Namra-Zyklus

von Herugrim
KurzgeschichteDrama, Mystery / P18
OC (Own Charakter)
25.03.2018
03.06.2018
5
16544
 
Alle Kapitel
1 Review
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
Unter Namra gluggerte und gluckste das Wasser, während sich das Floß vorwärts schob und flache Wellen zu beiden Seiten ausschickte. Das Wasser des Nils war kristallklar und an vielen Stellen war es sogar möglich bis auf den Grund hinunter zu blicken. Namra vermutete, dass die Klarheit des Wassers mit den Psychovoren zusammenhing, die an vielen Stellen meterweit über und ins Wasser hineingewachsen waren. Während er mit dem großen Paddel in seinen Händen immer und immer wieder ihrem Gefährt mit einem kräftigen Armzug neuen Antrieb verschaffte, um sie entgegen der zwar schwachen, aber doch konstanten Strömung vorwärts zu bringen, musterte Namra seinen Lehrmeister Antef, der am Bug saß und den Blick mal nach links, mal nach rechts gleiten ließ, nur um hin und wieder Namra mit einer Handbewegung zu verstehen zu geben, den Kurs anzupassen und mal mehr, mal weniger nah ans Ufer ran zu fahren, das von Psychovoren dschungelhaft überwuchert und überwachsen war.
Die beiden verband eine ereignisreiche Geschichte - Antef War es damals gewesen, der vor über 25 Jahren Namras Unterarm mit der langen Nadel des Anubisfingers geritzt hatte und das Anubismal auf seiner Haut entdeckt hatte. Gemeinsam hatten sie weite Teile Nordafrikas bereist. Jedes Mal wenn Namra gerade das Gefühl hatte, seinem alten Lehrmeister jedes Geheimnis entlockt zu haben und sich von Antef verabschiedete um zu einem anderen Lehrmeister zu wechseln, machte der Mann mit der ledrigen, vom Wetter gegerbten Haut und einer Stimme wie Schmirgelpapier eine Bemerkung, die noch über Jahre der Abwesenheit voneinander nachwirkte und ihm immer wieder neue Rätsel aufgab.

Namra runzelte die Stirn, klemmte das Paddel unter den rechten Arm während er sich mit der linken über den Bauch fuhr. Das letzte Mal als ihn Antef wieder zu sich genommen hatte, war er im Kampf gegen die Jehammedaner verwundet worden und wäre beinahe gestorben, als ein Stoßtrupp der Schaf- und Ziegenanbeter versucht hatte, vom schwarzen Meer aus den Flusslauf bei Samsun hinauf zu fahren und an Bagdad vorbei schließlich heimlich nach Süden, nach Mekka vorzustoßen. Unter grünen Palmzweigen hatten Namra und seine Mitstreiter die Jehammedaner gestellt. Die Passage wurde gehalten - aber die Ziegenmänner hatten ihre verdammten Leben zum höchstmöglichen Preis verkauft.

Wie Antef ihn zwischen den vielen zerhackten, verbrannten und verstümmelten Leibern gefunden hatte, warum er überhaupt in der Nähe war, auf diese Fragen hatte sein alter Mentor nicht geantwortet. Stattdessen hatte er dafür gesorgt, dass er überlebt und noch viel mehr - ihm die Kanope gereicht wurde. Als Namra nach Tagen erwachte, waren nur noch zwei der ursprünglichen sieben Kreise übrig und das ledrige Gesicht seines ehemaligen Totenführers lächelte zufrieden. Das war jetzt etwa 8 Wochen her. Auch auf die Frage warum sie, nach tagelanger Reise durch dichten Psychovorendschungel bis zum Nil, nun flussaufwärts fahren sollten, statt flussabwärts nach Kairo, hatte er keine Antwort bekommen. Es war immer das Gleiche mit Antef. Mehr Fragen als Antworten und mehr Geheimnisse und Rätsel als Lösungen.
“Noch viel weiter? Die Sonne geht bald unter, wir sollten möglichst bald ein Lager aufschlagen.” richtete Namra das Wort an Antef. Dieser hob den Kopf ein wenig Richtung untergehender Sonne. “Ein Stück noch. Wir sind fast da.” Die Erregung in der raspelnden Stimme des alten Mannes war fast greifbar.
Noch eine Stunde ruderte sie Namra am Ufer entlang bis Antef schließlich das Zeichen zum Anlegen gab. Vor ihnen ragte ein steinerner Steg ins Flussbett hinaus, wo Namra das Floß befestigte und ihre Sachen ablud. Es war mittlerweile beinahe stockduster, aber Antef führte ihn noch etwa eine halbe Stunde über flache, von der Sonne noch warme Steintreppen zu etwas, das wohl früher so etwas wie eine Allee oder Prachtstaße gewesen sein musste, denn noch immer war der Boden aus passgenau gehauenen Steinen im fahl-blauen Schein von Antefs Kaltlichtstab gut zu sehen und zu begehen. Links und rechts vom Weg aber waren Pflanzen meterhoch gekrochen, hatten grüne Wälle gebildet, die alles überwucherten. Trotz der Dunkelheit vermochte Namra noch die Umrisse eines gewaltigen Komplexes ausmachen, der sich wohl am Ende der Allee befand, vielleicht etwa fünfzig Schritt von ihnen entfernt.

