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Neues Glück auf Immenhof

von Mimi1984
GeschichteFamilie / P12 / Gen
16.03.2018
05.05.2021
41
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„Das tut mir leid.“, Alexander schluckte, räusperte sich, schluckte wieder. „Was machst du da?“
„Meine Jacke und meine Schuhe anziehen. Ich möchte Oma noch einmal sehen, bevor sie abgeholt wird.“
Alexander bot sich an, mitzukommen: „Wir sollten noch Mamá Bescheid geben.“
Dalli hob den Kopf, kramte ein Taschentuch aus der Jacke, die sie vorhin achtlos über die Stuhllehne geworfen hatte und schnäuzte sich.

„Tu das. Ich warte solange im Auto auf dich. Bitte fahr du, ausnahmsweise.“
„Wird es dir nicht zuviel? Besonders in deinem Zustand?“
„Oma hätte nicht gewollt, dass ich mich gehen lasse.“, schniefte Dalli. Schwerfällig schlüpfte sie in die Jacke und in die Schuhe, warf einen Blick in den Spiegel.
„Bleib lieber hier drinnen. Draußen ist es kühl, es würde dir nur schaden.“
Seufzend ließ sich Dalli auf den erst besten Stuhl sinken. Alexander ging hinauf in den ersten Stock, wo sich die Zarin in ihr Schlafzimmer zurückgezogen hatte.

Dalli blickte sich um, erst nach links, dann nach rechts. Lagen etwa die Zwillinge auf der Lauer, wie sie es schon oft getan hatten?
Oder war Stine etwa noch wach, weil es viel Arbeit in der Küche gab?

„Alexander, wie kannst du es wagen, mich zu stören?“, eindeutig die Stimme der Zarin. Dalli zuckte unwillkürlich zusammen, obwohl es keinen Grund dazu gab.
„Pardon Mamá, doch es ist ein Notfall.“, versicherte Alexander. Mehr konnte Dalli nicht verstehen. Eine der Treppenstufen knarrte. Schläge der Standuhr ertönten.

Alexander kam wieder herunter, nickte wortlos. Seite an Seite gingen Dalli und Alexander nach draußen. Dalli fröstelte, obwohl sie eine warme Jacke trug.
„Wie hat es deine Mutter aufgenommen?“
„Mit Haltung, wie auch sonst.“, Alexander öffnete die Türe, rückte Dalli den Sitz zurecht. „Hier ist eine Decke, damit du dich nicht erkältest.“
„Danke.“, Dalli mümmelte sich in die Decke ein. „Hast du die Zwillinge wo gesehen?“
„Vermutlich sind sie auf ihrem Zimmer.“, Alexander ließ den Motor an. „Mamá wird ihnen morgen Bescheid geben, heute ist es zu spät. Die Kleinen schlafen schon.“

Auf dem Weg zum Altersheim versagte Dalli die Stimme. Alexander musste sich auf das Fahren konzentrieren. Zum einen weil es dunkel war und zum anderen weil es zu regnen begonnen hatte. Dalli blickte nach draußen in die Schwärze der Nacht, sah jedoch nicht die Bäume und die Sträucher, sondern Oma Jantzen vor sich.

Im Altersheim brannten nur wenige Lichter. Eine Ärztin führte Dalli und Alexander in das Zimmer. Oma Jantzen lag, gewaschen, gekämmt und anzogen auf dem Bett, als ob sie schlafen würde. Ihr Mund stand weit geöffnet. Dalli trat, soweit es ihr Bauchumfang zuließ an das Bett heran: „Danke für alles, Oma. Nun bist du bei deinem Freund Dr. Pudlich. Grüße ihn von mir und Angela auch, ganz besonders.“

