Die Gänsemagd im Sonnenau

von Perscitia
GeschichteFantasy, Schmerz/Trost / P16 Slash
20.03.2018
20.03.2018
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20.03.2018 1.362
 
Willkommen! Danke, dass ihr euch für diesen Beitrag zum Projekt „Märchen Female-Slash“ von  Hikari D Tenshi interessiert.
Zuerst möchte ich die Warnung wiederholen: Teil der Geschichte sind ausführliche Beschreibungen psychischer Gewalt und mildere Andeutungen physischer Gewalt und Suizids. Die Geschichte ist P16 (slash), aber wenn jemand meint, sie benötige eine höhere Einstufung, bin ich bereit, dem nachzugehen.
Außerdem gehört natürlich nichts mir, die Charaktere, Orte und Vorgeschichte sind entliehen aus Grimms und Lindgrens Märchen, genauer gesagt "Die Gänsemagd" und "Sonnenau". Ich verdiene kein Geld damit, auch nicht dafür, dass ich hiermit allen Menschen, die Sonnenau noch nicht kennen, dringend ans Herz lege, es zu lesen(so wie alle Märchen von Astrid Lindgren).
Ich hoffe, die Geschichte gefällt euch und freue mich über jegliche Rückmeldung.

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Schlaflos


Die Gänsemagd weinte. Sie weinte seit sie den Hof ihrer Mutter verlassen hatte um einen unbekannten Prinzen zu heiraten, also war das nichts Neues. Das Neue war, dass es nun keinen Grund mehr dafür gab. Sie hatte bekommen, was sie wollte, war mit dem wunderschönen Prinzen vermählt, die böse Magd, die ihr die Krone hatte streitig machen wollen, war tot, und…sie wurde von einer neuen Welle von Schluchzern geschüttelt, so stark, dass sie sich am Fensterrahmen des Turmes abstützte, in den sie sich geflüchtet hatte. Geflüchtet aus den warmen Federn des Bettes, das sie sich mit ihrem Prinzen teilte. Ihrem Prinzen, der sie vor der bösen Magd gerettet und diese biestige Hexe ein für alle Mal vernichtet hatte. An ihrer Hochzeit, die auch Tag der Hinrichtung gewesen war, hatte sie es noch für Tränen der Erleichterung gehalten, die ihr in Sturzbächen aus den Augen rannen.

„Sie hat ihr Urteil selbst gewählt“, hatte der Prinz ihr schelmisch lächelnd zu gewispert. „Von Pferden in einem Nagelfass totgeschunden werden, ihre Worte. Jetzt wird alles gut, du wirst sehen!“
Er hatte ihre Hand gehalten und dem Volk über den Acker zugewunken, über den besagte Pferde geprescht waren. Sie hatte auch versucht zu lächeln, versucht zu winken, den grässlichen Schrei in den Ohren und der festen Überzeugung, die Tränen wären ihr Triumph. Den Triumph der Gänsemagd über ihre Feindin. Nein, nicht der Gänsemagd. Sie war nun wieder eine Prinzessin, eine Königin bald, seit sie den Prinzen geheiratet und sein Vater abgedankt hatte. Und vielleicht wird es Zeit, ihren Namen zu nennen, denn wir werden sehen, dass sie vor allem ein Mensch war.

Sie hieß Elisabeth, Königin Elisabeth. Die Gänsemagd schüttelte sich, als sie darüber nachdachte. Es mochte nicht mehr recht zu ihr passen, dieser Titel, die Krone auf ihrem Haupt, das weiche Bett, der Griff des Prinzen um ihre Taille schon gar nicht. Sie sehnte sich nach den Gänsen, dem Stall, nach Kürtchen, selbst nach Faladas Kopf über dem Tor, auch wenn er sie so traurig angesehen hatte, dass der Prinz ihn hatte abnehmen lassen. Sie sehnte sich nach der Zeit als das Leben noch einfach, weil ihr der Grund für ihren Kummer bewusst gewesen war. Als es einfach gewesen war: sie, die arme Jungfrau, Sophie, die böse Magd, und der gute Prinz, der sie rettete. Sie sehnte sich nach der Zeit vor dem Tag der Hinrichtung der einen und der Hochzeit der anderen. Als sie irgendein Teufel geritten hatte, sich dem so liebevollem wie brutal unnachgiebigem Schutz des Prinzen zu entwinden und zu dem Käfig hinab zu rennen, in dem Sophie auf die Vollstreckung des Urteils wartete. Sophies dünne, schmutzige Hände hatten durch das Gitter gegriffen, als hätte sie nur auf sie gewartet und sie hatte nach Elisabeths Wangen getastet, sie an den Käfig gezogen, bis sie Stirn an Stirn standen, und mit leiser tränenverschmierter Stimme auf sie eingeredet, bis die Wachen sie erreicht und auseinandergezerrt hatten. Der Prinz war außer sich gewesen vor Wut und Sorge, hatte die Wachen angebrüllt, hatte Elisabeth angebrüllt, bis er sie an seine Brust gezerrt und gemurmelt hatte, er würde jetzt besser auf sie Acht geben, er würde sie nie mehr gehen lassen. Die Hexe würde sterben, durch ihr eigenes Urteil, durch ihr Urteil und alles würde gut werden.
„Sie hat dir doch keine Angst gemacht?“, hatte er Elisabeth gefragt und ihr den schweren Arm auf die Schulter gelegt, während sie auf die Throne zugingen, die vor dem Hinrichtungsfeld auf sie warteten. „Was hat sie dir erzählt? Sie hat dir keine Angst eingejagt, oder?“
Die Gänsemagd hatte den Kopf geschüttelt, während die blanke Panik sich langsam von der Stelle ausbreitete, mit der sie Sophie berührt hatte und ihren ganzen Körper erfüllte. Sie hatte ihre Gänseversehrten Hände in die Thronlehne gekrallt und mit immer noch wachsendem Erschrecken den Worten Sophies gelauscht, die hinter ihre Stirn umhergegeistert waren, selbst als die Schreie der Magd verklungen, die Ehegelöbnisse gesprochen und das Keuchen des Prinzen in der Dunkelheit des Schlafgemachs verklungen waren.

