Mal im Leben habe ich zu spüren bekommen, wie sich ein gebrochenes Herz anfühlt, wie es ist, wenn alle Träume und Illusionen von einer Sekunde zur nächsten zerplatzen wie eine Seifenblase.
Ich weiß gar nicht mehr, wie lange ich in diesem Zustand war. Es können nur ein paar Minuten gewesen sein – vielleicht war es auch länger. Das Einzige, was ich noch weiß, ist, dass ich angenommen habe, als meine Bekannte mir eine Zigarette angeboten hat – und das, obwohl ich seit Oktober nicht mehr rauche.
Aber in diesem Moment habe ich es gebraucht, habe nach irgendetwas gesucht, um diesen verfluchten Schmerz zu kompensieren, der sich langsam immer tiefer gebohrt hat. Danach war mir zwar speiübel, aber so gesehen hat das gut zu dem elenden Gefühl gepasst, das mich den restlichen Abend hindurch nicht mehr losgelassen hat.
Die Tatsache, dass Du einen Freund hast, dass Du Dich nie für mich interessieren wirst und es nicht einmal den Hauch einer Chance für uns beide gibt – das hat mir wirklich den größten Schlag meines Lebens versetzt.
Als ich an diesem Abend nach Hause kam, nachdem ich schon die komplette Zugfahrt über durchgeheult hatte, bin ich direkt nach oben in mein Zimmer und habe mich zwei volle Tage und Nächte lang nicht mehr blicken lassen.
Stattdessen habe ich mich in meinem Kummer vergraben, fast pausenlos geweint und dabei immer wieder an Dich gedacht. An Dich und die Tatsache, dass Du nicht frei bist. Dass Du einen Freund hast. Den Du liebst. Und begehrst.
Diese bittere Erkenntnis hat mir den Boden unter meinen Füßen weggezogen. Die Tatsache, dass Du ihn liebst. Und dass es für uns beide keine Zukunft gibt. Weil Du nie Interesse an mir haben wirst. Jedenfalls nicht auf die Weise, wie ich es an Dir habe.
L., Du bist so ein wunderbarer Mann. Du bist ein einzigartiger, unvergleichlicher und aufregender Mensch. Du bist der Erste, der es geschafft hat, mich zum Träumen zu bringen. Der mir Flügel gegeben hat und mich spüren lässt, wie sich Verliebtsein eigentlich anfühlt.
So wie für Dich habe ich noch für keinen empfunden. Kein Anderer hat es bisher geschafft, mich so zu verzaubern und zu berühren wie Du. Keiner vor Dir hat mir den Schlaf geraubt und mein Herz so zum Klopfen gebracht.
Und das Schlimme an der ganzen Sache ist, dass es das immer noch tut. Mein Herz klopft immer noch, wenn ich an Dich denke und mir Deine wunderschönen, tiefen Augen vorstelle. Es klopft noch immer ganz laut, wenn ich mich an unsere erste Begegnung erinnere – oder an den Moment, in dem meine Liebe zu Dir begonnen hat.
Und auch, wenn ich mit dem Verstand weiß, dass sie aussichtslos ist, dass Du nie die Gefühle für mich haben wirst, die ich für Dich habe und alle mir sagen, dass ich Dich vergessen muss – es gelingt mir nicht.
Ich kann einfach nicht aufhören, an Dich zu denken. Ich kann nicht aufhören, Dich zu lieben. Meine Sehnsucht nach Dir ist immer noch da – um ehrlich zu sein, ist sie sogar stärker denn je. Mein gebrochenes Herz schlägt immer noch für Dich, genauso laut und heftig wie an dem Tag, als meine Gefühle für Dich begonnen haben.
Es fühlt sich immer noch so schön an, Dich in Gedanken zu lieben und Dir ganz nah zu sein. Es fühlt sich schön an, von Dir zu träumen und mir Dinge auszumalen, die ich vorher nie so klar und deutlich empfunden habe.
Auch wenn ich weiß, dass es falsch ist – ich liebe Dich immer noch. Und ich kann auch nicht einfach so aufhören, Dich zu lieben. Ich kann nicht aufhören, mir vorzustellen, wie es wäre, an Deiner Seite zu sein.
Auch wenn mir klar ist, dass es nie passieren wird, wünsche ich mir trotzdem, dass Du mir nah bist. Dass Du mir einfach nah bist und mich in den Armen hältst, mir sagst, dass Du mich auch liebst und immer bei mir bleibst.
Und ich weiß auch, dass es falsch und hinterhältig von mir ist, aber wenn ich daran denke, dass Du nicht frei bist, kocht die Wut und die Eifersucht in mir hoch.
Ich bin so eifersüchtig auf Deinen Freund, obwohl ich ihn noch nicht einmal kenne. Weil er das Glück hat, an Deiner Seite gehen und Dich von ganzem Herzen lieben zu dürfen. Er darf Dir all das geben, was ich nicht darf – hat das Recht dazu, Dich einfach zu küssen und zu streicheln.
Und genau das ist es, was mir an der Sache am meisten wehtut. Die Vorstellung, dass Du mit ihm zusammen bist, dass er Dir nah ist, Dich berührt. Oder auch mit Dir schläft.
