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Neues Glück auf Immenhof

von Mimi1984
Kurzbeschreibung
GeschichteFamilie / P12 / Gen
16.03.2018
04.12.2022
74
159.709
9
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03.09.2022 2.202
 
„Man hat ihm nichts angemerkt. Er hat sich prächtig amüsiert.“, Dalli brach ab. Der Schmerz saß zu tief. Wie gut, dass sie ihn mit den anderen teilen und Onkel Pankraz noch einmal sehen konnte. Er lag auf dem Bett, die Augen geschlossen, mit dem besten Anzug bekleidet. Ganz friedlich, als ob er schlafen würde. Doch der Brustkorb blieb ruhig. Dalli trat nahe an das Bett heran: „Mach gut, Onkel Pankraz. Danke für alles. Und Grüße mir Oma schön.“
Ja, sie glaubte daran, dass sich alle Verstorbenen irgendwo wiedersehen würden.

Nachdem sich alle Erwachsenen verabschiedet hatten, wurde Onkel Pankraz in einem provisorischen Sarg abgeholt und, für einige Tage in einem Bestattungsunternehmen auf Eis gelegt, eher er nach Eltville überführt wurde. Dort sollte er seine letzte Ruhestätte finden, wie er es sich immer gewünscht hatte.

„Wirst du am Begräbnis teilnehmen?“, wollte Dalli besorgt von Etta wissen.
„Ja. Ich schaffe das.“, Etta schluckte. „Mit Wolfgang an meiner Seite wird es schon gehen. Großvati hätte sich so auf diesen weiteren Urenkel gefreut.“
„Da bin ich ganz deiner Meinung.“, versicherte Dalli. „Komm setz dich. Hier beim Kamin ist es warm genug. Du musst doch auf dich achtgeben, besonders jetzt.“
„Meine Füße sind geschwollen. Ich habe Probleme mit Krampfadern.“, Etta atmete schwer. „Das kommt davon, weil ich so schnell wieder schwanger geworden bin.“

Das Gespräch der beiden wurde in einem gedämpften Tonfall geführt. Jochen nahm Margot tröstend in die Arme. Fritz starrte zum Fenster hinaus. Emma saß ruhig da, zeigte keine Gefühle. Einige der Kinder waren zu klein, um alles zu begreifen. Doch die Teenager verhielten sich bockig, motzten herum, so dass Jochen sie zur Räson bringen musste. Er war nun das neue Familienoberhaupt und nur wenige Jahre jünger als der gerade Verstorbene. Dalli versuchte, das positive daran zu sehen: Onkel Pankraz hatte immerhin das stolze Alter von 76 Jahren erreicht. Das sollte ihm erst einmal einer nachmachen. Oma Jantzen war noch älter geworden. Dalli nahm sich unbewusst die beiden als Vorbilder. Doch wer wusste, was kommen würde.

Neun Tage später fand das Begräbnis in Eltville statt. Dalli fuhr in Trauerkleidung alleine hin. Sie wollte weder Alexander, noch Bobby und Billy und die kleinen Mädchen dabei haben. Die Trauerfeier wurde im kleinsten Kreis abgehalten. Am Leichenschmaus wollte Dalli nicht teilnehmen, bat darum, sich zurückziehen zu dürfen. Jochen sah sie vorwurfsvoll an, doch Margot zeigte Verständnis.

Dalli blieb eine Nacht in Eltville, wollte mit ihrer Trauer und ihrem Schmerz alleine sein. Am liebsten hätte sie die Gastfreundschaft länger in Anspruch genommen, doch die Arbeit auf dem Immenhof ging vor. Für einige Tage wurden die Geschäfte still gelegt. In der Tageszeitung stand eine große Todesanzeige. Onkel Pankraz war sehr beliebt gewesen, hatte viel zum Ansehen seiner Familie beigetragen.

Dalli trug die Trauerkleidung ein ganzes Jahr, wie damals bei Oma Jantzen. Auch wenn es in der nächsten Zeit durchaus einige freudige Momente geben sollte. Das Totenbild von Onkel Pankraz fügte Dalli ihrer Sammlung von Totenbildern hinzu. Ja, es gab da schon mehr, als ihr eigentlich lieb war: Dr. Pudlich, Oma Jantzen, Ralf und Onkel Pankraz. Wer würde wohl der oder die nächste sein? Nicht dran denken. Arbeiten, um zu vergessen oder zumindest um den Schmerz zu unterdrücken.
Der Winter verging, der Frühling stand vor der Türe oder vielmehr er kam auf leisen Sohlen. Anfang April erhielt Dalli zuerst ein Telegramm und danach einen ausführlichen Brief von Etta, in welchem sie alles über die Geburt des kleinen Detlev Pankraz Otto Günther am 28. 03. Verkündete. Dalli fand den Namen ungewöhnlich, doch Etta und Wolfgang hatten sich bestimmt etwas dabei gedacht.

