Preditur Fides

KurzgeschichteDrama, Romanze / P16 Slash
28.03.2018
31.03.2018
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Hallöchen liebe Leserschaft,

auf den letzten Drücker, wie ich mich kenne, mein Beitrag zum Wettbewerb. Und da ich ein leidenschaftlicher Shipper bin – Juhu, meine Slash-Liebe hat eine Muse gefunden und ich hoffe sehr, dass die Autorin mich nicht umbringt. Sie heißt Alessandra Ress und hat mich mit ihrer Novelle ‚Liminale Personae‘ doch schon ziemlich inspiriert. Ist eindeutig lesenswert.

Der Anfang und das Ende stehen. Ich weiß noch nicht, ob der Mittelteil lang genug wird, um das Ende als eigenes Kapitel zu posten oder nicht, das werden wir dann sehen :) Und da die Zeit drängt muss ich mich sogar wirklich mal kurz halten :)

Mit den Worten – auch wenn es ein Wettbewerb, ist freue ich mich über jegliche Rückmeldungen, seien sie löblich oder kritisch.

LG

Serena Hell

Teil I - Solus


Ödland. So hatte man es genannt. Ein Land, in dem sie nicht leben könnten.

Verpestet. Verseucht. Heimgesucht.

Milos nahm einen tiefen Atemzug dieser Luft – sie roch frisch, ein wenig salzig. So musste sich Freiheit anfühlen. Seine Blöße störte ihn wenig. Der leiseste Windhauch trieb ihm Schauder über den Rücken. So lebendig hatte er sich noch nie gefühlt. Selbst dann nicht, als er am Sockel des Kirchenturms seine Wahrheit verkündet hatte.

Die Pferdekarre war schon längst verklungen, womit eine scheinbare Stille eingekehrt war. Diese Ruhe war er nicht gewohnt, kannte sie nicht einmal aus der Nacht, und so brauchte es ein paar Minuten bis er registrierte, dass es gar nicht so still war.

Man hörte Blätter rascheln, die von den Bäumen und die auf dem Boden. Hier und da glaubte er einen Vogel zu hören.

Unter seinen nackten Füßen war die Erde trocken. Wann hatte er das letzte Mal Gras zwischen den Zehen kitzeln gefühlt?

Für wahr, der Weg hierher war schmerzlich gewesen, aber lohnenswert. Die Mauern umgaben ihn nicht mehr, sie hielten ihn fortan fern. Als würde er je freiwillig zurückkehren! Die Scheinheiligkeiten von Gesichtslosen konnten sich zum Kuckuck scheren. Er würde beweisen, wie wenig sie die vorgespielte Freiheit doch brauchte. Ein Dach über dem Kopf konnte er sich selbst erschaffen. Essen selbst besorgen. Und Kleider? Wen scherten Kleider, wenn er alleine war?

Demonstrativ grummelte sein Magen. Wann hatte er das letzte Mal gegessen? Es schienen Jahre seit dem Mittag vergangen zu sein. Noch war es dunkel und er kannte die Gegend nicht. Womit er auf Gefahr lief ein Opfer der Natur zu werden.

Fraglich war auch, wie viel Wahrheit hinter der Angst der Gesichtslosen steckte. Sollten hier Menschenfresser herumrennen, sollte er sich schnell eine Möglichkeit zum Verstecken oder zum Verteidigen suchen.

Jahrelang hatte er Reden geschwungen. Im Geheimen, oft auch offen, über eine Flucht nachgedacht und sinniert. Sich ein Leben außerhalb der Mauern ausgemalt und musste feststellen – seine Fantasie hatte nur wenig mit der Realität gemein. Was brachte ihm ein schöner Anblick, wenn er ihn nicht zu nutzen wusste?

Ihr lehrt uns die Zeiten wahrer Freiheit schoss es ihm durch den Kopf. Seine eigenen Worte. Als man ihn abgeführt und hier ausgesetzt hatte, waren nur wenige Worte gefolgt. Keine Erklärung, doch hatte es derer nicht bedurft.

