Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Love is a losing game

von Asia Rose
SongficSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
Julia Mercutio Tybalt
22.03.2018
22.03.2018
1
4.681
2
Alle Kapitel
2 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 
 
22.03.2018 4.681
 
Carpe Noctem, ihr Lieben.
Eh, wie jetzt? Da kommt drei Jahre lang nix, und dann knallt die bekloppte Rose eins nach dem anderen raus?
Naja, so in etwa. Aber daran bin ich nicht schuld, denn selbige kann ich guten Gewissens auf meinen Lieblingsmontague abschieben.
Ja, dich meine ich, Caligula.
Du hast dir diese Songfic gewünscht - oder mich zumindest damit gepromptet - und ich konnte einfach nicht anders. Drei Jahre waren mir dann doch zu viel als Ultimatum.
Hier, da haste.
Ich hoffe, dass es dir gefällt. Wirklich.

Ich danke dir also für den Schreibanstoß, für die Erweiterung meines Musikhorizontes und einfach dafür, dass du so unerschütterlich dem Fandom und meinen Geschichten besonders treu bleibst.
Danke.
Und deswegen widme ich dir diesen OS auch, nicht nur, weil es dein Wunsch war.

Ich wünsche allen Lesern viel Spaß...und vielleicht ein Set Taschentücher, also, nur für den Notfall. Ich habe beim Schreiben ein paar Tränen vergossen, aber ich bin auch erkältet, daran wird es eher liegen.

Liebste Grüße,
eure Asia


Love is a losing game, played by fools, fools in love, sang eine sanfte Frauenstimme im Radio, und Tybalt lächelte. Lieder über die Liebe waren alt und langweilig – sie enthielten immer das Gleiche. Herzschmerz und verletzte Gefühle. Selten gab es mal eines, das wirklich die Liebe an sich beschrieb. Und selbst wenn, dann passte es nie zu dem, was er fühlte.
Über die Phase mit den Schmetterlingen im Bauch war er schon lange hinweg. Die rosarote Brille, falls er sie denn je getragen hatte, war auch nicht existent. Ja, er liebte Giulia, aber er konnte nicht sagen, woran er das festmachte. Er wusste es einfach.
Und genau deshalb sprach er nie darüber. Es gehörte sich einfach nicht für einen Mann, so gefühlsduselig zu sein – jedenfalls war das die Auffassung aller anderen männlichen Wesen in seiner Umgebung, Quotenschwuchtel Vanni mal ausgenommen. Allerdings war der Tybalts bester Freund seit dem Kindergarten und hatte sich samt aller seiner Albernheiten und seltsamen Ansichten einfach etabliert, niemand stellte ihn mehr in Frage.
Nicht einmal Giulia gegenüber sprach er seine Gedanken aus. Er sagte ihr, dass er sie liebte, bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Und sie erwiderte es, mit ihrem süßen Lächeln und manchmal sogar mit einem Kuss.

Sie waren die Stars beim Abschlussball gewesen – gleich zweimal. Dank ihrer Altersdifferenz von fünf Jahren hatte erst Tybalt seine Cousine als seine Begleitung ausgewählt, und die dreizehnjährige Giulia hatte gestrahlt und den Abend gerockt. In Pink und Glitzer, das sich fürchterlich mit seiner Wappenfarbe Rot biss, aber sie war der Star des Abends gewesen. (Und dank der strengen Aufsicht von Direktor Lorenzo war es auch kein Problem gewesen, dass sie noch nicht volljährig gewesen war.)
Fünf Jahre später hatte sie auf einem roten Kleid bestanden, trug ein Bouquet ums Handgelenk wie die Homecoming-Queens in den amerikanischen Teenie-Filmen, die sie so sehr liebte, und hatte neben ihm gestrahlt.
Bis zu diesem Abend war zwischen ihnen alles rein familiär verlaufen, auch wenn Tybalt sich schon lange der Tatsache bewusst war, dass er sich in seine Cousine verliebt hatte, seit sie vom kleinen Mädchen zur Frau geworden war. Dass sie andersherum genauso empfand, darauf wäre er nie gekommen, und musste sich eine entsprechende Lektion von Vanni anhören, nachdem er ihren Kuss fast nicht erwidert hätte.
Fast.
Sie hatten – ironischer weise – zu genau dieser Sängerin ihren Tanz abgeliefert, Jevetta Steeles sanfte Stimme hatte die Tanzenden umschmeichelt. Tybalt hatte dem nicht viel Aufmerksamkeit geschenkt, war zu sehr damit beschäftigt gewesen, die anderen Jungs anzufunkeln, die es wagten, seiner Cousine auf den Hintern zu glotzen. Mit fortschreitendem Abend und immer älter werdendem Jazz waren auch die Tänze weniger harmlos geworden (und seit Lorenzo nicht mehr Schulleiter war, scherte sich nicht wirklich jemand darum) und am Ende des Abends trugen drei Montagues und ein Capulet ein blaues Auge nach Hause, Tybalt musste seine Hand mit Eis kühlen.