„Sie hat nicht gelitten. Es ist schnell gegangen.“, versicherte die Ärztin.
„Dann bin ich beruhigt.“, Dalli richtete sich wieder auf, warf einen Blick auf Oma Jantzen, um sich das Bild einzuprägen. „Wer hat ihr das Kleid angezogen?“
„Eine der Pflegerinnen.“, antwortete die Ärztin. „Wenn Sie bitte mit in mein Büro kommen wollen. Es sind einige Formalitäten zu klären.“
„Muss das sein? Ich möchte bei Oma sein, solange es noch möglich ist.“
„Die Pflegerinnen haben alles vorbereitet. Machen Sie sich keine Sorgen.“
„Was geschieht mit ihr, wenn man sie abgeholt hat?“, wollte Alexander wissen.
Die Ärztin beantwortete die Frage mit knappen, höflichen Worten.
„Komm nun. Du kannst ja doch nichts mehr für sie tun.“
„Wer weiß aller Bescheid?“, fragte Dalli.
„Die nächsten Angehörigen, in diesem Fall also ihre beiden Enkelinnen.“

Nur ungern verließ Dalli das Zimmer, ging ins Büro der Ärztin, um die nötigen Formulare zu unterschreiben und was sonst noch alles zu tun war.
Oma Jantzen sollte zwar an diesem Abend abgeholt werden, doch Dalli bat darum, diesen Moment noch ein wenig hinauszuzögern. Sie wollte sich in Ruhe verabschieden, einfach nur da sitzen und den Eindruck in sich aufnehmen.

„Am Nachmittag ist sie doch noch gut beieinander gewesen.“
„Manchmal geht es schnell.“, Alexander strich Dalli über den Rücken. „Für sie ist es am besten so gewesen.“
„Ich weiß, ich weiß. Vielleicht ist es genau das gewesen, worauf sie gewartet hat: Die Erfüllung ihres größten Wunsches, den Immenhof noch einmal zu sehen und dann…“
„Setz dich doch bitte. Du darfst nicht solange stehen bleiben.“
„Meine Kniee sind schon ganz weich.“, Dalli nahm das Angebot gerne an.
„Wo wird deine Oma ihre letzte Ruhestätte finden?“
„Hier auf dem Friedhof.“, antwortete Dalli leise. „In Angelas Grab vermutlich.“
„Erzähl mir ein wenig über Angela.“
„Warum willst du das wissen? Und gerade heute?“
„Ja, gerade heute. Ich möchte mir gerne ein Bild von ihr machen.“
„Ein anderes Mal.“, winkte Dalli ab. „Nur soviel dazu: Angela ist, nach langer Krankheit von ihrem Leiden erlöst worden. Sie fehlt mir heute noch sehr.“

„Ein Wunder ist geschehen: Dalli fehlt jemand.“, ein sarkastischer Tonfall.
Ohne den Blick zu heben, wusste Dalli, wer diese Worte ausgesprochen hatte.
„Ich freue mich dich zu sehen.“, antwortete Alexander höflich. „Nimm doch Platz.“
„Danke, doch ich möchte mir zuerst Oma ansehen.“, Dick trat näher an das Bett heran, welches mitten im Raum stand und von allen Seiten zugänglich war.
„Mach’s gut Oma.“, schlichte Worte. Normalerweise hätte Dalli Mitleid gezeigt, aber nicht mit Dick. Sollte sie doch sehen, wie sie zurechtkam, ohne Oma und ohne Ralf.

Wenige Minuten später kamen zwei Mitarbeiter einer Bestattungsfirma, mit einem Holzsarg in den Händen. Bevor Oma Jantzen ihre letzte Reise darin antrat, wurde ein kurzes Gebet gesprochen. Dalli vergaß einige Worte, schob es auf den Schock.
Die Mitarbeiter der Bestattungsfirma hoben Oma Jantzen hoch, betten sie vorsichtig in den Holzsarg und verschlossen den Deckel.

Erst als die Männer und Oma Jantzen das Zimmer verlassen hatten, ergriff Dick wieder das Wort: „Genau wie bei Ralf. Auch da haben wir für ihn gebetet.“
„Wir?“, Dalli biss sich auf die Zunge. Nicht heute. Gnade Gott. Oma Jantzen würde sich im Grab umdrehen, obwohl sie noch gar nicht drinnen lag. Erst in acht Tagen sollte sie zur ihrer letzten Ruhe gebettet werden. In einem Metallsarg. Der Holzsarg von heute war nur provisorisch. Dalli wusste, dank der Ärztin, darüber Bescheid.

