Erster und letzter Tanz

von Ajnif
OneshotDrama, Romanze / P12
17.03.2018
17.03.2018
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Für meine wundervolle Betaleserin Salmey.

Sevilla, Spanien – April, 1854

Der Frühling stand noch in voller Blüte, der Sommer trug noch seine Kinderschuhe und dennoch war es überraschend warm. Schweißperlen hatten sich unter seiner Maske gebildet, die Jacke seines Jacketts klebte an seinem Rücken und auch der Bund seiner recht leichten Stoffhose klebte geradezu um seine Taille herum. Äußerst unangenehm. Doch noch unangenehmer waren ihm die vielen Menschen, die sich dicht an ihm vorbeidrängten, mit lauten, zumeist betrunkenen Stimmen Dummheiten durch die Gegend grölten und allgemein einfach überall waren.

Noch am gestrigen Tag hatte er die Menschenmenge auf dem Feria de Abril genossen, die Anonymität, die sie ihm gab. Viele Spanier liefen mit Masken vor dem Gesicht herum, die meisten trugen dazu bunte Kleider. Das Volksfest hatte sich vor einigen Jahren aus einem Viehmarkt heraus entwickelt und galt nun als eines der buntesten, fröhlichsten und – je nachdem, wen man fragte – geschmacklosesten Feste der Welt.

Derzeit tendierte Erik definitiv zu letzterer Beschreibung. Angewidert stieß er einen betrunkenen Bauerntrampel von sich, als dieser gegen ihn fiel. Er musste definitiv hier heraus, es war nicht auszuhalten!

Erleichtert atmete der junge Mann auf, als er einen ruhigeren Teil erreichte. Zerbrochene Flaschen, Blumen und andere Gegenstände lagen auch hier auf dem Boden, doch der Trubel hatte sich im Laufe des Tages verlagert. In Preußen hatte er einen jungen Spanier getroffen, der ihm von diesem Fest erzählt hatte, damals hatte sie maßgeblich seine Entscheidung beeinflusst, nach Spanien zu reisen. Eine Entscheidung, die er nicht bereute, ganz im Gegensatz zu dieser Laune, diese… diese Anmaßung zu besuchen. Eine Ansammlung von schlechten Manieren und widerwärtigem Verhalten war das hier. Nichts weiter!

„Zu nüchtern oder zu europäisch?“, fragte da plötzlich eine Frauenstimme zu seiner rechten Seite.

Erik fuhr herum und erblickte eine junge Frau, die etwa in seinem Alter sein musste. Sie hatte gut gebräunte Haut, lange schwarze Locken, die ihr offen über den Rücken fielen und ausdrucksstarke, dunkelbraune Augen. Auf ihren rot angemalten Lippen lag ein verschmitztes Lächeln, als sie ihn herausfordernd ansah.

„Europäisch?“, erwiderte er kühl.

„Nordeuropäisch, um präzise zu sein.“ Die Silben rollten mit der Melodik der spanischen Zunge über ihre Lippen.

„Das ist wohl eine Definitionssache.“

Zu seiner Überraschung ließ sie sich nicht von seinem Ton verschrecken. Schallend lachte sie auf. „Definitiv europäisch. Aber da können wir etwas machen. Komm mit!“

Natürlich folgte er dieser Aufforderung nicht. Wie käme er dazu, einer Frau – wenn auch einer sehr hübschen Frau – einfach zu folgen?

Als sie seine fehlende Reaktion bemerkt hatte, blieb sie stehen, drehte sich zu ihm um, stemmte die Hände in die Hüften und schüttelte tadelnd den Kopf. „Wie soll ich dir helfen, wenn du nicht mitkommst? Hm?“

„Ich brauche keine Hilfe.“

„Und ob du die brauchst.“

„Verzeihen Sie, Seniorita, aber ich sollte wohl am besten beurteilen können, ob ich Hilfe benötige, oder nicht.“ Was bildete sie sich eigentlich ein?

