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Neues Glück auf Immenhof

von Mimi1984
Kurzbeschreibung
GeschichteFamilie / P12 / Gen
16.03.2018
09.11.2022
73
157.349
9
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Dieses Kapitel
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23.09.2022 2.328
 
„Liebe Mutti !

Du wunderst dich vielleicht darüber, dass ich dir schreibe, anstatt dich mündlich über meine Neuigkeiten auf dem Laufenden zu halten (In der Tat, ja.), doch es ist soviel passiert, dass ich gar nicht weiß, wo ich zuerst anfangen soll.

Mit dem wichtigsten: Danke, dass du Vati weichgeklopft hast, wie ein Schnitzel und er meinen Plänen zugestimmt hat. Ich freue mich sehr darüber.
Oder ist vielleicht dein etwas kürzerer Rock gewesen, der Vati letztendlich überzeugt hat? (Das wäre auch eine Möglichkeit.)
Egal. Ich bin endlich in der großen Stadt, wo ich schon immer hin wollte und verdiene mir mein eigenes Geld. Am Anfang nur wenig, doch mit der Zeit wird es mehr.
Ich darf tatsächlich bei Henning, deinem früheren Mentor wohnen, genau wie du damals, bezahle meinen Anteil an Strom, Wasser und dergleichen mehr, was selbstverständlich ist. (Sieh an, sieh an. Meine große Tochter wird erwachsen.)
Wie lange ich hier wohnen darf, wissen die Götter. Ein Jahr, zwei Jahre oder länger.

Bei der Arbeit geht es mir gut und ich habe schon einige, nette Kontakte geknüpft. Ja, Kontakte, weniger Freundschaften. Henning, den ich sieze und beim Vornamen nenne, wie er es auch bei mir tut, hat mich gewarnt. Lieber Abstand halten. Sicher ist sicher. Wenn die Chemie stimmt, ergibt sich eine Freundschaft, oder mehr, von selbst. Umgekehrt soll es nicht so einfach sein, einen zuerst engen Kontakt, besonders wenn es einen Streit oder Missverständnisse gegeben hat, zu lösen. (Da gebe ich dir recht. Wenn ich da an meinen Sache mit Dick denke. Was soll’s.)

Das klingt durchaus vernünftig, wie ich auch vieles mehr von Henning gelernt habe. Abends sitzen wir beisammen, trinken Tee, knabbern Kekse und reden über Gott und die Welt. Auf Augenhöhe sozusagen und, was noch wichtiger ist, in einem respektvollen Umgang, der auf Gegenseitigkeit beruht. Auch die Arbeit im Haushalt teilen wir uns auf. Was aus der Haushälterin geworden ist, weiß ich nicht. Henning sagt nie etwas. Ich frage nicht danach. Vielleicht hat sie sich in ihn verliebt, ist abgewiesen worden und hat ihre Koffer gepackt. (Was traust du Henning alles zu? Sehr taktvoll von dir, dass du keine unnötigen Fragen stellst. Auch Henning wird dich diesbezüglich in Ruhe lassen. In dieser Hinsicht kannst du ihm ruhig vertrauen.)

Sobald ich Urlaub habe, packe ich meine Koffer und komme auf den Immenhof, auch wenn es nur ein paar Tage sind. Ob ich bei Bobbys und Hassos Hochzeit dabei sein kann, weiß ich im Moment noch nicht. Selbstverständlich möchte ich hingehen, doch die Arbeit ist wichtiger. Ich glaube kaum, dass mir mein Chef für die Hochzeit meiner Schwester einfach so Urlaub gibt. (Vermutlich ja. Aber vielleicht hast du Glück.) Es wäre schade, doch damit müsste ich mich abfinden. Ein wenig Zeit bleibt ja noch. (Acht Wochen vergehen schnell, schneller, als du denkst, besonders wenn man immer etwas zu tun hat. Glaube mir, ich weiß, wovon ich hier schreibe.)

Apropos Zeit: Was ich in meiner Freizeit erlebe, geht auf keine Pferdehaut mehr. (Kuhhaut? Oder soll das ein absichtlicher Witz sein?) „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins …“, ganz so schlimm ist es bei mir nicht. Mach dir keine Sorgen. (Mir fällt ein Stein vom Herzen.) Henning beschützt mich, wie ein Vater seine Tochter oder eher ein Großvater seine Enkeltochter. (Na na na, so alt ist Henning auch wieder nicht, auch wenn er ein paar Jahrzehnte auf dem Buckel hat, aber das ist kein Grund ihn als Großvater zu bezeichnen, auch nicht im Scherz.)