Bei diesem Gedanken zerreißt mein Herz in tausend Stücke. Er schläft mit Dir – und Du schläfst mit ihm. Du gibst ihm all das von Dir, was kein anderer jemals bekommen wird, was nur für den Menschen bestimmt ist, der das Glück hat, Dein Partner sein zu dürfen.
Aber warum er? Warum nicht ich? Warum kann ich nicht einfach mit ihm tauschen? Wenigstens für eine Nacht. Eine Nacht lang er sein, der Mensch, den Du liebst und begehrst. Eine Nacht lang die Zeit vergessen und mich ganz auf Dich einlassen. Dir eine Nacht lang alles geben und Dir ungeschminkt nahe sein. Seite an Seite. Haut an Haut. Und Herz an Herz. Wenn ich Dich nur einmal so berühren könnte wie er Dich berührt. Wenn ich nur einmal Deine Hand halten und Deine Wärme spüren könnte. Wenn ich für eine einzige Nacht die Möglichkeit hätte, bei Dir zu sein. Nur um Dich ein einziges Mal aus ganzem Herzen zu lieben. Ich gäbe mein Leben dafür her. Und ich würde es nicht bereuen. Nicht einen einzigen Augenblick lang.
Aber leider wird das nie passieren. Du wirst nie dasselbe in mir sehen, was ich in Dir sehe. Allenfalls findest Du mich nett, mehr nicht. Und wenn das Schicksal es besonders gut mit mir meint, schaffen wir es vielleicht eines schönen Tages, Freunde zu werden.
Das setzt allerdings voraus, dass ich es schaffe, meine Gefühle für Dich hinter mir zu lassen. Und ich weiß nicht, ob ich das kann. Ich weiß nicht, ob es mir gelingt, sie zu überwinden und einen normalen Umgang mit Dir zu finden.
Schließlich kann ich sie nicht einfach abstellen – egal, wie sehr ich mir auch vornehme, dieser ganzen Sache ein Ende zu machen.
Mein Herz klopft immer noch, wenn ich Dein Bild vor mir sehe und mir Dein wunderschönes Lächeln vorstelle, mit dem Du mich vollkommen verzaubert hast. Und egal, wie sehr mein Verstand auch protestiert, wie stark meine Vernunft sich gegen diese Gefühle sträubt – im Herzen sieht die Sache wieder komplett anders aus.
Mein Herz liebt Dich noch so wie am ersten Tag – und das hört auch nicht einfach auf, nur weil Du einen Freund hast. Im Gegenteil: Seitdem ich das weiß, sind meine Emotionen noch viel stärker geworden, noch viel inniger und heftiger.
Mein Herz sagt mir, dass ich um Dich kämpfen muss, auch wenn ich ganz genau weiß, dass ich diesen Kampf nur verlieren kann. Aber Dich jetzt einfach zu vergessen wäre noch wesentlich schwerer – und Dich nie wiederzusehen ein Ding der Unmöglichkeit.
Wenn ich mir vorstelle, nie wieder in Deine Nähe zu kommen oder mich von Dir fernhalten zu müssen – allein schon der bloße Gedanken daran bringt mich fast um.
Und trotzdem stellt sich mir die unvermeidbare Frage, wie es weitergeht. Wie soll ich mich verhalten, wenn ich Dich wiedersehe? Was soll ich tun, wenn Du beim nächsten Treffen Deinen Freund mitbringst? Was, wenn ich Euch beide zusammen sehe?
Werde ich das aushalten? Werde ich stark genug sein, meine Eifersucht zu unterdrücken und mir nichts anmerken zu lassen? Ist es wirklich machbar, trotz allem einen freundschaftlichen Umgang mit Dir zu finden? Und wenn ja, wohin dann bitte mit meinen Gefühlen?
Soll ich Dir davon erzählen? Soll ich ehrlich sein und Dir sagen, was ich für Dich empfinde? Soll ich die Karten auf den Tisch legen und es Dir erzählen? Auch auf die Gefahr hin, dass ich Dich damit für alle Zeiten verliere?
Oder soll ich schweigen? Soll ich mich zusammenreißen und mir nichts anmerken lassen, wenn wir uns wiedersehen? Soll ich so tun, als wäre da gar nichts und auf Deine Freundschaft hoffen – egal, wie weh ich mir selbst damit tue?
Ich weiß es nicht. Ich habe keine Ahnung. Das Einzige, worüber ich mir zu einhundert Prozent sicher bin: Dich zu vergessen ist keine Option. Und Dir aus dem Weg zu gehen auch nicht. Das würde ich nicht aushalten.
Eher ertrage ich es, die Sache für mich zu behalten und so zu tun, als wäre nichts. Denn auf diese Weise habe ich wenigstens die Chance, dass sich eine Freundschaft daraus entwickelt und ich Dir auf diese Weise nahe sein kann. Und wenn es auch nicht viel ist – für mich ist es mehr als genug. Für mich ist jedes Wort, jeder Blick und jedes Lächeln von Dir ein Geschenk, das ich niemals wieder in meinem Leben missen möchte.
Deshalb gehe ich auch kein Risiko ein. Wenn sich etwas zwischen uns entwickelt, dann Freundschaft. Der Rest wird mein Geheimnis bleiben.
Das Geheimnis einer verbotenen Liebe.


Mit tausend Küssen und Schmetterlingen im Bauch,
Deine Dich liebende R.
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