„Unwahrscheinlich“, tat sie seinen Einwand jedoch nur mit einer schnellen Handbewegung ab. „Warum bist du hier?“

In der Hoffnung, sie so schneller loswerden zu können, antwortete Erik mit einem Seufzen: „Die Menge war regelrecht erdrückend.“

Nun war es an ihr zu seufzen: „Lasse mich präziser werden: Warum bist du hier auf dem Feria de Abril?“

„Nun…“ Er wollte Antworten, doch zu seiner Verwunderung fiel ihm keine passende Erwiderung ein. Warum war er hier? Nur weil er eine Laune gehabt hatte? Weil er Abwechslung erhoffte? Weil er-?

„Weil du Spaß haben willst“, unterbrach die Schwarzhaarige seine Gedanken.

Erik schwieg. Was sollte er dazu auch sagen? Ihr Recht geben? Es dementieren? Er konnte beides nicht in voller Überzeugung tun.

„Ihr Nordeuropäer seid immer so steif. Besonders die Preußen. Bist du Preuße? Spielt keine Rolle. Euch muss man immer sagen, dass ihr euch entspannen sollt. Ihr wollt euch amüsieren, ganz tief in eurem Inneren, und dennoch tut ihr es nicht? Warum?“

„Ich bin Franzose“, war das einzige, was Erik darauf erwiderte. Zwar war er seit Jahren nicht mehr in seinem Heimatland gewesen, doch seltsamerweise verband er noch immer etwas mit diesem Staat. Er mochte die deutsche Strenge, empfand die italienische Lockerheit als angenehm, doch Frankreich vereinte beides in einem. Nicht immer, aber doch meistens eine vorteilhafte Mischung. Nicht zuletzt, weil die Franzosen die einzigen waren, die wussten, wie man guten Wein herstellen konnte.

Freudig klatschte sein Gegenüber nun in die Hände. „Noch besser! Bei euch Franzosen ist es leichter, euch die Hemmschwelle zu nehmen. Perfekt!“, rief sie aus und fuhr nach einer kurzen Pause fort: „Und jetzt komm!"

Ihre Beharrlichkeit imponierte ihm, weshalb er fragte: „Warum?“

Diesmal war ihr Seufzen schon fast genervt, doch ihre Augen strahlten noch immer diesen gewissen Schalk aus. „Habe ich doch gerade erklärt. Ich will, dass du Spaß hast.“

„Warum ich?“, war es nun an Erik, seine Frage zu präzisieren.

Sie zuckte zur Antwort nur mit den Schultern. „Ich weiß nicht. Vielleicht, weil du so aussiehst, als könntest du es ganz gut vertragen. Oder vielleicht auch nur, weil du gerade hier bist. Vielleicht habe ich Mitleid mit dir. Vielleicht ist es Schicksal. Wer kann das schon wissen?“

Nun, er konnte wohl getrost zugeben, dass er sich schon eine Weile nicht mehr wirklich amüsiert hatte. Aber war das wirklich ein Grund, mit dieser seltsamen Frau mitzugehen? Welche Frau sprach ganz alleine einfach einen Mann an, um ihn zum „Spaß haben“ zu überreden? Und bei diesem Gedanken fiel es ihm wie Groschen von den Augen. Seine Kleidung zeigte seinen derzeitigen Wohlstand, sein Gebaren passte zu einem Edelmann. Mit zusammengekniffenen Augen betrachtete er sie noch einmal. Sie war wirklich sehr schön. Ihr Gesicht wohl proportioniert, ihr Körper anziehend. Noch betont von dem rot-schwarz gemusterten Kleid, das sie trug. Der Rock war gerade einmal knöchellang, und die Rüschen schwangen bei jedem ihrer Schritte. So weit der Rock auch war, so enger saß das dunkelbraune, fast schwarze Korsett, das sie trug, und die weiße, ebenfalls gerüschte Bluse zeigte deutlich mehr von ihrem Dekolleté, als es schicklich war. Es hätte ihm früher auffallen müssen, was sie war.