Zu Beginn hatten sie versucht, ihre Beziehung vor Giulias Eltern – die ja quasi auch Tybalts waren – geheim zu halten, schließlich waren sie verwandt.
Keiner von beiden hätte damit gerechnet, dass eines Abends, ehe sie zu einer verspäteten Hochzeitsreise aufbrachen, plötzlich ihre Mutter im Zimmer stehen und ihnen beiden ein kleines Paket in die Hände drücken würde.
„Benehmt euch“, hatte sie zwinkernd gesagt und war dann verschwunden, ihr Kleid so rot wie die Wangen ihrer Tochter, als sie neugierig in das Päckchen blickte und diverse Verhütungsmittel zutage förderte.
Es hätte ihnen klar sein müssen, dass sie hier die Dummköpfe waren. Sie hatten niemanden getäuscht mit ihrer kleinen Scharade.
Aber sie wurden akzeptiert, auch wenn natürlich ein paar Ermahnungen kamen. Die Verwandtschaft war nicht ohne, aber da beide noch jung waren, machte man sich über Kinder keine Gedanken. Auch Giulia und Tybalt nicht. Sie hatten andere Träume und Pläne.

Niemand hatte damit gerechnet, dass diese Romanze, die eigentlich schon seit Kindesbeinen an bestanden hatte, wirklich lange halten würde. Am wenigsten Giulia selbst, die, obwohl Romantikerin durch und durch, ihren Cousin besser kannte als der sich selbst.
Als Tybalt sein Studium abschloss, zogen sie beide um – aus dem Haus ihrer (Zieh-)Eltern in eine eigene kleine Wohnung. Nichts wirklich Besonderes, aber es war ihr eigenes Zuhause. Ein Zimmer, Küche, Bad und Vorratskammer. Das Bett wurde oft zusammengeklappt, um Platz zu schaffen (Tybalt hasste das Sofa-Bett, Giulia liebte es, wegen der Sprungfedern darin).
An manchen Abenden waren sie zu müde, um irgendetwas zu tun. Dann klappten sie das Bett aus, fielen hinein und schliefen durch.
An anderen Abenden waren sie beide aufgekratzt, schauten einen Film und begannen früher oder später doch, rumzumachen. Filmabende endeten fast immer damit, dass sich Giulia an ihren Cousin klammerte, während er einen sanften Rhythmus anschlug, bis sie sich auf dem Höhepunkt in seinem Hals verbiss und er die nächsten paar Tage mit dem eindeutigen Beweis für seine Aktivitäten herumlaufen durfte.
Meistens aber endete das Abendessen damit, dass der Tisch an die Wand geschoben wurde und sie zu irgendeinem Neunziger Slow Jazz-Song tanzten. (Keiner von ihnen konnte tanzen. Es war eigentliche eine unchoreographierte Abfolge von Ausweichen und Auf-Füße-treten. Genießen taten sie es trotzdem.)