Bobbys Baby dagegen ließ sich bis in den April hinein Zeit. Erst am 07. 04. Erblickte die kleine Ulrike gesund und munter auf dem Immenhof das Licht der Welt. Bei der Geburt war niemand, außer Mutter Carsten zugänglich. Bobby wollte es so haben. Auf der Geburtsurkunde wurde Ulrike, die Hasso wie aus dem Gesicht geschnitten war, gleich unter seinem Familiennamen eingetragen. Das wunderte Dalli sehr, doch sie sagte nichts dazu. Mutter Carsten erwähnte diese Option auch nicht.
„Bin ich erleichtert.“, meinte Bobby, während sie das Mädchen vorsichtig stillte.
„Kein Wunder, die Kleine hat fast 4 Kilo auf die Waage gebracht und das bei 48 Zentimetern.“, brummelte Mutter Carsten, sich die Hände abwischend.
„Es ist alles gut gegangen. Was für ein Wunder.“, Hasso, der sonst eher selbstbeherrscht war, ließ es zu, dass er von Tränen übermannt wurde.
„Jedes Baby ist ein kleines Wunder.“, meinte Mutter Carsten. „So dann ruht euch mal schön aus. Das habt ihr euch auch verdient, nach dieser Anstrengung.“

Die Hebamme packte ihre Sachen, verließ das Schlafzimmer. Dalli wollte auch gehen, wurde jedoch daran gehindert.
„Bitte bleib da. Ich brauche doch deine Hilfe.“
„Das ist doch selbstverständlich.“, meinte Dalli.
Hasso ging nach unten, um den anderen Bescheid zu sagen.
„Ich habe Durst.“
Dalli holte etwas Wasser. Bobby nahm einen tiefen Schluck.
„Möchtest du sie auch einmal halten?“
„Diese Ehre gebührt doch wohl eher dem stolzen Vater?“, versuchte sich Dalli herauszureden.
„Er wird noch lange genug dazu kommen, wenn wir als kleine Familie in Hamburg leben. Nur Mut. Ulrike beißt dich nicht, sie hat ja noch gar keine Zähne.“
Dalli strich dem Baby vorsichtig über das Köpfchen, welches mit einem dunklen Flaum bedeckt war: „Sie ist wunderschön.“
„Hasso kann seine Tochter nicht verleugnen.“
„Nun ja, aber die Augen, sieh nur… es sind eindeutig deine und Billys Augen.“
Für eine Weile saßen Bobby und Dalli ruhig nebeneinander. Ulrike blickte um sich, als ob sie alles erkennen würde. Sie verhielt sich ruhig, zumindest in diesem Augenblick. Hasso kam wieder zurück, mit Billy im Schlepptau.
„Eigentlich sollte ich doch gar nicht soviel Besuch bekommen.“
„Wer sagt das? Ich habe extra für dich, um Urlaub gebeten und ihn auch bekommen.“, zeigte sich Billy halb erfreut, halb entrüstet. „Ganz niedlich. Wie Babys eben so sind. Ich kann damit nur wenig anfangen, tut mir ehrlich leid.“
„Typisch Billy.“, ergriff Hasso das Wort. „Macht doch nichts. Vielleicht bist du einfach nur neidisch, weil du selbst noch kein Baby hast und sobald keines haben wirst.“
„Ja klar und die Erde ist eine Scheibe.“, Billy war schlagfertig wie immer.
„Streitet euch nicht. Wenigstens nicht heute.“, versuchte Dalli die Wogen zu glätten.
„Wir sind doch ein Herz und eine Seele.“, der Kommentar kam von Bobby. „Oh, ich glaube, Ulrike braucht eine frische Windel. Hasso, magst du es bitte versuchen?“
„Ich werde mir alle Mühe geben.“, Hasso nahm seine Tochter in die Arme, ging hinüber ins Badezimmer. Dalli grinste in sich hinein, sagte jedoch nichts weiter.

