Sophies Schatten

GeschichteHumor, Übernatürlich / P16
26.03.2018
23.08.2019
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Etwa eine Woche vor Samhain flatterte mir aus dem Stapel Rechnungen, Werbung, einem Versandhauskatalog und diversen anderen Sachen ein froschgrüner Briefumschlag vor die Füße. Ich war gerade von der Arbeit heimgekommen und hatte auf dem Weg nach oben den Briefkasten ausgeleert, etwas was nach der Menge der Post zu urteilen schon eine ganze Weile nicht mehr passiert war.
Die Farbe des Umschlags stach einem richtiggehend ins Auge und ich legte den anderen Kram zur Seite, um ihn aufzuheben und genauer zu betrachten. Kein Absender darauf, meine Adresse mit grüner Glitzerschrift darauf geschrieben. Ich grinste, weil mir schwante, von dem die sein konnte. Meine Vorahnung wurde bestätigt, mir fiel ebenso froschgrünes Konfetti in den Schoss und eine Einladungskarte von John Simpson, einem guten Kumpel, der an Samhain eine Mottoparty schmeißen wollte.

Meine Bekannte Frances, die gleich neben mir wohnte und die John ebenfalls sehr gut kannte, hatte ebenfalls eine erhalten, erfuhr ich am nächsten Tag, als wir uns im Treppenhaus trafen. Wir beschlossen zusammen hinzugehen und dementsprechend schmissen wir uns an Samhain, oder auf neuamerikanisch: Halloween, in Schale und kreuzten pünktlich um acht Uhr bei John in seinem Haus in Marylebone auf. Eigentlich war es das Haus seines Vaters, aber der arbeitete im Auslandsdienst und war selten zuhause. Johns Mum lebte auf dem Land, irgendwo in Surrey. Frances’ Freund David hatte uns hergebracht. Draußen vor der Tür ging es bereits hoch her, einige Leute standen auf dem Bürgersteig draußen, rauchten oder hatten Plastiksektgläser mit Getränken in der Hand. Wir drängelten uns durchs Getümmel und sahen dass am Eingang zwei ziemlich große Kerle standen, die die Einladungen kontrollierten. Gute Idee, dachte ich, weil Johns Partys sich manchmal ziemlich schnell herumsprachen und dann mehr und mehr Leute auftauchten, solange bis das ganze aus dem Ruder zu laufen drohte. Wir zeigten die Einladung und die großen Typen ließen uns reingehen.
Es dauerte eine ganze Weile bis wir John überhaupt zum ersten Mal zu Gesicht bekamen. Seine Augen blitzten und er war voll in seinem Element. Er trug ein Kostüm, von dem ich nicht so recht wusste ob es eher eine verunglückte Taube oder doch eine Fledermaus darstellen sollte. Er begrüßte uns überschwänglich und stellte uns kurz ein paar Leuten vor, mit denen er zuvor geredet hatte. Dann wurde er auch schon wieder von anderen in Beschlag genommen. Frances traf ihre alte Schulfreundin Rebecca und ich gesellte mich zu einer Gruppe Leute, die ich vom Weggehen her kannte. Sie mimten ein Rudel Zombies. Ich hatte mich für Boudicca entschieden, die britannische Königin. Das war zwar nicht direkt eine Verbindung zu Halloween, aber mich hatten britische Geschichte und starke Frauen schon immer fasziniert. Und wenn ich so sah was die anderen anhatten, dann passte ich doch relativ gut hinein. Teilweise liefen hier ziemlich ulkige Gestalten herum: ein Leopard, ein Pärchen verkleidet als Clowns, einen Herkules sah ich auch, ebenso George W. Bush, und wenn mich meine Augen nicht täuschten, stand hinten bei der Tür auch ein ziemlich großer Julius Cäsar mit dem Rücken zu mir. Also warum sich den Kopf groß übers Kostüm zerbrechen?