Für Giulia war dieses Zusammenleben der absolute Himmel. Genau so hatte sie es sich immer vorgestellt. Sie hatte lange auf Tybalt gewartet, darauf, dass er sie endlich sah. Sie hatte ihn schon immer geliebt. Zuerst nur wie einen Bruder…aber sobald sie in Biologie Sexualkunde und den menschlichen Körper behandelt hatten, hatte sie sich pausenlos gefragt, wie Tybalts Körper wohl aussah. Sicherlich, sie hatte ihn schon oft halb nackt gesehen, aber das war kein Vergleich.
Irgendwann hatte sie realisiert, dass es ihr nicht nur um seinen Körper ging. Sondern um Tybalt als Menschen.
Sie hatte Romeo kennen gelernt, und sie war wirklich verliebt in ihn gewesen. Aber es war nach wenigen Wochen wieder vorbei gewesen – anders als in den Filmen, die sie so liebte. Dort hielten die Schwärme aus der Schule für immer und ewig.
Sie hatte unbewusste Erwartungen an Romeo gestellt, und am Ende hatte sie ihn verloren. (Wenn sie heute darüber nachdachte, dann wurde ihr bewusst, dass es ihr nicht einmal wirklich leid tat.) Doch dafür war sie Tybalt immer näher gekommen, auch wenn sie die Initiative hatte ergreifen müssen. Tybalt in all seiner Ritterlichkeit hätte sich das wohl nicht getraut.
Sie hatte in ihren Erwartungen Abstriche gemacht, nachdem die Sache mit Romeo so in die Brüche gegangen war. Und sie hatte festgestellt, dass es ihr nicht wie ein Verlust vorkam, nicht, als würde sie ihre Träume aufgeben, sondern eher wie ein Abenteuer, auf das sie und Tybalt sich gemeinsam einließen.
Und es war wirklich ein Abenteuer.
Keines wie aus den Kinderbüchern, die Tybalt früher verschlungen hatte – sie besiegten keine Drachen, vernichteten keine bösartigen griechischen Urgottheiten, jagten keine nasenlosen Zauberer und schlugen keine tödlichen Arenen, aber sie erlebten ihre Abenteuer.
Ruhige Abende, voller sanfter Musik und Kuscheln auf dem Sofa. Solche mit romantischen Filmen, bei denen Tybalt das Gesicht verzog, sie aber ihr zuliebe mit schaute. Und manchmal glaubte Giulia, ihn auch an den richtigen Stellen lächeln zu sehen, obwohl er nach außen seine Schale als harter Kerl aufrecht erhielt.
Es störte sie nicht. Sie wusste, wie er wirklich war, der butterweiche Kern, der gern am Herd stand und kochte, aber auf Teufel komm raus jede Süßspeise anbrennen ließ, an der er sich versuchte. Der schräg und schief, dafür aber mit voller Begeisterung mitsang, wenn im Radio seine Lieblingslieder liefen – und manchmal auch bei ihren. Der daran dachte, dass sie Erdnüsse hasste und Karamell liebte, der ihr nur Blumen schenkte, die nicht rochen, weil sie furchtbaren Heuschnupfen hatte.
Und sie war so stolz darauf, diesen Mann ihr Eigen nennen zu dürfen.
Er war anders als die anderen Männer in seinem Alter. Die schauten anderen Frauen hinterher, hielten es nicht so genau mit der Treue, versuchten, die anderen beim Wetttrinken zu überbieten.

Doch von einer Sache konnte Tybalt noch nie seine Finger lassen.
Und das waren Mutproben.
Wann immer er zu einer solchen herausgefordert wurde, nahm er sie sofort an – und er bestand sie mit Bravour. Giulia knabberte sich vor Stress die Fingernägel bis aufs Fleisch ab, wenn sie ihn bei irgendeinem seiner unsinnigen Stunts beobachtete, aber sie flickte ihn hinterher immer wieder kommentarlos zusammen.
Die eine Mutprobe, die drei Leben auf lange Sicht verändern würde, die sah sie aber nicht kommen. Alles andere waren vorhersehbare Dummejungenstreiche gewesen, gefährlich, aber vorhersehbar. Jemand war innerhalb einer halben Stunde um den Innenstadtring Veronas gefahren, seine Maschine am Limit? Tybalt schaffte es in 25 Minuten.
Jemand hatte im Sportstudio einen der Boxsäcke zu Klump geschlagen? Tybalt zerlegte drei davon und kam auch noch unbescholten davon, weil er Sicherheitsmängel an den Geräten festgestellt hatte.
Jemand trank einen Liter Mineralwasser in weniger als einer Minute auf ex? Tybalts Rekord waren dreißig Sekunden. Ohne hinterher einen legendären Ausstoß von Kohlensäure zu verursachen.
Fast immer waren die, die ihn herausforderten, Montagues. Dem konnte er doppelt nicht widerstehen, denn auch wenn die tödliche Fehde ihrer Eltern längst abgeklungen war – die Rivalitäten bestanden durchaus.
Die meisten dummen Ideen kamen von Mercutio, das stellte Giulia später fest. Er war offenbar furchtlos genug, um über meterhohe, regennasse Ruinenmauern zu balancieren, ohne auszurutschen. Und wenn er strauchelte, dann lachte er nur darüber, winkte die Todesgefahr ab wie eine Lappalie. Das trug ihm Bewunderer ein, doch Tybalt konnte ihn dafür nicht ausstehen.