Angewidert wollte er sich von der Prostituierten entfernen, als sich eine kleine Stimme in seinem Kopf erhob. Warum eigentlich nicht? Sicherlich, es wäre erkaufte Liebe, doch andererseits… Seit einigen Jahren hatte er nun schon diesen Drang in sich, der sich beim Anblick ihrer wohlgeformten Brüste nur noch verstärkte. Er hatte damals eine Weile gebraucht, um herauszufinden, was dieses Ziehen in seinem Unterleib bedeutete, warum manchmal diese… Dinge in seiner untersten Region passierten. Doch sobald er es verstanden und gelernt hatte, was diesem Drang ein Ende setzen würde, hatte ihn auch eine andere Gewissheit ereilt. Dieses Gefühl würde für immer unbefriedigt bleiben.

Das, was ihm ein normales Leben verwehrte, vereitelte auch diese Befriedigung. Doch diese Frau hier, mochte sie auch nicht aus Lust, sondern reinem Überlebenswillen handeln, war willig. Er könnte sie bezahlen, ihr eine Demaskierung verwehren. Also warum nicht…? Weil es moralisch verwerflich wäre. Weil es unecht wäre. Weil es schlichtweg falsch wäre. Er hatte keinen blassen Schimmer, woher diese Ethik in ihm auf einmal kam. Hatte er tatsächlich kein Problem damit, jemanden zu töten, aber eine Frau gegen Bezahlung zu nehmen. Unwirsch knirschte er mit den Zähnen, als das Bild eines verängstigten, jungen Mädchens vor seinen Augen auftauchte. Ein junges Mädchen, das lieber gestorben war, als bei ihm zu liegen.

„Du solltest dir einen anderen suchen“, erklärte Erik der jungen Frau schließlich.

Verdutzt zog sie ihre Augenbrauen zusammen, als sie fragte: „Wofür?“

„Ich bin nicht der richtige, um Spaß zu haben.“

Es dauerte einen Moment, doch dann verstand sie seine Aussage. Schneller als er je hätte reagieren können, rauschte sie als rot gekleidete Furie auf ihn zu und er spürte einen scharfen Schmerz an seinem Schienbein, der gleich von dem Schmerz in seinem Gesicht übertüncht wurde. Nicht nur, dass sie ihn getreten hatte, sie hatte ihn auch noch geschlagen. Geschlagen. Auf die Maske. Schmerzhaft hatte sich das Porzellan in seine Wange gedrückt, war zu seinem Glück aber nicht zerbrochen.

Doch damit noch nicht genug. „Wie kannst du es wagen?! Wie?! Mich als leichtes Mädchen zu betiteln?! Ich bin eine anständige Frau! Ich weiß, was sich gehört! Wage es bloß nie wieder, mir zu unterstellen, ich würde so etwas Unsittliches tun!“, zeterte sie und funkelte ihn dabei wütend an.

Einen Moment hielt der Schock noch an, doch dann erinnerte er sich an seine guten Manieren. „Diese Unverfrorenheit tut mir leid, Senorita. Ich bitte untertänigst um Entschuldigung für meine Anmaßung.“

Seien Worte waren aufrichtig. Ihre Worte überzeugten ihm zwar nicht vom Gegenteil, schließlich würde jede Dame dieses Gewerbes wohl das Gleiche behaupten. Doch es musste sich eingestehen, dass es falsch war, ihr offen zu sagen, für was er sie hielt. Ihre Kleidung wies sie als Angehörige des Roma-Volkes aus; oft hatten die Frauen keine andere Wahl, als sich auf diese schäbige Art ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Sie waren Ausgestoßene, verfolgt und nicht erwünscht, galten als der Abschaum der Gesellschaft und dennoch überlebten sie, hielten zu ihren Traditionen. Erik hatte schon immer eine gewisse Bewunderung für die Stärke dieses Volkes übriggehabt, auch wenn seine allererste Erfahrung mit ihnen schlecht gewesen war. Ein kalter Griff umschloss sein Herz, als ihm rostige Gitterstäbe in den Sinn kamen, als er die Hände eines Mannes plötzlich spürte, der ihn zu Boden drückte. Mit einem schnellen Blinzeln verscheuchte er diese fernen Erinnerungen.  Das war lange her, er war nicht mehr dieser kleine Junge. Er war inzwischen dreiundzwanzig, ein gestandener Mann mit einem außergewöhnlichen Wissen und einer Vielzahl an Talenten. Er wusste sich zu wehren, konnte sich in der Welt behaupten. Doch nicht jeder konnte das. Nicht jeder auf dieser Welt konnte so talentiert und geschickt wie er sein. Nicht jedem war es gegeben, aufzustreben. Sollte er dieser jungen Frau vor ihm also helfen?

