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Neues Glück auf Immenhof

von Mimi1984
Kurzbeschreibung
GeschichteFamilie / P12 / Gen
16.03.2018
23.09.2022
70
150.546
9
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Dieses Kapitel
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22.09.2022 2.340
 
„Wie kommt es nur, dass deine Mutter so milde geworden ist?“, wollte Dalli am Abend wissen, als sie sich an Alexander’s Seite ins Schlafzimmer zurückgezogen hatte. „Vor allem in der letzten Zeit? Liegt es vielleicht am strahlenden Wetter?“
„Ich weiß schon, was du mit milde meinst.“, Alexander knöpfte sein Hemd auf, warf es achtlos auf einen Stuhl. „Das abhalten der Teestunde im Garten hat mich auch mehr als überrascht. Nun denn, alles ist gut gegangen. Die Kinder haben brav ihre Limonade getrunken …“
„Genau das ist es.“, unterbrach Dalli. Sie war sich durchaus bewusst, wie unhöflich ihr Verhalten war, aber sie hatte keine andere Wahl. „Limonade statt Wasser oder Tee. Und dann noch ein, zwar nicht ganz perfekter Kuchen, aber deine Mutter hat kein Wort dazu gesagt. Dabei kritisiert sie doch sonst alles, was Stine arbeitet.“
„Um ehrlich zu sein, wundere ich mich auch darüber. Doch es ist, wie es ist.“
„Wir müssen deine Mutter im Auge behalten. Nicht, dass sie womöglich dement ist.“
„Die Gefahr besteht bei ihr wohl nicht.“, zeigte sich Alexander optimistisch. „Komm, lass uns zu Bett gehen, es ist ja schon spät und wir müssen morgen früh aufstehen.“

Dalli kleidete sich um und ließ sich neben Alexander ins Bett fallen, zog die Decke bis zum Kinn hoch: „Ich könnte stundenlang hier liegen, einfach nur so.“
„Das würde dir irgendwann zu langweilig werden. Du brauchst Abwechslung.“
Durch das halboffene Fenster drangen frische Luft und der Geruch nach frisch gemähtem Gras herein. Irgendwo zirpte eine Grille.
„Wie lange wird es dauern, bis eines der kleinen Mädchen hereinkommt?“
„Heute haben wir Ruhetag.“, winkte Dalli ab. „Wenn es nötig ist, kümmert sich Stine darum. Sie wird bei jedem Geräusch schlagartig wach und sieht nach dem rechten.“
„Was täten wir nur ohne Stine?“, Alexander räkelte sich wohlig wie ein Kater.
„Ich weiß es nicht und will es mir nur schwer vorstellen. Doch eines Tages wird es auch ohne sie gehen, gehen müssen. Stine wird nicht mehr jünger und wir ebenso.“
„Hast du schon einen Plan?“
Dalli wickelte eine lose Haarsträhne um ihren Finger: „Ein paar Ideen hier und da, jedoch nicht konkretes. Für weiteres Personal ist weder Platz, noch Geld vorhanden.“
„Mamá kann es wohl nie verwinden, dass sie nach ihrem Weggang alles verloren hat. Oder zumindest das meiste: Ein Haus, viel Geld, vor allem das Personal.“
„Damit wird sie sich abfinden müssen. Wobei, wenn ich es mir recht überlege, seitdem Bobby und Billy weggezogen sind, steht doch ein Zimmer leer:“
„Es müsste nur geputzt und vielleicht mit neuen Möbeln versehen werden.“
„Und dann? Wer wäre bereit, hier zu arbeiten?“, hakte Dalli nach. „Eines der Mädchen aus dem Dorf eventuell? Oder nur als Tagelöhnerin, sozusagen, in dem es tagsüber hier arbeitet und abends bei ihrer Familie schläft? Mir fällt da niemand ein:“
„Vor allem müsste Mamá damit einverstanden sein. Du weißt ja, dass sie manchmal nicht gerade einfach ist und oft bestimmte Ansichten hat.“
„Das ist mir bekannt.“, Dalli kuschelte sich näher an Alexander heran, konnte seinen Herzschlag laut und deutlich hören. „Was ist mit den jungen Mädchen aus meiner Verwandtschaft? Wäre diese Arbeit als Hausmädchen oder Kindermädchen oder von beidem etwas für sie?“
„Um ehrlich zu sein, kenne ich die jungen Mädchen kaum und will mir daher kein Urteil darüber erlauben. Nicht, dass es so endet, wie mit Etta und ihrer Familie.“
„Stimmt. Wenn also ein junges Mädchen, sei es nun verwandt oder nicht, hier her käme, müssten wir ein Auge darauf haben, dass es seine Pflichten erfüllt und damit so sehr eingedeckt ist, dass keine Zeit für eine Liebschaft übrig bleibt.“
Eine Weile plauderten Dalli und Alexander über dieses Thema, ohne zu eine konkreten Ergebnis zu kommen. Doch es hatte ja noch Zeit, zumindest war Dalli davon überzeugt, bis eine Entscheidung dafür oder dagegen getroffen wurde. Weiters brachte Dalli ein Argument näher, wenn schon Stine nicht mehr die jüngste sei, so werde man auch Ole früher oder später in Rente schicken müssen. Noch sei er ja gut beisammen, aber das könne sich von heute auf morgen schnell ändern. Um ehrlich zu sein, wusste Dalli weder wie als Stine, noch wie alt Ole war. Hätte sie die beiden darauf angesprochen, wäre vermutlich die Antwort gewesen: „Zum arbeiten zu alt, für die Rente zu jung.“ Dalli konnte das nicht so ganz nachvollziehen, schwieg jedoch taktvoll, um weder Stine, noch Ole zu beleidigen, die beide ihre Arbeit gut machten, auch wenn die Zarin gelegentlich an ihnen etwas auszusetzen hatte.