“Hier, das ist gut.” Antef ließ sein Bündel zu Boden sinken. Gemeinsam errichteten sie ihr Lager, breiteten in der Mitte des Alleeeingangs ihre Matten aus und Namra entfachte ein Feuer. Im Schein der schon bald aufzüngelnden Flammen sahen die Pflanzen, die zu ihrer beider Seiten hochwuchsen und wie große, unförmige Mauern die Passage begrenzten, nicht gerade harmloser aus. Namra hatte sich nie so ganz an die Psychovoren gewöhnen können. Zwar fühlte er sich in ihrer Nähe wohl, seltsam geborgen, aber da war immer etwas Fremdes, etwas, das ihn zu sich rief und zugleich wieder von sich stieß. Im Laufe der Jahre, war das unvertraute Gefühl der Fremde mit jedem verlorenen Kreis zwar weniger geworden, aber ganz verschwunden war es nie, ebenso wie die zwei noch verbleibenden Kreise, die sich deutlich in weißer Farbe von seiner dunklen Haut abhoben.

“Zeig mir deinen Bauch. Ich will sehen, wie sich deine Wundheilung macht.” Antefs Reibholzstimme riss Namra, der mit verklärtem Blick auf den Psychovorenwall gestarrt hatte, zurück ans Lagerfeuer. Der Alte kam ums Feuer herum und kniete sich neben ihn, während Namra sich auf seiner Matte ausstreckte und das Leinenoberteil hochschob. Mit erfahrenem Griff drehte Antef Namra auf die Seite, sodass sein Bauch im Feuerschein besser zu sehen war und fuhr dann mit dem Finger die Stelle nach, wo die Klinge vor acht Wochen seine Bauchdecke geöffnet hatte. Zur Seite hin waren noch leichte Spuren zu sehen, aber rund um den Bauchnabel herum, wo ihm vor Jahren die Kreise tätowiert worden waren, war kein Kratzer zu sehen. Antef brummte leise und legte seinen langen Zeigefinger auf die Stelle, wo an der Hüfte das Narbengewebe zu sehen war und zog den Finger dann quer über den Bauch. Unwillkürlich zuckten Namras Mundwinkel und seine Bauchdecke zitterte unter der Berührung. Der Alte beobachtete ihn mit dunklen Augen, in denen nur leicht der Widerschein des Feuers zu erkennen war. “Hier?” Noch einmal legte der Alte den Finger an die Stelle, diesmal mit etwas mehr Druck. Namra nickte, woraufhin Antef den Weg der Wunde erneut nachzeichnete.

Auf einmal rasten Bilder vor seinem inneren Auge vorbei. Der Geruch von verbranntem Fleisch, der Geschmack von Eisen, der seinen Mund ausfüllte. Einige Schritt neben ihm sah er aus den Augenwinkeln die dunklen Umrisse einer Person, die schreiend um sich schlug, während die Hitzewelle Namra beinahe umwarf, als das Tongefäß klirrend zersprang und feurigen Tod in alle Richtungen spie. Dann das Klirren von Stahl auf Stahl, ein bärtiges Gesicht, eine marsrot überströmte Hand an die gurgelnde Kehle gepresste, während der Körper vor ihm auf die Knie stürzte. Das Heben der Sichel zum Todesstoß, das entsetzte Zögern, als der bereits dem Tod Geweihte das Gesicht zu einem rotzahnigen Lächeln verzieht, die Mischung aus Verblüffung und Entsetzen, als der bereits Besiegte, den Preis seines Lebens mit einem schnellen Hieb des blitzenden Damaszenersäbels noch einmal erhöht. Der Sturz auf das karmesinfarbene Gras, der schmatzende Aufprall, die Kälte, die Arme und Beine entlang kriecht. Der Blick zur Seite, wo der Gegner neben einen stürzt, mit glasigen Augen den Blick erwidert und noch einmal das Gesicht zu einem Lächeln verzieht, diesmal jedoch entspannt, fast friedlich, ehe der Blick erstarrt und auch die eigene Welt in Dunkelheit stürzt.

