Fairy Tales Lost

von sage-inu
GeschichteFreundschaft, Tragödie / P16
27.03.2018
27.03.2018
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Der erste Ball, dem Kath in ihrem Leben je beiwohnte, sollte gleichzeitig der markanteste werden.

Obwohl sie natürlich nichts davon wusste, als sie eine halbe Stunde zuvor die marmornen Stiegen hinunterschritt, wacklig und unsicher auf den höchsten Absätzen, die sie in ihrem Leben je zu Gesicht bekommen hatte. Mit einer Hand am Geländer und der anderen am Saum ihres Kleides kam sie sich fehl am Platz vor und gleichzeitig erstaunt über die Pracht und den Luxus, der in dem ausladenden Saal zur Schau gestellt wurde. Überall standen Menschen, gleichermaßen elegant gekleidet wie Kath selbst, vertieft in Smalltalk und den prickelnden, glänzenden Alkohol, der überall angeboten wurde.

Innerhalb eines Kreises aus Menschen konnte sie Glens weißes Haar ausmachen, der sich offenbar prächtig amüsierte, den ausschweifenden Gesten und der ausgelassenen Miene zufolge. Hinter ihm stand Fräulein Lacie, in ein Gespräch mit einem jungen Adeligen vertieft, und ihr Bruder Oswald, der ebendiesen mit Blicken durchlöcherte. Bei dem Anblick überlief Kath ein Schauder und sie wandte sich schnell ab, um keine ungeliebte Aufmerksamkeit zu erregen. Lord Oswald war ihr unheimlicher, als sie sich selbst eingestehen mochte.

Sie konnte keinen der ihr bekannten Baskervilles entdecken, also hielt sie sich am Rand des Saals und hoffte, dass das Glas teuren Champagners, das sie einem Diener abnahm, reichte, um sie beschäftigt wirken zu lassen, bis sie eine Entschuldigung finden konnte, um dem Ball wieder zu entfliehen.

Eine Hand tippte ihr leicht auf die Schulter und Kath ließ vor Schreck beinahe ihr Glas fallen, entspannte sich doch, als sie kurze, schwarze Haare und ein verschmitztes Lächeln erkannte.

"Gott, Celia, du hast mir sicher den Schreck meines Lebens verpasst!", grummelte Kath erleichtert. Das Mädchen vor ihr kicherte und deutete einen ironischen Knicks an. "Fräulein Katherina, wie schön, dass Ihr euch ebenfalls die Mühe macht, Euch zu uns zu gesellen!"

Kath konnte nicht anders, als zu lachen. "Sei nicht so, das war das erste Mal, dass ich ein Festgewand anziehen musste! Ich habe noch nie in meinem Leben so viele Knöpfe und Schleifen gesehen! Und frag mich gar nicht erst nach diesem schrecklichen Korsett, ich dachte zunächst, dass ich nie wieder in meinem Leben Luft bekommen werde."

Celia machte eine abschweifende Bewegung. "Ach, daran gewöhnst du dich schnell. Die Baskervilles sind zu ziemlich vielen Zusammenkünften eingeladen, weißt du?" Dann hellte sich ihr Gesicht auf. "Ach, und jetzt habe ich schon wieder vergessen, was ich dich eigentlich fragen wollte - es spielt gleich ein Musiker, kommst du mit nach vorne? Da haben wir bessere Sicht."

Kath verzog das Gesicht. "Müssen wir wirklich ganz nach vorne?" Beim Gedanken an die vielen unbekannten Menschen wurde ihr leicht flau im Magen.

Doch Celia war bereits losmarschiert, sich ihren Weg durch die umstehende Menge bahnend, und Kath blieb nichts anderes übrig als ihr zu folgen. Mit Celia inmitten von Menschen war ihr immer noch lieber als weiterhin wie ein verschrecktes Reh am Rand herumzustehen. Sie stellte das leere Champagnerglas an einem der überladenen Tische ab und marschierte los.

Der Musiker war unspektakulär aber talentiert und entlockte dem unbekannten Instrument eine auf eine fremdartige Art schöne Musik. Sein Gesicht war zum größten Teil unter einem bestickten Tuch verborgen, als wolle er sich seiner Umgebung nicht zeigen, doch Kath bemerkte die eindringlichen Blicke, mit denen er die Umstehenden beobachtete, sehr genau.

Sie wandte sich von dem mysteriösen Musikanten ab und drehte sich zu Celia, die neben ihr der Musik zuhörte. "Sind alle Bälle so?", fragte sie in gedämpfter Lautstärke, damit keiner der Umstehenden sie hören konnte. Das Letzte das sie wollte war, dass jemand den Baskervilles wegen ihr einen schlechten Ruf nachsagen würde. "Ich hatte es mir irgendwie... anders vorgestellt."

Celia kam nicht dazu, zu antworten.

Zunächst merkte Kath, dass die Melodie abrupt aufgehört hatte. Dann ertönte ein lautes Krachen, als das Instrument von seinem Besitzer achtlos zu Boden geworfen wurde, gefolgt von dem Schal, der die Identität des Spielers versteckt hatte. Das nächste, das Kath von ihm sah, war die Umarmung, in der er Fräulein Lacie hielt, achtlos ihrer überraschten Miene oder des Schocks, der in der Menge rundherum Wellen schlug.

"Lacie... Lacie...", sagte er, Gesicht in ihren schwarzen Haaren vergraben, "endlich habe ich dich wiedergefunden." Angesichts der Geste fühlte Kath, wie ihre eigene Hand zu ihrem Mund flog, ebenso entsetzt wie der Rest der Zuschauer, während Celia neben ihr eine angespannte, aufmerksame Haltung mit zusammengebissenen Zähnen annahm.

Innerhalb von Sekunden war der Musikant von in tiefrote Umhänge gehüllten Figuren umgeben - Baskervilles, wie Kath erleichtert erkannte - und eine Klinge wurde gegen seine Kehle gepresst. Einer der Baskervilles schlug seine Kapuze zurück und Kath erkannte Fang, immer noch in einem festlichen Anzug, der beschwichtigende Gesten in Richtung der aufgebrachten Menge machte.

"Bitte beruhigen Sie sich!", rief er in die Tumulte hinein, und langsam verstummten die erhobenen Stimmen wieder. "Wir entschuldigen uns vielmals für diesen Zwischenfall und würden Sie bitten, wie gewohnt fortzufahren!"

Kath atmete tief aus und ließ ihren Blick über die Szenarie wandern. Am Rand der Menge sah sie Arthur Barma und Lord Glen, der ihn offenbar ausfragte; und zwischen roten Mänteln und wütenden Gesichtern die langen, blonden Haare des Unruhestifters, der aus dem Raum gebracht wurde. Und...

Vom anderen Ende des Saals aus Lord Oswald, der die Szene intensiv beobachtete. Sein Blick bohrte sich in den Rücken des Musikers, sodass Kath sich sicher war, dass er nichts anderes mehr wahrnahm. Sie fragte sich, was so faszinierend an ihm war, dass es selbst die Aufmerksamkeit von Lord Oswald wert war.

Nein, entschied sie nach einem Moment. Eigentlich wollte sie es gar nicht wissen.
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