Tybalt ging nicht oft aus, und wenn, dann meistens mit ihr zusammen. Giulia liebte ihre gemeinsamen Abende im Kino, die Spaziergänge durch das nächtliche Verona, oder, seltener, die Restaurants, die er auftat. Einmal hatte er ihr heimlich auf einem der Spaziergänge eine Rose aus dem Garten der Lady Montague gepflückt – dafür hatte sie hinterher seine Hand verarzten dürfen – und sie ihr ins Haar gesteckt. Sie hatte sie später gepresst und in ihr Tagebuch geklebt.
Doch manchmal traf er sich auch mit seinen Freunden. Obwohl sie gemeinsam aufgewachsen waren, überschnitten sich ihre Freundeskreise nur in Teilen, denn während Tybalt studiert hatte, hatte Giulia sich für eine Ausbildung zur Innendesignerin entschieden. Aus der Universität kannte er einen Haufen Leute, mit denen sie noch nie etwas zu tun hatte, und wenn sie mittwochabends in einem ihrer Kurse saß, die sie mit Freundinnen immer abwechselnd hielt – Handarbeiten, meistens – dann war er entweder beim Sport oder traf sich seinerseits mit Freunden.

Die kleine Jazzbar war rauchig und über und über mit alten Postern verziert, die alte, längst vergangen Konzerte bewarben. Einer seiner alten Kommilitonen feierte seinen Junggesellenabschied, und Tybalt war derjenige gewesen, der ihn ausgerichtet hatte. Er hatte diese Bar ausgesucht, statt eines lauten Clubs, und obwohl ihm das einen Kommentar in Richtung „Pantoffelheld“ eingetragen hatte, war er mit seiner Entscheidung zufrieden.
Auf der kleinen Bühne spielte gerade ein Saxofon-Quartett, nicht schlecht, aber auch nicht wirklich gut. Vorher war ein Kornett-Spieler an der Reihe gewesen, der bis auf die Hautfarbe aussah wie Louis Armstrong.
Man konnte immerhin sein eigenes Wort verstehen, auch wenn seine Freunde schon gut getrunken und mittlerweile definitiv einen zu sitzen hatten. Die Anekdoten über den Bräutigam wurden immer undeutlicher, bis man sich gegenseitig nur noch zu Trinkspielen herausforderte.
Das Programm auf der Bühne wechselte, als eine weitere Gruppe den Raum betrat. Die Spannung war nicht zu übersehen – zumindest die zwischen Tybalt und den zwei jungen Männern, die die andere Gruppe anführten.
„Wo man auch geht und steht, immer tauchst du auf, Mercutio“, fauchte Tybalt in die Richtung der Neuankömmlinge. Weil die Sängerin noch ihr Mikrofon richten musste, war die darauffolgende Stille deutlich zu hören.
„Du hast kein Monopol auf die Bar, Tybalt. Und wenn du mich verprügeln willst, nur zu. Dann landen du und deine besoffenen Freunde auf der Straße, und dich will ich sehen, wie du die Bande nach Hause karrst“, kicherte Mercutio herausfordernd und ließ sich provokant auf einem der Barhocker nieder, die an der Theke vor der Bühne standen. Er ließ die Beine baumeln – für einen so athletisch gebauten Mann hatte er erstaunlich disproportionale Beine, weil sein Oberkörper wesentlich länger war – und grinste Tybalt herausfordernd an.
Der riss sich zusammen – er wollte den Abend nicht verderben – doch Benvolio, der zweite Montague, kannte kein Erbarmen. Auch wenn er es wohl eher gut meinte.
„Vertragt euch doch mal einen Abend lang, verdammt. Ich wollte meine Verlobung eigentlich nicht mit einer Schlägerei feiern!“, knurrte er und stellte sich zwischen die beiden Streithähne.
Auch Tybalts Freunde waren mittlerweile darauf aufmerksam geworden, und einer schien noch sauber genug zu sein, um den Sinn zu verstehen. Die Idee, die er ausspuckte, war es allerdings nicht.
„Ja, genau! Habt euch lieb. Was sich neckt, das liebt sich, wissen wir doch!“, rief er und grinste breit. Tybalt machte sich eine mentale Notiz, Skip dafür später zwei blaue Augen zu verpassen.
Und ehe er es sich versah, standen er und Mercutio im Zentrum einer Gruppe aus mehr oder weniger besoffenen jungen Männern, die sie anfeuerten.
„Küssen! Küssen! Küssen!“, skandierten sie, während die Sängerin ihr Mikrofon endlich unter Kontrolle bekam.

