⚜ Von einer, die auszog, das Fürchten zu lernen ⚜

GeschichteMystery, Übernatürlich / P16
30.03.2018
31.03.2018
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»Wir werden jeder eine Gespenstergeschichte schreiben«, soll der britische Dichter Lord George Byron im Sommer 1816 in Genf vorgeschlagen haben. Niemand geringerem, als der heute, als Mary Shelley bekannten Autorin von ›Frankenstein‹ und dem britischen Schriftsteller und Arzt John Polidori, der mit seinem Werk ›Der Vampyr‹ die Vorlage zu Bram Stokers ›Dracula‹ geschaffen hatte. Damals wurde die Sache mit dem Urheberrecht noch etwas lockerer gehandhabt - heute würde man zu letztem wohl Fanfiction sagen. Sei`s drum – angeblich haben diese beiden weltbekannten Werke ihren Ursprung in den Ereignissen des Sommers 1816, in jener Villa Diodati, welche Lord Byron und seinen Freunden und Geliebten, (ja es waren mehrere - beiderlei Geschlechts) als Sommerresidenz gedient hatte.

Es gibt bereits unzählige Geschichten über die damaligen Begebenheiten. Manche mehr und viele weniger glaubwürdig. Aber als schließlich einige der Tagebücher der Beteiligten des Gespenstersommers 1816 aus dem Genfer See geborgen wurden, brachte das zwar nicht mehr Licht in diese Sache, aber durchaus mehr Dunkelheit – Drogenexzesse, Sexorgien und von Fischen übertragene, wurmartige Parasiten, die sich ins Gehirn fraßen und einen in den Wahnsinn trieben. Ja, das war genau das, was ich jetzt brauchte. Nicht im wahrsten Sinne des Wortes, aber zumindest, um meiner Schreibblockade ein bluttriefendes Ende zu bereiten. Meine Texte haben schon lange niemanden mehr das Fürchten gelehrt. Außer meiner Lektorin.

Und so stehe ich nun, über zweihundert Jahre nach den unheimlichen Ereignissen, welche zu Frankenstein und Dracula geführt haben, vor dem schmiedeeisernen Tor des Landgutes Cologny in der Schweiz und weiß nur eines: Fisch werde ich hier nicht essen!
Die berühmte Villa Diodati thront erhöht mit Blick auf den Genfer See und sieht ganz und gar nicht gruselig aus. Kein holzknarrendes, viktorianisches Spukhaus umgeben von dichtem Tannenwald, sondern ein schlichtes quadratisches Gebäude mit zwei Etagen und Balkon über dem Erdgeschoss, der von ebenso schlichten weißen Säulen getragen wird. Große, deckenhohe Fenster rundherum und ein spärlich bepflanzter aber penibel gepflegter Garten.
Meine Enttäuschung ist mir wohl anzusehen, da die Verwalterin des Anwesens, die mir soeben auf ihren etwas zu kurzen und zu dicken Beinen entgegenkeucht, ihre ohnehin schon runzlige Stirn noch mehr in Falten legt.
»Ich dachte, Sie wären ein Er?«, begrüßt sie mich.
»Was hat Sie zu dieser Annahme verleitet?«, erwidere ich.
Sie winkt ab, zerrt ein riesiges Schlüsselbund aus der Umhängetasche, die ihre üppigen Brüste in der Mitte teilt wie Moses einst das Rote Meer, und hat nach drei Versuchen das Tor schließlich entriegelt. Irgendwie habe ich dieses typisch rostige Quietschen erwartet, aber es öffnet sich nahezu geräuschlos.
Überhaupt alles ist hier recht geräuscharm - unsere Schritte auf dem weißen Kieselweg, die Laubbäume, deren Rascheln im Wind eher ein dumpfes Murmeln ist, oder der Schlüsselbund in ihrer Hand, der nicht klappert oder scheppert, sondern eher raschelt. Vielleicht kommt es mir auch nur so vor. Ich bin erschöpft und ziemlich müde. Elf Stunden Flug und etwas Unterdruck im Mittelohr können einiges anrichten.

Schließlich stehen wir vor einem der Seiteneingänge der Villa – also ich stehe, sie stützt ihre Hände auf die Knie wie eine Achtzigjährige nach einem Dauerlauf und krächzt - steckt, nach einer gähnend langen Weile den Schlüssel ins Schloss der roten Tür und dreht ihn herum.
»Aber, dass das klar ist ...«, sagt sie, »... hier wird nichts mitgenommen oder verändert. Was sie kaputt machen, müssen Sie bezahlen. Sind Sie versichert?«
Ich nicke und spüre ihren zweifelnden Blick. Ich bin ganz hervorragend versichert. Immerhin hat dieser Monat Miete bereits ein Vermögen gekostet, da will ich nicht riskieren, durch meine zuweilen etwas ungeschickte Art, auch noch ein wertvolles Kunstobjekt ersetzen müssen.
Sie starrt mich immer noch an.
»Ja, ich bin gut versichert, Frau ... Frau ... wie war ihr Name noch gleich?«
»Hab` ich Ihnen nicht gesagt«, murmelt die stämmige, kleine Frau, die Tolkien sicher zu einem der Zwerge inspiriert hätte. Dann wendet sie mir wieder den Rücken zu und öffnet die Tür. Zu meiner Überraschung drängt sie sich nicht zuerst durch den schmalen Eingang, sondern hält sie mir auf und zeigt mit ausgestrecktem Arm und Zeigefinger in die dahinterliegende Küche. Etwas irritiert von dieser Beinahe-Höflichkeit betrete ich den abgedunkelten Raum und blicke sie nun erwartungsvoll an.
»Was glotzen Sie denn so?«, ist ihre Antwort darauf und mit immer noch ausgestrecktem Arm hält sie mir den Schlüsselbund entgegen. Sie scheint darauf zu achten, wirklich nur ihren Arm durch die Tür zu strecken und auf keinen Fall mit dem Fuß über die Schwelle zu treten.
»Hier. Nehmen Sie die Schlüssel. Daran sind alle, die sie benötigen. Nur nicht der zum Dachboden.«
»Warum nicht?«, will ich wissen.
»Dort spukt es.«
»Nur dort? Wie schade.«
Sie sieht mich an, als hätte ich ihr ein Techtelmechtel auf dem Küchentisch angeboten, schüttelt verständnislos den Kopf und beginnt nun eine Art Hausordnung herunterzuleiern.
Sie macht mich auf Eigenheiten des Hauses und Dinge, die ich gefälligst zu unterlassen habe, aufmerksam. Ich höre nicht besonders gut zu. Viel spannender finde ich den Raum, in dem ich stehe – eine große, aufgeräumte Küche mit antikem Kochtresen in der Mitte. Natürlich hat man hier in den letzten zweihundert Jahren das ein oder andere verändert, aber anscheinend nicht mehr seit den 1930ern. Noch kann ich vieles davon nur erahnen, da die Fensterläden im Untergeschoss geschlossen sind, aber das werde ich ändern, sobald die kleine Frau verschwunden ist.
»Haben Sie das verstanden?«, ermahnt sie mich plötzlich und reißt mich aus meinen Gedanken.
Ich nicke.
Die Frau wendet sich nun, ohne ein Wort des Abschieds, zum Gehen, bleibt doch noch einmal stehen, blickt mich über ihre Schulter hinweg an und sagt: »Behaupten Sie nachher nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt.«
Ich sehe ihr perplex hinterher.
Gewarnt? Wovor gewarnt? Wahrscheinlich hätte ich doch besser zuhören sollen. Überhaupt zuhören vielleicht.
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