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Kyrina und das Rätsel der Steine

von Arielen
Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Freundschaft / P12 / Gen
OC (Own Character) Rayek
29.03.2018
01.12.2019
13
17.183
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12.11.2018 1.979
 
“Sturmgischt sagte, sie sei von den Klippen ins Meer gesprungen., und er habe einige Große gesehen, die sie wohl verfolgt hatten!”

“Wenn das wahr ist, dann hat sich noch immer nichts verändert. Die Fünffingrigen fürchten uns immer noch wie am Anfang. Es ist schon gut, dass wir hier draußen leben. Hier gibt es die Großen wenigstens nicht.”

“ Ich weiß nicht. Wenn uns andere Elfen finden, dann werden die Großen es vielleicht eines Tages auch tun, und dann ist es mir dem Frieden vorbei.” Das waren die ersten Worte, die Kyrina vernahm, als sie aus ihrer Bewusstlosigkeit erwachte.

Ein scharfer Schmerz schoss durch ihre Lunge. Sie krümmte sich unter einem Hustenanfall zusammen.

Schon hielten sie feingliedrige Hände fest. “Ist ja gut. Der Schmerz wird vergehen. Mondmuschel, hol etwas von dem Sud!”

Dann flößte ihr eine Gestalt, die sie nur schemenhaft erkennen konnte eine grünliche Flüssigkeit ein. Kyrina schluckte und fühlte sich gleich besser. Angestrengt versuchte sie die beiden Helfer zu erkennen. Ein blasses Elfenmädchen mit hellen Haaren beugte sich neugierig über sie.

“Flinkkrabbe, schau dir nur diese dunkle Haut an, diese Haare. Ich kenne niemanden, der so aussieht!”

“Mondmuschel ... jetzt laß die Fremde in Ruhe. Der Rat wird sie schon noch befragen ... vor allem, weil sie die gleichen Steine um den Hals trägt, wie der Wanderer!”

“Ich...” Kyrina schnappte nach Luft und versuchte sich aufzurappeln, kaum da der letzte Satz verklungen war. Diese Neuigkeit ließ sie jegliche Schwäche vergessen. Der Wanderer mit den gelben Steinen. Er war hier? Ihr Vater hielt sich bei diesem Stamm auf? Sollte ihre Suche endlich ein Ende finden? Sie musste es wissen!

Trotz der Schmerzen versuchte sie auf die Beine zu kommen, doch die Heilerin hielt sie energisch fest. “Du bist noch viel zu schwach. Bitte bleib liegen.”

“Aber ... ich muß ... den Wan ... den Wanderer ...”, protestierte Kyrina und japste heftig nach Luft.
“Dazu ist es ohnehin schon zu spät. Die Späher haben ihn bereits mit dem Binsenboot fortgebracht, und du ...”

Mit aller Kraft riss Kyrina sich los und erhob sich schwankend. Mühsam kämpfte sie sich bis zum Ausgang der Hütte und weiter. Immer wieder musste sie sich abstützen, um nicht umzufallen.
Sie achtete nicht auf die halbnackten Elfen, an denen sie vorüber eilte, noch auf die erstaunten Blicke, die ihr zugeworfen wurden. Hilfreiche Hände wehrte sie ab.

Wo war sie hier nur? Ihre Umgebung ähnelte einem Binsendickicht. Überall hing Tang, und der Boden war merkwürdig weich, nicht so fest wie Erde ... und nicht nur sie schwankte - auch der Untergrund!

Kyrina kämpfte mit der aufsteigenden Übelkeit. Als sie schließlich vor einer weiten Wasserfläche stand, gab sie dem Drang sich zu übergeben nach. Erst als sie auch den letzten Rest ihres Mageninhaltes  ausgespien hatte, drehte sie sich wieder um.
Matt blickte sie zu der Schar Elfen hoch, die sich um sie versammelt hatten, und sie verwirrt miteinander tuschelnd ansahen. “Was wollt ihr von mir?” krächzte sie. “Lasst mich doch in Ruhe!” Damit aber bewirkte sie nur, dass sie alle schweigend anstarrten.

Nur einer wagte sich einige Schritte vor und kauerte sich vor ihr hin - Ein junger, nur mit knappem Lendenschurz bekleideter Elf, dessen fahle blonde Haare im Nacken zusammen gebunden waren. In dem Augenblick, in dem sie in seine grauen Augen blickte, geschah es.

Ein Laut, ein Klang wurde aus den Tiefen ihrer Seele hervor gezerrt. Er drängte aus ihr wie die Lava eines der feuerspeienden Berge in der Nähe von Sorgenend und traf zischend eine weite blaue Fläche, aus der ein vielfarbener Fisch emporsprang und genau in ihren Händen landete. In seinen Augen funkelten zwei Sterne, die sich zu einem vereinten. Feuer und Wasser - so gegensätzlich ... und doch vereint.

Kyrina wußte was das bedeutete, aber sie wollte es nicht wahrhaben.

ERKENNEN!

Das Band, das zwei Elfen auf ewig zusammenfügte und das Tiefste der Seele enthüllte. Ein Geschenk, das starke Kinder voller Magie hervorbrachte ... und sie hier festhalten würde. Jetzt, wo sie ihn vielleicht hätte einholen können, den Elfen - der seine Gaben so freigiebig verteilte wie die Steine seines Halsschmuckes.

Kyrina griff an ihren Hals, doch die Kette mit den drei gelben Steinen war verschwunden. So richtete sich ihre Wut gegen den jungen Elfen. “Geh weg!” schrie sie den an und fuchtelte so heftig mit den Armen, dass er tatsächlich ein Stück zurückwich. “Geh weg - verschwinde und lass mich in Ruhe! Und ihr anderen auch!”

Jetzt endlich kam Bewegung in die Schar der Elfen. Tuschelnd und murmelnd folgten sie ihrem Wunsch. Nur der junge Elf zögerte immer wieder und blickte zurück. Kyrina aber kauerte sich zusammen und schlang die Arme um die Beine. Was sollte sie nur tun?

* * *

Von einem der erhöhten Punkte in der Mitte der Insel hatte Kyrina einen guten Blick über die weite blaue Fläche, die die Schwammscholle von allen Seiten umgab. Sie zog fröstelnd den Überwurf enger um sich. Wie die anderen Elfen trug sie nur wenig am Leibe, aber das genügte ihr nicht - als Sonnentalerin war sie höhere Temperaturen gewohnt, und schon der Anblick der fast nackten Leiber ließ sie schaudern.

Genauso wie das Wissen, das sie hier auf einer Insel festsaß, die keinen festen Boden besaß - sondern nur aus Pflanzen bestand, die auf dem Wasser schwimmen konnten. Diese Umgebung machte ihr - und das gestand sie sich nur ungern ein - ziemliche Angst.

Nachdenklich berührte sie die Kette um ihren Hals, die um einen weiteren Stein ergänzt worden war. Der Rat der Ältesten dieses Stammes hatten ihr den Schmuck zurückgegeben und bestätigt, dass nur kurz vor ihr ein anderer Elf auf der Insel geweilt hatte - der diesen vierten Stein zurückgelassen hatte.

“Und so vermuten wir, dass er dich erwartet hat, auch wenn du selber nichts davon zu wissen scheinst. Die Wege der Hohen sind manchmal sehr seltsam.” Als sie dann versucht hatte, tiefer in die Ältesten zu drängen, hatten diese mit dem Kopf geschüttelt und eisern geschwiegen. “Wenn du alles erfahren hast, dann wirst du wie er gehen wollen, und das können wir nicht zulassen. Denn du kannst uns nicht so einfach verlassen. Wir alle haben gesehen, was zwischen dir und Sturmgischt geschehen ist! Und solch eine Gabe darf nicht vergeudet werden! Du wirst also erst einmal hierbleiben!”

So saß sie nun hier fest.

Seit Tagen wühlte der unerfüllte Drang in ihr wie ein Greifwurm in der trockenen Wüstenerde, doch sie war nicht bereit, sich ihm hinzugeben. Wenn sie das tat, dann würde sie mindestens zwei Wechsel der Jahreszeiten hierbleiben müssen, wenn nicht noch länger!

Und bis dahin würden die Spuren des Wanderers wieder verwischt sein.Wütend schlug sie gegen das Binsengeflecht und fragte sich zum wiederholten Male, ob ihr Vater nicht vielleicht doch noch irgendwo hier war, und nur mit ihr spielte. Und deshalb hoffte sie darauf, dass sie das ERKENNEN verleugnen konnte, dass es irgendwann von selber verschwinden würde.

“Du solltest dich nicht quälen, Kind!” Großwelle, der Älteste, der sie in seine Hütte aufgenommen hatte, kauerte sich neben Kyrina. Sein Gesicht war wettergegerbt und er wirkte viel älter als sie, obwohl er kaum mehr Wechsel zählen konnte als die Sonnentalerin.

Eine Seite seines Gesichts war durch eine zackige Narbe entstellt, und er hatte den rechten Arm durch einen Reißzahn-Angriff  - denn die See-Elfen besaßen seit acht mal acht Jahreszeitenwechsel keinen Heiler mehr. Der letzte war bei einem Sturm von einer Flutwelle ins Meer gerissen worden.

Das hatte er ihr wie viele andere Dinge über den Stamm auch erzählt. Kyrina setzte eine abweisende Miene auf. “Ich quäle mich doch gar nicht!” meinte sie leichthin. “Ich spüre überhaupt nichts! Ach, ich denke, dieser lästige Zwischenfall wird bald vergessen sein!”


“Es wird dir nicht helfen, den Drang zu unterdrücken. Du wirst nur krank davon werden, obwohl ich glaube...” Großwelle beendete den letzten Satz nicht. Die Sonnentalerin blickte misstrauisch zurück. Sie hatte den Ältesten wohl ein wenig unterschätzt. Großwelle war vielleicht verkrüppelt, aber er hatte gute Augen und ein bemerkenswertes Gedächtnis. Ihn war wohl aufgefallen, wie schnell ihre Kratzer und Schrunden geheilt waren.

“Vielleicht?” Sie zuckte mit den Schultern und erhob sich dann. Langsam wanderte sie über die Insel zu einer Fläche nah am Wasser, auf der die Elfenkinder herumtollten. Dort würde sie wenigstens abgelenkt sein, und nicht immer an alles erinnert werden.

* * *

Sturmgischt kam nur widerwillig seinen Pflichten nach. Er half die Netze zu flicken, während seine Gedanken ganz woanders weilten. Er dachte verzweifelt an die Elfe. Ihr fremdartiger Name brannte in seiner Seele und erfüllte seinen Körper mit einem Durst, den er nicht stillen konnte.

ERKENNEN.

Er hatte sich es immer gewünscht, so eng mit einer Elfe verbunden zu sein, aber nicht erwartet, dass es so schmerzhaft sein konnte.

“He Sturmgischt!” Regenschauer stieß ihn freundschaftlich an. “Du solltest nicht immer nur grübeln, sondern endlich das tun, was dich wieder über die Wasseroberfläche bringt. Erkennen ist Erkennen - und bei den Fluten, das ist bei uns selten geworden, aber wenn es geschieht, dann hat es eine Bedeutung. Bei Quallengift und Fischgedärm, komm und nimm sie dir endlich, dann läufst du nicht immer so herum, als habest du ein Krabbe verschluckt!”

“Ach, was verstehst du denn schon davon!” fuhr Sturmgischt seinen Vetter an und hob die Hand, um den anderen zu schlagen. Dann ließ er sie wieder senken. Regenschauer hatte recht. Etwas musste geschehen. Er sollte zumindest versuchen, mit der Fremden - Kyrina - zu reden.
So holte er tief Luft. “Mach alleine weiter!” sagte er, und ließ seinen Vetter einfach stehen, um sich auf der Suche nach der schwarzhaarigen Elfe zu machen. Hoffentlich war sie zu finden, denn sie mied ihn, so gut sie nur konnte.

* * *

“Nein, Perlchen, ich bin zu schwer für dein Binsenboot!” wehrte Kyrina ab, als die kleine Elfe sie auf ihr kleines Boot zu ziehen versuchte. “Und außerdem kann ich nicht schwimmen!”

“Warum nicht?” Sturmgischts kleine Schwester sprang auf die schwankende Nußschale - ein Anblick, der Kyrina schon schlucken ließ. “Jeder kann das!”

“Nein, nicht jeder...” Als der Boden durch die Strömung heftiger schwankte, musste Kyrina sich setzen. “Weißt du, ich komme aus einer Gegend, da gibt es nur wenig Wasser.”

“Das gibt es doch gar nicht!” Perlchen schüttelte den Kopf und stieß sich mit ihrem Paddel ab. Wie die anderen Elfenkinder auch übte sie hier in dieser geschützten Bucht der Insel, auf dem nassen Element zurecht zu kommen - unter den wachen Augen einiger Ältester. “Du schwindelst! Es gibt nichts anderes als Wasser!”

Kyrina seufzte. Perlchen kannte natürlich nichts anderes als das Meer, und auch ihr kleiner Bruder Rajek hätte dumm geschaut, wenn sie ihm von dem Meer erzählen würde.

Die Sonnentalerin strich sich die Haare aus dem Gesicht. Sie mochte das kleine Mädchen mit den struppigen blonden Haaren. Sturmgischts Schwester war die einzige, die ihr keine dummen Fragen stellte, sondern viel lieber mit ihr spielen wollte.

Nun paddelte das kleine Mädchen ein Stück weg und rutschte dann ins Wasser. “Schau mal, wie lange ich schon unter Wasser bleiben kann!” lachte es noch, holte tief Luft und tauchte dann ganz unter

Kyrina begann zu zählen, bog einen Finger nach dem anderen um ... doch plötzlich sprang sie auf. Nur für einen kurzen Augenblick hatte sie etwas aus dem Wasser auftauchen sehen - eine gezackte Flosse. Ein Schatten schoss lautlos durch das Wasser, und sie meinte Unheil verheißende Bewegungen zu sehen. War das einer der gefährlichen Fische, vor denen die Ältesten sie gewarnt hatte?

Kyrina sah sich hastig um, doch die anderen schienen noch nichts bemerkt zu haben. “Da ist ... da ist etwas im Wasser - ein Reißzahn!” schrie sie.

Der Elf mit den fahlen blonden Haaren, der zögerlich auf sie zugekommen war, rannte los, kam da sie die Warnung ganz ausgesprochen hatte. Kyrina wich ihm aus - doch Sturmgischt achtete nicht einmal auf sie.

Mit einer geschmeidigen Bewegung sprang er ins Wasser, das gezückte Knochenmesser in der Hand und verschwand unter der Wasseroberfläche. Das nächste, was sie sah, war hochspritzendes Wasser.

Zwei Gestalten drehten und wanden sich im Wasser, als ein heftiger Kampf zwischen Elf und Raubfisch entbrannte. Das Knochenmesser blitzte auf, Blut spritzte, aber auch zwei Reihen spitzer, scharfer Zähne wurden sichtbar.
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