Neues Glück auf Immenhof

von Mimi1984
GeschichteFamilie / P12
16.03.2018
09.10.2019
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Pankraz meinte, die Mittagsruhe sei unverbindlich. Wer sich in das jeweilige Gästezimmer zurückziehen möge, dürfe das gerne tun. Doch wer frisch und munter sei, der könne ja mit in die Weinkeller kommen.
Alexander blickte auf seine Armbanduhr.
„Was ist?“, wollte Dalli wissen.
„Ich müsste schon längst Mamá anrufen, sie macht sich bestimmt Sorgen.“
„Du bist im Urlaub hier?“, ergriff Pankraz wieder das Wort. „Na also. Dann lass mal fünf gerade sein. Deine Mamá kann dich nicht, wie einen Schuljungen kontrollieren.“
Alexander hob und senkte die Schultern.

Plötzlich schrien und lärmten die Kinder so sehr, dass sie das Geplauder der Erwachsenen übertönten.
„Hurra, die ersten Plätzchen sind schon da.“
„Plätzchen? So früh im Jahr schon?“
„Morgen ist nicht nur mein Geburtstag, sondern auch der erste Adventsonntag.“
Die Kinder umringten die Gestalt, die aus einer der Türen gekommen war und einen Rollwagen schob.
„Kinder, ihr sollt doch nicht soviel naschen. Dabei verderbt ihr euch nur den Magen.“
„Runzle deine Stirn nicht so in Falten, Jochen.“, neckte Pankraz. „Es geschieht nur selten, dass die Kinder etwas Süßes bekommen. Gönne ihnen doch die Freude.“
Die Köchin strahlte über das runde, sommersprossige Gesicht.
„Nur keine Bange, es sind reichlich vorhanden. Martha und Emma arbeiten bereits an den nächsten Sorten.“

Ethelbert griff zu, schnappte sich einen Lebkuchen, der an einer Seite etwas dunkler als gewöhnlich aussah. Alexander hielt sich an Nussmakronen, Dalli probierte ein Vanillekipferl. Jochen fütterte Margot mit einer Schokoladenstange.
„Was ist aus deiner früheren Köchin geworden, Erika?“, wisperte Dalli, so dass nur Pankraz sie hören konnte.
„Sie ist im Ruhestand. Paula hat vor einigen Jahren das Kochen übernommen und macht ihre Sache recht gut. Die Gefahr, dass ich verhungere besteht also nicht.“
„Die Kekse schmecken einfach köstlich.“, meinte Ethelbert. „Ich habe zwar auch eine Köchin, aber bei ihr verbrennen entweder die Kekse oder sie werden steinhart.“
„Das höre ich gerne. So, nun gehe ich wieder nach unten in die Küche, um die letzten Vorbereitungen für heute Abend und morgen in der Früh zu treffen.“
„Nur keine Eile, ich verlasse mich auf Sie.“, versicherte der Hausherr.

Jochen und Margot, wie auch Fritz und Emma zogen sich, gemeinsam mit den Kindern diskret zurück. Entweder um tatsächlich zu schlafen oder sich lediglich auszuruhen. Pankraz wandte sich an Dalli und Alexander.
„Seid ihr bereit? Ich möchte euch gerne die Weinkeller zeigen. Allerdings empfehle ich euch, eine warme Jacke oder einen warmen Mantel, sowie warme Stiefel anzuziehen.“
„Warum das?“, fragte Alexander. „Ich bin noch nie in einem Weinkeller gewesen.“
„Der Wein muss kühl gelagert werden, damit er nicht verdirbt.“
„Ach so ist das. Ich bin gespannt, wer oder was mich unten alles erwartet.“
„Spinnen, Ratten und Mäuse. Ach ja, die Leiche hätte ich glatt vergessen.“, zog Dalli ihren Mann auf. „Jetzt guck nicht so, wie ein überfahrener Frosch. Bisher ist noch niemand in den Weinkellern, verhungert, verdurstet, erstunken oder erfroren.“