Nur hatte er geglaubt dem Tod und nicht der Freiheit entgegenzublicken.

Es war dunkel, sicher. Angst war einer seiner Emotionen zurzeit – so ehrlich musste er zu sich selbst sein. Und wäre er nicht ehrlich zu sich, seit jeher, so wäre er niemals so weit gekommen.

Langsam gewöhnten sich seine Augen an die Dunkelheit. Dabei stellte er fest, dass es sehr viel heller war, als er angenommen hatte. Durch das Blätterdach konnte er die Sterne am Himmel sehen. Ein wenig entspannte er sich bei dem Anblick.

Niemand sagte ihm mehr, wo er arbeiten sollte. Wann. Wie. Sein Alltag gehörte ihm allein.

Wenn ihr diese Vorteile unserer Gemeinschaft schätzt, müsst ihr auch ein Teil von ihr sein.

Schnaubend fixierte er den Stern, der für ihn am hellsten leuchtete. Einer der wenigen Worte, die er gesagt bekommen hatte. Er hatte nur stumm die Lippen aufeinander gepresst und sich jedweden Kommentar erspart. Die Situation hatte da noch etwas tödlicher ausgesehen.

Du wolltest immer Freiheit, jetzt hast du die Wahl.

Die Stadt lag hinter ihm. Vorsichtig, er erkannte lediglich Schemen, setzte er einen Fuß vor den anderen. Erdlöcher konnten unangenehme Verletzungen mit sich bringen.

Bleib hier draußen oder kehre zurück. Aber du darfst erst zurückkehren, wenn du uns überzeugst, dass du fortan ein Teil von uns bist.

Spottend lachte er auf. Es klang seltsam in seinen Ohren. War er jemals wirklich alleine gewesen? Kopfschüttelnd verjagte er den Gedanken.

Was brachte ihm ein weiches Bett, wenn er es täglich verlassen musste, unabhängig seines Schlafes?

Wozu brauchte er Kleider am Leib, wenn es genauso gut ohne ging?

Warum für eine Gemeinschaft arbeiten, wenn die einen nur fesselte?

Er war noch nie alleine gewesen. Jedenfalls nicht wirklich. Nachdenklich legte er den Kopf schief. Allein sein hieß auch, dass er allein für sich sorgte. Das er allein für seine Sicherheit zuständig war. Hörte sich eigentlich gar nicht so schlecht an. Statt stundenlang den Bauernhof zu pflügen konnte er einfach von dem Leben, was der Wald ihm bot. Zwar haben die Gesichtslosen von mehreren gesprochen, die Strafe erwarteten, nur glaubte er nicht, dass sie sich großartig in die Quere kamen. Im Gegenteil. Die Fläche könnte ihre ganze Stadt noch ein paar Mal in sich fassen.

Plötzlich durchschoss ein Schmerz seinen Zeh. Aufjaulend zuckte er zusammen und hielt sich nur mit Mühe auf dem einen Bein ohne das Gleichgewicht zu verlieren. Probelhalber krümmte er den Zeh. In irgendwas musste hineingetreten sein. Es war schmerzlich, aber nur eine Druckstelle. Im Stillen fluchte er vor sich, ehe ihm einfiel, niemand würde ihn der Sprache wegen rügen.

„Verdammt nochmal“, stieß er hervor und lachte verblüfft auf. Sie mögen in der Stadt eine freie Sprache haben und sich ausdrücken dürfen, wie es gewünscht war, aber er hatte diesbezüglich lieber die Zunge gehütet. „Verdammt.“ Langsam ließ er sich die fehlende Erwiderung auf der Zunge zergehen. Niemand antwortete ihm.

Die Erheiterung linderte den Schmerz keineswegs. Doch half es.

„Verdammt“, flüsterte er wieder und kicherte, „Ihr glaubt doch nicht, das gebe ich wieder auf?“

Er stand sicher ein paar Minuten da, das linke Bein angewinkelt um den Zeh nicht zu belasten, und probierte jeden Fluch durch, den er kannte. Genoss, wie sich seine Stimme anhörte und keiner ihn deswegen rügte.

