Silberlicht

GeschichteRomanze, Fantasy / P18
Fabeltiere & mythologische Geschöpfe
16.03.2018
23.12.2018
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Müde hielt ich die Augen geschlossen und hoffte inständig, dass sich meine derzeitige Situation, in dem Moment, in dem ich sie das nächste Mal öffnete, automatisch verbessern würde. Doch ich wusste genau, dass sie das nicht tun würde. Aus der Küche unter mir drang ein Klirren zu mir in mein Zimmer hinauf. Noch immer weigerte ich mich, meine Augen zu öffnen. Das Bett unter meinem Körper fühlte sich herrlich weich und warm an. Ich wollte nicht hinaus in diese Welt. Diese neue Welt, die für mich so fremd war. Ein zögerliches Klopfen an der Zimmertür ließ mich unwillkürlich zusammenzucken. Dennoch verweigerte ich eine Antwort. Vielleicht wurde alles besser, wenn ich mich einfach tot stellte? Vielleicht vergaß man mich dann einfach? Erneutes Klopfen, diesmal energischer. Genervt stöhnte ich auf, schlug die Augen auf und blickte an die cremeweiße Decke über mir. „Miss! Es wird nun wirklich langsam Zeit. Heute beginnt ihr erster Schultag! Sie sollten nicht zu spät kommen.“ Die tiefe Bassstimme von Mr. Thomas drang gedämpft durch die geschlossene Tür. Erster Schultag. Als könnte ich das vergessen. Aber in einer Sache täuschte sich die gute Seele unseres Hauses gewaltig. Es war mir vollkommen egal, ob ich zu spät kam oder nicht. Am liebsten würde ich ja überhaupt nicht gehen. Ich hörte die Absätze meiner stets viel zu beschäftigten Mutter über den Steinboden klackern. Wenig später fiel die schwere Haustür ins Schloss und draußen wurde ein Wagen angelassen.