Kurze Zeit später führte Pankraz seine Gäste durch die Weinkeller, zeigte mal auf dieses, mal auf jenes Weinfass und führte mit lebhaften Gesten aus, wieviel Arbeit dahintersteckte. Dalli hörte nur mit einem halben Ohr zu, sie kannte alles schon, doch sie freute sich, dass Alexander Interesse zeigte oder so tat als ob, in dem er Fragen stellte und auf diese Weise den Monolog von Pankraz unterbrach.
„Was machen Sie mit dem Wein?“
„Ich habe wohl etwas mit den Ohren, weil ich immer nur „Sie“ höre. Hier gibt es kein „Sie“. Ich verstehe nur nicht, warum mich kaum jemand duzt, außer meiner Tochter und meinem Schwiegersohn.“, Pankraz hob ein Weinglas, dass neben einem der Weinfässer stand, füllte es mit Wein, reichte es an Alexander weiter und holte sich selbst ein neues Weinglas.
„Prost. Auf dich und deine Liebe zu Dalli. Ich hätte es mir nie träumen lassen, sie unter der Haube zu sehen.“
„Sieh nur was du angerichtet hast, Onkel Pankraz. Alexander’s Gesicht hat Ähnlichkeit mit einer überreifen Tomate.“
„Du brauchst keine Angst vor mir zu haben. Trink ruhig. Der Wein stammt aus der Ernte von 1972. Die Ernte des Vorjahres reift in diesen Fässern hier heran.“

Alexander wiederholte noch einmal seine Frage von vorhin und verwendete dabei die „Du-Form“.
„Einen Teil des Weines verkaufe ich am Wochenmarkt oder vielmehr, lasse meine Mitarbeiter verkaufen. Es sind zwei Festangestellte und einige Aushilfen, die sich wochen – oder monatsweise abwechseln. Der andere Teil geht per Post in alle Herrn Länder, wobei der Versand, aufgrund der Zerbrechlichkeit der Ware, ein Risiko darstellt. Die Einnahmen aus beiden Projekten investiere ich so bald wie möglich in neue Weinstöcke, Mitarbeiter oder was gerade dringender gebraucht wird.“
„Oder in die aktuelle Feier?“
Pankraz nickte: „Ja, allerdings habe ich mir auch einiges erspart, das werde ich morgen auf den Kopf hauen. Wie, das verrate ich euch jetzt noch nicht.“
„Wie schmeckt der Wein?“, wollte Dalli wissen.
„Etwas herb, vielleicht sogar würzig, doch ich verstehe nichts davon.“
„Das höre ich gerne. Wollt ihr den zweiten Weinkeller auch noch sehen?“
„Worin unterscheidet sich dieser von jenem hier?“
„Im Grunde genommen nur in einem Detail. Hier wird der Wein in Fässern gelagert, drüben in Flaschen und in Regalen aufbewahrt. An einigen Tagen im Jahr sind die Weinkeller für Besucher geöffnet, allerdings nur gegen Eintritt.“
„Ich freue mich darüber, hier sein zu dürfen. Diese Güte, das kann ich doch nicht…“
„Oh, doch du kannst. Und wie. Möchtest du noch einen Schluck haben?“
Alexander stimmte zu, trank den Wein langsam.

„Wo habt ihr Hanna gelassen?“
„Jochen und Margot kümmern sich um sie.“
„Anke ist unpässlich und Klaus muss ihr Händchen halten.“, ergänzte Alexander.
Pankraz nippte an seinem Wein, enthielt sich jeglichen Kommentars.
„So eine verwöhnte Göre.“
„Das musst gerade du sagen.“, ergriff Pankraz doch das Wort. „Ich könnte so manches von früher erzählen, allerdings möchte ich weder dich blamieren, noch Alexander langweilen.“
„Einiges habe ich bereits aus dem Dorfklatsch, der besonders bei Mutter Carsten üppig blüht, erfahren.“, Alexander nahm ein Taschentuch aus der Jackentasche, wischte sich die Mundwinkel damit ab.