„Darf ich das Fenster aufmachen?“, bat Alexander.
„Von mir aus.“, antwortete Dick mit brüchiger Stimme.
„Wo sind deine Kinder?“, begann Alexander höflich ein Gespräch.
„Daheim. Wo auch sonst? Das Kindermädchen gibt auf sie acht.“
„Wie könnt ihr euch unterhalten, als ob nichts gewesen wäre. Oma ist tot!“, brauste Dalli auf, leise, aber mit einem scharfen Tonfall.
„Das weiß ich doch.“, versicherte Alexander nachdrücklich. „Hier hast du noch ein Taschentuch. Deine Wangen sind rot. Oder kommt das von der Kälte?“

„Irgendwie habe ich ein Deja-vu.“, meinte Dick. „Dalli heulend in diesem Zimmer.“
„Woher weißt du das?“, Dalli konnte ihre Wut kaum noch unterdrücken.
„Ralf hat mir damals alles erzählt. Er hat kaum Geheimnisse vor mir gehabt.“
„Oh dieser …“, Dalli hieb sich mit der rechten Faust in die linke Handfläche.
„Er hat das ganze sehr lustig gefunden.“
„Was es für ihn wohl auch gewesen ist. Er hat leicht lachen gehabt.“

„Nun ist es genug! Hört auf damit! Eure Oma hätte das nicht gewollt.“, versuchte Alexander den Streit zu entschärfen. „Was immer auch zwischen euch geschehen ist, ich weiß es nicht und will es nicht wissen. Bewahrt Haltung, so oder ähnlich hat doch eure Oma immer gesagt. Treue und Gehorsam, bis über das Grab hinaus.“
Ohne mit einer Wimper zu zucken, schlug sich Dalli auf Alexanders Seite. Sollte Dick darüber denken, was sie mochte. Dalli kümmerte es in diesem Moment nicht.

Nur mit halbem Ohr hörte sie zu, was Alexander mit Dick besprach: Es handelte sich unter anderem um weitere Formalitäten, zum Beispiel bis zu welcher Frist das Zimmer geräumt und desinfiziert werden sollte. Dalli interessierte sich dafür wenig. Sie hatte ja bereits alles wichtige unterschrieben und Kopien der Formulare bekommen. Wozu also die Eile, ob das Zimmer heute oder morgen, ach nein, da war ja ein Feiertag, geräumt werden sollte. Allzu viele persönliche Gegenstände hatte Oma Jantzen nicht mitgebracht. Lediglich ein paar Bilder, Kleidung, vielleicht auch Schmuck. Dalli wusste es gar nicht so genau. Mit wem sollte sie darüber reden?

Einige Tage später stand, auf Oma Jantzens ausdrückliche festgelegten Willen, in Form eines Notizzettels auf dem Nachttisch, die Todesanzeige in der regionalen Zeitung. Das Begräbnis war für den 03. 04. Festgelegt worden. In der Zwischenzeit wurde das Zimmer ausgeräumt. Auch dabei kam es immer wieder zu Spannungen zwischen Dick und Dalli. Wer sollte die Bilder behalten? Wer den Schmuck? Bezüglich der Kleidung waren sich Dick und Dalli ausnahmsweise einig: Nur wenig damit. Die Blusen, Röcke und Hosen waren altmodisch und einige rochen überdies nach Mottenkugeln, so dass niemand freiwillig diese anziehen würde, nicht einmal die allerärmsten.

Bei den Bildern fand Alexander eine Lösung: Er ließ Duplikate anfertigen, händigte die Kopien an Dick aus und gab die Originale an Dalli weiter. Mit dieser Idee konnte Dalli leben. Beim Schmuck sah die Sache etwas anders aus. Einige Stücke waren teuer, andere eher billig. So oder so ließen sich Duplikate nur schwer herstellen. Alexander bot an, den Schmuck zu verkaufen und den Erlös, wenn er hoch genug war, zu gleichen Teilen an Dick und Dalli zu vergeben. Dalli fügte sich, aber diesmal rebellierte Dick. Der Schmuck sei viel zu schade, um verkauft zu werden.
Diese Frage war noch offen, als das Begräbnis von Oma Jantzen am festgesetzten Termin stattfand. Es standen nur wenige Trauergäste am Grab: Dalli, Alexander, Dick, Fritz, Emma, Jochen, Margot, Mans und Dora. Onkel Pankraz hatte sich entschuldigen lassen und stattdessen einen großen Kranz geschickt.