Übelkeit stieg in Namra hoch, als die Erinnerungen langsam wieder abflauten. Er setzte sich langsam auf, atmete kräftig durch und ließ das Leinenhemd wieder herabfallen, ehe er den Leopardenfell-Überwurf enger um sich zog und sich mit einer Hand über den geschorenen Kopf fuhr. Der Alte lehnte sich zurück und beobachtete ihn noch immer.
“Gut. Es ist alles verheilt. Fast alles. Den Rest wird die Zeit erledigen. Vielleicht sogar eher früher als später, je nachdem, wie du damit umgehst.”
“Wie ich damit umgehe? Ich wäre wegen dieser verdammten Ziegen fast gestorben. Warum können diese Fanatiker nicht einsehen, dass sie niemals einen Fuß ins Land des Löwen setzen werden? Was schlägst du denn vor, wie ich damit umgehe?” gab Namra gereizt zurück.
Antef schien darauf nicht zu reagieren, blickte ihn weiter an und studierte sein Gesicht.

Namra seufzte. “Verzeih, ich wollte nicht…” - “Ich weiß.” - “Aber wann geht es endlich in ihre Schädel, dass sie auf unserem Land nichts verloren haben. Sie werden sowieso in der Bedeutungslosigkeit versinken.” Namra schüttelte den Kopf und sagte dann energisch und voller Überzeugung: “Die Prophezeihung gesteht ihnen keinen Platz zu. Ihre Welle läuft aus.”
Antef hob leicht eine Braue. “Ich sehe, du hast die Lehren deiner anderen Lehrmeister aufmerksam verfolgt. Wie sollen wir denn mit ihnen umgehen? Streben sie nicht genauso nach der Stadt Mekka, wie die ersten Hogons nach Kairo strebten?”
Namra zögerte einen Moment, bevor er antwortete. “Vielleicht hast du damit Recht, aber für sie gibt es keine Zukunft. Sie werden verschwinden, untergehen, vertrieben, besiegt und versklavt werden.” Er zuckte mit den Schultern. “Sie sollten sich ihrem Schicksal erhobenen Hauptes fügen, statt noch mehr von uns sinnlos in den Tod zu reißen.”
“Ich bin mir sicher vor etwa einhundert Jahren haben die Wiedertäufer fast das Gleiche gedacht, als sie über die Adria gesetzt sind. Doch es ist anders gekommen. Aber ich stimme dir zu, sie sollten ihre Versuche, Mekka zu erreichen, erst einmal lassen, um unnötiges Blutvergießen auf beiden Seiten zu vermeiden.”
Etwas irritiert runzelte Namra die Stirn und sah Antef fragend an: “Erst einmal?”
“Oh ja, natürlich. Irgendwann sind sie bereit dafür und dann sollten wir ihnen den Weg freimachen. So wie die Psychovoren vor uns Hogons zur Seite gleiten, so sollten wir ihrem Weg zur Erkenntnis auch nicht im Wege stehen. Aber das wird vermutlich noch Jahre dauern. Aries ist noch zu schwach und seine Anhänger zu wenige.”

