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Alles neu und doch vertraut.

von Curupira
Kurzbeschreibung
GeschichteLiebesgeschichte / P16 / Het
Hope Estheim Lightning / Claire Farron Oerba Dia Vanille
22.03.2018
24.05.2018
13
28.550
5
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22.03.2018 1.561
 
Alles neu und doch vertraut.

1. Scherbenmeer.

Mürrisch nippte Lightning an ihrem dritten Glas Cidre. Die Musik wurde von Sekunde zu Sekunde schlechter und der Bass immer dröhnender. Leise seufzend, weil nach Hause gehen keine Option war, leerte sie das Glas, bestellte ein Weiteres sowie eine Flasche Bier. Sie trank selten Alkohol, doch wenn sie es einmal tat, dann vernünftig. Als das Glas Cidre geleert war und Lightning sich sicher war, dass Serah sie nicht sehen würde, zog sie sich mit der Flasche Bier in eine abgelegene Ecke der Strandbar zurück. Als der Alkohol langsam in ihre Beine kroch und die Mischung aus Hitze, schlechte Musik und Alkohol ihr den Verstand vernebelte, hielt sie ihre Flasche so fest, wie sie sonst nur ihr Gunblade hielt, wenn sie sich in einem Kampf befand.

Serah zum millionsten Mal, an diesem Abend, in die Hölle wünschend, trank Lightning einige Schlucke Bier aus ihrer Flasche und fragte sich, wie ihre Schwester es immer wieder schaffte, sie auf solche Massenpartys zu zerren. Hatten diese Veranstaltungen doch nichts, was auf Lightning reizvoll wirkte. Die Musik war Mainstream, der Alkohol sündhaft teuer, an den Toiletten bildeten sich kilometerlange Schlangen und die Lokalitäten waren immer zum Bersten überfüllt.

Aus den Augenwinkel sah sie Snow, ihren gottverdammten Schwager, an ihr vorbeihuschen, ohne dass er sie auch nur beachtete. Nach einem Bieruntersetzer greifend, zielte Lightning auf Snow und traf ihn mit dem Stück Pappe am Hinterkopf. Als er sich suchend nach dem Täter umblickte, fiel sein Blick dabei auf Lightning. Seine Lippen hoben sich zu einem breiten Grinsen, als er auf sie zukam. »Was sitzt du denn hier so alleine in der Ecke? Serah hat dir doch extra den Platz an der Bar frei gehalten?«

»Von da komme ich. Kannst du mir ein Bier bringen?« Was dachte er, dass sie Serahs Bitten nicht nachkam? Natürlich tat sie das. Nur drei Stunden an der Bar mussten ausreichen. Lightning kannte schon nach dreißig Minuten jede Geschichte von Lebreau und deren Pointe.

»Ist alles gut bei dir?«

Ein Nicken musste es tun, befand Lightning und deutete danach auf ihre Flasche und sah ihn bittend an. Was fragte er auch danach … wie sollte es ihr schon gehen an ihrem Lieblingsort mit ihrer Lieblingsmusik und all ihren Lieblingsmenschen. Manchmal war ihr Schwager sehr schwer von Begriff. Hätte sie es ihm jedoch erklärt, wäre Lightning auf taube Ohren gestoßen. Glaubte er doch wie ihre Schwester, dass ihr etwas soziale Interaktion mit anderen Menschen gut tun würde. Seufzend nippte sie an ihre Flasche Bier und beobachtete Snows Rücken, der durch einen dunklen ledernen Mantel verhüllt war, bis er von den Massen verschluckt wurde.