Der Pastor sprach ein paar schlichte Worte. Es gab keine Musik, keine Predigt. Der Sarg wurde hinabgelassen. Wie durch einen Schleier, obwohl sie keinen trug, nahm Dalli alles wahr. Mit zitternden Händen ergriff sie die Schaufel, um etwas Erde auf den Sarg zu werfen, wie es Brauch war. Danach folgten die übrigen Trauergäste.

Der Leichenschmaus fand nicht im Dorfkrug, sondern auf dem Immenhof statt. Auch das hätte Oma Jantzen so gewollt, behauptete zumindest Dick. Dalli fand es schwer, zu glauben, konnte jedoch ebenso schwer das Gegenteil nachweisen und musste daher in den sauren Apfel beißen, obwohl sie doch gar keinen Hunger hatte.

Die anderen Trauergäste unterhielten sich mit gedämpften Stimmen, um die Totenruhe nicht zu stören.
„Möchtest du dich zurückziehen?“, bot Alexander an. „Das versteht jeder.“
Dalli zögerte. Wenn sie jetzt Schwäche zeigte, würde Dick wieder darauf herumhacken. Oder würde sie Verständnis haben, immerhin war sie doch selbst ein paar Mal schwanger gewesen und wusste daher, wie sich das anfühlte.

„Wo ist Ethelbert?“, richtete Dalli ihrerseits eine Frage an Jochen. „Ich hätte mir erwartet, dass er heute dabei ist. Du hast ihm doch eine Parte geschickt?“
„Ja, das habe ich. Vielleicht will Ethelbert mit seinem Schmerz alleine sein.“
„Das wäre eine Möglichkeit. Manchmal sehe ich vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr.“
Eine Weile plauderten Dalli und Jochen ungezwungen miteinander, über die Geschäfte, über das Leben im Dorf und über Tratsch in der Familie.

Einige Anekdoten über Oma Jantzen wurden zum besten gegeben, wobei Dalli auffiel, dass jeder der Anwesenden etwas Neues zu berichten hatte. Sie selbst trug an diesem Tag nur wenig dazu bei, hörte lieber zu, was die anderen sagten.
„Es sind immer drei.“, murmelte Dick. „Erst Ralf, dann Oma und danach …“
„Das weiß niemand.“, Margot stand auf, ging hinüber, nahm Dick in die Arme. „Weine dich nur aus, das tut gut. Wir sind doch unter uns. Wer soll etwas dagegen sagen?“
„Wir sind hier nur zu Gast.“, erwiderte Dick, wobei sie das „nur“ betonte. Oder bildete sich Dalli dass nur ein, weil sie eine Spitze heraushören wollte, wo keine war?
„Ich weiß. Das Leben ist nun einmal Veränderung. Wir müssen uns damit abfinden.“

Dalli ließ sich nun doch entschuldigen und verließ das Esszimmer. Allerdings ging sie nicht nach oben, um sich ein wenig auszuruhen, wie Alexander es vorgeschlagen hatte, sondern hinüber in den Stall, um Trost bei den Pferden zu suchen.
Weinend vergrub Dalli ihr Gesicht in Scheitans weichem, weißen Fell. Der Hengst schnaubte leise, als ob er sagen wollte: „Ist ja alles nur halb so schlimm.“

Erst nach einer Weile bekam Dalli mit, dass die Stalltüre geöffnet wurde.
„Ole, bist du das?“, riet die junge Frau, ohne sich umzudrehen.
Schritte kamen näher. Scheitan verhielt sich ruhig, mampfte Heu aus der Futterkrippe. Das bedeutete, er kannte die Person, welche sich gerade in den Stall geschlichen hatte und witterte daher keine Gefahr.

Dalli drehte sich nun doch um und blickte Dick geradewegs in die Augen. An diesem Tag war keine Spur von Ärger oder Hochmut zu sehen, nur von Trauer.
„Zwei „dumme“, ein Gedanke.“, murmelte Dalli.
„So dumm ist die Idee nicht. Ich beneide dich darum, dass du Trost bei den Tieren finden kannst, wann immer dir danach zumute ist.“, sagte Dick mit belegter Stimme.
 
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