Preditur Fides

KurzgeschichteDrama, Romanze / P16 Slash
28.03.2018
31.03.2018
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Hallöchen liebe Leserschaft,

kurz vor knapp, so viel Zeit habe ich nicht mehr und bin doch etwas länger geraten als ich es wollte. Wie immer. Aber ich schaffe das bis heute Abend noch und dann gibt es ein letztes Update.

Ich danke SilviaK für ihr Review. Auch danke für die Empfehlung. Es ist sehr viel weniger M|M geworden, als gedacht, dennoch muss das Rating so verbleiben.

Über weitere Rückmeldungen, seien sie löblich oder kritisch, sind immer gerne gesehen.

LG

Serena Hell

* * *


Teil II – Novorum


Milos war sich nicht sicher, ob er fliehen oder bleiben sollte. Der Name des Mannes war Kelichir, seltsam und befremdlich, genauso wie dessen Aussehen.

Die aufrechte Haltung konnte nicht über die schmächtige Figur hinwegtäuschen. Aber auch die Größe beruhigte ihn nicht sonderlich. Das Aussehen war ihm fremd. Die braune Weste, die ihm einen freien Blick auf die muskulöse Brust gab, war in einem ihm fremden Stoff. Doch die Kette war die, die ihm die Angst einjagte. Zähne, hoffentlich von Tieren, baumelten daran. Perlen schmückten das alles aus und das lange Haar war ebenso mit Perlen behangen.

Das hatten selbst die größten Individualisten ihrer Stadt nicht getragen.

„Du musst hungrig sein“, sprach Kelichir abermals und hob demonstrativ einen Dolch hoch. Er zuckte zurück, ehe er bemerkte, dass etwas auf die Spitze gespießt war.

Ihm lief das Wasser im Mund zusammen. Außer Fisch und Kleinvieh hatte er seit der Verbannung kein Fleisch mehr zu sich genommen. Woher hatte der das große Stück Fleisch? Suchend blickte er umher. Da lagen Knochenreste, Fell und Blut hatte das Gras verfärbt. Ein Kaninchen, wenn er die Größe richtig deutete.

„Was willst du?“

„Dein Leben retten.“ Es klang nicht überheblich, eher wie eine schlichte Feststellung. Kühl und trocken.

„Wieso?“

Schweigend hielt ihm der Mann einfach den Dolch hin. Übers Feuer zu greifen wäre zwecklos, eher zog er sich Verbrennungen zu. Sein Rücken protestierte, als er sich gänzlich aufrichtete. Er brauchte beim Aufstehen immer ein paar Minuten, um seine Gliedmaßen wieder bewegen zu können, wie er es gewohnt war. Die Blöße wollte er sich nur nicht geben. Jetzt erkannte er auch, was auf ihm gelegen hatte. Moos, schwer und sicherlich noch anderes Gestrüpp.

„Wer bist du?“, fragte er abermals, während ihn die verschiedensten Sorgen befielen. Ein Verbannter, wie er? Als er stand, nahm er sich einen Augenblick sein Gegenüber selbst zu betrachten. Die Luft war kühl, aber die frische des Morgens half seinen Verstand zu wecken.

„Kelichir.“

„Dein Name sagt mir nicht, wer du bist. Was willst du? Bist du auch verbannt?“ Er glaubte tatsächlich die Andeutung eines Lächelns zu erkennen.

„Nein. Ich bin ein Späher. So fand ich dich. Nun iss. In der Zeit erzähle ich dir, was mich zu dir führte.“

* * *


Gefangen zwischen Faszination und Sorge lauschte Milos den Worten des Mannes. Neuzeit hörte sich an, als sei es eine Wunschvorstellung. Und doch war es das, was er sich bei seiner Rede gewünscht hatte.

Eine Alternative zu dem Gefängnis, ein Schimmer der Freiheit ohne die Unannehmlichkeit des einsamen Landes.

Vor allem wäre er nicht allein. Auch wenn die Hasenpfote an Kelichirs Hüfte befremdlich wirkte, ihm der Dolch eine große Portion Respekt lehrte und der Mann etwas Schaudererregendes an sich hatte – es war besser, als die Stadt und gesünder als der Wald.

„Bereits zwei von euch habe ich gefunden. Ich kann dich auch dorthin führen und du wirst in Neuzeit leben.“

Die Frage war, welche Alternative hatte er? Der Wald, Neuzeit versuchen oder zurück in die Stadt.

Zurück in die Stadt war keine Option. Ein Versuch war es wert. Gehen konnte er immer. Zur allerhöchsten Not verzapfte er dasselbe wie in der Stadt. Dann wurde er ja augenscheinlich nicht getötet, sondern verbannt.

„Wo?“

„Zwei Tagesmärsche von eurer Stadt entfernt. Gut eine Woche von hier.“

„Dann sollten wir losgehen.“ Gesättigt und nach einer Nacht voller Schlaf war er voller Tatendrang. Wenn das in Neuzeit immer so aussah, wäre er gerne dort.

Ein echtes Lächeln zeigte sich. „Wir sollten noch die Gegend ein wenig absuchen. Du bist nicht der einzige Verbannte. Sie alle sollen Neuzeit erleben.“

* * *


Am Ende des Tages war sein Hals kratzig und seine Stimme kaum mehr als ein Hauch, so viel hatte er gesprochen. Kelichir schien das nicht zu stören, geduldig lauschte der seinen Worten und beantwortete stets mit derselben Stimmlage seine Fragen.