Natürlich würde es nicht ewig so weitergehen können. Vielleicht ein oder zwei Jahre. Oder länger. Wer wusste das schon. Früher hatte Dalli sorglos, fast von der Hand in den Mund gelebt und sich um die Zukunft wenig Gedanken gemacht. Nun war es anders: Die Last der Verantwortung für Bobby, Billy, Hanna, Lotte und Jana lag auf Dallis Schultern. Gemeinsam mit Alexander. Auch er spürte hier und da schon die ersten Zipperlein, stritt es jedoch ab, um sich keine Schwäche anmerken zu lassen.

„In zwei Monaten ist Hochzeit.“, ergriff Alexander wieder das Wort.
„Das hat der Wedderkopp-Vater damals gesagt.“, erinnerte sich Dalli.
„Was er wohl vergessen oder verdrängt hat, dass es im Sommer viel Arbeit gibt. Deshalb haben wir erst im Herbst geheiratet. Das hat sogar Mamá verstanden.“
„Bobby ist schon ganz aufgeregt. Das höre ich, wenn sie mich anruft und nach Tipps für den großen Tag fragt.“
„Man heiratet eigentlich nur einmal im Leben.“, Alexander drehte sich auf die andere Seite, blickte zum Fenster hinaus, wo er sein Spiegelbild erkennen konnte.
„Vielleicht bin ich doch nicht der richtige Ansprechpartner?“
„Wenn nicht du, wer dann? Es freut mich, dass Bobby und Billy nach ihrer zickigen Phase Vertrauen zu dir entwickelt haben. Offenbar ist meine Erziehung damals nicht umsonst gewesen.“
„Na, das will ich doch annehmen:“, Dalli prustete in Alexander’s Kopfkissen, um das aufsteigende Lachen zu unterdrücken, um die Zarin und die Kinder nicht aufzuwecken. „Etwas wichtiges werden wir auf alle Fälle bei der Hochzeit brauchen.“
„Was denn? Ich habe keine Ahnung.“
„Taschentücher oder vielleicht eine Küchenrolle.“
„Nanu. Seit wann bist du denn so nahe am Wasser gebaut?“
„Eigentlich nicht, doch bei einer Hochzeit schon.“
„Warum glaubst du, dass du weinen wirst? Es ist ja nicht deine Hochzeit.“
Wieder musste Dalli das Kopfkissen zu Hilfe nehmen.
„Abwarten und Tee trinken, wie es wird. Oder wen Billy einmal heiratet?“
„Lass ihr Zeit, lass ihr Zeit.“, beschwichtigte Alexander. „Soll sie doch ihre Jugend genießen. Alt und weise wird sie von ganz alleine. Und wenn sie übrig bleibt, was solls. Ich glaube, Billy hat andere Pläne, als heiraten und Kinder zu bekommen.“
„Ich habe auch relativ spät geheiratet.“, gab sich Dalli geschlagen. „Dabei hätte ich schon viel früher unter die Haube kommen können.“
„Mit Ethelbert, meinst du?“
„Er hat mich gefragt und ich habe abgelehnt. Einfach so. Ganz spontan.“
„Wer weiß, was alles geschehen wäre.“, Alexander sah es nüchtern. „Für ihn ist es so am besten gewesen und für dich auch. Mach dir keinen Kopf mehr darüber. Versuche zu schlafen. Die Nacht wird immer kürzer, je länger wir hier plaudern.“