„Ach hier bist du. Wir haben dich schon gesucht.“, eine Frauenstimme war zu hören.
„Kommt nur herein, es ist Platz für ein ganzes Regiment.“, Pankraz öffnete die Türe, wies die neu angekommenen Gäste ein, machte sie mit Alexander bekannt und ergänzte noch einmal, dass ein „Sie“ hier auf dem Weingut streng verpönt war.
Dalli reichte ihrer Schwester nur die Fingerspitzen, nickte ihr kühl zu. Ihren Schwager hingegen begrüßte sich durchaus freundlich, er hatte ja nichts Böses getan.

Pankraz holte noch weitere Gläser hervor, füllte eines davon mit Wein und zwei weitere mit Wasser.
„Lasst uns anstoßen. Auf dieses gemütliche Wochenende hier.“
„Warum trinkst du nur Wasser, Dick?“, wollte Ethelbert, der die Gruppe vorhin, nach dem Plätzchen verkosten, aus unbekanntem Grund, verlassen hatte und jetzt wieder zurückgekommen war, neugierig wissen.
„Ich stille ja noch.“, Dick lächelte. „Alkohol ist schädlich für das Baby.“
„Ach stimmt, das habe ich glatt vergessen. Wo sind denn eure Kinder?“
„Im Gästezimmer im Westflügel. Das Kindermädchen sieht nach dem Rechten.“

Dalli verdrehte die Augen. Wie kam ihre Schwester nur dazu, ein Kindermädchen anzustellen? Sollte sie nicht selbst daheimbleiben und die Kinder versorgen? Wie viele waren es nun schon? Drei oder vier oder noch mehr?
„Warum heißt es eigentlich „Frauen hinter den Herd“?“, versuchte Ethelbert die Stimmung mit einem Witz aufzulockern.
„Das weiß ich nicht.“, gab Pankraz offen zu. Ralf verschluckte sich beinahe an seinem Wein.
„Die Knöpfe sind doch vorne.“, kam Ethelbert, der nichts trinken wollte, zur Pointe.
Pankraz lachte, steckte damit Dick, Ralf und Alexander an. Lediglich Dalli verzog keine Miene.
„Schlimm genug, dass Dick sich über den alten Witz amüsiert. Ich werde es bestimmt nicht tun. Inzwischen ist ihr Spitzname Programm geworden und wie. Entweder hat sie, zusätzlich noch eine Köchin eingestellt oder sie kocht selbst zu gut.“

Die Herren plauderten friedlich miteinander, tranken Wein, zwischendurch auch einmal Wasser und amüsierten sich köstlich. Gelegentlich ließ sich einer der Herren entschuldigen, wenn seine Blase drückte. Wie gut, dass es im Keller, nicht nur Wein, sondern auch eine Abstellkammer und eine windschiefe Toilette gab.
Dick hingegen beteiligte sich nicht an dem Gespräch, obwohl sie sonst eher als redegewandt galt.
„Nanu? Bist du etwa müde? Oder ist dir die weite Fahrt zuviel geworden?“
„Mir geht es gut. Wirklich. Ich gehe dann mal wieder nach oben, wegen der Kinder.“
„Es wird langsam Zeit für das Abendessen. Macht euch frisch, ich habe Hunger.“
Pankraz leckte die Lippen. Galant bot er Dalli seinen Arm an, doch sie lehnte ab.
„Du gehst lieber mit deinem Mann? Nun ja, es bleibt mir nichts anderes übrig, als das zu akzeptieren.“
„Wenn es Alexander recht ist, würde ich mich lieber von Ralf oder von Jochen oder von Ethelbert zum Dinner begleiten lassen.“, meinte Dalli höflich.
„Mir ist es recht. Dann suche ich mir eine der Damen aus.“, Alexander schien kein Problem damit zu haben oder wenn, dann ließ er dies nach außen nicht anmerken.