Irgendwann fing nur sein Standbein an zu schmerzen wegen der ungewohnten Belastung. Möglichst vorsichtig, und den Boden abtastend, setzte er sich hin und zog sein linkes Bein über sein rechtes Knie. Das Licht durch die Bäume war zu gering, als dass er was sehen konnte. Doch tastete er vorsichtig mit dem Zeigefinger an der Unterseite herum, bis er einen ungewohnt harten Widerstand spürte. Sachte, damit der fremde Gegenstand nicht noch tiefer eindringen konnte, versuchte er mit das mit den kurzgehaltenen Fingernägeln herauszuziehen.

Nach einigen Fehlversuchen spürte er beim Ziehen den Schmerz schwinden. Zurück blieben lediglich ein Pochen und das unbekannte Gegenstand zwischen seinen Fingern. Wahrscheinlich ein Stück Holz. Unachtsam warf er es hinter sich und beschloss für den Moment einfach hier sitzen zu bleiben. Der Mittag hatte bereits an ihm gezerrt und jetzt, wo er saß und wirklich zur Ruhe kam, spürte er die Erschöpfung.

Sicher war es bestimmt nicht einfach hier sitzen zu bleiben, so offen und auf dem Präsentierteller. Stimmten die Menschenfresser-Geschichten, wäre er wohl zum Morgengrauen tot.

Neugierig schaute er sich um. Der Durst plagte ihn derzeit noch nicht großartig, aber auch das würde kommen. Bei Tagesanbruch sollte er ausgeruht sein, um sich auf die Suche nach einer Wasserquelle zu machen. Das Meerwasser könnte er kaum trinken, außerdem würde ihn der lange Marsch mehr anstrengen. Ohne Nahrung konnte er ein paar Tage auskommen, doch auch da brauchte er eine Lösung.

Während er darüber nachdachte, wie er am besten mit seiner Freiheit umging und den morgigen Tag nutzte, bemerkte er einen Baum, der sich wunderbar zum Klettern anbot. Nicht nur das. Er glaubte auch zwei Äste zu sehen, die dick genug schienen, um ihn zu tragen.

Eine erhöhte Schlafstelle dürfte ihn doch vor den Menschenfressern bewahren, sofern die wirklich existierten.

Träge richtete er sich wieder auf und kämpfte sich auf die Füße. Schlaf brauchte er zuerst und gleich am Morgen, wenn die Sonne und nicht die Glocken ihn weckten, würde er als erstes Wasser suchen.

* * *


Milos hatte sich geirrt und gleichzeitig auch nicht. Er war in einem Waldstück abgesetzt worden, doch sehr viel war davon nicht zu bemerken. Als er bei den ersten Sonnenstrahlen seinen sicheren Platz verließ – der Abstieg war weitaus einfacher als der Aufstieg im Dunkeln – und den Weg fortsetzte, begegnete er bald kahlerem Land. Die Sonne war schon ein beträchtliches Stück gewandert, als er den letzten Baum hinter sich ließ und nacktem Gebirge gegenüberstand.

Besser gesagt bemerkte, dass er von oben herunterblickte. Das kahle Land bot weder Schutz noch Nahrung, aber er hörte das Plätschern von Wasser.

Sein Durst war schon einmal gestillt. Einen Augenblick wünschte er sich eine Flasche, wie er sie aus der Stadt kannte und täglich mit sich geführt hatte.

Eine Annehmlichkeit, die er hinter sich gelassen hatte und das auch bewusst. Er wusste jetzt, wo er Wasser fand – kühl und frisch – und würde eben zurückkehren, überkam ihn das Durstgefühl. Lange saß er einfach da, mit den Füßen im Wasser, und ließ die Sonne auf seinen Rücken scheinen und sich gleichzeitig durch das stetige Wasser kühlen.

Dass ihn das jetzt jeden Tag erwartete konnte er noch nicht ganz fassen. Er hätte gehen sollen. Er hätte es jederzeit machen können. Schon viel früher hätte er diese Freiheit genießen können. Niemand, der ihm sein Leben vorschrieb. Keine Nahrungsrationen mehr.