Eine gewisse Erregung durchzuckte ihm bei den Gedanken, was das bedeuten würde, gefolgt von dem Gefühl des Ekels, welches ihn schon zuvor gestreift hatte. Seine Zwiespältigkeit löste ein unangenehmes Gefühl der Erdrückung in ihm aus, ein Gefühl, das ihn zwang, sich zu entscheiden.

„Nun, wenn ich so an die europäischen Frauen denke, ist es vielleicht gar nicht so verwunderlich, dass du mich für eine Bordsteinschwalbe hältst“, lenkte die dunkelhaarige Frau ihn von seinem Dilemma ab. „Ich verzeihe dir also. Unter einer Bedingung-“, Erik wollte aufbegehren ob dieser Dreistigkeit, da fuhr sie jedoch schon fort: „Ich verlange einen Tanz.“

Ehe er ihre Bitte zurückweisen konnte, spürte er, wie sich sein Kopf in einer bestätigenden Geste neigte. Die Seite, die mit ihr mitgehen wollte, hatte die Gelegenheit erkannt und gewonnen. Vorerst zumindest. Unsicher, ob er der Frau seinen Arm reichen sollte, wie es die meisten jungen Männer mit ihren Begleiterinnen taten, stand er da. Sein Blick war auf ihre dunkelbraunen, fast schwarzen Augen gerichtet, die in einer siegessicheren Süffisanz blitzten. Ein Blick, der ihm gar nicht gefiel, gab er ihm doch das Gefühl, verloren zu haben.

„Dann komm“, sagte sie mit einem Lächeln und bedeutete Erik, ihr zu folgen. Ohne weiteren Kommentar tat er dies. Gemeinsam gingen sie zurück zu der Hauptmeile des Viehmarktes und schlängelten sich durch die inzwischen lichter gewordene Menge. Aufgrund ihrer auffälligen Kleidung und dank seiner Größe hatte er keine Probleme, der jungen Frau zu folgen. Ihr Haar wiegte leicht hin und her, ihr Rock schwang um ihre Knöcheln, während ihre Hüften sich elegant, aber nicht zu aufreizend, dass es billig gewirkt hätte, wiegten. Alles in allem war sie zu schön, als dass sie sich mit jemandem wie ihm abgeben würde, wüsste sie, was unter dem weißen Porzellan seine Maske verborgen war.

Erneut verließen sie den Hauptplatz des Geschehens und betraten nach einem kurzen Gang durch die Dunkelheit einen durch Fackelschein beleuchteten Innenhof. Musik erklang. Die nicht gestimmte Violine schmerzte in Eriks Ohren, das mangelnde Talent des anderen Violinisten schmerzte ihm in seinem Inneren. Natürlich, nicht jeder war dazu berufen, ein musikalisches Genie wie er zu sein, doch sollte auf einer derartigen Tanzveranstaltung nicht jemand spielen, der es auch konnte?

„Nicht deine Musik?“, fragte seine Begleitung ihn nun mit erhobener Braue.

Mit Mühe die Unstimmigkeit der Instrumente überhörend – konnte dieser Trommler denn nicht bis vier zählen? – lauschte Erik den Klängen der Musik. Es war nicht das erste Mal, dass er diese schnelle, zunächst disharmonische, aber dennoch so fröhliche Leichtigkeit vernahm. So etwas fand man in Nordeuropa nur selten, mit Ausnahme der irischen Musik, aber die wurde auch eher in Kneipen gespielt denn in Tanzsälen.

„Eine durchaus mitreißende Art der Musik, wenn sie denn richtig gespielt wird“, gab Erik sein Missfallen durch die Blume kund.

