Eine unerwartete Begegnung

von Ophilia
OneshotFreundschaft, Schmerz/Trost / P6
16.03.2018
16.03.2018
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Hallo! *wink*
Eigentlich wollte ich die Geschichte weniger deprimierend schreiben als sie ist, aber ich hoffe, sie gefällt euch trotzdem. Über Lob und nett verpackte Kritik freue ich mich immer.




Eine unerwartete Begegnung


„Meine Füße tun weh!“, rief ich genervt. „Ich würde gerne eine kleine Pause machen.“
„Wenn wir jetzt eine Pause machen, dann kommen wir nie pünktlich!“, erwiderte die Zwergin, die einige Meter vor mir her lief.
Ich warf ihr einen, für mich eher ungewöhnlichen, todbringenden Blick zu, den sie allerdings nicht sehen konnte, da sie mir ja seit einer gefühlten Ewigkeit den Rücken zugewandt hatte.
Genau wie die hochgewachsene Elbin.
Ich seufzte.
Wie es dazu kam, dass ich, ein Hobbit-Mädchen aus dem Auenland, mit einem Zwerg und einer Elbin durch einen gruseligen Wald irrte?
Ich werde es erklären.
Am Morgen des 21. März nach Auenlandzeitrechnung war ich voller Aufregung aufgewacht.
Es war mein Hochzeitstag, und meine Mutter und meine Schwestern hatten alles getan, damit dieser Tag perfekt werden würde.
Ich vertraute ihnen blind, wenn es darum ging, Feste vorzubereiten, aber weil ich so aufgeregt war, und weil es noch sehr, sehr früh am Morgen war, beschloss ich, ihnen bei den allerletzten Vorbereitungen ein wenig zur Hand zu gehen.
Ich besah mir das Blumengesteck und beschloss, dass da noch ein paar Vergissmeinnicht fehlten.
Und so ging ich in den nahe gelegenen Wald, um besagte Blumen zu sammeln.
Kaum hatte ich zehn Blumen gesammelt, nahm das Unglück seinen Lauf: ich wurde von irgendeinem Schurken hinterrücks überfallen und entführt, wobei ich keine Ahnung hatte, weshalb.
Meine Familie hatte keine Feinde, und auch sonst niemand, den ich kenne, außer vielleicht meinem baldigen Ehemann, doch die waren entweder alle tot oder in sämtliche Himmelsrichtungen verteilt und trauten sich nicht, zurück zu kommen.
Auf jeden Fall schleppte mich dieser räudige Mistkerl immer weiter nach Norden, und somit immer weiter vom Auenland weg!
Ich konnte nicht sehen, wie mein Entführer aussah, da er mir die Augen verbunden hatte, doch er murmelte andauernd was von essen, und ich bekam langsam Angst, dass ich die Nachspeise zu seinem Abendbrot sei.
Nach einer gefühlten Ewigkeit wurde ich gerettet und mein Entführer in die Flucht geschlagen.
Mein Retter entpuppte sich als eben genannte Zwergin. Sie hatte uns wohl schon eine ganze Weile verfolgt und nur auf einen günstigen Augenblick gewartet, um zuzuschlagen, wie ich aus ihrer knappen Erklärung entnommen hatte. Die rothaarige Elbin ist uns wenig später einfach nur durch Zufall über den Weg gelaufen, da sie meinen Entführer ebenfalls zu verfolgen schien, und hatte beschlossen, uns zu begleiten.
Die beiden hatten sich nicht vorgestellt, und außer einem „Geht es dir gut?“ vonseiten der Elbin und der Frage, woher ich komme, nichts weiter zu mir gesagt.
Jetzt irrten wir schon seit Stunden durch diesen endlosen Wald, weil keiner von uns drei so genau wusste, wohin es zurück zum Auenland ging.