Erst als die Sonne hoch am Horizont stand konnte er seinen Hunger nicht mehr ignorieren. Bedauernd zog er die Füße an sich und nahm sich noch einen Augenblick die verletzte Stelle zu betrachten. Mehr als eine gerötete Einstichstelle offenbarte sich ihm nicht. Das würde heilen.

Zumindest hoffte er das. Wieder überkam ihn einer dieser Momente, die ihn immer wieder überfallen hatten, seitdem er hier ausgesetzt worden war – der Gedanke daran, was er in der Stadt getan hätte. Bei jemand Rat zu ersuchen war niemals schlecht.

Aber er war allein. Wenn das jedoch der Preis der Freiheit war, so zahlte er ihn gerne.

* * *


Tag 16, meinte Milos stumm zu sich, als die Sonne aufging. Gerade Mal und doch schien es eine Ewigkeit zu sein. Sein Weg hatte einige Tage am Bach entlang geführt, nahe der Wasserquelle, und ihn etwas lebendigere Gefilde geführt. Dort hatte er eine Felsspalte gefunden, in der kein Luftzug herrschte und des Nachts zumindest etwas Wärme herrschte.

Die kühle Jahreszeit stand bevor und er war mit nicht mehr als einem alten Laken ausgestattet, welches er zwischen zwei Felsen gefunden hatte. Alt, es stank bis zum Himmel, aber zumindest etwas bedeckend. Nicht die Blöße störte, sondern die Empfindlichkeit seines Penis. Kalter Wind, kratziges Gebüsch, die raue Rinde von Bäumen – alles an ihm schien abgehärtet aus seine Genitalien. So bot er zumindest ein wenig Schutz und der Juckreiz hatte auch vor zwei Tagen aufgehört.

Mittlerweile war ihm die Lust daran vergangen laut in die Welt hinauszurufen. So war es kaum unterhaltsam und allmählich war neben Hunger auch Langeweile ein Problem. Immerhin Nahrung fand er mehr oder wenig regelmäßig, manchmal Fisch, manchmal kleines Wild und zwischendurch immer wieder essbare Beeren. Nur an Unterhaltung mangelte es ihm eindeutig.

Vielleicht, so überlegte er als er seinen heutigen Weg fortsetzte, kam er einmal um die Insel herum und stand am Anfang genau hier wieder. Die Beeren dürften bis dorthin wieder nachgewachsen sein.

Einem anderen Menschen war er bisher nicht begegnet. Langsam zerrte es doch ein wenig an ihm. Allein zu sein war toll, wenn man allein sein wollte. Nur sehnte er sich nach ein wenig Gesellschaft. Die Selbstgespräche halfen da auch nicht mehr.

Kopfschüttelnd verbot er sich den Gedanken. Der einzige Ort, an dem er Gesellschaft bekäme, würde die Stadt sein und dem wollte er sich nicht mehr beugen. Kehrte er zurück und bat um Einlass wären all seine Worte eine Lüge gewesen. Eine Rückkehr bedeutete seine eigenen Worte zu revidieren, den Gesichtslosen den Gewinn zu schenken.

Zuzugeben, dass die Stadt so gut war, perfekt, wie sie war. Das war sie aber in keiner Weise.

* * *


Seufzend warf Milos einen Stein vor sich ins Wasser, den er vom Ufer mitgenommen hatte. Mit einem unhörbaren Laut, so weit weg war die Stelle, und der typischen Wellenbewegung versank der Stein. Er stand bis zur Hüfte in einem etwas tieferen Bachlauf und ließ das Wasser einfach um ihn herum fließen. Manchmal spürte er etwas gegen seine Beine schlagen, ignorierte es aber. So genau wollte er nicht wissen, was darin herumschwamm. Langsam legte er seine Handflächen auf die wabbernde Oberfläche und genoss einen Augenblick dieses unbeschreibliche Gefühl.

Doch währte das nur kurz.