Love is a losing game, played by fools, fools in love, hauchte die Jevetta-Doppelgängerin in die Bar, während Mercutio nur grinste. Ohne Worte wusste Tybalt auch so, was das bedeutet. Trau dich. Es war eine unausgesprochene Herausforderung. Und Herausforderungen von Mercutio konnte er noch nie widerstehen.
Also tat er etwas, was er sich niemals hätte träumen lassen. Mit drei großen Schritten hatte er die Distanz geschlossen und Mercutio eher grob im Nacken gepackt, damit er ihn auf die Füße ziehen konnte. Ihre Lippen kollidierten schmerzhaft und grob, hart und voller Abscheu auf beiden Seiten. Oder wenigstens von Tybalts Seite, denn sehr bald schmolz Mercutio gegen seinen Körper, schmiegte sich an ihn und erwiderte den Kuss eher sinnlich als brutal. Mehr Zunge und Lippen statt Zähne und Fingernägel in seinen Oberarmen.
Tybalt war so irritiert (überwältigt), dass er instinktiv reagierte. Er zog Mercutio an sich, als hätte er Giulia in den Armen und ließ den Kuss sanfter werden. Seine Hände malten sanfte Muster auf den sehnigen Rücken, er spürte kräftige Finger, die sich in seine Haare wühlten, Markierungen auf seinem Bizeps hinterließen.
Der Moment war so schnell vorbei, wie er gekommen war, doch es war ihnen beiden wie eine Ewigkeit vorgekommen.
Tybalt war ausnahmsweise derjenige, der schneller zu seiner üblichen Attitüde zurückfand.
„So, zufrieden? Wir sind jetzt beste Freunde und versprechen, uns heute Abend zu benehmen“, knurrte er, die Stimme so giftig wie selten zuvor. Mercutio, statt einen frechen Kommentar zu bringen, sprintete plötzlich los, in Richtung Toiletten.
Er tauchte erst eine halbe Stunde später wieder auf, mit leicht geröteten Augen – vermutlich von seinen dämlichen Kontaktlinsen, denn welcher Mensch hatte bitte so katzengrüne Augen? – und seinem Markenzeichen, dem dreisten Grinsen auf den leicht geschwollenen Lippen.
Tybalt riss sich von dem Anblick los und versuchte, sich auf den Abend und das Programm zu konzentrieren.
Es gelang ihm nur halbwegs, weil sein Blick immer wieder zu der sehnigen Gestalt glitt, die im Halbdunkel der Bar nur wenige Stühle entfernt saß.

Als Tybalt nach Hause kam, schlief Giulia schon. Er duschte leise, damit sie den Rauch nicht roch – üblicherweise rauchte er nicht, aber mit Freunden war eine Zigarette draußen vor der Bar eine willkommene Gelegenheit für frische Luft, so ironisch das auch war – und legte sich ebenso leise zu ihr auf das aufgeklappte Sofa.
Auch am nächsten Morgen erwähnte er nichts von dem Kuss, tat so, als könne er sich des Alkohols wegen nur an den Beginn erinnern. Er überspielte seinen nicht vorhandenen Kater mit einem Lächeln und einer Aspirintablette, tanzte mit ihr zu einem Bonnie-Tyler-Song, der im Radio lief, versuchte sich an Pancakes und musste nach den ersten drei verbrannten Versuchen aufgeben.
Giulia fragte nicht weiter nach – der Abend schien nett verlaufen zu sein. Sie hatte nicht dabei sein wollen, weil sie bis auf Skip und Greg keinen der Anwesenden kannte. Und die beiden waren in ihrer Abschlussklasse gewesen, Möchtegern-Comedians mit furchtbar infantilem Humor. Auf einen Abend mit den beiden hatte sie verzichten können.
Nach dem Abend aber änderte sich alles.
Nicht auf einen Schlag, sondern schleichend. Nach und nach tanzten sie seltener durch das Wohnzimmer. Die Spaziergänge fielen kürzer aus und es gab keine heimlich gestohlenen Rosen mehr.
Giulia zollte dem erst nicht viel Aufmerksamkeit – sie waren beide im Stress in ihren Jobs, und außerdem war das doch das Erwachsenenleben, oder?