Die Frau war jedoch nicht erbost, sondern zuckte nur mit den Schulten. „Man nimmt, was man kriegen kann. Letztendlich kommt es ja auch nicht auf die Melodie an, sondern was man daraus macht.“

„Wie ich bereits sagte, es kommt auf die Spielweise an.“

„Ich meinte das nicht so wörtlich, sondern eher im übertragenen Sinne.“

Mit einem verwunderten Blick forderte Erik seine Begleitung auf, dies weiter zu erläutern.

„Es ist wie mit einem Menschen“, begann sie, „Das Benehmen kann perfekt sein, das Äußere eine wahre Augenweide, und dennoch ist die Zeit, die man mit jenem Menschen zu verbringt, wenn er einen unangenehmen Charakter hat, schrecklich. Ist jemand in Lumpen gekleidet, der aber dafür Humor hat, nicht eine viel bessere Gesellschaft als ein feiner Aristokrat, bei dem man sich nur langweilt?“

„Ich nehme an, Sie sprechen aus Erfahrung?“

Ein Glucksen entstieg ihrer Kehle, als sie antwortete: „Wie sollte ich denn jemanden aus einer Aristokratenfamilie kennenlernen?“

„Dann sind Ihre Ausführungen nichts weiter als Theorien, nein, viel mehr Hypothesen denn Theorien, wie ich fürchte.“

„Nein, es ist ein Beispiel. Worauf ich hinauswill, ist, dass selbst mit schlechter Musik und guter Gesellschaft man mehr Freude hat als bei meisterhaften Ausführungen von Melodien, aber einem langweiligen Umfeld.“

In diesem Moment gab die eine Violine einen Ton von sich, was wohl ein G hätte sein sollen, aber so wenig daran erinnerte, wie ein Elefant mit einem Wal vergleichbar war.

„Da muss ich Ihnen ein subjektives Empfinden unterstellen“, erwiderte Erik, dem der schiefe Ton noch immer in den Ohren hallte. „Ich bevorzuge ein korrekt gespieltes Lied jeder Gesellschaft.“

„Subjektiv?“

„Eine ichbezogene Meinung, die jeden Menschen nur persönlich betrifft und kein Abbild der Allgemeinheit darstellt, dies wäre dann nämlich objektiv“, erklärte er in Lehrermanier.

„Ein hübsches Wort“, gab sie mit einem Schmunzeln zu. Offenbar schämte sie sich keinesfalls für ihre Unwissenheit. „Jetzt möchte ich aber meine Entschädigung haben“, fügte sie noch hinzu, als die Violinisten eine neue Melodie anspielten. Künstlerisch nicht viel wertvoller als die Vorherige, aber annehmbarer. Das flotte Tempo kaschierte viele technische Fehler.

Erik fragte nicht nach, was sie meinte. Mit aller Kraft unterdrückte er das Zittern seiner behandschuhten Hand, als er sie ihr in höflicher Manier darreichte. Die Aussicht, ihrem Körper so nahe zu kommen, ließ sein Herz flattern. Er selbst hatte nie zu dieser Musik getanzt, doch er hatte oft anderen dabei zugesehen. Es sollte nicht allzu schwer sein, das Erblickte selbst umzuwandeln.

Wie er sich dabei täuschte. Beobachtungen und musikalisches Talent reichten bei Weitem nicht, um auch nur ansatzweise mit den schnellen Schritten der schwarzhaarigen Schönheit vor ihm mitzuhalten. Sie war mit der Musik aufgewachsen, der Rhythmus war in ihrem Blut, gewissermaßen ein Teil von ihr. Ihre Röcke flogen, ihre Füße bewegten sich so schnell, dass man sich fragte, ob sie überhaupt den Boden berührte. Sie war talentiert, wirklich talentiert. Und diese Tatsache weckte Eriks Unmut nur noch mehr, neben ihr musste er sich wie ein Stein bewegen, schwerfällig aussehen wie ein Sack Mehl. Dabei war sein nicht sonderlich muskulöser, schlanker Körper alles andere als schwerfällig.