Dalli schloss zwar die Augen, aber sie konnte nur schwer schlafen. Immer wieder sah sie Ethelbert’s Blick vor sich, als sie ihm einen Korb gegeben hatte. Unter vier Augen. Dieser Blick, wie von einem Hund, der etwas angestellt hatte und sich aus Angst vor seinem Herrchen duckte. Oder wie von einem waidwunden Reh, dessen letzte Stunde geschlagen hatte. Dalli biss sich auf die Lippen. Langsam spürte sie Blut.

Wie oft hatte sie sich Vorwürfe anhören müssen oder selbst gemacht. So eine Chance bekam man doch nicht alle Tage. Ethelbert sah gut aus, war reich oder würde vielleicht eines Tages reich werden. Er war verwandt. Na und? Die Kirche würde das schon erlauben, besser ein schlechtes Geschäft, als gar keines. Besonders Dick war es gewesen, die Dalli am meisten Vorwürfe gemacht hatte. Dalli konnte oder wollte Dicks Standpunkt nicht verstehen und war ihrerseits zum Gegenangriff übergegangen. So hatte der große Krach begonnen. Im Laufe der Tage und Wochen war es immer öfter zu Missverständnissen gekommen, die nie richtig geklärt worden waren. Dalli hatte sich unterdrückt und fremdbestimmt gefühlt und war erleichtert gewesen, als Dick und Ralf den Immenhof verlassen hatten.

Eine Weile hatten auch noch Jochen und Margot mit Fritz, Etta und Maximilian hier gelebt. Aber dann waren auch sie weggegangen, Oma hatte einen leichten Herzinfarkt erlitten und konnte nicht mehr auf dem Immenhof bleiben. Somit hatte auch Dalli in den sauren Apfel beißen, ihre Koffer packen und Abschied nehmen müssen. Was für ein Glück, dass sie gleich ersten Tag in Hamburg Henning Holm kennengelernt hatte, der ihr stets hilfreich zur Seite gestanden hatte und auch heute noch stand, allerdings in anderer Weise als früher. Entgegen allen Vermutungen hatte Dalli mit Henning nur den Tisch, nicht aber das Bett geteilt. Das wäre ihr dann doch zuviel des guten erschienen. Warum Henning keine Frau oder keine Kinder hatte, wusste Dalli zwar, doch sie durfte nicht offen darüber reden, mit niemandem.

Inzwischen war Billy nach Hamburg gegangen, um dort in einem Hotel als Kellnerin zu arbeiten. Bei Henning hatte sie Kost und Quartier, im Tausch gegen einen Teil ihres Lohnes gefunden und schien offenbar ganz zufrieden damit zu sein. Erst gestern war ein Anruf von Henning gekommen, dass er sich erfreut darüber zeigte, wieder einmal so junge Gesellschaft zu haben und er fühle sich zeitweilig an Dalli erinnert. Er lobte Billy, die gerade bei der Arbeit war, über den grünen Klee. Sie habe viel zu tun und könne oder wolle daher nicht selbst anrufen. Aber sie hatte versprochen, einen ausführlichen Brief zu schreiben, in dem von weiteren Plänen berichtete. Nach diesem Telefonat blieb Dalli noch lange wie in Trance sitzen.

Bobby war nun fest zu Hasso gezogen und an seiner neuen Adresse in Hamburg gemeldet. In regelmäßigen Abständen kam sie zu Besuch oder lud Dalli ein, vor allem, um Ulrike zu bewundern, die sich langsam entwickelte und bereits den ersten Zahn hatte oder kurz davor stand, einen zu bekommen. Hasso verdiente gut in seiner Arbeit. Fehlte nur noch der Trauschein und das Glück schien perfekt zu sein. Vielleicht noch ein oder zwei Kinder mehr, doch vorerst hatte Bobby mit ihrer Tochter und dem Führen des Haushalts genug zu tun. Hasso half zwar hier und da mit, doch einiges konnte er überhaupt nicht, zum Beispiel kochen oder die Kleine stillen.