Sein Magen grummelte laut, gab ihm zu verstehen, dass Vergnügen nun einmal erst nach der Pflicht kam. Er hatte bemerkt, dass er abgenommen hatte und das nicht gerade wenig. Seine Reflexion im Wasser war erschreckend gewesen. Abermals seufzend fuhr er sich mit einer Hand durchs Haar und stieß einen Fluch aus. So zottelig und lang war sein Haar noch nie gewesen. Einen solchen Bart hatte er auch noch nie getragen. Beides voller unangenehmer Knoten.

Der Preis der Freiheit ermahnte er sich. Daran würde er sich gewöhnen. Ebenso an das Hungergefühl, dass schon seit Tagen hartnäckig an ihm nagte. Tief Luft holend hielt er sich die Nase zu und tauchte kurz unter Wasser. Das Kühle klärte seinen Kopf. Als er auftauchte und sich einmal grob den Oberkörper mit dem klaren Wasser abwusch, waren die zweifelnden Gedanken wieder verflogen.

Sicheren Schrittes ging er zurück zum Ufer. Auf dem Weg hatte er einen Busch mit Beeren gesehen. So langsam sollte er zurück in belebtere Gegend finden, damit er noch einmal Fleisch zwischen die Zähne bekam. Vielleicht konnte er nachts dann auch mal durchschlafen.

* * *


Bibbernd und mit Tränen in den Augen hatte Milos sich unter einem Baum zusammengekauert. Er sehnte sich nach Wärme und einem Gefühl, welches er so noch nie definiert hatte. Geborgenheit. Mit der Zeit hatte er aufgehört die Tage zu zählen.

Der Hunger nagte hartnäckig an ihm. Die Kälte hielt ihn vom Schlafen ab. Kopfschmerzen durch die mühevoll unterdrückten Tränen gesellten sich auch zu dem allgemein schlechten Wohlbefinden dazu. Ein Laut entfuhr ihm, der genauso gut von einem gequälten Tier hätte kommen können.

* * *


Die Nacht wurde zur härtesten Zeit. Er hielt sich vom Wald fern, wenn er nachts ruhen wollte, und suchte sich lieber Unterschlupf in Felsspalten. Die Geräusche, an die hatte er sich gewöhnt. Knackte aber unerwartet ein Ast schreckte er augenblicklich hoch, hellwach und fluchtbereit. Ohnehin schlief er nicht tief und immer wieder plagte ihn die Frage: War es das wirklich wert?

* * *


Irgendwann, zwischen Dämmerung und Nacht, sah er eine Turmspitze. Weit entfernt und doch höchstens zwei Tagesmärsche entfernt. Mit dem frischen Fisch in der Hand, vor einem recht dürftigen Lagerfeuer, starrte er minutenlang an, was er sein ganzes Leben lang aus der Nähe gesehen hatte.

Das schmerzliche Gefühl in seiner Brust raubte ihm den Atem. Regeln hin oder her – es hatte viel gegeben, was er dort als normal erachtet hatte. Er war verschmutzt, verdreckt, hungrig und verängstigt. Zur Ruhe kam er nie, aus Angst, er könne doch etwas tödlichem begegnen. Schlaf war eine Hommage aus Unruhe, Angst, Albträumen und dem dringenden Wunsch nach Erholung.

Er könnte zurückkehren. Ihm mag das Leben nicht gefallen haben, aber was für eins lebte er jetzt?

Allein, ohne jede Gesellschaft, ohne jeden Schutz. Verletzte er sich, wäre es aus mit ihm.

Es war nicht das erste Mal, dass er das dachte. Nur zum ersten Mal, seitdem er verbannt worden war, ließ er den Gedankengang auch zu.

Ein warmes Bett, weniger mühevoll ersuchte Nahrung. Immer Wasser. Die Hornhaut an seinen Füßen und Händen war mittlerweile so dick, dass kleine Äste sie nicht einmal mehr durchdrangen. Dornen genauso wenig. Eine anständige Dusche und warmes Wasser hörten sich ebenso verlockend an.