„Guten Morgen Mum, ich wünsche dir auch einen schönen Tag“, brummte ich. Erneut stöhnte ich auf, richtete mich dann jedoch endlich auf und stand vom Bett auf. Es würde ja doch nichts bringen. Ich setzte mich an meinen kleinen Schminktisch, der gegenüber meines Bettes stand und rieb mir übers Gesicht. Ich hatte schlecht geschlafen in der letzten Nacht und das konnte man deutlich sehen. Wumm. Wieder fiel die Haustür ins Schloss. „Ciao Dad.“ Ich stand auf, nahm den seidenen Bademantel vom Kleiderbügel und wickelte mich darin ein, ehe ich ins Badezimmer schlürfte, um mir das Gesicht zu waschen. Ich späte durch das kleine Fenster oberhalb der Badewanne und blickte verdrießlich in den Regen. Scheinbar hatte sich das Wetter meiner Laune angepasst. Der Himmel war mit dicken dunkelgrauen Wolken verhangen, die rasch über mich hinwegzogen. Das kalte Wasser, das ich mir ins Gesicht spritzte, ließ mich ein wenig aufwachen. Ich bürstete meine dunklen schwarzen Haare und band sie mir zu einem unordentlichen Häufchen auf den Kopf. Meine Mutter hatte mir am Abend die neue Schuluniform zurecht gelegt. Wenig begeistert zog ich das oberste Teil von dem Stapel dunkel- und hellblauer Sachen. Ein Faltenrock. Großartig. Das hellblaue Kleidungsstück entpuppte sich als Bluse, über die man wohl den ebenfalls dunkelblauen Blazer zog. Ich ließ den Stapel liegen, schob die Schiebetür zu meinem Kleiderschrank auf und betrat den kleinen Raum, der überquoll vor Klamotten, Schuhen und Taschen. Zielsicher griff ich nach meinem schwarzen Ledermini und der schwarzen Lederjacke. Immerhin konnte ich mich dazu durchringen in die hellblaue Bluse zu schlüpfen und auch die Kniestrümpfe, die zur eigentlichen Uniform gehörten, zog ich an. Ich löste meine Haare wieder und trat hinaus auf den Flur. Mr. Thomas stand noch immer vor der Tür meines Zimmers. Ich liebte Mr. Thomas! Er war eines der wenigen guten Dinge, die mein Leben mir gebracht hatten. Für mich war er eine Art Ersatzvater, Großvater und Mutter in einem. Er kochte hervorragenden Schokoladenpudding, aus echter Schokolade und mit Sahne, sodass er besonders cremig war. Und er lächelte mich immer großväterlich an, wenn er mich sah. Mr. Thomas war unser...nunja manche Menschen würden es wohl „Butler“ nennen. Ich nannte ihn lieber „Hausverwalter“. „Butler“ klang in meinen Ohren zu abwertend für einen so liebenswerten Menschen. Mr. und Mrs. Thomas waren Angestellte meiner Eltern seit ich denken konnte. Mrs. Thomas übernahm hauptsächlich Putz- und Küchenarbeiten. Mr. Thomas war für alles andere zuständig, was so anfiel. Er empfing Gäste, erledigte kleine Reparaturen und kümmerte sich nebenbei noch um mich. Das lag vor allem daran, dass meine Eltern viel zu beschäftigt damit waren die Mengen an Geld, die wir sowieso schon hatten noch zu vermehren und deshalb eigentlich nur mit sich und ihrer Arbeit beschäftigt waren. Meine Mutter war Anwältin in einer großen Kanzlei in Seattle. Meine Geburt hatte ihrer Karriere erheblich zugesetzt, weshalb sie nach wenigen Monaten schon wieder zu arbeiten begann. Mein Vater arbeitete ebenfalls in Seattle. Er war Vorstand irgendeiner erfolgreichen Firma, von der ich nicht den blassesten Schimmer hatte, was sie eigentlich tatsächlich machte. Wenn es nach meinen Eltern ging, so war ihre Arbeit allerdings von immenser Bedeutsamkeit. Nicht nur für ihren Geldbeutel, sondern auch für die Menschheit versteht sich. Und logischerweise musste auch ich einmal später eine solch hochtrabende Arbeit aufnehmen. Meine Eltern hatten sich an der Princeton kennengelernt, weshalb natürlich auch für mich nur eine Uni aus der Ivy League in Frage kam. Nachdem ich allerdings auf meiner alten Schule in Seattle in „falsche Kreise“ gerutscht war, wie meine Eltern zu sagen pflegten, beschlossen sie, von der Stadt wegzuziehen. Hinaus in die Natur, wo mir mein Lernen unter Gleichaltrigen viel leichter fallen würde und die Kriminalitätsrate mit der in der Stadt nicht zu vergleichen war. Manchmal fragte ich mich ernsthaft, was meine Eltern von mir gedacht hatten. Ich neigte jedoch dazu, mir darüber nicht allzu viele Gedanken zu machen. Ich würde sowieso niemals auf eine Antwort kommen, die mir passte. Jedenfalls hatten sie daraufhin in den vergangenen Ferien dieses Anwesen gekauft. In Darrington. Hier lebten wir nun mit ein wenig mehr als 1.000 Einwohnern und meine Eltern fuhren nahezu jeden Tag fast 2 Stunden nach Seattle, um dort ihre unheimlich wichtige Arbeit zu verrichten. Das war auch der Grund dafür, weshalb ich sie nun noch seltener sah, als ohnehin schon. Mr. Thomas zog eine Augenbraue nach oben und musterte mich aus seinen dunkelgrünen Augen von oben bis unten.

