120 Hexengeschichten

OneshotAbenteuer, Fantasy / P12
25.03.2018
12.07.2019
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Rain /Regen


Den ganzen Morgen regnete es nun schon ohne Unterbrechung. Rabea mochte eigentlich Regen – vor allem warmen Sommerregen und den Geruch, der danach immer in der Luft liegt. Aber an das „typisch“ schottische Wetter hatte sie sich trotzdem noch nicht völlig gewöhnen können.
Rabea zog sich ihre Jacke an und lief hinüber zum Pferdestall. Dort stieg sie zum Heuboden hinauf, ihrem Lieblingsplatz, wenn sie für sich sein wollte. Sie machte es sich vor einem der kleinen Dachfenster bequem und schaute hinaus auf das verregnete Internatsgelände. Ihre Gedanken schweiften ab und sie begann zu träumen.

Eine Bewegung riss sie jedoch schon bald wieder aus ihren Träumen. Sirius, eines der Pferde, galoppierte - freudig buckelnd – auf einer nahen Weide durch den strömenden Regen. Schließlich kam er zum Stehen und fing an zu grasen. Irgendetwas stimmte an dem Bild nicht. Rabea brauchte einen Moment, bis sie darauf kam: Sirius' Fell wirkte völlig trocken. Der Regen schien von seinem Fell abzuperlen – nein, falsch, es war, als würden die Regentropfen sein Fell erst gar nicht berühren.
„Was ist das? Bin ich etwa noch am träumen?“, fragte sie sich leise selbst.
Plötzlich hob Sirius den Kopf und schaute genau in ihre Richtung. Hatte er sie etwa gehört? Oder war das nur ein Zufall?

Sirius wandte den Blick wieder ab und tänzelte über die Weide. Gebannt beobachtete Rabea das Schauspiel.
Auf einmal meinte sie, ein Leuchten am Kopf des Pferdes zu sehen. Nein, es befand sich nicht direkt an seinem Kopf. Es kam eher von seinem … Horn? Rabea rieb sich die Augen und schaute noch einmal hin. Das Horn war noch da, unübersehbar auf der Stirn des Tieres.
„Sirius, ein Einhorn? Ganz klar, ich träume. Noch absurder geht es ja wohl nicht.“
Obwohl, wenn sie so darüber nachdachte, konnte das einiges von Rhiannons merkwürdigem Verhalten erklären. Rhiannon mochte es zum Beispiel gar nicht, wenn man sie als 'Besitzerin' von Sirius bezeichnete. Dann durfte man sich anhören, dass er weder ihr noch sonst irgendwem 'gehörte'. Noch verrückter wirkte auf Rabea das Ritual der Beiden, wenn es ums Reiten ging. Rhiannon verneigte sich immer kurz vor ihm und fragte ihn um Erlaubnis. Erst auf ein zustimmendes Zeichen seinerseits schwang sie sich auf seinen Rücken. Zudem durfte niemand es wagen, ihm Sattel, Zaumzeug oder auch nur ein Halfter anzulegen. Und niemand außer Rhiannon durfte ihn anfassen.

Ach quatsch, dachte Rabea, das ist halt ein Spleen, aber doch kein Anzeichen dafür, dass Sirius ein Einhorn ist.
Ihr kamen die Augen des Tieres in den Sinn. Die hellblaue Farbe war schon etwas ungewöhnlich, allerdings normal für einen Cremello. Jedoch hatten sie auf sie auch schon immer „älter“ gewirkt, als das Pferd ausschaute. So, als hätten sie schon so viel mehr gesehen. Rabea schüttelte den Kopf. Ihre Phantasie ging wirklich mit ihr durch.

Jemand öffnete die Stalltür und riss Rabea aus ihren Gedanken. Einen Moment später hörte sie, wie dieser jemand die Leiter zum Heuboden empor stieg. Mánadis, eine der Lehrerinnen und Hausmutter, erschien in der Bodenöffnung.
„Ach hier steckst du“, sagte sie mit einem Schmunzeln, als sie Rabea entdeckte und betrat den Heuboden. „Was machst du denn hier?“
„Ich wollte einfach nur mal alleine sein. Und hier ist einfach der beste Ort dafür, zumindest bei diesem Wetter.“
„Da hast du wohl recht. Hier habe ich dich auch als letztes vermutet.“ Mánadis setzte sich zu ihr und warf nun ebenfalls einen Blick aus dem Fenster. „Hier hat man eine wirklich schöne Aussicht, selbst bei dem Regen“, stellte sie fest, „und da scheint jemand ziemlichen Spaß bei diesem Wetter zu haben. Sirius tobt wie ein junges Fohlen über die Weide.“
„Mánadis, hast du eigentlich manchmal auch das Gefühl, Sirius ist kein gewöhnliches Pferd?“
„Weil er sich gerade wie ein Fohlen benimmt?“
„Nein, nicht deshalb“, erwiderte Rabea lachend. „Seine ganze Art, sein Verhalten. Wäre er eine Hexe, würde ich sagen, er hat eine 'alte Seele'. Er hat so etwas an sich... ich weiß nicht. Er wirkt einfach oft alt und weise.“
„Nun, eventuell hat er ja eine alte Seele? Vielleicht gibt es das bei Tieren ebenfalls.“
„Vielleicht. Aber sag mal, wo es uns Hexen tatsächlich gibt, gibt es da eigentlich auch Einhörner?“
„Einhörner?“ Mánadis blickte Rabea skeptisch an.
„Ach, ich dachte nur... Ok, vergiss es. War nur so ein verrückter Gedanke von mir.“
„Na ja, es gibt da eine uralte Legende*. Aber ob da etwas dran ist? Wer weiß.“
„Was für eine Legende?“, fragte Rabea, die nun hellwach war.
„Angeblich soll eine sehr böse Kreatur einst versucht haben, die letzten existierenden Einhörner zu töten. Durch die Dummheit einer Prinzessin, die unbedingt eines dieser Tiere berühren wollte, wäre es ihm beinahe gelungen. Ein Freund der Prinzessin soll das zusammen mit Angehörigen des alten Volkes gerade noch verhindert haben. Es heißt, die Einhörner – oder eher deren Nachkommen – stehen bis heute unter der Obhut des alten Volkes.“
Rabea machte große Augen. Sie musste an das Gerücht denken, das schon lange in der Burg kursierte. Jenes, wonach Rhiannon zum alten Volk gehörte.
„Komm jetzt“, riss Mánadis Rabea erneut aus ihren Gedanken, „der Unterricht beginnt gleich.“

Rabea warf einen letzten Blick aus dem Fenster und auf das weiße Pferd, das dort auf der Weide graste. Von einem Horn war bei ihm nichts mehr zu sehen und das Fell des Tieres wirkte nun auch ziemlich nass.  Man, da hat mir meine Phantasie aber wirklich einen ganz schönen Streich gespielt, dachte Rabea und stieg die Treppe in den Stall hinab.

Auch Mánadis schaute noch einmal aus dem Fenster. Sirius hob den Kopf und blickte zu ihr hinauf. Schmunzelnd zwinkerte sie ihm zu, bevor auch sie den Heuboden verließ.
Ende




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* Ich möchte mich natürlich nicht mit fremden Federn schmücken, daher sei verraten: Die "Legende" ist eine kurze Zusammenfassung des Films "Legende" (Legend) von Ridley Scott aus dem Jahr 1985.
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