120 Hexengeschichten

OneshotAbenteuer, Fantasy / P12
25.03.2018
12.07.2019
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Die for you / Für dich sterben


Nachdenklich saß Anna auf der Fensterbank am geöffneten Fenster in ihrer Wohnung auf Caer Draig und blickte auf den nächtlichen, ruhig daliegenden See. Eigentlich hatte sie nur kurz duschen wollen. Doch sie musste einfach nochmal richtig durchatmen, bevor sie in die Krankenabteilung zurückkehrte. Wie hatte das alles nur so schief gehen können? Der Tag hatte doch so harmlos begonnen. Wieder hatte sie die Bilder von vor wenigen Stunden vor Augen...

Anna hatte mit ihrer „Schülerin‟ Kadija eine einsame Gegend aufgesucht, wo diese ungestört ihre Fähigkeiten trainieren konnte.

Übermütig lief Kadija in ihrer Impala-Gestalt durch das hohe Gras. So viel gab es hier, fern der Heimat, zu entdecken. Schmunzelnd beobachtete Anna sie vom Rand der Wiese aus. Sie konnte sich gut vorstellen, wie sich Kadija fühlte. Wenn sie selbst in einer ihrer Tiergestalten durch die Wälder streifte, ging es ihr nicht viel anders.

Beide hatten sie die Männer zu spät bemerkt. Anna fragte sich noch immer, wie ihr dieser Fehler hatte passieren können. Die beiden Männer hatten ihrerseits die hier so fehl am Platz wirkende Antilope längst bemerkt. Schienen sie eben noch auf der Jagd nach etwas anderem gewesen zu sein, waren sie nun mit gezogenen Waffen hinter der Impala her, die ihnen mit wilden Sprüngen zu entfliehen versuchte. Anna lief los, um ihrer Schülerin zu Hilfe zu eilen. Im nächsten Moment hatte sie sich auch schon in Lupina, die Wölfin, verwandelt. Sie hetzte quer über die Wiese.

Einer der Jäger kam der schon etwas erschöpften Antilope sehr nah, zu nah, doch Lupina holte schnell auf. Als sie sah, dass der Jäger zum Schuss anlegte, blieb sie stehen, legte den Kopf in den Nacken und begann zu heulen. Der Mann hielt inne und sah sich suchend um. Aus dem Augenwinkel sah Lupina, wie Kadija sich duckte und im hohen Gras Schutz suchte, während der Jäger nur Augen für die Wölfin hatte. Dann fiel es Lupina ein. Es waren Zwei gewesen. Zwei Jäger. Im nächsten Moment spürte sie auch schon einen stechenden Schmerz in ihrer Seite. Sie heulte kurz auf, dann fiel sie ins Gras. Als sie den Kopf hob und sich umsah, erkannte sie in einiger Entfernung den zweiten Mann, der noch immer mit einem Gewehr auf sie zielte, während er auf sie zukam. Ihr Blick fiel auch auf ihren Körper. Es war fast nichts von einer Wunde zu sehen. Mit was hatte er auf sie geschossen? Normale Kugeln waren das nicht. Die fühlten sich anders an.
Der zweite Mann kam in ihr Blickfeld. Auch er richtete seine Waffe auf sie. Vor ihrem geistigen Auge lief zwar nicht ihr Leben wie ein Film ab, wie es immer so schön hieß – dafür war sie schon zu oft gestorben – aber sie hatte ihren Freund Benjamin vor Augen. Sie schaffte es nicht, den Gedanken an ihn auszublenden, den Ruf nach ihm zu unterdrücken.

Lautes Gebrüll ließ die Männer aufschrecken. Lupina wusste nur zu gut, was das bedeutete. Im nächsten Moment sah sie auch schon einen der Männer durch die Luft fliegen und dicht hinter ihm... stand Ben in seiner Tigergestalt. Midir. Er schaute zu Lupina. Sie würde wohl nie seinen Blick vergessen. Und das schreckliche Geräusch, als die Kugel ihn traf und der Tiger direkt vor ihr zu Boden ging. Eine zweite Kugel sauste heran und traf ihn. Lupina rappelte sich auf und stürzte sich auf den zweiten Mann. Sie schaffte es, ihn zu entwaffnen. Erst, als er bewusstlos am Boden lag, ließ sie von ihm ab. Dann verwandelte sie sich zurück und kümmerte sich um Midir. Kadija stieß kurz darauf zu ihr. Auch sie hatte sich in einen Menschen zurückverwandelt.

Entsetzt schaute Kadija von Midir zu Anna. „Ist er...‟
„Nein, er lebt. Aber es sieht nicht gut aus. Nur ein Stück höher und...‟ Nein, sie durfte nicht daran denken.
„Und was ist mit dir? Ich habe doch gesehen, dass einer von ihnen auch auf dich geschossen hat!‟
„Es geht... muss gehen. Ich muss mich jetzt erst einmal um Midir kümmern. Hilfst du mir bitte, ihn nach Caer Draig zu bringen?‟
Kadija nickte. „Und was ist mit den beiden Jägern?‟
„Was mit dem ist, der an Midir geraten ist, weiß ich nicht, aber der andere wird‛s wohl überleben.‟
„Lassen wir sie hier einfach liegen?‟
„Sobald wir in Caer Draig sind, schicken wir jemanden her, der nach ihnen schaut. Und jetzt lass uns schnell ein Tor öffnen.‟
„Ok.‟

Die beiden Hexen öffneten ein „Raum-Zeit-Tor‟ zur Drachenfestung und zogen die große Raubkatze vorsichtig hindurch. Auf der anderen Seite kamen ihnen kurz darauf einige andere Hexen zu Hilfe. Gemeinsam brachten sie Midir in die Krankenabteilung im Keller der Burg.

Dort befand er sich nun schon die halbe Nacht. Am liebsten wäre Anna bei ihm geblieben, bei der Behandlung anwesend gewesen, schließlich war sie Ärztin. Doch die anderen Hexen hatten sie fortgeschickt. Sie hatten von ihr verlangt, sich etwas auszuruhen. Aber das konnte sie nicht, nicht so lange sie nicht wusste, was mit Ben war. Ihre eigene Verletzung spürte Anna längst nicht mehr. Sie hatte sich als nicht sehr schlimm herausgestellt und war bereits fast vollständig verheilt.

Und so saß Anna am Fenster, sah hinaus und musste daran denken, dass Benjamin tatsächlich sein eigenes Leben geopfert hatte, um ihres zu retten. Sie hatte immer befürchtet, dass so etwas mal passieren konnte. Noch einmal atmete sie tief durch, dann schloss sie das Fenster und begab sich zurück in die Krankenabteilung.
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