Ungläubig blinzelte Namra und öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, aber der Alte kam ihm zuvor:
“Du hast mich schon richtig verstanden, Namra. Sie sind uns wirklich nicht unähnlich. Vielleicht sogar ähnlicher als mancher zugeben möchte, der den Weg nach Kairo bereits beschritten hat.”
“Das kannst du unmöglich ernst meinen!” Namra blickte seinen langjährigen Mentor entsetzt an. “Was du da erzählst ist ja kompletter Wahnsinn! Sie bespucken den Glauben an die Ahnen und haben in Hybrispania und im Balkhan Hunderttausende von uns in den Tod geschickt! Beim Auge von Horus, ich wäre um ein Haar ja beinahe selbst einer gewesen! Wie kannst du auch nur annähernd vorschlagen, auch nur den Gedanken anzustoßen, wir wären ihnen ähnlich. Uns ziert das Anubismal, in uns lebt die Welle, sie sind nur kalte, leere Hüllen, wertlose Sklaven, die nichts anderes verdient haben, als dass man sie auch so behandelt. Die Prophezeiung schließt sie aus. Es gibt keinen Platz für sie in der kommenden Welt.”
Antef blickte ihn mit durchdringendem Blick an. “Hast du bei Kemzas Lehrstunden deinen Verstand gegen seine Geißlerlehren getauscht? Unnützer Schwätzer, das hätte mir klar sein sollen, dass er dir nur Unsinn einreden wird. Bah, wie ich den Moment verdamme, dass ich dich unter ihm lernen lassen habe, was für eine Verschwendung von Jahren!” Er schüttelte den Kopf.

Namra schnaubte. “Sei mir nicht böse, Antef, du bist mir immer ein guter Lehrmeister und Freund gewesen, aber vielleicht haben viele der Anderen Recht, wenn sie behaupten, dass du ein bisschen spinnst. Die Jehammedaner und wir, uns ähnlich sein - Dass ich nicht lache! Wie kommt man überhaupt auf so einen Unfug?! Bist du sicher, dass du die letzten Jahre auch die richtigen Duat-Früchte katalysiert hast? Vielleicht fahren wir deshalb flussaufwärts statt flussabwärts. Bist du so verwirrt, dass du vergessen hast, wo Kairo liegt?” Er hatte gar nicht bemerkt, wie er aufgesprungen war, doch Antef erhob sich nun ebenfalls. “Ich habe deiner Weisheit immer vertraut, auch wenn ich nicht verstehen konnte, was du meintest aber allein die Vorstellung, ihnen einen Weg nach Mekka freizumachen, manche Geißler würden dich für solch verräterische Gedanken öffentlich auspeitschen lassen! Und was bitte hat der Widder damit zu tun? Sollen sie doch ihre Schafe anbeten, sie werden niemals mit uns die Erfüllung der Prophezeiung erleben!”
Es knisterte und knackte im Feuerholz und das Licht des Lagerfeuers tauchte die Gesichter der Beiden in tiefes Rot. Wie die beiden sich gegenüberstanden, stand mehr als nur Streit im Raum und die Luft prickelte vor Anspannung und offener Ablehnung. Ein Moment verstrich, in dem keiner von beiden ein Wort sprach.

“Deine respektlose Art war schon immer die störendste deiner Eigenschaften. Besonders dann, wenn du deinen Verstand benutzen solltest. Wir sind nicht grundlos hier.” Die kratzige Stimme Antefs war seltsam ruhig und beherrscht.
Gerade wollte Namra etwas erwidern, da packte ihn der Alte plötzlich am Handgelenk und riss ihn mit einer Kraft in Richtung der Psychovoren, die man nicht von ihm erwarten würde, sodass Namra trotz heftigem Wehren mitgeschleift wurde. Den Schüler mit einer Hand gepackt, streckte Antef die andere Hand, alle Finger weggespreizt, nach den Psychovoren aus. Die kristallinen Blattformen klappten zusammen, knisterten, dicke Ranken zogen sich zurück, ein gewaltiger Leib, der Geste gehorchend, wich zur Seite. Namra wollte sich gerade losreißen und seinen Arm aus dem schraubstockartigen Griff Antefs befreien, da fiel sein Blick auf die zurückweichenden Psychovoren und auf das, was sie freigaben. Erst war ein steinernes Podest zu sehen, dann so etwas wie Füße. Ein großes Tier, leicht doppelt so groß wie ein Mensch, auf dem Bauch liegend, die Beine nach vorne gestreckt, wie gewaltige Klauen, die sich in den Fels gruben. Dann folgte ein Brustkorb, der Hals und schließlich der Kopf. Namra starrte ungläubig den Felsen an. Das war unmöglich. Das konnte nicht sein.
Antef strich sanft mit der Hand über Rand des Steinpodests. “Amun.” flüsterte er mit einem Lächeln auf den Lippen.
Namra blinzelte und schüttelte ungläubig den Kopf. “Und? Glaubst du mir jetzt? Verstehst du endlich?” drang die Stimme Antefs wie von weit her an sein Ohr, während er noch immer hoch zum Kopf der Statue starrte - zum Kopf eines Widders.
Review schreiben