War der Preis wirklich so hoch, wie er ihn bisher immer erachtet hatte? Seine durch die langen Wanderungen und anstrengenden Nahrungssuchen neugewonnene Kraft und Ausdauer würden ihn die Arbeit auf den Feldern sichtlich erleichtern. Dort konnte er entscheiden, ob er für sich sein wollte. Ob er wirklich allein sein wollte.

Aber, aber… er würde Lügen akzeptieren. Die Geschichte der Stadt konnte so nicht in Gänze stimmen. Er müsste sich selbst belügen. Kehrte er zurück und lebte ein Leben in Bequemlichkeit, gab sein Denken und seine Identität auf, wäre das kein Leben. Das wäre nicht er. Zurückzukehren hieße, niemals wieder einfach innehalten und die Schönheit um sich herum zu betrachten. Sich dem Lärm wieder auszusetzen, die Enge zu spüren und die muffige Luft einzuatmen. Kinder, Erwachsene, Alte.

Er wusste, nach nur kurzer Zeit wäre er genau an dem Punkt, an dem er vor der Verbannung gewesen war. Unzufrieden, unglücklich und reuig, diese Chance aufgegeben zu haben. Sicher ließe man ihn kein zweites Mal so einfach ziehen.

Nein. Das Leben in Freiheit war anstrengend und mühselig. Einsam und zeitweise mehr als nur öde. Aber allemal besser als das, was er zuvor gehabt hatte.

* * *


Tagsüber, im hellen Sonnenlicht oder dem trüben Himmel, fiel es ihm leicht auch daran festzuhalten. Nur saß er nachts am Lagerfeuer und starrte bedrückt in die züngelnden Flammen.

Nichts daran war gut. Eine Rückkehr wäre aber auch falsch.

Jedes Mal aufs Neue schlief er ein, erschöpft, und erwachte doch unausgeschlafen. Die Tage wurden immer kürzer, die Nacht immer länger – die Kälte schien immer stärker zu werden, mit jedem fortschreitenden Tag. Sein Laken hatte ihn ohnehin nie gewärmt, schützte aber auch seine Genitalien in keinster Weise vor dem Wetter. Für das vermehrte Sitzen auf kaltem, rauem Gestein zahlte er auch immer mehr den Preis.

Das Schlafen auf dem harten Boden forderte auch seinen Tribut.

Eines Abends war er zu erschöpft, zu müde und zu abgezehrt, um sich noch ein Feuer zu machen. Stattdessen rollte er sich am Fuße eines breiten Baumes zusammen, vor Kälte zitternd, und schloss einfach die Augen. In seiner Vorstellung war Tag, die Sonne wärmend und der Wind erfrischend.

Es half ein wenig. Nur musste er dringend, wirklich dringend, einen Unterschlupf für die kalte Zeit finden.

Morgens wurde er wach, dämmrig und überraschend erholt. Ihm war angenehm warm, ein ungewohntes Gefühl. Seine Knochen und Gelenke waren steif von seiner Schlafposition, aber allein die Wärme ließ das weitere Liegenbleiben lohnenswert erscheinen. Zu selten genoss er solch eine Empfindung.

Entspannt lag er da, bis ihm zwei Dinge auffielen. Erstens, da lag etwas Schweres über ihm. Zweitens, der Geruch nach verbranntem Holz lag in der Luft. Schlagartig wach riss er die Augen auf.

Zunächst erkannte er nur verschwommen ein tanzendes Flammenmeer von ihm. Bevor er panisch aufspringen konnte, bemerkte er die Größe. Ein Lagerfeuer. Er wollte sich schon wieder entspannen und die Augen schließen.

Ein Feuer, welches sicher nicht er entfacht hatte. Auch wusste er nicht, was da über ihm lag.

„Ausgeschlafen?“, ertönte unerwartet eine Stimme. Ruckartig richtete er sich auf, wodurch das Schwere an seinen Schultern auf seinen Schoss rutschte. Da saß ein Mann, direkt hinter dem Feuer. Neugierde und etwas, was er kaum benennen konnte, lag in dessen musterndem Blick. Panisch und erfreut zugleich, einen Menschen zu sehen, wusste er kaum zu reagieren. „Mein Name ist Kelichir. Hunger?“

TBC
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