„Ich werde dann wohl den Rest Ihrer Uniform erneut bügeln und in ihren Schrank hängen.“ Ich grinste ihn nur an und antwortete: „Ich danke Ihnen recht herzlich Mr. Thomas!“

„Ich habe bereits den Tisch für Sie gedeckt. Ich nehme an, sie möchten etwas essen, ehe wir zu High School aufbrechen?“

„Ja das werde ich. Danke. Aber unterstehen Sie sich mich in die Schule zu fahren! Ich werde den Bus nehmen. Wie jeder andere Schüler auch.“

„Oh Miss, Ihre Mutter meinte aber ausdrücklich...,“ ich unterbrach ihn, ehe er weitersprechen konnte. Ich ahnte bereits, was meine Mutter ausdrücklich befohlen hatte. Und es war mir herzlich egal. Wenn sie wollte, dass ich nicht den Bus nahm, hätte sie ja bleiben und mich selbst zur Schule fahren können. „Entweder ich fahre selbst, oder ich nehme den Bus!“ Mr. Thomas nickte nur und begleitete mich die Treppe hinunter ins Esszimmer. Ich setzte mich an den riesigen Tisch, an dem auch weitere neun Personen mit mir hätten frühstücken können. Zog eine Schale Haferbrei heran und streute Zimt auf die gekochten Haferflocken. Mr. Thomas goss mir Kaffee ein. „Ich werde dann Ihren Wagen vorfahren.“

„Mr. Thomas?“ Er wandte sich im Gehen noch einmal zu mir um und blieb stehen. „Könnten Sie das Auto einfach Auto sein lassen und sich zu mir setzen?“ Er sog scharf die Luft ein, sodass sich sein Brustkorb hob und kurz dachte ich, er würde ablehnen. Meine Eltern würden so etwas niemals zu lassen, wenn sie hier gewesen wären. Doch das waren sie schließlich nicht. Es bildeten sich kleine Lachfältchen um Mr. Thomas’ Augen, als er lächelte und zum Tisch trat. Er setzte sich. Ich schob ihm eine der Tassen hin und goss ihm Kaffee ein. Ich wusste, dass er seinen Kaffee schwarz, aber mit zwei Stück Zucker trank und fügte auch diese hinzu. Beinahe verlegen senkte er den Blick und ich sah, wie sich seine Wangen rosa färbten. „Vielen Dank.“ Ich lächelte ihn an und begann zu essen. Wir unterhielten uns das ganze Frühstück über, darüber wie die Schule werden würde, wen ich wohl kennen lernen würde, wie die Lehrer sein würden und auch darüber, was Mr. Thomas zu erledigen hatte.

Nach dem Essen rannte ich noch einmal in mein kleines Badezimmer hinauf, um mir die Zähne zu putzen. Die dunklen Ränder unter meinen Augen deckte ich mit ein wenig Concealer ab und tuschte mir die Wimpern. So sah ich zumindest wieder aus wie ein Mensch. Ich schlüpfte in meine Bikerboots und verließ das Haus. Mr. Thomas hatte zwischenzeitlich tatsächlich mein Auto aus der Garage gefahren. Scheinbar vermieden es hier alle, mich Situationen auszusetzen, in denen ich „schlechten Umgang“ haben würde. Und anscheinend waren ebenfalls alle davon überzeugt den Schulbus zu nehmen sei eine solche Situation. Ich blickte kurz auf meinen knallroten Audi A1 und war mir sowas von bewusst, dass ich damit garantiert auf dem Schulparkplatz auffallen würde. Mr. Thomas reichte mir die Schlüssel und öffnete die Fahrertür. Ich stieg ein, warf meinen Rucksack, in den ich zuvor noch hastig Schreibzeug und eine Falsche Wasser gepackt hatte, auf den Beifahrersitz und fuhr los, nachdem Mr. Thomas die Wagentür geschlossen hatte. Er stand in der Auffahrt und deutete lächelnd eine kleine Verbeugung an, ehe ich auf die Straße bog. Ich musste grinsen. Er hatte sich trotz seines fortgeschrittenen Alters eine Jugendlichkeit bewahrt, die so schelmisch und ansteckend war, dass man sie hin und wieder in seinen Augen blitzen sehen konnte. Und er wusste unheimlich viel, was mich wirklich beeindruckte. Ich war zwar nicht blöd, aber meist langweilte mich der Stoff in der Schule schnell. Nur Geschichte und Englisch fand ich recht interessant. Mit Mathe hingegen, konnte ich noch nie etwas anfangen. Ich drehte das Radio auf und versank in meinen Gedanken.