Neuzeit war wirklich eine Alternative. Zwei Städter, wie er selbst es gewesen war, hatten den Weg bereits dorthin gefunden. Keine Ideologie, kein Gerede von Regeln, Gesetzen und Mauern. Eine Siedlung in Freiheit.

Bianca und Dimitri sagten ihm vom Namen her nichts, doch waren es Verbannte und Mitstreiter. Menschen, die sich bei der Demonstration ebenfalls aufgerafft und ihren Willen gezeigt hatten.

Wer hätte ihm sagen können, wie positiv dieser einst spontane Übermut hat enden können? Auch wenn eine gute Nacht kaum die Erschöpfung der letzten Wochen ausglich, spürte er neue Hoffnung in ihm wallen, die ihn beschwingt mit Kelichir mithalten ließ.

Dabei war der Mann schnellen Fußes unterwegs. Sicher bewegte der sich zwischen jedem Gestrüpp. Obwohl er nun mehr selbst schon seit einiger Zeit im Wald war, fehlte ihm diese Sicherheit deutlich.

„Du bewegst dich zu laut.“ Wieder eine schlichte Feststellung, wie sie schon ein paar Mal gefallen war im Laufe des Tages. Die Sonne war am untergehen und er war Kelichir auf der Suche nach Essen gefolgt. Der Boden war hart und er schien auf alles zu treten, was zerbrechlich war. Ein kleines Zusammenzucken konnte er nicht unterdrücken.

Ein wenig fürchtete er noch, Kelichir renne ihm davon. Neuzeit hörte sich gut an, aber auch die Lehren der Gesichtslosen hörten sich gut an, hinterfragte man sie nicht. Kelichir war die erste menschliche Gesellschaft seit langem und die wollte er doch ein wenig genießen.

„Bleib hier.“ Ehe er protestieren oder etwas erwidern konnte, war Kelichir bereits zwischen den Bäumen stehen. Unsicher, was dieser vorhatte, blieb er wirklich an Ort und Stelle stehen. Unwillkürlich zählte er die Sekunden mit, die er hier verbrachte. Bis er sich bei hundertsiebenundvierzig verzählte.

Nur der Grad der größer werdenden Dunkelheit ließ ihn Zeit bemessen. Während des Tages war es noch tragbar warm, die Bewegung hatte ihn zusätzlich gewärmt, doch des Nachts zog die Kälte ein. Am besten nutzte er noch das letzte Tageslicht, um Holz für ein Feuer zu sammeln. Besonders geschickt war er nicht darin, doch genügte es um Wärme und etwas Licht zu spenden. Solange er sich nicht zu weit entfernte dürfte das nicht problematisch sein. Geeignetes Feuerholz fand sich immer.

Rasch stellte er fest, wieso Kelichir ihn ausgerechnet an dieser Stelle zurückgelassen hatte. Zwei Seiten waren dicht bewachsen, verhinderten ein Einfaches weiterkommen und somit auch eine Überraschung von diesen Seiten. Nach der Zeit, die er hier bisher in Freiheit verbracht hatte, fürchtete er eigentlich keine Angriffe mehr. Menschenfresser schien es keine mehr zu geben, egal, was die Gesichtslosen ihn diesbezüglich gelehrt hatten.

Andererseits, sie hatten ihnen viel verschwiegen. Niemals war denen eine Siedlung entgangen, die gerade mal zwei Tagesmärsche entfernt existierte. Wahrscheinlich bestand die Alternative der Rückkehr nicht, man würde ihn eher töten als hineinlassen. Er würde diese Wahrheit mit in die Stadt tragen, hätte er vor zurückzukehren.

Als auch der letzten Sonnenstrahlen am Horizont wich, herrschte fast absolute Dunkelheit um ihn herum. Das Blätterdach war so dicht, dass kaum ein Mondschein durchdrang. Ein Feuer war nicht nur wärmend, es war notwendig, wollte er mehr als Schemen erkennen. Hatte ihn Kelichir doch alleine zurückgelassen? Zurück müsste der doch längst sein, wenn der ihn wieder finden wollte.

Enttäuschung durchflutete ihn, während er nahezu blind versuchte ein Feuer zu entzünden. Viele Anläufe später sprang endlich der Funke und er beeilte sich, diesen zu nutzen. Wohltuende Wärme ging von den Flammen aus.

„Ich sehe, du hast die Zeit nicht sinnlos verstreichen lassen.“

Erschrocken zuckte er zusammen und hätte fast sein Feuer vernachlässigt. Mit ein wenig Glück gelang es ihm, die Flamme aufrecht zu erhalten und das restliche Holz zum Brennen zu bringen.

In einer flüssigen Bewegung ließ sich Kelichir ihm gegenüber in den Schneidersitz sinken. Nicht zum ersten Mal fiel ihm auf, die geschmeidig sich der Mann bewegte.

„Wo warst du?“

„Nahrung besorgen. Frisch gebraten wird es schmackhafter als das kühle von heute Morgen.“

„Wie hast du zurückgefunden?“

Er verlief sich schon am helllichten Tage, des Nachts hätte er niemals zurückgefunden.

„Ich kenne den Wald. Außerdem habe ich dich gehört. Du bewegst dich laut.“

Er verzog das Gesicht. „Stimmt gar nicht.“ Er stampfte nicht auf dem Boden herum. Wozu auch? Niemand konnte ihn deswegen nerven. Er lief wie jeder andere Mensch auch.

