Gewesen sein

von Avarantis
KurzgeschichteDrama, Romanze / P12
20.03.2018
20.03.2018
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Vorwort: Noch komme ich nicht aus der Versenkung zurück. Nach langer Abstinenz ist das ein reiner Gefühlsfluss. Nur um zu sehen, ob ich noch tippen kann. Erwartet nichts außer Herzschmerz. Avarantis out.
Aegnor, Finrods Bruder und sehr unglücklich und dramatisch verliebt. Sagt nicht, ich hätte euch nicht gewarnt.
Andreth, deren Finger ihn im Dunklen berühren und die eigentlich eine meiner Lieblingscharaktere ist. Fantastische Figur.




Gewesen sein


Ich bin nicht gut genug für dich. Ich werde dich zerstören und dich mit hinabreißen, ganz gleich, ob du mir das Gegenteil davon beweisen willst.
Ich spüre dich auf mir liegen, dein Atem kitzelt meine Brust, deine Locken schweben über meiner Haut. Deine Schönheit glänzt im Mondlicht.
Wehmütig gleiten meine Arme über deinen Körper, schweben, wagen es nicht, sie zu senken. Zu viel liegt ungesagt in jenem unfassbaren Raum, der mich noch von dir trennt. Er macht es fast unerträglich, deinen restlichen Körper zu spüren.

Du bewegst dich leicht im Schlaf, der sich schon jetzt von dir lösen will, langsam abflaut, gemeinsam mit deiner zuvor erfahrenen Erschöpfung. Wenn du erwachst, wirst du klarer sehen, wirst nicht mehr eingelullt sein von meinen unlauteren Versuchen.

Die Erkenntnis wird sich in deinen klugen Augen spiegeln, die so viel geistreicher als die meinen sind, noch nicht verbrannt von einem ewigen Feuer, das in all unseren Herzen schlägt. Sondern gezeichnet von einem entbehrlichen Leben, bevor ihr das Licht erblicktet.

„Unser Schimmer, unsere Weisheit“, sagst du manchmal, deine Stimme dabei rau, als hätte sie lange Zeit gegen einen Sturm von tosendem Unwillen aushalten müssen. Kein Glöckchen klingt in ihnen, keine Lieblichkeit, die ich gewohnt bin, wenn du erneut die Worte hebst und dein Kinn vorreckst: „Wir verdanken Euch noch vieles mehr.“

Deine Stirn verzieht sich dabei ernst. Erst deine Lippen bilden einen spöttischen Kontrast, sobald du das verachtende Gelächter hinter klischeegegipsten Dickköpfen widerhallen hörst.
Du hast dich verneigt, obgleich du es nicht gemusst hättest. Es war mehr Respekt, als er dir je in unseren Sälen entgegen gebracht wurde. Trotzdem warst du nicht eine Minute lang nachtragend, dein Lächeln war stets gleich und freundlich, unverrückbar, egal, wie schwer dich die Hiebe von Vorurteile zu treffen drohten.  
Denn dein Körper war fülliger, weniger elegant, weniger hübsch. Deine Züge gegerbt und ernst in deinem scharfen Gesicht, deine Hüften zu rund, die Beine zu kurz. Du sprachst nie von deinem Leben, das hinter den Schatten elbischer Weisheit lag und doch erzählte mir jede Bewegung von deinem Wandeln in der Dunkelheit.

Dein Haar war nicht geordnet, denn darauf legtest du keinen Wert. Nur wenn die Sonne es berührte, tauchte es in Flammen auf und glüht in allen Farben. Du lachtest, als ich es dir einmal sagte und deine Hände hielten die Locken vor mein Gesicht. „Möchtest du unter die Poetiker gehen?“, das unterdrückte Lachen machte deine Stimme zittrig, „sie sind braun. Dunkel. Mehr nicht.“
Dein Lächeln ist echter, als ich es jemals bei einer hohen Dame sah, obgleich du es selten zeigtest. Ich war nicht sofort von dir verzaubert, nicht sofort von dir hingerissen. Tatsächlich war ich von der Exotik angetan, von deinem starken Willen gefangen und beeindruckt von der Art deines Auftretens, ohne falsche Scheu.

Doch ich verfiel dir erst nach und nach, als ich bemerkte, das deine Aufgesetztheit keine war, dass dein Spiel keines darstellte, dass du eine erschreckende Ehrlichkeit besaßt, die dir nie jemand zu glauben schien.

„Selten wagt man, mich zu küssen“, sagtest du, mit dem Anflug eines Lächelns, dessen Emotion ich nicht deuten konnte, deine Züge immer noch schnippisch und beherrscht, selbst unter dem Licht der Sterne. Deine Hände berührten mich im Dunklen, ein sanftes Ziehen, das durch meinen Körper lief, als sie sich wie zufällig auf der Balustrade streiften. Natürlich war es kein Zufall, denn dein wissender Ausdruck vertiefte sich unter den scharfen Wangenknochen.

Ich wollte es dir sagen, was es bedeutete. Ich wollte dir Gewissheit geben, über Bräuche, von denen du noch nichts verstandst. „Lass es im Dunkeln“, meintest du, mit einem Finger auf meinen Lippen, „mehr erwarte ich nicht.“

Du wirst mich abneigend betrachten, sobald du weißt, gegen welche Regel ich verstoßen habe, selten war ich mir einer Sache so sicher. Ich wünschte, dass die Nacht niemals ein Enden findet, dass für alle Zeiten nur ein sanfter Schimmer durch die Äste der Bäume fällt und du weich und warm in meinen Armen schläfst, dass ich dich halten und behüten kann, dich nicht loslassen muss und es kein Morgen gibt, welcher uns aus unseren Illusionen reißt.
Du bist.
Ich bin.
Aber wir sind nicht, wir werden nicht sein. Wir werden nur gewesen sein. Ich breche dir das Herz, mit jeder Sekunde, die verstreicht, mit jeder Berührung, die ich mir gestatte, in einem Anflug von blinder Selbstsucht, die in mir schlummert und dich mir einverleiben will. Dein Haar ist sonderlich vermischt, wie die Farben von Gold und Kupfer, geschmolzen in einem glühenden Feuer.