Ich suchte mir einen Parkplatz, der möglichst weit vom Eingang weg lag. Ich warf einen kurzen Blick in den Rückspiegel und betrachtete mich. „Du schaffst das schon!“ sagte ich zu mir selbst, nahm meinen Rucksack und stieg aus dem Auto. Vor dem Eingang tummelten sich bereits haufenweise Schüler, tratschten und lachten. Mir fiel auf, dass nicht alle von ihnen diese grässliche blaue Schuluniform trugen und ich fühlte mich ein wenig besser. In einer so kleinen Stadt wie dieser brauchte man nicht darauf zu hoffen als „Neue“ unerkannt zu bleiben. Ich spürte die Blicke auf meinem Rücken, als ich mich an den kleinen Grüppchen vorbei ins Schulgebäude schob. Drinnen versuchte ich mich kurz zu orientieren. Ich musste wohl zunächst ins Sekretariat, da ich noch keinen Stundenplan bekommen hatte. Plötzlich rämelte mich ein Mädchen unsanft an. Sie hatte dunkelblondes Haar und ein schönes, aber ausdrucksloses Gesicht. „Hey!“ Sie blieb einen Moment stehen, musterte mich und zog einen Mundwinkel nach oben. „Sorry“, gab sie nur zurück und wandte sich wieder ihren Freundinnen zu. Ich verdrehte die Augen. Das begann ja ganz prima. Nach einiger Zeit planlosem Herumirren fand ich schließlich auch das Sekretariatsbüro. Dort wurde mir von einer kleinen dicken Frau mit zu enger Bluse und einer Brille, die der von Harry Potter täuschend ähnlich sah, mein Stundenplan ausgehändigt. Sie kramte mir außerdem die nötigen Bücher heraus und gab mir die Nummer eines Spinds, der noch unbelegt war. In der ersten Stunde hatte ich Französisch. Bevor ich den Raum suchte, verstaute ich meine Sachen in meinem Spind. Ich war äußerst dankbar, dass der Französischlehrer, dessen Namen ich nicht verstanden hatte und vermutlich niemals aussprechen können werde, mich an meinem Tisch in der letzten Reihe sitzen ließ und mich nicht dazu nötigte mich der Klasse vorzustellen. In der nächsten Stunde, ich hatte Englisch, war man nicht mehr so kulant zu mir. Mrs. Steinhart ließ es sich nicht nehmen einige Minuten ihres Unterrichts damit zu vergeuden mich an die Tafel zu bitten. Ausdruckslos blickte ich in die fremden Gesichter meiner neuen Mitschüler. Einige davon blickten interessiert zurück. Meine Aufmerksamkeit wurde von einem Schopf dunkelblonden Haares angezogen. Ach nein, meine neue Freundin war offensichtlich in meinem Englischkurs. Sie tuschelte mit einem breitschultrigen Typen, der aussah, wie der typische High School Footballtyp, der alle Mädchen abschleppte. Seine Haut war leicht gebräunt, trotz des anfänglichen Herbstes. Er hatte mittellanges pechschwarzes Haar, das noch dunkler war als mein eigenes. Dennoch erkannte ich, dass das Licht einige Strähnen davon heller erscheinen ließen. Er hatte sich der dunkelblonden zugewandt und grinste sie an. An der Art wie er sie ansah wusste ich, dass er etwas von ihr wollte. Es war dieser Schlafzimmerblick mit halbschiefem Grinsen, den Typen wie er immer auflegten, wenn sie sich an ein Mädchen ran machten, weil sie wussten, dass sie damit unschlagbar gut aussahen. Damit wäre wohl auch dieses High School Klischee erfüllt. Ich beantwortete Fragen zu meiner Person, meinen Hobbies und den Lieblingswerken meiner Lieblingsautoren, die mir die hagere Mrs. Steinhart stellte und war froh, als ich mich wieder auf meinen Platz verdrücken konnte. Der Rest des Vormittags schlich an mir vorbei und ich war mehr als dankbar, als endlich die Mittagspause anbrach. Ich ließ mich von den anderen Schülern durch die Gänge zur Cafeteria schieben, kaufte mir einen Salat und einen Cheeseburger und schaute mich gerade nach einem Platz um, als ich erneut angerempelt wurde. Diesmal so heftig, dass mir mein Tablett aus den Fingern glitt, klappernd auf dem Boden landete und mein gerade gekauftes Essen quer über die Fliesen verteilte. Ich fluchte laut auf und drehte mich wütend um. „Oh Shit, oh shit, oh shit! Es tut mir soooo leid!“ Vor mir stand ein Mädchen mit blonden Haaren und Sommersprossen im Gesicht. Ihre unnatürlich grünen Augen blickten mich entsetzt an. „Ich hab dich irgendwie gar nicht gesehen! Warte!“ Sie hob mein Tablett auf und kratzte das heruntergefallene Essen vom Boden. Ich ging in die Hocke und half ihr. Mein Blick fiel auf ihre Schuhe und als ich sah, dass sie ebenfalls Bikerboots zu ihrer Schuluniform trug, musste ich grinsen. „Schon okay“, murmelte ich und trauerte insgeheim noch immer meinem Cheeseburger nach. „Ich kauf dir nen neuen okay?“ Hoffnungsvoll sah sie mich an. Jetzt musste ich lachen. Vermutlich verdienten ihre Eltern in ihrem Leben nicht so viel wie meine Eltern in einem Jahr. „Nein, lass gut sein. Ich geh mir selbst nochmal was holen.“ Sie nickte. Ich bemerkte, dass sie selbst noch kein Tablett trug. Auch wenn ich eigentlich kein Mensch für Mädchenfreundschaften war, rang ich mich dazu durch sie zu fragen, ob sie auch etwas essen wollte. Wir stellten uns zusammen an, ich kaufte erneut meinen Cheeseburger, ersetzte den Salat diesmal jedoch durch Pommes und suchte mir den hintersten Tisch im Raum. Gerade als ich mich gesetzt hatte, stellte jemand sein Tablett ab. Ich hob den Kopf und wollte schon protestieren, doch die Blonde hatte sich kurzerhand ungefragt zu mir gesetzt.