Lange musterte ihn Kelichir ohne jede Erwiderung, ehe der den Dolch in die Hand nahm und begann die Beute zu zerlegen. Ein dreckiges Tuch, auf dem rote Beeren lagen, wurde ihm neben das Feuer gelegt.

„Du hast noch viel zu lernen, Milos, und wir können die Zeit mit mehr als der Suche verbringen.“

* * *


In dieser Nacht schlief er wieder ruhig und tief. Etwas an Kelichirs Anwesenheit ließ ihn wirklich genug Sicherheit empfinden, um sich dem erholsamen Schlaf gänzlich hinzugeben.

Als er am nächsten Morgen wach wurde fühlte er sich frisch und gestärkt. Abermals weckte ihn der Geruch nach Feuer und dieses Mal nahm er auch die Note des gebratenen Fleisches wahr. Ihm schien es, vielleicht war es auch nur Täuschung, als seien seine Sinne mittlerweile etwas geschärfter.

„Ihr Städter seid abgestumpft“, begann Kelichir, nachdem sie gegessen hatten und ihren Weg fortsetzen, „Was ihr als leise empfindet schmerzt mir fast schon in den Ohren. Deine Schritte verjagen jedes Tier in der Nähe und diese warnen den Rest. Ich musste weit gehen, um Nahrung zu finden.“

So wie das meiste, was der Mann sich gab, klang es nicht einmal wirklich vorwurfsvoll oder verächtlich. Kein Tadel, eine einfache Feststellung und doch lehrte der Inhalt. Unsicher durch die Worte starrte er seine nackten Füße an.

„Schon einmal eine Waffe in der Hand gehalten?“, fragte der weiter, als er nichts sagte.

„Nein. Die sind in der Stadt verboten.“

Langsam nickte Kelichir. „Du wirst eine gute Waffe brauchen, um dich zu ernähren. Allein Beeren sättigen dich nicht.“ Soweit war er schon selbst gekommen. Damit nahm der einen Bogen von der Schulter, der ihm am gestrigen Tag schon aufgefallen war.

„Wenn du schnell lernst, wirst du in Neuzeit zum Jäger werden können.“ Mit diesen Worten hielt Kelichir den Bogen hoch. „Du wirst dich jederzeit ernähren können.“ Zurzeit hatte er mehr Durst. Was er Kelichir auch mitteilte. Der letzte Bach, den sie gefunden hatten, lag schon etwas hinter ihnen.

„Weißt du, wo Wasser zu finden ist?“ Kopfschüttelnd senkte er den Blick. Sein Weg war bisher recht ziellos und mit wenig wiederkehrenden Orten gewesen. Jedenfalls nicht, das er wüsste. In diesem Teil des Waldes war er bisher auch nicht gewesen.

Wieder nickte Kelichir. „Statt euch Regeln zu lehren, hätten sie euch das Überleben lehren sollen.“ Seine Meinung! Ihm wurde Kelichir immer sympathischer. „Um Wasser zu finden musst du nicht so lange suchen, bis du eine Quelle findest. Es gibt durchaus einfachere Methoden.“

* * *


„Wenn du hier draußen bist, brauchst du einen Unterschlupf.“ Als wüsste er das selbst nicht. Nur war das gar nicht so einfach. Mit dem Finger verwies Kelichir auf die Blätterdächer über ihnen. „Die bieten dir Schutz. Such dir einen guten Baum, der dich trägt, mit dichtem Dach und engen Ästen. Nichts im Vergleich zu einem Bett, aber eine sichere Alternative.“

Ratlos blickte er den Stamm entlang. Keine hervorstehenden Äste zum Hochklettern. Seine erste Nacht hatte er auch auf einem Baum verbracht und kaum Schlaf gefunden in der ständigen Angst, er könne herunterfallen.

„Ich habe mich oft in einem Felsspalt versteckt. Dort war es nicht sonderlich kalt und sicher.“

Langsam nickte Kelichir. „Eine kluge Strategie. Nur wirst du hier keinen Felsspalt finden. Ein Bett aus Moos und ein Feuer werden dich wärmen. Wir werden in Neuzeit sein, ehe der wirklich kalte Wind aufkommt.“ In den Büchern der Schule hatte er Bilder von etwas gesehen, was sich Schnee nannte. So etwas kannte er nicht aus persönlicher Erfahrung und war auch froh drum. Ihre Winter waren kühl, aber nicht so kalt, dass Schnee oder Eis entstehen könnte.

„Dann bin ich aber schutzlos.“

Kelichir lächelte nicht nur. Der grinste ihn regelrecht an. Eine Hand glitt zu dem Dolch, der immerzu am Gürtel baumelte. „Mit mir wirst du niemals schutzlos sein.“ Er konnte kaum sagen, wieso er sich bei dem Satz entspannte. „Heute Nacht werde ich dir noch helfen. Morgen wirst du es selbst machen.“

* * *


Kelichir lehrte ihn vieles in kurzer Zeit. Überlebt hätte er auch weiterhin ohne dessen Hilfe, aber so vieles ließ sich einfacher gestalten. Als er die grundlegenden Dinge beherrschte und laut dem Mann auch eine halbwegs angemessene Lautstärke beim Laufen hatte, wollte der ihm den Umgang mit dem Bogen zeigen. Das nähme einen Tag der Suche, sie konnten nicht im Laufen selbst Lernen, aber es schien Kelichir die Mühe wert zu sein.