An ihrem einundzwanzigsten Geburtstag verspätete Tybalt sich zu der Feier im Familienkreis. Er entschuldigte sich und überreichte ihr ein opulentes Geschenk – einen Rosenstrauß aus 21 eindeutig gestohlenen Rosen, zwischen denen ein Umschlag steckte. Giulia öffnete ihn vorsichtig, brach in Tränen aus, als sie die Worte las. Ein gemeinsamer Urlaub, nur sie beide, in Venedig.
Es war nur ein Wochenendtrip – mehr konnte er sich bei seinem Gehalt nicht leisten – aber der Gedanke zählte, und Giulia liebte ihn dafür.
Sie freute sich auf den Trip, plante mehr Sehenswürdigkeiten ein, als sie sehen könnten, selbst wenn sie 48 Stunden lang auf den Beinen blieben. Aber trotzdem hatte das Geschenk irgendwie einen schalen Nachgeschmack, den sie nicht genau benennen konnte.
Allerdings hatte diese seltsame Situation auch ein Gutes: Tybalt hatte scheinbar aufgehört, Mercutio mit den kindischen Mutproben übertreffen zu wollen. Er war erwachsen geworden, wie Giulias Vater lächelnd anmerkte, und klopfte seinem Ziehsohn auf die Schulter. Der grinste nur gequält und ließ die Anmerkung so im Raum stehen.
Überhaupt schien Mercutio niemals mehr ein Thema zu sein, die Montagues im Allgemeinen verschwanden von ihrem Radar. Keine hitzigen Diskussionen über dämliche Ideen am Frühstückstisch – Giulia war dazu übergegangen, nicht mehr alles gut zu finden, was Tybalt tat - , keine seltsamen blauen Flecke, die er sich angeblich beim Training zugezogen hatte, die aber eindeutig von einer Prügelei kamen.
Es war seltsam. Und es tat weh, dabei zuzusehen, wie ihr Tybalt langsam entglitt. Ihre Freundinnen und auch ihre Mutter vermuteten eine andere Frau, doch Giulia war sich absolut sicher, dass er ihr treu war. Er war nicht wie Romeo, nicht einmal wie Benvolio, der ein Date nach dem anderen verschliss.

Venedig schien alles wieder auf Anfang zu setzen. Obwohl sie es nicht erwartet hatte, entführte Tybalt sie auf einen langen Spaziergang – länger als geplant, weil sie sich in den engen, anonymen Gassen verliefen und erst bis zur Ponte Rialto finden mussten, ehe sie den Weg anhand der billigen Touristenkarten suchen konnten. In Venedig schien man nichts von Straßenschildern zu halten.
Er fand sogar eine samtene Maske, mit wunderschönen roten und weißen Seidenrosen als Haarschmuck, die er für sie in einem kleinen Antiquitätengeschäft namens Barbarossa erstand. Sie gönnten sich einen Abend in einer winzigen Rosteria, einem Grillrestaurant, das offenbar eher Einheimische als Touristen bediente und sie deswegen die Attraktion des Abends waren.
Sie tanzten auf dem Markusplatz, inmitten von hunderten, wenn nicht Tausenden von Touristen – und noch mehr Tauben. Keiner schenkte ihnen Beachtung, als sie albern über einen Mann kicherten, der Vogelfütterer spielte und Maiskörner auf den ausgestreckten Händen hielt.
Das Wochenende war viel zu kurz und verging wie im Traum, und als sie nach Hause kamen, waren die Erinnerungen daran viel zu bald nur wieder verblassende Fotos in dem Album, das Giulia irgendwann angelegt hatte.

Were the words like forever a lie, I believed them all, did you think I wouldn't cry, flüsterte Jevetta, während Giulia sich die Tränen aus den Augen wischte. Sie schaltete den CD-Player aus, ehe Tybalt nach Hause kam, und setzte ein Lächeln auf. Was auch immer ihn von ihr ablenkte, sie würde ihm keine Sorgen bereiten. Wenn er sich wirklich von ihr trennen wollte, wie ihre Freundinnen es inzwischen vermuteten, dann würde sie es würdevoll hinnehmen. Ihre Mutter hatte sie zur Lady erzogen, die wusste, wann sie verloren hatte. Sie würde nicht kampflos aufgeben, dachte sie sich, während sie sich die Haare ausschüttelte und das neue Nachthemd – wesentlich provokanter als alles, was sie sich sonst je zu tragen gewagt hätte – verführerisch über eine Schulter gleiten ließ.
Aber sie würde mit den Waffen einer Frau kämpfen, nicht mit Tränen oder emotionaler Erpressung. Sie würde Tybalt zeigen, was er an ihr hatte.
Der Sex an diesem Abend war schön. Ein anderes Wort dafür konnte Giulia nicht finden. Tybalt war sanft gewesen, wie immer – ob sie ihm sagen sollte, dass sie mehr aushielt? – aber er schien nicht wirklich bei der Sache gewesen zu sein. Er küsste sie danach sanft auf beide Wangen und die Stirn, ehe er im Bad verschwand. Letzteres war nicht unüblich, aber so geküsst hatte er sie das letzte Mal, als sie sieben Jahre alt war und mit einem furchtbaren Alptraum zu ihm gekommen war. Sie fühlte sich wie ein Kind, klein und missverstanden. Sie rollte sich zusammen, stellte sich schlafend, als er bald darauf zurückkam.