Ich traf noch einige Leute, verweilte mal da, mal da eine Weile und unterhielt mich gut. Holte mir am Büfett ein paar Wiener Würstchen, die mit Mandeln und Ketchup dekoriert waren und aussahen wie abgeschnittene Finger. Am Getränkebüfett nahm ich mir ein Glas mit froschgrüner Bowle, wo zerdrückte Stücke von roten Früchten drin schwammen und recht gruselig aussahen. Mir fiel ein ziemlicher Hang zu diesem ständig wiederkehrendem Grün auf… John hatte sich wirklich nicht lumpen lassen. Auch die Dekoration des großen Raumes, überhaupt des ganzen Hauses, John feierte immer im ganzen Haus, hatte es in sich und war bis zur Perfektion gestaltet. Die Musik allerdings war recht modern, da lief alles von Pop, Rock, Charts, House und Elektro. Und ein Stimmengewirr, dass man Tinnitus bekommen konnte.
Es musste gegen Mitternacht gehen, ich hatte mein viertes Glas Bowle in der Hand und fand die Welt an sich voll toll, als ich plötzlich wieder auf John traf, der mich am Arm nahm und in eine ruhigere Ecke zog.
„Sophie! Ich freu’ mich so dass ihr gekommen seid.“
Ich grinste. „Zu dir kommen wir immer. Die Party ist echt der Hammer. Wir kommen aber natürlich nicht nur wegen der Party.“
„Ihr kommt, weil ich so ein heißer Typ bin.“
„Du triffst es auf den Punkt.“
Wir lachten schallend.
Ich deutete Richtung Bar. „Ich hab‘ dahinten einen ziemlich heißen Vampir entdeckt. Der wär’ doch was für dich.“
John winkte ab und seufzte. „Mit Vampiren bin ich durch. Vielleicht versuch’ ich’s mal mit einem von den Leoparden.“
„Ach komm.“ Ich nahm einen Schluck Bowle und merkte langsam wie mir der Alkohol zu Kopf stieg. „Was ist da eigentlich alles drin? Schmeckt ziemlich heftig.“
„Betriebsgeheimnis, Süße. Trink nicht zuviel davon, sonst muss ich dich nach oben in eins der Gästezimmer bugsieren… Aber warum ich dich überhaupt hier in die Ecke entführt habe…“
Ich legte abwartend den Kopf schief.
„Ich will dir jemanden vorstellen, einen Landsmann von mir. Er ist noch nicht lange in der Stadt, aber ich kenne ihn schon ewig. Wir sind zusammen in Edinburgh in die Grundschule gegangen.“ John grinste. Johns Eltern kamen aus Schottland.
„Wo ist er denn?“ Ich traf immer gern neue Leute, und vor allem, wenn John sie kannte, waren sie meistens ganz okay.
John zog mich mit sich, durch das große Wohnzimmer hinüber in seine Küche. Dahinter ging es ins Esszimmer, dort steppte ebenfalls der Bär. Bis hierhin hatte ich es noch gar nicht geschafft gehabt, ich war andauernd von jemandem aufgehalten worden. John wirbelte mich herum und ich stand dem großen Julius Cäsar gegenüber, den ich vorhin von hinten neben der Tür hatte stehen sehen.
John schaute mich an. „Sophie, das ist Fergal MacKenzie. Fergal, das ist Sophie Fraser, sie hat mit ihrer Mum auch mal in Edinburgh gewohnt. Ich dachte vielleicht würdest du dich mal nett mit jemandem unterhalten, der ebenfalls ein wenig deiner Sorte entspricht.“
„Du redest ja, als gehörst du nicht auch dazu.“ Fergal MacKenzies Stimme war tief und ruhig, ein verhaltenes Lachen steckte darin. Er wandte sich von John ab und reichte mir die Hand. „Schön Sie kennenzulernen, Sophie Fraser.“ Ich nahm seine Hand. Sie war groß und warm und ich musste an mich halten, damit ich sie überhaupt wieder losließ. Er schien es zu bemerken und in seinen Augenwinkeln bildeten sich ein paar Fältchen, als er lächelte. John war wieder von einer Welle Gäste mitgerissen worden und ich stand allein mit Fergal MacKenzie da. Mir fiel auf, dass er noch meine Hand hielt, und ich wand meine ein wenig ungeschickt heraus.