Ab und zu bespricht Henning berufliche Belange mit mir, hat mir jedoch das Versprechen abgenommen, Stillschweigen zu bewahren, was auch immer kommen mag. Er ist ein ganze hohes Tier in seiner Arbeit, so dass ich fast Angst vor ihm bekomme. (Das brauchst du nicht. Soll ich dir was verraten: Auf der Toilette muss er auch die Hosen runterziehen, wie jeder gewöhnliche Mensch.)
Henning hat soviel erlebt, dass ich mir neben ihm klein und dumm vorkomme. (Teilweise magst du schon recht damit haben. Doch er behandelt dich nicht von oben herab, wie es andere Leute tun, das musst du ihm zu gute halten.)

Er interessiert sich sehr für die Königshäuser und liest alles, was es darüber zu lesen gibt. In Schweden ist die Königsfamilie, nach der Geburt von Prinzessin Madeleine, vor fünf Wochen, wohl komplett. Weiteres gibt es noch Kronprinzessin Victoria, fünf Jahre alt und Prinz Carl Philip, drei Jahre. Ja, Victoria soll einmal, in ferner Zukunft als Königin aus einigem Recht den schwedischen Thron besteigen. Die Gesetze sind dafür geändert worden. Carl Philip wird sich grün und blau ärgern, wenn man bedenkt, dass er eigentlich König hätte werden sollen, nur weil er ein Junge ist.

In den Niederlanden stehen dafür gleich drei Jungs in der Thronfolge: Willem-Alexander, fünfzehn Jahre alt. Johan Friso, fast vierzehn Jahre alt und Constantijn, fast dreizehn Jahre alt. Willem-Alexander ist der erste männliche Thronfolger seit über 100 Jahren. Die Familie wäre fast vor dem Aussterben gestanden. Willem III hat zwar Söhne gehabt, drei an der Zahl, doch die sind alle vor ihm gestorben. Mit sechzig Jahren hat Willem III ein weiteres mal geheiratet. Soweit, so gut. Doch seine zweite Frau ist erst zwanzig Jahre alt gewesen. Aus dieser Ehe ist eine Tochter hervorgegangen und hat dann, nach dem Tod ihres Vaters, zuerst unter der Regentschaft ihrer Mutter, den niederländischen Thron bestiegen. (Interessant, das habe ich auch nicht gewusst. Henning kennt sich da viel besser aus, als ich.)

Bei uns gibt es auch eine Art Thronfolge, wenn man das so sagen kann: Erst Bobby und Hasso, dann ich und dann die kleinen. (Im Prinzip, ja.) Bobby ist ein paar Minuten älter als ich, zumindest steht das so in ihrer Geburtsurkunde zu lesen. (Man wird alt, wie eine Kuh und lernt immer noch etwas dazu.) Für die Hochzeit braucht man doch allerhand Papierkram und dabei habe ich Bobby ein bisschen geholfen. (Von der Wiege bis zur Bahre, nichts als Formulare, Formulare.)

Wie ich ihr sonst noch helfen kann, weiß ich nicht. Babysitten, nein danke. Egal, ob das jetzt bei den kleinen oder bei Ulrike oder bei wem auch immer ist. Ich habe keinen Draht zu Babys und Kindern, doch das vertraue ich nur dir an. (Danke für diese Ehre. Wie komme ich dazu? Damit hätte ich vor einigen Jahren nicht gerechnet. Ich werde mich, bei Gelegenheit, dafür revanchieren, versprochen.)

Mit Monika stehe ich nach wie vor in Kontakt. Allerdings hat im Haushalt und in der Arbeit im Büro viel zu tun, ihr Mutterschutz beginnt ja erst im August. (Die Zeit, ja ja.)
Ob ich im Sommer auf dem Immenhof vorbeikommen werde, weiß ich noch nicht. Hier ist immer was los, deutlich mehr als bei Mutter Carsten im Dorfkrug. Das Hotel hat einen guten Ruf, es sollen auch einige Prominente hier absteigen. Wenn es so wäre, würde ich dir wohl kaum verraten, wer, wie lange und warum. (Das ist auch besser so. Wenngleich ich es gerne gewusst hätte. Kleiner Scherz am Rande.)