Dort fiel es ihm zum ersten Mal auf. Wie nahe ihm der Mann doch kam. Und wie wenig es ihm doch ausmachte, dessen Atem über seinen Nacken streifen zu spüren, als der die Haltung mit dem Bogen korrigierte. Ihn überlief jedes Mal ein kleines Schaudern. Die kräftigen Hände an seinen Hüften hätten als unangemessen platziert gelten können, doch blieb er entspannt.

Sein Ziel traf er nicht einmal im Ansatz, aber Kelichir rührte sich nicht. Der Pfeil könnte sonst wo gelandet sein, eine recht beschämende Feststellung und deprimierend dazu. Bei dem Späher, wie der Posten hieß, der dieser in Neuzeit innehatte, sah das alles so einfach aus.

„Deswegen“, flüsterte Kelichir ihm unvermittelt ins Ohr, „Brauchen wir einen Tag zum Üben.“

Jedes Mal, wenn Kelichir den Pfeil zurückgeholt hatte, bezog der wieder Position hinter ihm. Manchmal korrigierte der ein wenig seine Haltung, meistens verblieb der nur schweigsam hinter ihm.

Sollte es ihn beschämen, so gering bekleidet bei einem anderen Mann zu sein? Obwohl, nach all den gemeinsamen Tagen, sollte es ihn wenig stören. Der Gedanke hätte ihm früher kommen sollen. Sicherlich hatte Kelichir bereits alles gesehen.

* * *


Als der Übungstag verstrichen war, registrierte er auch mehr. Wie oft ihn Kelichir nachdenklich von der Seite musterte, seine Gestalt überflog oder ihn einfach nur anstarrte.

„Wie viel weißt du aus der alten Zeit?“

Sie waren am Essen, als Kelichir das fragte. Über die Vergangenheit sprachen sie nicht viel, ebenso wenig über die Zukunft. Die Stadt und Neuzeit – somit die Gegenwart – waren ihre hauptsächlichen Themen. Ihn überraschte die Frage.

„Das, was die Gesichtslosen uns wissen ließen.“

Ein nachdenkliches Brummen war alles, was daraus folgte. Schweigend fuhren sie fort, ihre Mägen zu füllen.

Nach den Wochen der Einsamkeit war es nicht nur erfrischend, Gesellschaft zu haben. Diese Fülle an Mahlzeiten und Trinken war ihm alleine nicht bekannt gewesen.

Vielleicht, überlegte er, waren nicht alle Menschen schlecht. In der Stadt waren zwar nur hirnlose und unterwürfige Menschen, doch gab es eine Siedlung außerhalb. Menschen, die sich selbst etwas aufgebaut hatten und die Regeln ablehnten. Er hatte die Einsamkeit gewählt, weil er die Gesichtslosen und die Dummheit der Bürger nicht mehr ertragen hatte. Doch wenn es mehr wie Kelichir gab, dann gab es noch wirkliche Hoffnung.

„Diese Nacht wird besonders kühl“, sprach Kelichir wieder unvermittelt, „Wir sollten eine Decke zusammensuchen.“ Irritiert zog er die Stirn kraus und gab sich einen Augenblick die Luft um sich herum selbst wahrzunehmen. Sie hatten vergleichsweise früh Rast gemacht, über einen Grund hatte er kaum nachgedacht, und er bemerkte keine Anzeichen einer kühlen Nacht.

Jedoch hatte sich schon von Anfang herausgestellt, wie unbedarft er doch war, ging es um die Natur. „Dann sollten wir beginnen, ehe uns das Licht ausgeht.“

Er hatte sich an die gemeinsame Arbeit mit Kelichir gewöhnt. Sie kamen zu zweit schnell vorwärts, standen sich kaum im Weg und hatten noch vor gänzlichem Sonnenuntergang ein weiches Lager hergerichtet.

„Nur eines?“, wandte er sich fragend an den Mann.

„Ein gemeinsames Lager bedeutet weniger Aufwand und mehr Wärme“, erklärte dieser lediglich. „Je schneller wir schlafen, desto weniger bemerken wir die Kälte.“

Ein wenig unwohl fühlte er sich doch, als Kelichir sich hinlegte und er sich einfach dazulegen sollte. Ihm war es fremd, sich mit jemandem das Bett zu teilen. Seinem Erachten nach gehörte es auch zu den Tabus der Stadt, es sich mit jemand des gleichen Geschlechts und außerhalb der Familie das Bett zu teilen.

Gleichzeitig kam ihm die Frage in den Sinn, wieso. Es ergab keinen Sinn. Auch in der Stadt hatte es kühle Nächte gegeben, an denen die Decke nicht genügt hatte, und man bibbernd dort gelegen hatte. Vollkommen überflüssig. Dabei wurde es wie ein großer Skandal geahndet, kam es doch einmal vor. Er erinnerte sich noch fern an Gewisper und Gespött, als sich einer seiner ehemaligen Freunde aus der Schule mit einem Freund das Bett geteilt hatte.

„Stört dich etwas?“, fragte Kelichir, als er keine Anstalten machte, sich dazuzulegen. Er schüttelte den Kopf, um die Gedanken loszuwerden.

„Ich habe über etwas nachgedacht.“ Damit legte er sich neben Kelichir und wollte bereits nach den großen Stücken gesammeltes Moos greifen, als er die Brust des Mannes an seinem Rücken spürte.