„Wie heißt du eigentlich?“, fragte sie.

„Liliana“, antwortete ich.

„Ich bin Vivian!“ grinste sie zurück.

„Du hast nen ziemlich coolen Style!“ lachte sie und ich musste mitlachen.

„Okay aber jetzt zu der wirklich wichtigen Frage: Woher kommst du?“ Vivian biss in ihren Burger und leckte sich das Ketchup von den Fingern, das an der Seite herausquoll.

„Ich komme aus Seattle. Meine Eltern und ich sind in den Ferien hergezogen.“

„Ach dann bist du wohl die Tochter aus der Bonzenfamilie?“

„Aus der was?“ Ich begann erneut zu lachen.

„Na die Neuen, die dieses riesige Haus gekauft haben, unten beim Sauk River. Man sagt die sollen ganz schön Geld haben.“ Sie schob sich von ihren Pommes in den Mund und sah mich herausfordernd an.

„Schuldig. Das klingt ganz nach uns“, nickte ich.

Wir quatschten die ganze Pause. Zwischendurch besorgte ich uns Pommesnachschub. Vivian erzählte von ihrer Familie, ihrem Vater, der hier im Sägewerk arbeitete und ihrer Mutter, die im Hometown Bakery Cafe arbeitete. Außerdem hatte Vivian zwei ältere Brüder, die ebenfalls hier zur Schule gingen und schon bald ihren Abschluss machen würden. Dilan, der etwas ältere wollte studieren gehen. Conner würde vermutlich auch im Sägewerk anfangen. Vivian erzählte, dass er dort schon in den Ferien gejobbt hatte.