„John ist schon eine coole Socke“, sagte ich schnell, um abzulenken, und nahm einen Schluck Bowle.
„Kann man wohl so sagen.“  Er lehnte sich zur Seite und griff nach einer Flasche Bier, die auf einem kleinen Tisch neben uns stand. Ein paar Sekunden, die mir die Zeit verschafften ihn nochmal genau anzusehen. Ich schätzte ihn auf beinahe zwei Meter, er hatte breite Schultern, sein Haar unter dem Lorbeerkranz war von dunklem Blond und reichte ihm bis auf die Schultern. Seine Augen waren grün, hatte ich bemerkt als er mich vorhin angesehen hatte. Und die Ärmel seines Kostüms reichten bis halb über seinen Bizeps, der beachtlich aussah. Die Toga, die er trug endete auf Kniehöhe und ließ mich seine strammen Waden sehen. Die komischen römischen Flechtsandalen allerdings standen ihm nicht so recht, eher hätten Motorradstiefel zu ihm gepasst. Aufgrund des Alkohols war ich nicht mehr die allerschnellste und er ertappte mich bei meiner eingehenden Musterung und grinste mich wieder an, sagte aber nicht dazu. Ich wurde ein bisschen rot und kippte mir noch einen Schluck Bowle hinter die Binde, verschluckte mich und musste husten. Er klopfte mir auf den Rücken.
„Das Zeug ist wirklich ganz schon stark“, keuchte ich und stellte das leere Glas auf dem Tisch ab. Dann sammelte ich mich kurz und fragte: „Sagen wir du? Du kannst Sophie zu mir sagen.“
„Fergal.“
Ich nickte und fragte dann: „John sagt, du kommst aus Edinburgh?“
Er nickte.
„Tut mir leid, dass ich so neugierig bin, aber was machst du hier in London?“
„Das gleiche könnte ich dich fragen, “ konterte er geschickt und schaute mich interessiert an.
„Ich hab‘ zuerst gefragt“, stichelte ich schmunzelnd.
„Ich arbeite hier. Ich bin in einem kleinen privaten Museum angestellt, kümmere mich um die Verwahrung von Altertümern. Um die Verwaltung und manchmal reise ich auch im Auftrag meines Arbeitgebers ins Ausland und hole dort Sachen ab, um sie in die Sammlung zu bringen.“
„Cool, “ entfuhr es mir. „Ich finde Museen total interessant und so antiken Krempel auch. Wo ist das Museum?“
„Es ist eine Privatsammlung.“
Ich merkte, dass er nicht mehr dazu sagen wollte und ließ es gut sein weiter nachzubohren.
„Und du hast mal in Schottland gewohnt? Kommst du von dort? Du hast nicht direkt den Akzent.“
„Mein Pa kommt von daher, wir dort einige Jahre gelebt. Aber nun bin ich schon lange hier in London.“ Mein Blick flog kurz in die Runde.
„Und was genau machst du hier?“ wollte er wissen.
Ich sah in wieder an. „Ich arbeite. In einem Buchladen.“
„Und ich schätze mal, du liebst Bücher?“
Schielend versuchte ich auf meine Stirn zu gucken. „Hab’ ich hier oben meinen Aufkleber ‚Bücherwurm’ immer noch kleben? Hoppla. Hab’ ich vergessen runter zu machen.“
Er lachte und schüttelte den Kopf. „War nur so ein Schuss ins Blaue.“
„Du hast aber recht,“ sagte ich schmunzelnd.