Warum hast du dich mit deiner Schwester damals gestritten? (Was geht dich das an?) Ich bin der Meinung, was auch immer geschehen ist, lasst es bleiben, geht aufeinander zu, als ob nichts gewesen wäre. Ihr könnt ja die Vergangenheit doch nicht ändern, dafür aber die Zukunft. (Wenn das so einfach wäre…)
Ich habe mich mit deiner Schwester mehrmals unterhalten dürfen. Einmal bei der Geburtsfeier deines Onkel Pankraz (Gott hab ihn selig.) und einmal bei der Fuchsjagd auf dem Erlenhof. Nur Konversation bzw. Small Talk. Mehr nicht. (Dann bin ich beruhigt.) Ihre Söhne sind zu jung für mich, sonst wäre was daraus geworden.

Ich höre dich schon fragen: „Wenn dir der eine zu jung ist, warum nimmst du dann nicht einen älteren Mann?“ Gute Frage, sehr gute Frage. Nur um versorgt zu sein? Danke nein. Ich will finanziell unabhängig sein, egal ob von meinem Elternhaus oder von meinem Mann oder wem auch immer. (Sehr vernünftig. Für mich ist es leider schon zu spät, diese Entscheidung frei treffen zu können. Werde ich etwa alt?)
Wie gut, dass die Frauen arbeiten und ihr eigenes Geld verdienen dürfen. Es hat sich viel geändert. Unter anderem das Frauenwahlrecht. (Was für ein Glück für uns.)

Heute bin ich zwar mit der Hausarbeit dran, doch ich habe sie schon erledigt, so dass ich mir die Zeit nehmen kann, dir zu schreiben. Hinter mir rumpelt der Geschirrspüler. (Was für ein Luxus. Vermutlich das neueste Modell. ) Die Blumen sind gegossen, der Boden ist gesaugt und die Wäsche rotiert in der Waschmaschine. Das Essen steht auf dem Herd. Eine einfache, klare Suppe. (Die würde ich auch gerne probieren.). Zum Nachtisch gibt es Pflaumenkompott. (Scotty, beam mich rüber nach Hamburg.)

Ab und zu gehen Henning und ich auch essen, allerdings nur, wenn es dafür einen besonderen Grund gibt. (Genauso haben Henning und ich es damals auch gemacht.) In der Großstadt reden die Leute weniger als am Land. Im Übrigen bin ich ordnungsgemäß bei Henning in der Wohnung angemeldet, falls jemand Fragen stellen sollte. Die Nachbarn kennen mich bereits. Auch hier gilt die Devise: Weniger ist mehr, bezogen auf die Kontakte. Man trifft sich im Treppenhaus oder gießt die Blumen, wenn der Nachbar auf Urlaub ist. Mir ist das nur Recht für den Anfang.

Aller Anfang ist schwer. Keine Ahnung, wer das gesagt hat, doch es trifft auf mich nicht zu. Ich habe doch Hilfe. In erster Linie von Bobby, dann von dir und von vielen anderen Leuten mehr. (Das freut mich aber, gleich nach Bobby genannt zu werden.)
Bobby und ich sehen uns nicht mehr so oft, dafür telefonieren wir einmal in der Woche miteinander, aus Kostengründen. Ich würde gerne öfter mit ihr sprechen, doch das erlaubt mir Henning nicht. (Wo er recht hat, hat er recht.)

Deshalb schreibe ich dir einen Brief, weil das Porto billiger ist. Wenn es einen Notfall gibt, was ich nicht hoffe, darf ich ein Telegramm versenden bzw. empfangen. Besuche in der Wohnung sind erlaubt, jedoch mit Maß und Ziel. So wie zum Beispiel Anke und Klaus, die vorige Woche hier gewesen sind. Ohne der Kinder. Anke redet nur über die Mode und den neuesten Klatsch und Tratsch und dass der Wedderkopp-Vater so „böse“ zu ihr sei, weil sie ihm Haushalt mithelfen müsse etc. (Diese hinterhältige Schlange. Oh, ich will das Tier nicht beleidigen.)
Die Kinder erwähnt Anke nicht. Klaus hat einmal, als Anke ins Badezimmer gegangen ist, etwas angedeutet, aber dann schnell wieder das Thema gewechselt.