Wut staute sich in seinem Inneren auf, eine Wut, die nie wirklich verschwand, immer in ihm ruhte, um gelegentlich entfesselt zu werden. Das Quietschen der ungestimmten Violine war der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.

Mit einem zornigen Knurren wandte Erik sich um, als der schiefe Ton an sein Ohr drang. Ohne viel Federlesen hastete er zu dem Mann, der ungefähr in seinem Alter war, und riss ihm das Musikinstrument aus der Hand. Der bohrende Blick aus seinen gelben Augen erstickte die Proteste des Mannes direkt im Keim. Sorgenvoll beobachtete der sogenannte Violinist, wie Erik vorsichtig an der linken Saite zupfte, feststellte, dass das G viel zu hoch war und mithilfe der Schraube etwas Spannung von dem Naturdarm nahm. Diese Prozedur wiederholte er bei allen vier Saiten. Es war kein hochwertiges Instrument, erklang nun aber deutlich besser als zuvor. Mit einer auffordernden Handbewegung bedeutete Erik dem Besitzer, ihm den Bogen zu geben. Das Pferdehaar war an einigen Stellen gerissen, doch er erfüllte noch seinen Zweck.

Mit einer leichten Bewegung fuhr Erik mit dem Bogen über die Saiten der Geige. Eine kleine Tonleiter erklang. Viel besser. Mit einer harschen Bewegung gab er dem Violinisten sein Instrument zurück, welches er schnell an sich drückte. Nun wandte Erik sich an den zweiten Spieler. Dessen Instrument war gestimmt, nur wurde es falsch gespielt. Dagegen konnte er nicht viel ausrichten.

Nach seiner stummen Aufforderung reichte auch der zweite Spieler Erik seine Geige. Schock breitete sich auf seinem Gesicht aus, als Erik jedoch nicht begann das Instrument zu stimmen, sondern sich wieder an den ersten Spieler wandte.

„Spiel mir nach“, befahl er und stimmte eine flotte Melodie an, an die er sich noch aus seiner Jugend erinnerte. Die einfache Bevölkerung konnte in den seltensten Fällen Noten lesen, sie lernten, nach Gehör zu spielen, und so hatte der andere keine Probleme, Erik zu folgen. Nach der dritten Wiederholung konnte er so das Lied alleine fortführen.

Erik dagegen hielt nicht inne, sondern veränderte fließend die Melodie und entwickelte eine zweite Stimme, die mit der ersten harmonierte, diese ergänzte und so eine ganz neue Sprache entstand. Das Lied hatte weniger mit der traditionellen Musik zu tun, die sie zuvor gespielt hatten. Tatsächlich war es eine ganze eigene Art von Genre. Der aufmerksame Zuhörer hätte spanische Flamenco-Elemente darin gefunden, Erinnerungen an ein französisches Chanson oder orientalische Rhythmen. Und doch harmonierte es.

Das Publikum war einen Moment verwirrt, passte sich dann aber schnell an und schon bald flogen die Röcke der Damen erneut, war das Klacken der Stiefel der Männer zu vernehmen und das Klatschen der umstehenden Menschen. Auch der Trommler fand schnell seinen Rhythmus und ließ erkennen, dass es doch so etwas wie ein geringfügiges musikalisches Verständnis besaß.

Erik hatte schon länger nicht mehr gespielt und doch war es wie zu jeder Zeit. Egal, wo er sich befand, wann er dort war oder warum er spielte. Er verlor sich in seiner Musik, ging in ihr auf. Die Musik barg ihre ganz eigene Heilung in sich. Für ihn und für seine Umwelt.

Erik erwachte erst aus seiner Trance, als er spürte, dass ihn jemand berührte. Ohne es zu merken, hatte er seine Augen geschlossen gehabt. Die Berührung kam einem Blitz gleich, der krachend in eine alte Eiche schlug. Er riss seine Augen auf, brach ab zu spielen und erstarrte regungslos.

Die schwarzhaarige Frau hatte eine Hand auf seine Brust gelegt und sah nun zu ihm auf. Ein müdes Lächeln lag auf ihrem Gesicht, ihr Atem ging schwer, so lange hatte sie getanzt.