Wenige Wochen später fand die Taufe der kleinen Ulrike in Malente statt. Bei dieser Gelegenheit traf Dalli seit langem wieder einmal auf Hassos Eltern, welche in diesem Jahr bereits zweifache Großeltern werden sollten. Hassos Schwester Monika hatte Anfang des Jahres ihren Freund Thorsten geheiratet und erwartete ihr erstes Kind im Oktober. Sie wollte nicht wissen, was es werden sollte. Es gehe ihr gut, meinte sie.

Billy war auch bei der Taufe eingeladen, obwohl sie behauptete, keine Zeit zu haben. Aber Bobby bestand ausdrücklich darauf, immerhin standen sie sich nahe genug. Während der ganzen Zeremonie verdrehte Billy immer wieder die Augen, jedoch nur, wenn Bobby oder Hasso nicht zu ihr hinsehen. Innerlich schüttelte Dalli den Kopf. Was für ein Verhalten. Bis zu einem gewissen Grad konnte sie es nachvollziehen, hatte sie doch einst genauso bezüglich heiraten und Kinder haben gedacht. Billy wurde offenbar von vielen Seiten unter Druck gesetzt, schaltete daher auf stur.

Erst später unter vier Augen sprach Billy mit Dalli darüber, bestätigte ihre Vermutung.
„Ich halte es nicht mehr aus. Überall nur Baby oder Hochzeiten. Als ob es nichts wichtigeres gäbe.“
„Du hast eine Arbeit, ein Dach über dem Kopf, was willst du mehr. Lass die Leute reden, höre einfach nicht hin. Ich habe das alles selbst vor vielen Jahren erlebt.“
„Wer hat dich unterstützt?“, Billy schluckte.
„Die Tiere. Denen ist es gleichgültig gewesen und ist es immer noch, wer ich bin. Hauptsache, es kümmert sich jemand um sie, füttert sie, streichelt sie, hat sie lieb.“
„Von den Menschen her, niemand?“
„Nur Henning. Er ist wie ein Vater zu mir gewesen, doch anders als Jochen auch näher vor Ort, was mir damals sehr geholfen hat. Ich stehe tief in Hennings Schuld.“
„Wenn ich doch nur auch so einen Mentor hätte.“
„Wer käme dafür infrage? Mutter Carsten hat immer viel zu tun.“
Dalli erinnerte sich wieder daran, dass Henning gesagt hatte, er wolle auch Billy helfen, wenn sie ihn bräuchte.
„Das kann ich ihm nicht zumuten. Es sind doch ganz andere Voraussetzungen.“
„Versuch es. Mehr als „nein“ sagen, kann Henning ja nicht. Seine Telephonnummer findest du im Telephonbuch. Wenn du ihn nicht persönlich erreichst, sprich ihm einfach auf den Anrufbeantworter. Die Nachrichten hört Henning regelmäßig ab.“
„Danke für deine Hilfe, Mutti. So jetzt lass uns wieder zu den anderen gehen, sonst glauben sie noch, dass wir in die Toilettenschüssel gefallen und durch die Kanalisation davongeschwommen sind."

Den Rest des Tages über hatte Billy Ruhe vor neugierigen Fragen, indem sie einfach begann, den Spieß umzudrehen und nun ihrerseits Fragen stellte. Gleiches Recht für alle. Dalli unterdrückte ein Lachen. Sie hätte sich vermutlich genauso benommen, wäre sie einige Jahre jünger gewesen, doch das hatte Henning ihr abgewöhnt. Er hatte ihr vieles beigebracht, unter anderem ein sicheres und gewandtes Auftreten. Haltung bewahren, das kam auch von Oma Jantzen. Schade, dass Oma Jantzen und Henning einander nie persönlich kennenlernen durften. Dalli bedauerte das sehr. Wie sie auch manch anderes bereute, doch es war zu spät, leider viel zu spät.

Die Arbeit auf dem Immenhof ging in einem gleichmäßigen Rhythmus weiter. Im Sommer kamen Etta, Wolfgang und ihre drei Söhne zu Besuch. Dalli bewunderte insgeheim die Nervenstärke des Ehepaares. Sie konnte sich das nur schwer vorstellen. Drei Kinder in kurzen Abständen zur Welt bringen, gut, wenn man es sich leisten konnte und Platz dafür hatte. Doch die Mädchen waren leichter zu erziehen, als die Jungs. Und wenn es wirklich zuviel wurde, kümmerte sich Stine darum.