Es dauerte fast sechs Musikstücke, die allesamt schrecklich waren, bis er zurückkehrte. »Serah lässt ausrichten, dass sie dich in zwanzig Minuten an der Bar, auf deinen Platz haben möchte. Damit wir alle pünktlich anstoßen und dann feiern können.«

Nur noch zwanzig Minuten? Eine Welle der Erleichterung erfasste Lightning und sie schaffte es, Snow tapfer mit den Worten »Geh weg« und mit einem Grinsen in den Hintern zu treten, als er ihr eine Flasche auf den Tisch gestellt hatte. Tatsächlich, nur noch zwanzig Minuten, stellte Lightning fest, nachdem Snow gegangen war und der DJ die Uhrzeit angekündigt hatte. Bald würde sie sich im allgemeinen Durcheinander davonstehlen können. Kurz war Lightning in Versuchung, die Sekunden zu zählen, verwarf diesen Gedanken jedoch, als ein lauter Bass ihren Stuhl zum erzittern brachte und sie sah, wie Hope Estheim auf ihre Ecke zusteuerte.

Hope war in den letzten Jahren groß geworden. Größer als Lightning und einige Zentimeter größer als Snow, was ihn drahtig wirken ließ, obwohl er mehr Zeit in seiner Forscherhöhle, als beim Sport verbrachte. Die silbergrauen, schulterlangen Haare gaben seinem Aussehen etwas Verwegenes, weshalb ihm viele Blicke folgten, als er sich durch die tanzwütigen Menschen, zu ihrem Sitzplatz, hindurchschlängelte. Wut flammte bei diesen gierigen Blicken in Lightning auf, wich aber schnell dem Gefühl der Überlegenheit, als Hope sich mit einem knappen »Hey« neben ihr auf den Hocker fallen ließ.  Die abschätzigen, eifersüchtigen Blicke die nun auf ihr lagen, ignorierte Lightning gekonnt. »Kommst du mit mir kurz raus? Bevor hier der Tumult los bricht?«

Lightning leerte ihre angefangene Flasche Bier, welche sie noch von der Bar mitgebracht hatte und spuckte die Brühe beinahe wieder aus, so schal schmeckte es. Schnell langte sie nach der Flasche, die Snow ihr besorgt hatte und spülte nach. Welch ein Unterschied, wirklich bemerkenswert, schoss es ihr durch den Kopf und Lightning erkannte, dass sie schon anfing Unsinn zu denken. Vielleicht war frische Luft genau richtig. Ihr Plan, sich zum Jahreswechsel davonzustehlen würde so zwar nicht mehr funktionieren, doch gab es sicherlich andere Wege, Chancen. So ließ Lightning sich, zehn Minuten vor Jahresende von Hope auf die Beine und bei der Hand, schweigend hinaus aus der Bar und an den Strand führen.

Wie in Watte gepackt fühlte Lightning sich, als sie die frische Meeresluft tief einatmete. Ihre Glieder waren schwer, die Beine kribbelten und als sie zu Hope blickte, schien es ihn plötzlich zwei Mal zu geben. Wie ein Brett fiel sie mit einem pfeifenden »Uff«, in seine Arme, als sie bei dem Versuch ihr Gleichgewicht zurückzugewinnen nach vorne kippte. Er war warm und gerne hätte sie für einen Moment die Augen geschlossen, doch da wurde sie schon wieder freigegeben. Als sie sicher genug stand, ließ er auch ihre Arme wieder los und ließ nichts als Kälte zurück.

Lightning ärgerte sich darüber, dass sie vergessen hatte, wie sich frischer Sauerstoff auf einen alkoholisierten Körper auswirkte, als der Nebel um ihren Verstand fort war und konnte im ersten Moment nicht verstehen, was der Anlass dafür war. Erst als Raketen zischend in den Himmel von Neu-Bodhum schossen und Lightning die Scherben in ihrer Hand sah, die sich mit ihrem Blut vermischten, verstand sie Hopes Worte und nahm wahr, dass sie Reißaus genommen hatte.

Als der Blickkontakt bei ihrer Flucht abgerissen war, kehrte die Taubheit zurück und Lightning spürte nichts außer Kälte, als sie in den Sand stürzte, sich wieder aufrappelte und abermals stürzte. Sie wollte es nicht wahrhaben und wusste sogleich, dass sie sich freuen sollte, doch alles was sie fühlte, als sie mit einem tauben Körper durch die fröhlichen Menschenmassen stürzte, war Wut und Kälte. Wut auf das Gelächter, auf die klirrenden Gläser, die langsam verklangen. Wut auf Serah und Snow. Doch am meisten spürte sie diese Wut, wenn sie an ihre Reaktion dachte. An ihre Flucht, nachdem er all seinen Mut aufgebracht hatte und ihr diese drei kleinen Worte ins Ohr geflüstert hatte. Drei Wörter, die so viel versprachen und sie doch zielgenau aus der Bahn schossen und haushoch überforderten. Es war wie ein glatter Durchschuss nur ohne Projektil und Blut, wenn Lightning von ihrer noch immer blutenden Hand absah.

Gefühle, die ihren Magen unangenehm zusammenziehen und ihr Herz schneller schlagen ließen, drohten damit, sie zu packen, wäre da nicht der plötzliche Schmerz in ihrer Hand, als sie abermals stolperte und sich an einem Laternenmast abfing – natürlich mit ihrer verletzten Hand. Einige Scherben fielen hinab, klirrten auf dem Pflasterstein. Ruhelosigkeit trieb sie weiter, jegliches Zeitgefühl war von ihr gewichen. Sie blieb erst stehen, als sie bemerkte, dass sie schon eine Weile durch steinerne Gassen stolperte und kein Meeresgeruch mehr wahrnehmen konnte.

Hinter ihr, vor ihr, neben ihr – nichts als Stein. Hausmauern, Straßenpflaster und kleine Gartenmauern. Wenn sie ihren Blick hob und ans Firmament blickte, sah sie die Sterne nur schwach funkeln, was ihr als Zeichen dafür fungierte, dass sie sich nicht mehr am Stadtrand sondern weit in der Stadt befand.  

Weiter gehen. Nicht stehen bleiben. Es fühlte sich nach einer Hatz an. Sie als Gejagte und seine Worte sowie ihre Gefühle die Häscher, die sie immer weiter trieben. Doch je weiter sie auch lief, seine Worte konnte sie noch immer klar und deutlich hören, obwohl schon lange niemand mehr gesprochen hatte. Nicht einmal ein Mensch hatte bisher ihren Weg durch die Gassen gekreuzt. Zwei Häuserblocks später hielt sie an und ließ sich benommen an einer Steinmauer hinabsinken. Ihre Hand schmerzte wie Hölle und ihr Magen wollte sich umdrehen, als Lightning ihre Augen schloss.

Wie viel Blut hatte sie verloren? Atemlos riss sie ihre Augen auf und starrte auf die mit Scherben gespickte Hand und das geronnene Blut. Das war Serahs Schuld. Wenn sie jetzt wegen Blutmangel starb, war es Serahs Schuld. Lightnings rationales Denken hatte sich verabschiedet, als die Wut abermals in ihr aufwallte. Mit ihrer gesunden Hand gegen die Pflastersteine auf dem Boden boxend, fluchte sie, als der Schmerz kam. »Oh ihr verdammten Götter«, stöhnte sie schmerzerfüllt und zog ihre Knie dicht an den Körper und bettete ihren Kopf erschöpft darauf. Wieso hatte sie es nicht kommen sehen? War sie so kaputt? Lightning verfluchte nicht zum ersten Mal die Purgation, doch in dieser Nacht war es das erste Mal, dass sie mit der Purgation, all ihre Freunde weg wünschte, die sie durch dieses Erlebnis gewonnen hatte.

Flüche vor sich hin murmelnd begann sie den Gedanken schon zu bereuen und dachte an die vergangenen Jahre, in denen sich Hope mehr und mehr in ihr Leben geschlichen hatte, bis er schließlich sogar im selben Haus lebte, mit ihr am selben Tisch aß, den sie noch mit Serah und Snow teilten. Sie hätte es kommen sehen sollen, spätestens als er ausgezogen war, doch sich vor der Welt zu verschließen war einfacher. Die Tränen, die stumm an ihrem Gesicht hinabrollten, schmeckten salzig auf ihren Lippen.
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