„Du schuldest mir einen Tanz“, erinnerte sie ihn.

Unter der Maske verborgen, zog Erik eine Grimasse. Er wollte deutlich lieber weiter musizieren, denn sich noch einmal die Blamage eines Tanzes geben. Während er jedoch noch fieberhaft überlegte, wie er aus der Sache herauskommen könnte, hatte sie ihm schon die Geige aus der Hand genommen und ihrem Besitzer zurückgegeben.

Erik hörte, wie sie ihm etwas sagte, verstand doch nicht genau, was. Er spürte kurz darauf nur, wie ihre Hand seine umfasste und sie ihn mit sich zurück auf die improvisierte Tanzfläche zog. Keine schnelle Melodie erklang nun, sondern etwas langsames. Etwas, wozu er auch tanzen konnte.

Mit einem Seufzen – wobei seinem Unterbewusstsein absolut klar war, dass er dies nur halb so schlimm fand, wie er sich einredete – umfasste er die Taille der Frau mit der einen Hand und reichte ihr seine andere, damit sie diese umfassen konnte. Sie ignorierte das Angebot jedoch und legte stattdessen ihre beiden Hände auf seine Schultern. Er hatte keine Wahl, als auch mit der anderen Hand ihre Körpermitte zu umfassen.

Langsam begannen sie sich zu bewegen. Es war keine bestimmte Abfolge von Schritten und dennoch im Einklang zur Musik. Schon bald entspannte Erik sich, genoss die Nähe zu der jungen Frau, die mit einem Lächeln auf den Lippen zu ihm hochsah.

„Wie ist dein Name?“, fragte da Erik plötzlich. Warum wollte er das wissen?

Statt zu antworten, legte sie ihren Kopf nun leicht schief, das Lächeln verschwand jedoch nicht von ihren Lippen.

„Weißt du“, überlegte sie laut nach einem Moment des Innehaltens. „Ich sehe nun zwei Möglichkeiten, wie der Abend ausgehen kann. Ich könnte dir jetzt meinen Namen sagen, du mir deinen. Vielleicht könnten wir über uns sprechen, uns unsere tragischen Geschichten erzählen. Irgendwann würde ich dich bitten, deine Maske abzunehmen und mir deine schreckliche Entstellung zeigen“, Eriks Griff verkrampfte sich, doch sie fuhr fort: „Ich würde dir dann sagen, dass es gar nicht so schrecklich wäre, wie du denkst. Dass mir Äußerlichkeiten egal wären und dich zum Beweis küssen. Oder aber, wir behalten unsere Geheimnisse, tanzen, bis der Morgen graut und behalten diese Nacht für immer wie einen schönen Traum in Erinnerung. Gefesselt in dem Gedanken, was hätte sein können, doch nicht der Gefahr ausgesetzt, den Traum durch die Realität zerstören zu lassen. Also, möchtest du deine Frage wiederholen?“

Ja. Nein. Vielleicht. Küssen, er könnte sie küssen. Er könnte seinen Traum wahr werden lassen, doch dafür müsste er seine Maske abnehmen. Sie vermutete eine Entstellung, sagte, sie würde den Anblick ertragen können. Aber Erik wusste es besser. Niemand konnte diesen Anblick ertragen. Niemand, nicht einmal seine eigene Mutter hatte es gekonnt. Die schöne, junge Frau würde es auch nicht können. Sie würde schreien, weglaufen, vielleicht sogar um Hilfe rufen, bei dem Anblick des Dämons an ihrer Seite. War der Traum nicht besser als die Realität? War es nicht immer so? Sie hatte Recht, die Realität würde ihren Traum zerstören. So wie es immer war. So wie es immer sein würde.

„Nein“, seufzte Erik schließlich als Antwort auf ihre Frage. Sie nickte zustimmend. Dann trat sie näher an Erik heran. Vorsichtig legte sie ihren Kopf an seine Brust, während er sie hielt. Er hörte ihr leises Atmen, er roch den Duft ihres Haars, fühlte den Stoff ihres Kleides und schmeckte den Zauber des Moments. Doch er sah nicht die Enttäuschung in ihren Augen.
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