Es tut mir so leid. Ich habe alles getan, was ich konnte. Lass nicht zu, dass er dich zerbricht. Wenn es irgendeinen Weg zurückgibt, werde ich ihn finden für dich. Es tut mir so leid. Es tut mir so leid.

Elisabeth lehnte erschöpft ihr Gesicht an den Fensterrahmen. Er schien ihr Schluchzen zu ihr zurückzutragen, und es klang verboten laut in dem nächtlichen Flur. Es war das erste Mal seit langem, dass sie so laut geweint hatte. Sie war sehr still geworden, seit Sophie das letzte Mal zu ihr gesprochen hatte, zu still für den Prinzen, der sie oft aufforderte, doch lebhafter zu sein. Und sie wollte es so gerne, für ihn. Sie liebte ihn sehr, diesen wunderschönen Prinzen, ja das tat sie. Und auch er liebte sie, so beteuerte er Tag für Tag und Nacht für Nacht, auch wenn sie dumme Sachen machte, wie mitten im Königssaal in Tränen auszubrechen oder alleine zu den Ställen zu gehen, ohne ihm Bescheid zu geben.
Er hatte oft Angst um sie und Elisabeth betete, dass er nicht aufwachen möge in dieser Nacht und ihre Seite des Betts leer vorfände. Es wäre nicht gut für ihn, und es machte ihr Angst, wenn er traurig war. Sie sollte bald zurück, doch ihre Beine ließen sich nicht dazu überreden über die kalten Fliesen ins Königgemach zurückzueilen, ihre Finger sich nicht vom klammen Holz der Fensterbank lösen. Sie spürte den alten Gedanken herbeikriechen, den verbotenen, schlimmen Gedanken, der sie stets umgab wie ein hauchdünner Schleier, der erstickend werden konnte, wenn man ihn nur nah genug heranließ. Der Gedanken, der Gedanke, dass Sophie hatte Recht haben können, dass sie ihr wirklich nur hatte helfen wollen, weil die Nähe des Prinzen sie traurig machte, so sehr er sie auch liebte.
Da, nun hatte sie es gedacht. Ihre Finger bohrten sich in das weiche Holz und sie merkte, wie sich ihr Atem beschleunigte. Kalter Schweiß brach ihr aus, als irgendetwas in ihr schrie, wegzulaufen, sich zu verstecken, irgendwas zu tun, nur nicht zurück in dieses Bett zu kriechen. Sie hasste sich dafür. Sie liebte den Prinzen doch und er sie. Er hatte sie gerettet und trug sie auf Händen und sie war so undankbar, ihn dafür zu verachten. Sie war verabscheuungswürdig. Und das nur, weil ihr ihre erklärte Todfeindin eingeflüstert hatte, er wäre nicht gut für sie.
Siehst du, sie hat doch geschafft, was sie wollte, fuhr sie sich lautlos an. Sie hat einen Keil zwischen euch getrieben, zwischen dich und deinen Prinzen und du versuchst nicht einmal dich dagegen zu wehren. Wie schwach deine Liebe sein muss, dass ihr so etwas gelingen kann. Einer Toten.
Elisabeth spürte, wie eine neue Tränenfront nahe war. So konnte sie unmöglich zum Prinzen zurück, ob er sie nun vermissen würde, oder nicht. Aber auch hier konnte sie nicht bleiben. Bald ging die Sonne auf und dann würde die erste Magd kommen und sie, die Königin, ein Häuflein Elend, überraschen. Nein, sie musste hier weg.

Wie von selbst trugen ihre Beine sie zum Stall, fand sie ihren Platz zwischen den Gänsen, die ihr unfreundlich zischend Platz machten, aber nicht weiter nachfragten, keine Rechtfertigungen hören wollten, sondern einfach ein wenig enger zusammenrückten und sie in Ruhe ließen. Und so ließ sie sich einfach in ihrem seidenen Nachthemd zwischen Federn, Stroh und Gänsekot nieder, bettete den Kopf auf einen Futtersack und schlief ein, schlief so gut, fest und geborgen, wie seit Monaten nicht mehr.
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