Die Wärme, die seine Wangen hinaufkroch, blieb unkommentiert. Stattdessen begann Kelichir das gesammelte, großflächige Moos bestmöglich zu verteilen und eine möglichst warme Decke zu schaffen. Er half bestmöglich, ehe sich ein starker Arm um seine Brust legte.

Ihn wärmte und hielt zugleich. Regelmäßig strich warmer Atem über seinen Nacken, ließ ihn hier und da erschaudern. Seit frühester Kindheit hatte er nicht mehr empfunden, was er jetzt fühlte.

Geborgenheit.

* * *


„Wieso wolltest du aus der Stadt fliehen?“ Er hatte Kelichir im Laufe des gemeinsamen Wanderns eigentlich alles erzählt – von der Demo, seiner Kindheit, seinen Gründen und seine Freude über die Verbannung. Deswegen erschien die Frage recht unsinnig.

„Du kennst die Gründe.“

„Vom Anfang. Sind es immer noch dieselben?“

Auch wusste dieser, wie froh er war, dass er hier draußen war. Eine geschenkte Freiheit.

„Seitdem du bei mir bist gibt es noch mehr. Neuzeit ist auch ein Grund mehr.“

Ein schmales Lächeln zeichnete sich auf Kelichirs Lippen ab. „Ja, das Leben hat durchaus zahlreiche Vorzüge. Die Gesichtslosen enthalten euch einiges vor.“

„Das weiß ich schon lange.“

„Du weißt nur nicht, was alles. Du hast gezögert, dich zu mir zu legen. Es ist sicherlich durch die Regeln der Stadt begründet oder?“

Jetzt zögerte er doch etwas mit der Antwort. Ihm war nicht wirklich bewusst, wieso es bei ihnen so schlecht angesehen wurde. Es war angenehm gewesen, sowohl beim Einschlafen als auch beim Aufwachen.

„Richtig verboten ist es nicht. Aber es wird nicht als gut angesehen.“

„In Neuzeit kümmert es keinen.“

„Ich weiß nicht, wieso es überhaupt jemand kümmert. Es war… eine einzigartige Erfahrung.“

Sie waren wieder dabei, sich durch die Wälder zu schlagen. Bisher waren sie keinen anderen Städtern begegnet. Ihm war das Zeitgefühl abhanden gekommen, erachtete daran aber nichts Schlechtes. Es hieß lediglich, dass es gut lief.

So gut wie seit seiner frühestens Erinnerung nicht.

„Es dient nicht der Fortpflanzung. Die Gesichtslosen blicken in die Zukunft, die sie erschaffen wollen und bergen dabei die Geheimnisse der Vergangenheit.“

Fortpflanzung war ein nüchternes Wort für das, was die Menschen so selten praktizierten. So wurden Kinder geboren. Soweit war er auch aufgeklärt. Aber was hatte das mit dem Teilen eines Bettes auf sich?

„Du bist verwirrt.“ Wieder einer dieser kühlen Feststellungen.

„Ich verstehe nicht, was das eine mit dem anderen zu tun hat.“

„Das wird sich dir schon erschließen.“

„Das war keine wirkliche Erklärung.“

Kurz lächelte Kelichir. „Wenn Männer sich ein Bett teilen, sind meist auch andere Absichten im Spiel.“

Okay, er kam überhaupt nicht mehr mit. Welche anderen Absichten sollte ein Mann hegen? Ihm war das Grundprinzip der Fortpflanzung geläufig. Ohne Sex gab es keine Babys. Deswegen hatten viele Familien drei bis sechs Kinder. Manche verzichteten darauf und gebären nur zwei. Dennoch war es doch nur etwas, was zwischen Frau und Mann möglich war.

„Das verstehe ich nicht.“

Lange musterte Kelichir ihn von der Seite. Ebenso wie schon ein paar Mal, dieser undefinierte Ausdruck in dessen Augen.

„Das wirst du noch verstehen. Nur nicht jetzt.“

* * *


Milos dachte lange über Kelichirs Worte nach. Er hatte sich nie verliebt. Frauen waren ihm nicht fremd, weder in ihren Reizen noch in ihrem Verhalten. Die Gesichtslosen hatten ihnen schon immer Freiheiten geraubt. Gefühle wurden nie angesprochen.

Gab es Gefühle zwischen Männern? Oder hatte Kelichir gar nicht von romantischen Gefühlen gesprochen, sondern lediglich von dem Sexualtrieb? Ihm war nie etwas begegnet, was anders wäre als die übliche, zur Fortpflanzung geeignete Beziehung. Frau und Mann gehörten zusammen.

Nur wie hatte der von den Geheimnissen der Vergangenheit gesprochen? Was hatte die Welt vor der Apokalypse mit der Welt danach zu tun? Sicher, ihm war bewusst, dass die Welt vorher anders gewesen war. Man hatte sie schließlich die Vielfalt gewählt, jedoch wurden sie zur Einfalt gezwungen.

Gehörte das mit zur Vielfalt?

Überhaupt fehlte ihm die Vorstellung, wie der übliche Sexualakt zwischen Männern geschehen sollte. Ihnen fehlte nachweislich der Teil, der Frauen nun einmal zu Frauen machte.