„Eigentlich hätte ich viel lieber eine Schwester gehabt. Zwei älter Brüder können wirklich anstrengend sein!“ Wieder lachte sie. Sie schien ständig zu lachen. Und ich musste mir eingestehen, dass ihr Lachen mich ansteckte und ich schon längst nicht mehr so griesgrämig war, wie noch heute morgen. „Versuch da mal nen Freund zu finden! Fast alle gutaussehenden älteren Typen kennen die beiden. Da fasst dich keiner an! Und hast du dir mal die Jungs aus unserer Stufe angesehen? Du meine Güte, die haben ja noch nicht einmal alle nen Bartwuchs!“ Sie unterbrach sich, als ein Typ ihr auf den Rücken klopfte. „Na? Beschwerst du dich schon wieder über die magere Männerauswahl hier?“

„Chase!“ Die grünen Augen von Vivian strahlten noch grüner, als sie den Jungen mit den kurzen braunen Haaren sah. Sie zog ihn über ihre Schulter in eine schnelle Umarmung und drehte sich wieder mir zu.

„Lil, das ist Chase Harsen! Chase das ist Liliana...wie heißt du eigentlich mit Nachnamen?“

„Mitchell. Liliana Mitchell“, antwortete ich und hob zur Begrüßung eine Hand. Chase lächelte mich an und setzte sich ebenfalls ungefragt zu uns. Ich versuchte nicht so kleinlich zu sein. Ich brauchte Freunde. Jeder brauchte Freunde. Und von denen hatte ich bisher nie viele gehabt. Also genau genommen konnte ich froh sein, dass sie die beiden freiwillig mit mir abgaben und dabei offenbar noch eine Menge Spaß hatten. Vivian gab Chase die Kurzfassung meiner Lebensgeschichte wieder, zumindest den Teil, den ich ihr bisher erzählt hatte. Ich erfuhr, dass Chase Vater bei der Feuerwehr war und seine Mutter in der Bücherei arbeitete. Chase und Vivian waren früher Nachbarn gewesen, bis Vivian mit ihrer Familie ein paar Straßen weiter gezogen ist. Während Chase von seiner kleinen Schwester erzählte ließ ich meinen Blick durch den Raum wandern. Erschrocken fuhr ich zusammen, als hörbar ein Tablett auf einen Tisch ganz in unserer Nähe geknallt wurde. Ich blickte an Chase vorbei und sah, die Dunkelblonde mit ihrem Footballtypen. Sie schienen über etwas zu diskutieren. Nach und nach kamen immer mehr an ihren Tisch und setzten sich zu ihnen. Hauptsächlich waren es Jungs. Sie lachten laut und grölten, bewarfen sich mit Brotkrümeln und belagerten irgendwann fast drei Tische. Argwöhnisch schaute ich ihnen zu. Sie führten sich auf wie eine Horde Affen. Vivian kannte die Truppe wohl schon. Sie musste nicht über die Schulter schauen, um zu wissen wen ich so betrachtete.

„Hast du unsere „Coolen“ entdeckt?“ Sie verzog das Gesicht.

Chase schüttelte den Kopf. „Die unterhalten hier jeden Tag beim Mittagessen die gesamte Mensa. Gewöhn dich schon mal dran.“ Er blickte über die Schulter zu ihnen.

„Hey V, seit wann hängen deine Brüder mit Caleb und seiner Gang ab?“

Erschrocken riss Vivian die Augen auf. „Sie tun was? Oh Herrgott das darf doch nicht wahr sein!“

Ich versuchte in der Gruppe Vivians Brüder ausfindig zu machen. Natürlich hatte ich keine Ahnung. Doch bei einem der Jungen, der auf einem der Tische saß, meinte ich die gleichen grünen Augen zu erkennen. Er hatte zerzaustes hellbraunes Haar und trug ein kariertes hellblaues Hemd über einer zerrissenen Jeans. Eindeutig nicht die Schuluniform. Beim Lachen entblößte er perlweiße Zähne. Während ich ihn anstarrte, war Vivian aufgestanden und zu der Gruppe hinüber gegangen. Zielsicher trat sie auf den Kerl zu, den ich bis eben noch so genau gemustert hatte. Bingo. Ich hatte also Recht damit, dass dies einer ihrer Brüder war. Energisch zog sie ihn am Arm vom Tisch.