Vor dem Abendessen schlich sich Dalli davon, um Hanna zu versorgen und sich umzukleiden. Etwas Ruhe hatte sie dringend nötig. Alexander kam mit.
„Nun? Was hältst du von meiner Familie? Du kannst ruhig ehrlich zu mir sein.“
Alexander vertauschte das grüne Hemd, dass er tagsüber getragen hatte, mit einem hellblauen. Die gleichfarbige Hose behielt er jedoch an.
„Soll ich noch schnell unter die Dusche steigen oder reicht die Zeit dafür nicht?“
„Wie du willst. Im Notfall genügt es, wenn du dich kurz wäschst, dir die Haare kämmst und einen Deoroller verwendest. Pankraz ist da eher locker.“
Alexander befolgte den Ratschlag, wandte sich Richtung Türe.
„Ich lasse dich erst hier heraus, wenn du meine Frage beantwortet hast.“
„Also gut.“, Alexander hob die Hände. „Wobei das nicht so einfach ist. Mir fällt es, ganz ehrlich, noch etwas schwer, die anderen zu duzen, wo ich sie kaum kenne.“
„Das wird schon werden. Mir kommt es vor, als würdest du dich unwohl fühlen?“
„Es ist nett hier und gemütlich, wirklich. Fast zu schön, um wahr zu sein. Kein Vergleich mit dem „schäbigen“ Immenhof. Ich fühle mich wie der arme Verwandte vom Land. Irgendwie ironisch, wenn man bedenkt, dass ich genau das bin.“

Dalli legte Hanna in die Wiege, ging hinüber zu Alexander: „Das ist doch gar nicht wahr. In diesem Hemd könnte dich jeder für einen adeligen Herren halten.“
„Wenn es nur das Hemd alleine wäre. Die Küche ist gut und der Wein ebenso.“
„Aber…?“, hakte Dalli nach. „Du verschweigst mir doch etwas.“
„Ja und zwar eine ganze Menge. Ich habe leider keine engen Verwandten mehr.“
„Das ist noch nicht alles, oder?“, Dalli legte Alexander eine Hand auf den Arm.
„Wie kannst du deine Schwester nur so brüskieren? Sie hat dir nichts getan.“
„Ich habe ihr die Hand gegeben, wie es sich gehört.“, Dalli sprach leise, um Hanna nicht zu wecken.
„Warum hast du nichts mit ihr geredet?“
„Die Frage kann ich so zurückgeben.“
„Weil ich nicht weiß, was ich mit ihr reden soll. Ich kenne sie doch kaum.“, antwortete Alexander in einem ruhigen Tonfall. „Vielleicht fällt mir beim Essen etwas ein.“
„Du schaffst das schon. Wenn ich dir oft zusehe oder zuhöre, wie du mit schwierigen Kunden persönlich oder am Telefon redest, so wirst du auch mit meiner Schwester fertig werden.“
„Was hast du gegen sie? Ich hätte alles dafür gegeben, selbst einen Bruder oder eine Schwester zu haben. Doch es hat, warum auch immer, nie sollen sein.“
„Bist du etwa eifersüchtig?“, Dalli hob eine schmalzgezupfte Augenbraue.

„In dieser Hinsicht verstehe ich mich gut mit Ethelbert, der ja auch nie Geschwister gehabt hat. Apropos Ethelbert: Du hast behauptet, du hättest keinen Kontakt zu ihm.“
„Keinen persönlichen.“, korrigierte Dalli ihren Fehler von damals schnell. „Wir schreiben uns hin und wieder. Ethelbert hat immer viel zu arbeiten, das weißt du ja.“
„Da bin ich ja beruhigt. Nun können wir nach unten gehen oder ist es dafür noch zu früh?“
„Wir sind gut in der Zeit.“, versicherte Dalli. „Die Kinder werden wohl schon im Bett sein. Ich sehe noch schnell bei Bobby und Billy nach dem rechten. Seltsam, dass sie nicht mit in die Weinkeller gehen wollten.“
„Nun, sie werden schon ihre triftigen Gründe dafür haben. Es ist ja kein Zwang dazu.“

Dalli ging hinüber zum Zimmer der Zwillinge, vergewisserte sich, dass alles in Ordnung war und stellte noch rasch die bewusste Frage.
Bobby und Billy antworteten, sie hätten derweilen mit den anderen Kindern unter der Aufsicht von Jochen, friedlich am Tisch gesessen und ein Brettspiel gespielt. Die Weinkeller gäben nichts Interessantes her. Dalli ermahnte die Mädchen, das nur ja nicht laut zu sagen, schon gar nicht dem Gastgeber gegenüber, das sei unhöflich.