Sein Schweigen nahm Kelichir in den zwei Tagen gelassen hin. Jeden Abend spielte sich dasselbe ab. Sie bereiteten ein angenehmes Bett aus Moos, Kelichir hielt ihn fest und wärmte ihn.

„Ich verstehe immer noch nicht.“ Er brauchte nicht zu erklären, was er meinte. Sein Weggefährte lächelte nur stumm vor sich hin.

„Du wirst verstehen.“

Es war zum Haare ausreißen frustrierend. Wie sollte er etwas verstehen, dass er nicht kannte? Die Gesichtslosen hatten so wenig Information zur Verfügung gestellt, dass er mit dem Thema überhaupt nichts anzufangen wusste.

„Erklär es mir.“

„Nein.“

„Wieso nicht?“

Kelichir gebot ihm nur Schweigen und duckte sich leicht. Mittlerweile war es instinktiv, sich dem Mann anzupassen – ein geborener Jäger und ein Mensch mit guten Instinkten. Man tat besser daran, dessen Bewegungen zu folgen.

Stumm verwies Kelichir auf eine Bewegung nordwärts von ihnen und zog den Bogen von den Schultern. Ihr Abendessen.

* * *


Wie sehr er sich an das tägliche Essen gewöhnt hatte, spürte er erst, als es zwei Tage nicht mehr als Beeren gab. Auch Kelichir, grandioser Jäger, schien nicht immer Beute finden zu können. Dieses Mal nagte der Hunger nicht so sehr, wie vor Kelichirs Auftauchen, und er ignorierte es konsequent.

„Einen Monat“, sprach der Mann plötzlich, „Einen Monat kommt der Mensch ohne Nahrung aus. Wir finden schon bessere Gefilde.“

Sie sprachen nicht immer. Es vergingen auch Tage, da schwiegen sie einvernehmlich und ohne unangenehme Stimmungen.

Heute war einer dieser Tage. Kelichirs Worte waren unvermittelt und überraschend gewesen.

„Darum sorge ich mich wenig“, murmelte er. „Irgendwo findet man immer etwas.“

Beeren füllten schließlich auch den Magen, lediglich war Fleisch schmackhafter und machte länger satt. Unterwegs pflügte er von den Büschen, sobald er etwas fand. Kelichir hatte ihm noch andere essbare Pflanzen gezeigt.

„Achte hier auf den Weg.“ Demonstrativ verwies Kelichir auf den nächsten Abschnitt vor sich. Lauter Erdlöcher, die dazu verlockten, hineinzutreten und sich zu verletzten. Etwas Tödliches in der freien Natur. „Und mach langsamer.“

Woher stammten die? Von alleine waren die Unebenheiten sicher nicht entstanden. War das menschlichen Ursprungs? Überreste der Gesichtslosen bei ihren Kämpfen?

Gehorsam ging er dem nach. Er hatte viel von Kelichir gelernt, aber in solchen Momenten spürte er, wie viel er noch zu lernen hatte. Ihm wären die Erdlöcher erst aufgefallen, wenn er hineingetreten wäre.

„Das haben Menschen erschaffen, oder?“, fragte er leise, „Die sind zu regelmäßig in Abstand und Tiefe.“

„Gut beobachtet.“

„Ich hatte recht?“

„Sie eignen sich für Fallen. Nur bleiben wir nicht lange genug hier, um diese zu nutzen.“

Ein wenig stolz war er ja schon auf sich. Hieß ja, dass er schon einige Fortschritte gemacht hatte. Zu Beginn der Verbannung wäre ihm das nicht aufgefallen.

„Meinst du, wir finden noch einen Städter?“

„Ja.“

„Was macht dich so sicher?“

„Die Gesichtslosen haben Leute aus ihrer eigenen Reihe verbannt. Sie werden sich nicht auf drei beschränken.“

Er hatte sich bisher nicht viel Gedanken darüber gemacht, wer noch hätte verbannt werden können. Anfänglich hatte er noch mit wenig Herz gesucht, sich dann aber um seine eigenen Probleme gekümmert. Die aktive Suche hatte ihn jetzt erst durch Kelichir interessiert. Und bisher war er zu beschäftigt gewesen zu lernen, als dass er sich damit großartig befasst hätte.

„Meinst du, wir finden sie lebend?“

„Du bist heute wieder gesprächig.“

„Stört es dich?“

„Nein. Ich habe das nur festgestellt. Wenn sie nur halb so klug sind, wie du, werden sie überleben.“

War das jetzt ein Kompliment? Er war so viel ungeschickter als Kelichir und hatte noch so viel gelernt. Hätte man ihnen das in der Stadt beigebracht würden die Menschen wohl eher dazu neigen, die Stadt zu verlassen. Dann bräche das Konstrukt der Gesichtslosen zusammen, die Regeln und die Pläne würden verloren gehen.

Eine schöne Vorstellung. Neuzeit wäre bereits so eine Alternative. Eine, derer er sich noch überzeugen musste.

* * *


Nach Kelichirs Definition waren die Nächte nur noch kühl, obwohl er doch schon manchmal das Gefühl hatte, dass es weitaus wärmer war. Dennoch sprach er sich nicht dagegen aus, genoss lieber das Gefühl abends gehalten zu werden.

Er wollte es gar nicht anders. Die abendliche Lagerstätte war stets schnell hergerichtet.