„Spinnst du eigentlich?“, hörte ich sie aufgebracht sagen. „Du bist nur noch eine Dummheit davon entfernt hier rauszufliegen! Und dann begibst du dich in solche Gesellschaft?“ Sie nickte zu einem Typen in der Mitte der Gruppe. Ich hatte erwartet, dass dieser Caleb, von dem sie und Chase vorhin gesprochen hatten, der dunkelhaarige Typ aus meinem Englischkurs war. Der Anführer einer Clique zu sein, hätte irgendwie zu ihm gepasst. Doch der Kerl, auf den Vivians Kinn wies, war eine andere Hausnummer. Er hatte bronzefarbene Haut und lange dunkle Haare, die er am Kopf nach hinten geflochten hatte. Auch er trug keine Schuluniform, soweit ich das erkennen konnte. Jetzt stand der Typ auf und trat auf Vivian zu. Er überragte ihre kleine, zierliche Gestalt um mindestens zwei Köpfe.

„Oooooh Mist!“ Chase presste die Zähne zusammen und vergrub das Gesicht in den Händen. „Wieso kann sie nie ihre Klappe halten?“ Ich blickte Chase nur einen Moment an, versuchte aber weiterhin zu verstehen, was Caleb zu Vivian sagte. Die Gruppe um ihn herum war schlagartig still geworden. Ich war mir sicher, dass er ihr hier mitten in der Schule nicht weh tun würde, auch wenn sein Gesichtsausdruck aussah, als würde er es liebend gerne tun. Vermutlich brachte ich nur deshalb den Mut auf aufzustehen und hinüberzugehen. Ich stellte mich wortlos neben Vivian und verschränkte die Arme vor der Brust. In dem Moment in dem ich ihnen näher gekommen war, war Caleb verstummt und hatte mich beobachtet. Er fixierte mich mit dunkelbraunen Augen, die die Farbe von heißer Schokolade hatten, dann legte er den Kopf schief.

„Kann ich dir helfen?“ Seine tiefe Stimme stellte meine Nackenhaare auf. Ich bis die Zähne zusammen, um meinen Respekt vor ihm hinunter zu schlucken.

„Ich hab mich eher gefragt, ob ich dir helfen kann! Schien so, als würdest du hier hilflosen Mädchen Angst einjagen.“ Ich hörte, wie jemand hinter mir durch die Zähne pfiff, drehte mich jedoch nicht um. Augenblicklich schnellten Calebs Augen von mir hoch und ich vermutete, dass er die Person ansah, die gepfiffen hatte, denn es wurde wieder still.

„Wenn du nicht willst, dass man dir bald Hilfe leisten muss, solltest du dich um deinen eigenen Scheiß kümmern. Und damit meine ich Erste Hilfe.“ Ich spürte wie sich Vivians Finger um mein Handgelenk schlossen.

„Oh ich seh schon, du bist hier wohl der ganz harte Kerl was? Was wird das? Willst du mir drohen?“ Ich schaute in die Runde und sagte laut: „Ein Typ der Mädchen droht sie zu schlagen ist euer Anführer? Herrgott was müsst ihr für armselige Penner sein.“

Ich griff nach Vivians Arm und zog sie mit mir. Nach und nach nahm die Gruppe hinter mir das Reden wieder auf, doch ich wusste genau, dass uns alle hinterherstarrten. Mein erster Tag hier und ich hatte mir schon Feinde gemacht. Man ich hatte es wirklich drauf.
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