Hanna ging bereits zur Schule, Lotte sollte im nächsten Jahr damit beginnen und Jana lief ständig den großen Mädchen hinterher, wollte alles genau so machen, auch wenn sie sich hier und da ungeschickt anstellte. Doch Hanna und Lotte zeigten viel Geduld, was Dalli von beiden nur schwer erwartete hätte, am wenigsten von Lotte, die eine wilde Hummel war, kaum einen Moment lang still sitzen konnte oder wollte.
Dalli seufzte leise, während Alexander friedlich schnarchte. Ein wichtiges Thema hatte sie vergessen: Ein eventuelles viertes Kind. Dalli wollte keines mehr. Alexander eventuell. Aber darüber wurde nicht geredet. Tagsüber gab es viel zu arbeiten und nachts wollte Alexander nur noch schlafen, um neue Kräfte zu tanken. Also musste Dalli dieses Thema auf ein anderes mal verschieben. Vorsichtshalber machte sie sich einen Knoten in ihr Stofftaschentuch und legte es in die Nachttischschublade.

Irgendwann musste Dalli doch noch eingeschlafen sein. Erst leise, dann lauter hörte sie den Wecker klingen und Schritte, die über den Flur stampften. Das konnte nur Stine sein, die schon in aller früh auf den Beinen war, überall nach dem Rechten sah und das Wasser für den Kaffee aufsetzte. Dalli rieb sich die Augen, gähnte.
„Wie spät ist es?“
„Zeit zum Aufstehen.“, Alexander öffnete das Fenster weit. „Es wird ein warmer Tag heute. Wir können das erste Heu einfahren. Mit Hilfe von Ole schaffen wir das.“
„Brauchen wir Stine auch dazu?“, wollte Dalli wissen.
„Ich denke nicht. Sie hat im Haus und im Garten genug zu tun.“, mit diesen Worten beendete Alexander das Gespräch und ging hinüber ins Badezimmer. Offenbar hatte er es eilig. Dalli schnupperte. Es roch nach Pfeifentabak und Schweiß.

Beim Frühstück kurze Zeit später wurde, schon der Kinder wegen, nur über belangloses geredet. Die kleinen Mädchen konnten schon ganz manierlich mit Messer und Gabel umgehen. Stine hatte es ihnen beigebracht, wie auch sonst allerlei Fertigkeiten. Dalli gestand sich insgeheim ein, keine Geduld dafür zu haben.

Nach dem Frühstück ging es hinaus aufs Feld. Die Luft war noch frisch. Dalli fröstelte, redete sich jedoch ein, dass es bald besser werden würde, wenn sie erst mit der Arbeit in Schwung gekommen war. Alexander hob ein Bündel Heu nach dem anderen auf den Wagen, Dalli sortierte sie dort. Ole half mit, so gut er es vermochte. Das erste Feld war bald geschafft. Das zweite sollte noch eine Weile liegen bleiben.

„Chef, kann ich mich mal in den Schatten setzen?“, bat Ole.
„Natürlich. Hier dieser Baum ist gerade richtig. Warte. Das Wasser kannst du haben. Es ist in einer Thermoskanne transportiert worden.“
„Danke.“, Ole nahm einen kräftigen Schluck. „Ich sollte nicht mehr so viel arbeiten.“
„Wer sagt denn das?“, Alexander fiel fast die Mistgabel aus der Hand.
„Mein Körper.“, Ole trank einen weiteren Schluck. „Das tut gut.“
„Komm, ich begleite dich.“, Dalli führte Ole bei der Hand. „Hier ist es kühler.“
Ole wischte sich den Schweiß von der Stirn, atmete langsam aus und wieder ein.
„Was würde der Chef ohne mich tun?“
Dalli erschrak. Hatte Ole etwa das Gespräch von gestern belauscht oder sich unabhängig davon eigene Gedanken gemacht? Sie vermochte es nicht festzustellen.
„Wie kommst du auf das?“
„Nur so.“, winkte Ole ab, blickte sich nach allen Seiten um. „Machen wir weiter.“
„Es ist viel zu heiß für dich. Das kann ich dir nicht zumuten.“, antwortete Dalli.
„Wenn nur alle so denken würden …“, Ole vollendete den Satz nicht. Wen meinte er mit „alle“ ? Die Zarin ? Stine ? Oder jemand anderen? Dalli hatte keine Ahnung.

Wenn sie doch nur die Möglichkeit hätte, dass Ole kürzertreten würde. Doch das kam für ihn nicht infrage. Er würde bis zum Umfallen arbeiten, wie er es von der Zarin befohlen hatte und vielleicht sogar noch als Toter mit der Arbeit weitermachen, als ob sein Körper noch am Leben wäre. Dalli verdrängte den Gedanken daran schnell.
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