Wir schwiegen beide und schauten uns das Getümmel um uns herum an. Als ich meinen Blick ihm wieder zuwandte, traf mein Blick direkt den seinen. Seine Augen waren moosgrün, stellte ich fest, wie tiefe dunkle schottische Seen. Seine hellen Bartstoppeln schimmerten im gedimmten Licht des Raumes. Mir wurde ein bisschen schwindelig, mochte es am Alkohol liegen oder an etwas anderem. Er streckte den Arm aus, denn er hatte gemerkt dass ich schwankte und als er mich berührte, schien es als schösse ein Stromstoß durch meinen Körper.
Ich ließ mich auf einen Stuhl sinken. „Tut mir leid, zu viel von der Bowle wie’s aussieht.“
Er blieb neben mir stehen, schien aufpassen zu wollen dass ich nicht doch vom Stuhl runterkippte. Anscheinend machte ich so den Eindruck. Mir wurde wieder schwindelig und ich stöhnte als ich daran dachte, wann mir das zum letzten Mal passiert war. An Beltane. Irgendetwas war hier seltsam. Es war Samhain und ich dachte mit Schrecken daran, was das letzte Mal an Beltane geschehen war, kurz nachdem mir damals ebenso komisch gewesen war. Jedes Mal an den keltischen Jahresfesten schien irgendetwas Seltsames im Gang zu sein. War es nur ich, die das wahrnahm? Oder bildete ich es mir nur ein? Ich stand ruckartig auf. „Ich muss kurz mal an die frische Luft.“ Ich wartete nicht ab, was er dazu sagte sondern steuerte die Balkontür an. Öffnete sie und trat in die ziemlich kalte Abendluft. Die Kühle traf mich wie einen Schlag ins Gesicht, aber ich konnte wieder klar denken. Ich war mir nicht ganz sicher mit was meine böse Vorahnung zu tun hatte, aber ich musste es herausfinden. Schnell schrieb ich Frances eine SMS, die Antwort kam prompt. Bin im Erdgeschoss. Wir machen einen Abstecher auf den Friedhof in der Nähe. Schauen wie gruselig Samhain wirklich ist. Kommst du mit?
Nein, ich wollte nicht mit, aber ich wusste jetzt was das Problem war.
Ich komm’ runter, wartet draußen auf mich.
Hinter mir ging die Balkontür auf und Fergal MacKenzie kam heraus. Er hatte ein Glas Wasser in der Hand, trat zu mir und drückte es mir in die Hand. „Danke“, brachte ich heraus und leerte es in einem Zug. Ich fragte mich wie ich es schaffen konnte, so schnell es ging hinunter zu kommen und diese dummen Leute davon abzuhalten auf den Friedhof zu gehen. Ich bemerkte dass Fergal mich seltsam von der Seite ansah und überlegte, wie ich mich davonstehlen konnte. Niemand sonst befand sich auf dem Balkon. Ich seufzte und schaute ihn an. „Ich geh’ glaub ich nach Hause, mir ist ziemlich schwummrig.“
Er nickte nur. „Ich bring’ dich bis runter, nicht dass du die Treppen ’runterfällst.“ Dankbar grinste ich ihn an und hoffte er würde nicht mit rausgehen und herausfinden, was für komische Anwandlungen meine Freundin hatte und dass ich ihr in Sorge hinterherlief.
Unten verabschiedete ich mich recht schnell von ihm, was ich insgeheim sehr schade fand, aber ich musste mich jetzt zuerst darum kümmern, dass Frances und ihre Gefährten keinen Scheiß bauten.
Als ich durch den kleinen Vorgarten ging, durch das Eingangstor bog und mich kurz umsah, bemerkte ich dass hier niemand mehr stand. Sie schienen nicht auf mich gewartet zu haben. Ich stöhnte und holte tief Luft. Die kalte Luft bearbeitet mein Gehirn immer noch wie ein Baseballschläger. Also gut, dann würde ich eben auch auf den Friedhof gehen. Das war ja so was von klischeehaft und kindisch…
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