Ihre Idylle wurde immer mehr zur Routine, immer ein wenig liebloser, ein wenig unaufmerksamer. Er schien sich auf jemand anderen zu konzentrieren – ohne dass er es wirklich merkte. Einmal sprach Giulia ihn darauf an.
„Unkonzentriert? Nein, Giulia. Es tut mir Leid, dass ich dich vernachlässigt habe. Ich habe im Moment Stress…auf Arbeit. Was hältst du davon, wenn wir am Wochenende Eis essen gehen, und ich mich nur auf dich konzentriere?“, schlug er stattdessen vor. Giulia war bereit, sich darauf einzulassen, denn sie hing an ihrem Tybalt – an ihrem Held aus Kindertagen, an ihrem Ritter in strahlender Rüstung. An dem Mann, der sie glücklicher machte als jeder andere es wohl gekonnt hätte.
Das Wochenende kam, und mit ihm die Verabredung in der Eisdiele. Giulia fühlte keine Vorfreude, wie sie es sonst getan hatte, sondern kämpfte gegen nervöse Bauchkrämpfe. Was, wenn er das nur vorgeschlagen hatte, damit er sich von ihr trennen konnte? In der Öffentlichkeit würde sie keine Szene machen, dafür war sie viel zu gut erzogen.
Während sie auf ihn wartete, unterzog sie alle Frauen in dem Laden einer eingehenden Musterung. Einige waren jünger als sie selbst, kichernde Schulmädchen, die sich wohl vor ihrem Nachhilfelehrer drückten. Andere waren in ihrem Alter, wie die beiden Studentinnen, die am Fenster saßen und ziemlich eindeutig die Männer auf der Straße bewerteten. Hinter dem Tresen stand eine Frau im Alter ihrer Mutter, und für ein paar Millisekunden verzog sich ihr strichgerader Mund zu einem Lächeln. Was auch immer sie erwartete – solange Tybalt sie nicht für diese Matrone sitzen ließ, war es vielleicht auszuhalten.
Er tauchte pünktlich auf, mit einem Strauß Vergissmeinnicht, den er hinter dem Rücken hervorzauberte, kleine, zartblaue Waldblumen, die er irgendwo gesammelt haben musste. Sie bestellten, sie schwiegen sich an, dann starrten sie sich über den Pärchen-Becher hinweg an. Keiner wusste, wo er anfangen sollte, als die Türglocke klingelte.
Giulia wusste auf der Stelle, dass gerade die Person eingetreten war, die ihr die letzten Monate verdorben hatte. Sie erwartete einfach jeden, von einer völlig unbekannten bis hin zu ihrer besten Freundin.
Nur mit Mercutio hätte sie nie im Leben gerechnet. Sie beobachtete, wie Tybalts Blick sich auf die schlanke Gestalt heftete, wie er grinste, aber keinen Kommentar von sich gab. Sie wusste, dass sie verloren hatte. Mit leisen Worten entschuldigte sie sich, doch Tybalt schien sie nicht zu hören.

Erst, als sie fast eine Stunde später an dem Laden vorbei kam, sah sie, dass die beiden immer noch dort waren. Mercutio saß auf dem Platz, den sie vorher gehabt hatte, er rührte in einer hohen Glastasse herum und schien absolut nicht er selbst zu sein.
Doch dasselbe galt auch für Tybalt.
Die Situation zwischen den beiden war seltsam, und doch konnte Giulia erkennen, dass zwischen den beiden eine andere Art von Anspannung herrschte als früher. Sie lächelte traurig, schaltete Jevetta auf Dauerschleife und lief einfach los, bis sie die Wohnung einer Freundin erreichte.