Nur war heute etwas anders. Kelichir war anders. Angespannter, nervöser. Etwas an dessen Stimmung ließ ihn unruhig werden. So hatte er den Mann bisher nicht erlebt und hatte ihn stets als die Ruhe selbst empfunden. Gerade diese selbstsichere Präsenz war das gewesen, was ihm die Sicherheit vermittelte.

„Morgen werde ich alleine weitergehen.“ Auch so ein Satz war nie gefallen. „Ich werde am Morgen wieder zurück sein.“

„Wieso?“

„Es muss so sein.“

Das gefiel ihm nicht sonderlich. Er hatte sich an die Gesellschaft gewöhnt und wollte sie nicht loslassen. Ein Tag allein war ihm schon zu viel. Aber Kelichirs Blick sagte ihm alles. Besser Schweigen und akzeptieren.

„Du kommst wirklich zurück?“

„Natürlich.“

„Okay.“

* * *


Die Nervosität von Kelichir hatte ihn angesteckt. Wie dieser angekündigt hatte war der bereits weg, ehe die Sonne ganz aufgegangen war und er fand sich alleine wieder.

Ungewohnt, nicht das vertraute Atmen von Kelichir zu hören. Nicht dessen Präsenz zu spüren oder einfach die stille Begleitung zu haben. Tatenlos lehnte er sich einfach gegen den Baum, an dem sie ihr Lager errichtet hatten, und starrte die Überreste des letzten Feuers.

Es war eigentlich nie still im Wald. Dennoch war es ohne Kelichir stiller.

Kelichir hatte ihm Essen dagelassen, gebettet auf Moos und er musterte es erst. Auch wenn er dem Mann vertraute, bedingungslos, hatte der ihn Vorsicht gelehrt. Es waren keine giftigen Pflanzen, also aß er die Hälfte. Den Rest hob er sich für den Mittag auf. Er sollte hier bleiben und warten. Was ein sehr langweiliger Tag werden würde.

Obwohl er wusste, dass Kelichir zurückkehrte, fühlte er sich einsamer als in der Zeit vor Kelichir.

Auch bemerkte er die Unruhe zurückkehren, die ihn vor der gemeinsamen Wanderung befallen hatte. Ihm waren die Laute der Umwelt mittlerweile bekannt, sogar mehr als nur vertraut, doch jagte ihm alles darüber hinaus einen Mordsschrecken ein.

Neuzeit war wirklich ein Besuch wert. Somit würde er ständig Menschen um sich herum haben und brauchte sich nie wieder einsam zu fühlen.

* * *


Sein Schlaf war dösig, nicht tief, und so hörte er die Schritte als Kelichir zurückkehrte. Es war noch dunkel und sein Feuer bereits stark heruntergebrannt. Er stellte sich schlafend, beobachtete aber zwischen den halb geschlossenen Lidern den Mann. Sanften Schrittes legte der das Feuerholz nach und legte ein Bündel ein wenig davon entfernt ab.

„Es ist noch dunkel, schlaf.“ Kelichirs Stimme war rau und dunkel, eine ungewohnte Tonlage. „Bis Morgengrauen habe ich was zu essen fertig.“

Obwohl er kaum geglaubt hatte, dass er sich auf Befehl hinlegen könnte, schlief aber augenblicklich ein.

* * *


Dankbar darüber, Kelichir wieder bei sich zu haben, blieb er dem stets nahe. Provozierte unabsichtlich wirkende Berührungen, die diesen kaum zu stören schienen.

Einsamkeit, sei es auch nur für wenige Stunden, wollte er nicht mehr fühlen. Kelichir war ein guter Mensch, der erste dem er je begegnet war, und er hoffte, dass es noch mehr davon in Neuzeit gab.

„Sind alle in Neuzeit so wie du?“

„Wie bin ich denn?“

„Gut.“

Kein Lächeln, keine Erwiderung. Stattdessen schüttelte der nur den Kopf. „Wir gehen nach Westen. Wenn wir in sieben Tagen niemanden gefunden haben, werden wir nach Neuzeit gehen.“

Überrascht davon blieb er kurz stehen. Wann immer er gefragt hatte, wie lange diese Reise noch währte, hatte es keine Antwort gegeben.

Kelichir setzte den Weg einfach fort, ohne innezuhalten oder auf ihn zu warten.

„Wirklich?“

Auch da keine Erwiderung. Aber so konnte er annehmen, dass Kelichir es ernst meinte. Der Mann sagte nichts, ohne es auch wirklich so zu meinen. Drei Tage suchten sie noch, dann würden sie den Marsch nach Neuzeit beginnen. Ein neues Leben. Eine neue Welt.

Eine neue Hoffnung.

* * *


Bereitwillig hatte er sich in die Arme Kelichirs geschmiegt, war schon am Wegdämmern gewesen, als er eine unbekannte Bewegung spürte.

Ein sanftes Streicheln. Leicht kratzte der mit den Fingernägeln über die Brust, entlockte ihm einen angenehmen Schauder. Ein unbekanntes Gefühl, er fand keine Beschreibung, durchfuhr ihn. Stetig strich der Atem über seinen Nacken und streifte teilweise sein Ohr.

„Vertrau mir.“ Überrascht zuckte er zusammen, als der ihm das zuhauchte.

„Ich vertraue dir.“

„Gut.“

Das Streicheln war stetig, wanderte von seiner Brust in Richtung Bauch und wieder hinauf. Ihm gefiel das Gefühl, welches ihn da durchflutete. So unbekannt und doch so warm. Ein Kribbeln in seinem Bauch. Ungewohnt und überraschend war das Gefühl in seinem Penis. Als der seine Brustwarze zwischen den Fingern rollte, zuckte seine Hüfte unkontrolliert.