„Wir Teleri lieben das Meer“, meines Bruders Schönheit schien dich nicht zu ummanteln, wie sie es sonst bei hübschen Damen tat und ich erkannte in seinen Augen einen überraschenden Funken von Ungläubigkeit. Du senktest deinen Blick nicht, sahst ihm weiter gerade in sein ebenmäßiges Gesicht und dachtest nicht einmal daran, errötend den Kopf abzuwenden, sobald seine Lippen ein strahlendes Lächeln malten und seine Wangen sich in Grübchen legten.
„Das Meer, tatsächlich?“, fragtest du nach, deine Töne spöttisch, vielleicht hochnäsig, so gut kannte ich dich damals nicht, „dessen raue Unberührtheit oder das ungestüme Temperament?“ Keiner von uns wusste genau, ob du damit nicht dich selbst meintest. Nur mein Bruder lächelte weiter, als jede festgezurrte Gleichgültigkeit aus den Gesichtern der Versammelten losgelöst wurde.  

Ich erzähle dir von Liebe, wenn du erwachst. Nehme es mir vor, lege mir die Sätze zurecht, sodass ich ihre zuckrige Süße schon auf den Lippen schmecken kann.
Nur ein Ton und du wärst mir einmal  mehr verfallen und ich könnte vergessen.
Denn wenn du fällst, so falle auch ich willenlos. In deinen Armen fürchte ich mich zum ersten Mal in meinem unsterblichen Leben. Deine Finger malen endlose Kreise auf meinem Körper, einer nach dem anderen. Kreise voll Unendlichkeit, die es für dich nicht geben wird. Nur für mich. Die ich verdammt bin, einsam zu fristen.

Du siehst nicht auf, starrst auf dein eigenes Kunstwerk, als würde dir seine Bedeutung nur langsam klar werden, obwohl es aus deiner eigenen Intuition heraus geschah. Du siehst es auch, ich weiß es und trotzdem bist du bereit, es anzunehmen. Oder spielst du dir etwas vor und ich kann es nicht erkennen? Meine überlegten Worte wollen dich vom Gegenteil überzeugen, wollen dich mitreißen. Du drehst dich um und sie bleiben mir im Hals stecken.

Nein, du erzählst von Liebe, denn ich schweige, wenn ich in deine klugen Augen sehe, verhangen in der Dunkelheit. Eigentlich kann ich durch die Finsternis den Blick nicht deuten und doch gelingt es mir. Deine Lippen sind verzogen, deine Mimik macht die Gesichtszüge unleserlich. Unbeschreiblich. In mehr als einer Hinsicht. Ohne Wort scheinst du zu wissen, was ich versucht hätte und Scham kriecht kalt über meine Haut.

Die Schemen deiner Brüste wippen, wenn du dich bewegst.
„Was siehst du?“, fragst du leise, als deine braunen Locken sich an deiner Unterlippe verfangen und du sie mit einer fahrigen Bewegung fortwischst. Deine schlanken Arme stützten sich rechts und links auf meinen nackten Oberkörper, sobald du deine Beine aus dem duftenden Gras ziehst und sie über meinen Schoß gleiten lässt. Dein Lächeln ist verrucht und du weißt viel zu gut, was du tust. Deine Lippen wandern, von meinen Wangen zu meinen Lippen, verharren dort. Sie tupfen flüchtig und ich spüre den Klang deines Lachens zu mir wandern.

Du bist.

Gerade bist du, als ich dich an den Hüften festhalte und mit einem Schmunzeln herumwerfe. Ich greife nach deinen Beinen, ziehe dich zu mir und spielerisch tänzeln deine Hände durch das Blütenmeer.
Sie fallen früh dieses Jahr und weichen einem grünen Sommer, der trotz allem keine Hoffnung für uns birgt.

Du wirst sein. Obwohl du gerade bist, mit geschlossenen Augen unter mir liegst und dich mit den Nägeln an meinem Rücken festhältst, als wolltest du mich nicht verlieren und für immer ein Zeichen auf meiner makellosen Haut hinterlassen. Beinah lautlos bewegst du dich im Gras und verblasst vor meinem verhangenen Blick schon jetzt, wenn ich dich so deutlich bei mir spüren kann.

Wir werden nicht gewesen sein.

Der Morgen graut und ich weiß nicht, ob er das nur für mich tut. Ich verlasse dich ohne einen Blick zurück, kann dein entglittenes Gesicht nicht ertragen, kann nicht sehen, wie das Sonnenlicht dich in einen Strahl von Hoffnung taucht, verschmolzen mit der Reflektion der Schatten. Er ist mir nicht gestattet. Du bleibst zurück auf einer Wiese voller leuchtender Blüten, deren wunderschöne Knospen gerade ihre Schönheit entfaltet haben und ich bewahre dein Bild bis zu dem Tag, an dem das Feuer mich dahinrafft.

Denn ich werde gewesen sein, doch ich werde niemals den Anblick ertragen müssen, dass du nur gewesen bist.
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