Wie kann man nur so herzlos gegenüber der eigenen Kinder sein? Auch Kinder haben sich Respekt verdient. (Das sagst du, die doch Kinder nicht leiden kann?)

Ständig ist was los hier in der Stadt. Oft fährt die Feuerwehr oder die Rettung oder die Polizei vorbei. Menschen laufen durch die Straßen, kaufen ein, oder sitzen im Kaffeehaus, lesen die Zeitungen, unterhalten sich. (In Malente ist es kaum anders.)
Kinder spielen im Park oder gehen spazieren. Hunde streunen herum. Im Haus gegenüber sitzt oft eine schwarze Katze auf dem Balkon und scheint alles zu beobachten. Was sie wohl denken mag? (Tiere sind klüger, als die Menschen.)

Am liebsten hätte ich auch gerne ein Haustier. Natürlich muss ich Henning zuerst fragen, ob er das erlaubt. Vom Platz her, würde es schon gehen. Doch wie so oft, spielt das Geld eine wichtige Rolle. Doch: Geld alleine macht nicht glücklich. (Sieh an, sieh an. Hast du das von Ethelbert gelernt oder selbst herausgefunden?)

Jeder ist auf seine Weise glücklich: Der eine mit Kindern, der andere, weil er keine hat. Ich möchte vielleicht auch welche haben, aber erst später. (Hoffentlich erlebe ich das noch. Wieder ein kleiner Scherz am Rande. Wenn Billy keine Kinder hat, dann sind da ja noch Bobby und Hasso. Und eines Tages Hanna, Lotte und Jana, oder zumindest eine von ihnen. Wobei: Ich habe getan, was ich konnte. Für alles andere bin ich nicht zuständig. Billy färbt heute irgendwie mit ihrer Weisheit auf mich ab.)

Wie ist es mit Vati und dir? Geht ihr euch allmählich auf die Nerven, wo doch Hanna und Lotte, vielleicht auch Jana, den ganzen Tag außer Haus sind? (Die Gefahr besteht nicht. Mach dir keine Sorgen. Dein Vater arbeitet im Büro, ich im Stall.)
Wobei ihr euch wohl gar nicht zu streiten traut, wo doch Großmamá alles sieht und hört. (Was sie nicht sehen und hören soll, ganz besonders. Das muss wohl an ihrem fortgeschrittenem Alter liegen. Bei Oma Jantzen ist es ganz genauso gewesen.)

Was habe ich da gehört: Du bist mit deinem Freund Mans weitschichtig verwandt? (Wer hat dir das gesagt? Es stimmt schon, doch die Verwandtschaft ist so weitschichtig, dass man sie getrost unter den Tisch fallen lassen kann.)
Dann hätten doch Mans‘ Sohn und deine Nichte gar nicht heiraten dürfen? (Du hast Recht. Aber jetzt sind sie nun einmal verheiratet und werden es auch bleiben.)

Die Gefahr einen Cousin oder wen auch immer zu heiraten, besteht bei mir nicht. Vati hat keine Geschwister bzw. nicht, dass ich wüsste. (Oh doch hat er. Ein Bruder und eine Schwester, die beide früh gestorben sind.) Und zu der anderen Seite der Familie besteht gar kein Kontakt, aus welchen Gründen auch immer. (Dann könnte ja vielleicht eines Tages doch ein Cousin aufkreuzen, von dem du nichts ahnst.)

Inzwischen fühle ich mich eher deinen Verwandten zugehörig, als Großmamá. (Lass sie das bloß nicht wissen. Du willst doch nicht, dass ihr Blutdruck steigt.)
Anfangs ist Etta irgendwie mein Vorbild gewesen, weil sie so selbstbewusst aufgetreten ist, besonders gegenüber den Erwachsenen. (Wie wahr.)
Doch inzwischen kümmert sie sich fast nur noch um ihren Mann und ihre Kinder. Was ist aus ihren Plänen geworden? Hat sie das Motorrad noch? (Gute Frage.).

Ich muss Schluss machen: Henning wird gleich da sein. Der Tisch ist schon gedeckt. Nachmittags habe ich Spätschicht, die bis in die Nacht hinein dauern wird. Morgen auch wieder und dann einige Tage Frühschicht. Das soll mir auch recht sein.

Liebe Grüße an die ganze Familie, besonders an Großmamá und an Vati.

Von deiner Tochter Billy                              Hamburg, 17. 07. 1982
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