Bald darauf dauerte es nicht mehr lange. Tybalt sprach sie darauf an, seine Wangen knallrot und seine Stimme reuevoll und scheu. Sie wollte weinen, toben, schreien, ihn verfluchen. Doch stattdessen lächelte sie unter Tränen und nahm ihn in den Arm. Sie verabschiedete sich von ihrer großen Liebe mit einem letzten, sanften Kuss, der ihr fast das Herz brach.
Er zeigte dafür Verständnis, dass sie nicht dabei war, als er auszog. Sie kam am Abend nach Hause, fand die Wohnung fast genauso vor, wie sie sie verlassen hatte. Nur Tybalts Sachen waren verschwunden. Seine Klamotten, seine Hanteln, mit denen er manchmal trainierte, sie aber meistens verwendete, um vor ihr anzugeben. Ob er das nun für Mercutio tat?, fragte sie sich unwillkürlich und verdrängte die neuen Tränen.
So sehr sie es auch wollte, sie konnte Mercutio nicht hassen. Sie gönnte Tybalt das Glück, die Liebe gefunden zu haben, auch wenn es schmerzte, dass er sie nicht genug geliebt hatte dafür.

Doch es dauerte, ehe sie den beiden begegnen konnte. Sie alle drei waren beim ersten Treffen angespannt, die Situation merkwürdig. Ein Mann, sein Freund und seine Ex. Wie in einer schlechten Komödie aus Hollywood, die Giulia allesamt aus ihrer Kollektion verbannt hatte.
Sie würden nie zu besten Freunden werden, das wusste sie. Aber mit der Zeit lernten sie alle drei, miteinander umzugehen. Am Tag der Hochzeit von Nella und Benvolio stand sie zwischen den beiden, wurde erst von Mercutio, dann von Tybalt zum Tanz aufgefordert. Ersterer wirbelte sie elegant über das Parkett, während Tybalt immer noch nicht tanzen konnte und sich an die wenigen Schritte zu halten versuchte, die er kannte.
Sie konnten gemeinsam lachen, und wenn andere Freunde dabei waren, dann war die Lage auch sehr entspannt. Und trotzdem tat es manchmal weh, die beiden zu sehen.

Giulia blätterte durch das Fotoalbum, das sie vor fast fünfzehn Jahren angefangen hatte, und lächelte, als sie die Bilder aus Venedig sah. Die Maske hatte sie immer noch.
Zwei warme Hände legten sich von hinten um ihre Mitte, und sie schmiegte sich an ihren Mann. Es waren zehn Jahre vergangen, seit sie sich von Tybalt getrennt hatte – sie bestand darauf, dass es von ihr ausging, sie wollte nicht als verlassen gelten – und drei Jahre, seit sie Paris kennen gelernt hatte. Er war einfach aufgetaucht, hatte sie akzeptiert, wie sie war, und konnte damit umgehen, dass sie sich manchmal von ihrer Vergangenheit nicht lösen konnte.
Doch obendrein konnte er tanzen, und wenn er sie langsam zu Jevetta um ihre eigene Achse drehte, dann küsste er ihre Tränen weg und tröstete sie wortlos.
Und trotzdem tat es weh.

Love is a losing game, played by fools, fools in love…

(Wen es interessiert, der lese hier die Vorgaben: "Love is a losing game" von Jevetta Steele, entweder nur den Titel oder den ganzen Song als Inspiration. Es sollte Tybalt/Giulia sein, aber mit Sad End für die beiden. Was im Umkehrschluss ein Happy End für mein OTP bedeutet. Außerdem war modern!AU gewünscht, meine Spezialität.

Skip und Greg übrigens sind bei Meister Shakespeare entliehen. Wer das Stück gelesen hat, der weiß, dass die beiden Diener der Capulets, die zu Beginn auftreten und das Stück einleiten, Gregory und Sampson heißen. Furchtbare Namen, meiner Meinung nach. Aber weil die beiden so herrliche Hanswurst-Charaktere sind, mussten sie mit rein. Dem 21. Jahrhundert sei Dank musste ich mich auch nicht allzu sehr an die alten italienischen Namen halten. (Eigentlich heißen die beiden Scipio und Grigorio, aber wenn man sie so anspricht, reagieren sie nicht).

Ich hoffe, dass das Ende überraschend war und trotzdem gefällt. Und ich hoffe, dass Paris/Giulia ein paar mehr Fans gewinnt...irgendwie haben es mir die beiden doch angetan. Frag mich einer, warum, keine Ahnung.
Und jetzt - Gute Nacht!
Review schreiben
 
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast