Sweet Boy

KurzgeschichteAllgemein / P12 Slash
30.03.2018
28.03.2020
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30.03.2018 1.132
 
Leise vor sich hinsingend, schwebte Tay durch die leeren Zimmer des großen Herrenhauses, mied dabei bewusst den Raum, in welchem seine sterbliche Hülle lag und seit fast sechs Jahren vor sich hin moderte. Vermutlich waren nur noch die Knochen da. Damals hatte er sich in dem Haus versteckt, nachdem er bei einer Messerstecherei eine Wunde im Bauchbereich zugefügt bekommen hatte. Nur das sein Körper danach nicht mehr aufwachte.
Genau in dem Moment, wo er an der Eingangshalle vorbeikam, öffnete sich die Eingangstür quietschend. Erschrocken schoß er ein paar Meter in die Höhe. Bisher hatte noch nie jemand das Haus betreten, er war also sicher gewesen.
„Schön ist das Haus ja, aber wir müssen da noch so viel machen. Bist du dir sicher, dass es das richtige für uns ist?“ Neugierig schwebte Tay näher an die beiden Männer. Sie wirkten wie Tag und Nacht. Einer blass mit blonden, fast weißen Haaren, zierlich und mit himmelblauen Augen. Der andere mit einer dunklen Hautfarbe, muskulös, schwarzen Haaren, dunkelblauen Augen und drei Köpfe größer als sein Begleiter.
„Wir sind beide handwerklich begabt und haben viele Leute, die uns helfen wollen. Zudem denke ich nicht, dass die Bausubstanz so schlimm ist, dass wir es einreißen müssen. Schauen wir doch einfach mal durch alle Räume, danach können wir immer noch entscheiden, ob wir es uns kaufen.“ Tay merkte deutlich, dass der Kleinere noch nicht überzeugt war, während sein Partner sich schon in das Haus verliebt hatte. Vermutlich würde sich das schlagartig ändern, wenn sie seine Überreste fanden.
Irgendwie verspürte Tay den Wunsch, sie in seinem Haus zu haben, etwas Leben in die leeren Räume zu bringen, damit die folgenden Jahre nicht so einsam wurden. Innerhalb von Sekundenbruchteilen war er vor dem Raum, die Tür war schon geschlossen, nun verriegelte er sie zusätzlich. Schon zu Anfang hatte er gemerkt, dass er mit Hilfe seines Willen zu jedem Punkt im Haus springen und Dinge bewegen konnte. Nun musste er seinen Körper nur noch so lange verbergen, bis die beiden Männer das Haus gekauft hatten. Wobei sie immer noch das dann wieder rückgängig machen könnten. Wenn es nur einen Weg gäbe, die Reste verschwinden zu lassen, doch er konnte das Haus nicht verlassen. Verzweifelt zerbrach er sich den Kopf, doch ihm fiel nichts ein.
Unzufrieden hockte er sich im Flur in den Schneidersitz knapp einen halben Meter über den Boden und wartete einfach ab. Lange dauerte es nicht, bis die beiden den Flur betraten, neugierig in jeden Raum hineinsahen, bis sie an der verschlossenen Tür rüttelten.
„Eigentlich sollten alle Türen offen sein, ich weiß nicht, warum die es jetzt nicht ist.“ Verwirrt beugte sich der Schwarzhäutige nach vorne.
„Lass mich mal ran.“ Resolut drängelte sich der Blonde nach vorne, zog etwas aus seiner Hosentasche und nur Momente später klickte das Türschloss. Um das folgende Desaster nicht miterleben zu müssen, hüpfte Tay hoch zum Dachboden, machte es sich wenige Zentimeter über einem staubigen Holzschrank bequem. Richtig schlafen konnte er nicht, aber er verfiel in eine Art Starre, die einem Dösschlaf ähnlich war.
Lärm ließ ihn aufschrecken. Obwohl er eigentlich nicht hatte gucken wollen, machte er es nun doch. Polizisten wuselten durch die Gänge. Abschätzig rümpfte Tay seine Geisternase, er mochte die Beamten nicht. Dadurch das er ein Straßenkind war, hatte er nur sehr wenige gute Erfahrungen mit ihnen gemacht. Dementsprechend wütend rauschte er durch die Gänge, ließ die verstaubten Bildern an den Wänden wackeln und Türen knallen, bis er in der Eingangshalle auf dem Kronleuchter, welcher protestierend klirrte, sich wieder beruhigte, kaum das Tay still hielt. Dafür hatte er für Angst gesorgt, viele Männer verließen das Haus bleich und ängstlich.
„Wir kaufen das Haus“, hallte begeistert durch die Gänge. Überrascht wechselte Tay den Platz, bis er sich direkt neben den zwei Männer befand, die das Ganze erst ins Rollen gebracht hatten. Enthusiastisch hüpfte der Blonde auf und ab, hatte richtig Feuer gefangen.
„Schon immer wollte ich in einem Geisterhaus leben. Wann können wir hier einziehen? Wetten es ist der Junge, der dort oben liegt? Zu gerne würde ich wissen, wer er ist und wie er hierher gekommen ist.“ Kopfschüttelnd stand der Dunkelhäutige nur daneben, hatte aber ein nachsichtiges Lächeln auf den Lippen. Damit hatte Tay absolut nicht gerechnet. Begeistert umtanzte er den Blonden, ließ dessen Haare fliegen und lachte dabei.

Von diesem Moment an war immer jemand im Haus. Der Hellhäutige hieß Adam, während sein Freund auf den Namen Hakim hörte. Jeden einzelnen Tag besuchten sie ihn, auch wenn sie immer noch nichts von ihm wussten.
Frustriert beobachtete Tay Adam dabei, wie dieser eine Wand im zukünftigen Schlafzimmer lila strich. Mühelos glitt die Farbrolle über die weiße Wand, färbte sie. Neben dem Farbeimer lag ein einsamer Pinsel. Dieser brachte Tay auf eine Idee. Warum er nicht früher darauf gekommen war, wusste er nicht. Ohne das Adam es bemerkte, schnappte Tay sich den Pinsel, tunkte ihn in die Farbe und gestaltete nun seinerseits die Wand. Etwas zögerlich und ungelenk schrieb er seinen Namen auf die Wand, erregte damit die Aufmerksamkeit Adams.
„HAAAKIII“, euphorisch rief er nach seinem Freund, der nur Sekunden später in den Raum stürmte, aprupt stopte, als er den Namen las. Um zu verdeutlichen, dass es sich nicht um das Werk von Adam handelte, malte er noch einen lächelnden Smiley dazu, setzte danach ab, nicht wissend, was er noch schreiben sollte.
„Wie alt warst du damals?“ Hakim dagegen schaltete schneller. Es dauerte etwas, bis Tay sich wieder daran erinnerte und eine etwas schiefe neunzehn unter seinen Namen setzen konnte. Wenn man auf der Straße lebte, gab es keine Geburtstagsfeiern, dort verschwamm ein Jahr mit dem Nächsten und es war schwer, noch den Überblick zu behalten, wie viel Zeit verstrichen war.
„Kannst du das Haus verlassen?“ Statt eines Namens, wählte Tay dieses Mal einen traurigen Smiley, in der Hoffnung, dass sie verstanden.
„Du hängst also fest. Ist es überhaupt in Ordnung, das wir in deinem Haus wohnen?“ Begeistert nickte Tay, vergaß für einen Moment, dass sie ihn nicht sehen konnten. Kaum das er sich dessen bewusst wurde, malte er ein großes Ja neben seinen Namen. Noch nie war er so froh gewesen, dass ihm einer der alten Penner unter der Brücke das Schreiben beigebracht hatte.
„Damit hätten wir wohl die Dreierbeziehung, die du dir immer erträumt hast Adam“, schnurrte Hakim, packte Adam, drückte ihn gegen die frisch verzierte Wand und küsste ihn. Was das für eine Beziehung sein sollte, wo sie ihn nicht einmal sehen oder hören konnte, war Tay schleierhaft, aber er nahm es hin, hauptsache er war nicht mehr alleine. Darum wirbelte er um die zwei herum, durch die Wand hindurch und wieder hinaus, erzeugte einen Wind, der Adam zum Lachen brachte. Tief in sich hoffte Tay, dass die Beiden lange leben und bis an ihr Lebensende zusammen bleiben würden, damit er nicht so schnell wieder alleine sein musste.
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