Etta brachte nicht nur ihre Familie, sondern auch weitere Neuigkeiten mit: Maximilian hatte sich verlobt und wollte im kommenden Jahr heiraten. Eigentlich hätte die Hochzeit schon in diesem Jahr stattfinden sollen, war jedoch aufgrund der Trauerphase um Onkel Pankraz verschoben worden.
„Na das geht aber ein bisschen plötzlich.“, meinte Dalli. „Warum hast du mir nicht schon früher davon erzählt?“
„Maximilian hat mich um Stillschweigen gebeten. Seine Verlobte stammt auch aus einem reichen Haus. Geld spielt bei den beiden keine Rolle.“
„Wo soll die Hochzeit sein?“, bohrte Dalli nach.
„In Eltville. Mehr weiß ich noch nicht.“, gab Etta Auskunft, während sie ihren jüngsten Sohn in den Armen hielt und die größeren Söhne beim Spielen beobachtete.
„Irgendwie kann ich mir kein so rechtes Bild von der jungen Dame machen: Vor allem, weil ich ihren Namen noch nicht weiß.“
„Anna. Natürlich hat sie noch weitere Vornamen, wie es unter reichen Leuten so Brauch ist, doch ihr Rufname ist Anna. Sie übt schon das Schreiben des neuen Familiennamens, wie mir Maximilian vor kurzem am Telephon berichtet hat.“
Dalli wollte noch mehr erfahren, doch Etta verweigerte jede weitere Auskunft, lenkte geschickt vom Thema ab: „Wie geht es Bobby und Hasso und vor allem Ulrike?“
„Gut, sehr gut. Bobby pendelt zwischen Hamburg und Malente hin und her. Doch sie schafft es schon, den Balanceakt zu finden. Ulrike ist, bis jetzt, relativ pflegeleicht.“
„Ich bin gespannt, wann ich sie endlich kennenlernen darf.“
„Vermutlich bei der Hochzeit von Bobby und Hasso, die am 10. 09. Stattfinden soll.“
„Gut, dann halte ich mir den Termin frei.“, meinte Etta selbstbewusst.

Alexander ließ sich entschuldigen, er müsse in den Stall. Wolfgang beaufsichtigte die spielenden Kinder. Dalli meinte, es sei nur recht. Sie wollte sowieso lieber mit Etta alleine plaudern, was im Winter nur schwer möglich gewesen war.
„Du trägst immer noch schwarz.“
„Ja, wegen Onkel Pankraz. Alles andere finde ich unangemessen.“
„Er hat dir viel bedeutet.“
„Mehr als du ahnst.“, Dalli berichtete von einigen Erlebnissen auf dem Immenhof und auch später noch, von denen Etta nichts wissen konnte, da alles oder doch zumindest einiges vor ihrer Zeit gewesen war.
„Das ist ja interessant. Jetzt verstehe ich also, warum Vati sagt, dass ich dir ähnle.“
„Wie geht es deinen Eltern?“
„Sie werden nicht mehr jünger. Mutti geht oft zum Friedhof hinaus, bleibt lange dort.“
„Was ist mit ihrer Mutter? Lebt sie noch?“
„Ich weiß es nicht. Mutti redet nie darüber. Auch Großvati hat immer das Thema gewechselt, wenn ihn jemand danach gefragt hat. Es muss wohl etwas schlimmes passiert sein. Dabei hat Großvati doch sonst über vieles geredet.“
„Auch über Ponys?“
„Vielleicht auch darüber, das wäre gut möglich.“, Etta stand auf, um Detlev zu versorgen. Dalli wollte mitgehen, doch Etta schüttelte den Kopf.
„Ich schaffe das schon alleine. Es ist ja nicht mein erster Junge.“
„Na dann. Wenn du was brauchst, klingle nach Stine.“, gab Dalli klein bei, was eigentlich nicht ihre Art war, doch sie wollte nicht mit Etta streiten, die ihr doch sehr am Herzen lag und sich daher so manche Freiheiten herausnehmen durfte.

Etta hatte einige Bilder ihrer Geschwister und ihrer Kinder mitgebracht. Dalli freute sich sehr darüber. Wie schnell die kleinen doch groß wurden. Auch Bilder von Fritz und Emma und deren Familie waren in Ettas Gepäck dabei. Dalli zeigte ihrerseits Photos von Bobby, Hasso und Ulrike mit stolzgeschwellter Brust vor.
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