Was war das für ein Gefühl? Sein Penis wurde immer wärmer, schien zu wachsen und das alles war begleitet von einem sehr viel wärmeren Gefühl.

„Was?“, setzte er an zu fragen, wurde aber durch ein ‚Sh‘ zum Schweigen angehalten.

Behände löste der den Knoten seines Lakens um die Hüfte. Als der die Hand um seinen Penis legte, war er erschrocken, aber es fühlte sich zu gut an, um zu protestieren.

* * *


Am nächsten Tag wusste er es kaum anzusprechen. Eine mehr als nur angenehme Nacht, eine sehr ereignisreiche Erfahrung.

Erst gegen Mittag, nach vielen vergeblichen Versuchen es anzusprechen, sagte Kelichir etwas. „Fandest du es schlimm?“

Er wusste nicht einmal so genau, was es war. Es war schön gewesen. Ein komisches, dennoch wundervolles Gefühl. Ihm wurde es nur noch unverständlicher, wieso es in der Stadt so verpönt war.

„Nein.“ Er spürte wieder die Hitze seine Wangen hinaufklettern.

Lächelnd blieb Kelichir stehen und musterte ihn. „Gut.“

„Jetzt bin ich nur verwirrter. Wieso soll so etwas verboten sein?“

„Ich möchte nicht für die Gesichtslosen sprechen. Ihre Verbote und Regeln sind falsch. Es ist engstirnig.“

„Und Neuzeit nicht?“

„Nachkommen sind wichtig. Ohne sie könnten wir nicht existieren. In Neuzeit haben wir uns darauf geeinigt, Freiheit zu gewähren, solange man sich wenigstens einmal um Nachwuchs kümmert.“

„Und wenn man sich nicht darum kümmert?“

„Das kommt nicht vor.“

Das hörte sich nach Kompromissfähigkeit an. Etwas, was ihm in der Stadt nicht widerfahren wäre. Da hatte man keine Wahl und keinen Diskussionsfreiraum. Mit jedem neuen Detail wurde ihm Neuzeit sympathischer.

* * *


Als Kelichir das erste Mal in ihn eindrang wusste er nicht so recht, wie der Mann mit ihm umging. Einerseits sanft, andererseits ohne Kompromiss. Ein Ausweichen war nicht möglich, wollte er es doch genauso sehr. Er zitterte vor Erregung und Angst und Schmerz.

„Du musst dich entspannen“, hauchte Kelichir dunkel ins Ohr. Drang weiter in ihn hinein. Er kämpfte mit den Tränen und der Lust gleichermaßen.

Es brauchte seine Zeit, bis der Schmerz schwand und daraus was Gutes wurde. Das Brennen schwand und erfüllte ihn mit reiner Glückseligkeit.

„Gut?“ Diese dunkle Stimme trieb ihn in den Wahnsinn. Zu Worten war er nicht mehr fähig, nickte nur wild und kam ihm mit jedem Stoß entgegen. Ihm wurden Laute entlockt, die er noch nie von sich gehört hatte. Auch Kelichir war schweigsam, hier und da hörte er ein Grunzen und spürte stets die Hände über sich gleiten.

Es ging nicht schnell genug und doch viel zu schnell. Schwer atmend hielt er sich auf den Knien und versuchte nicht zusammenzubrechen, während Kelichir noch nicht fertig zu sein schien. Noch eine Weile spürte er die Bewegung, ehe der abrupt stoppte.

Sanft streichelte der seinen Rücken, seine Seite, seinen Bauch. Hielt ihn fest, sonst könnte er sich kaum halten. Seine Hände, sein Hintern und seine Knie brannten von der ungewohnten Belastung.

Nach einer schweigenden Weile ließ er sich auf die Seite fallen.

„Siehst du“, wisperte Kelichir, der sich von hinten an ihn schmiegte, ihn hielt und ihn wärmte, „Dir ist vieles unbekannt.“

* * *


Der letzte Tag ihrer Wanderung, ehe sie nach Neuzeit aufbrechen würden. Es sah wirklich nicht so aus, als fänden sie jemand. Ihre spontanen Rasten, definitiv allein der Lust gedient, hinderten auch ein schnelles vorankommen.

Dagegen hatte keiner von ihnen etwas.

Mittags, als Kelichir noch einmal anhalten wollte, hörten sie menschliche Stimmen. Wirklich und wahrhaftig Stimmen.

Sie beeilten sich den Hügel hinaufzukommen, in Richtung der Menschen zu laufen.

Da waren zwei Frauen an einem Bachlauf. Andere Städter. Andere Menschen. Sie hatten wahrhaftig noch andere gefunden. Mehr Städter, die seinen Frust und sein vorheriges Leben kannten.

Beide erkannte er, wusste nur nicht ihre Namen.

Hoffnung durchfuhr ihn in einem Maße, wie er es bisher nur dank Kelichir ein wenig empfunden hatte. Allein sie drei, und die beiden Städter, sie hatten dieselben Wünsche gehabt in der Stadt. Selbst wenn Neuzeit nichts wäre, hatte er hier Verbündete.

Sie konnten genauso wenig schlecht sein wie die Gesichtslosen gut. Nicht überall gab es Schlechtes.

TBC
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