„Also, mir reicht es jetzt“, schnaubte ich und ließ mich an Ort und Stelle auf den Boden fallen. „Ich weiß, wir Hobbits haben Füße, die uns erlauben, weite Strecken zu laufen, aber so viel wie heute bin ich noch nie in meinem ganzen Leben gegangen. Ich möchte mich ein wenig ausruhen!“
Die andern beiden blieben stehen und sahen sich eine Weile an.
Dann zuckte die Elbin mit den Schultern und sagte: „Meinetwegen. Aber nicht allzu lange. Ich möchte aus diesem Wald heraus sein, bevor es dunkel wird.“
„Und ich erst“, murmelte ich.
Die anderen setzten sich neben mich.
„Jetzt erzählt doch mal“, sagte ich nach einigen Augenblicken des Schweigens. „Wer seid ihr? Und woher kommt ihr?“
Die beiden Frauen schwiegen so lange, dass ich schon fast die Hoffnung aufgab, jemals irgendwas aus den beiden herauszubekommen, als die Zwergendame sich räusperte und sagte: „Mein Name ist Dílin. Ich bin eine der letzten noch lebenden aus dem Königsgeschlecht Durins.“
Ruckartig fuhr der Kopf der Elbin herum und starrte Dílin fassungslos an.
„Durin sagtest du?“, fragte sie angespannt.
Dílin nickte langsam und schaute verwirrt drein. „Wieso?“
„Ich … ich kannte mal einige Zwerge. Verwandte von dir, nehme ich an. Aber das ist etliche
Jahrzehnte her. Heute huschen sie mir zum ersten Mal seit langem wieder durch den Kopf.“
Dílin und ich sahen sie eindringlich an, mit der Stummen Bitte, noch mehr zu erzählen, doch die Elbin wechselte das Thema indem sie sagte: „Mein Name ist Tauriel. Ich bin eine Elbin aus dem Düsterwald.“
Aus dem Themenwechsel wurde allerdings nichts, denn Dílin machte große Augen und flüsterte: „Oh mein Gott!“
„Was ist?“, fragte ich und fuhr erschrocken herum, weil ich dachte, sie hätte zwischen den Bäumen einen weiteren Angreifer erspäht.
Doch weder Dílin noch Tauriel achteten auf mich. Sie sahen einander an, Tauriel verwirrt und Dílin erschrocken.
„Ich habe von dir gehört“, brachte die Zwergin schließlich hervor. „Du bist die Elbin, der mein Bruder verfallen war!“
Tauriels Gesicht lief dunkelrot an doch sie beherrschte sich und sagte: „Was meinst du?“
„Meine Mutter heißt Dís“, fing Dílin an zu erklären. „Ich hatte zwei ältere Brüder. Sie zogen gemeinsam mit meinem Onkel und zehn anderen Zwergen los, um ihre Heimat zurückzuerobern, den Einsamen Berg Erebor. Mutter gab jedem von uns drei einen Runenstein, der uns daran erinnern sollte, immer zu ihr zurückzukehren. Ich habe alle drei bei mir, denn meine Brüder und mein Onkel sind im Kampf um den Berg gefallen. Ihre Namen waren Thorin, Fili und Kili.“
Der Schmerz, der sich auf Dílins Gesicht abzeichnete, spiegelte sich in Tauriels Augen wieder.
Und als die Zwergin drei runde, schwarz glänzende Steine, auf denen identische Runen eingraviert waren, aus ihrer Manteltasche zog, musste ich entsetzt feststellen, dass der so gefasst wirkenden Elbin Tränen über die Wangen rollten.
„Also stimmt es“, flüsterte Dílin. „Du kanntest sie tatsächlich. Und die Geschichte über meinen Bruder ist wahr.“
„Wer hat dir davon erzählt?“, fragte Tauriel.
„Onkel Balin. Aber der ist jetzt auch schon lange tot.“
Tauriel schloss die Augen und ich stellte mit leichtem Entsetzen fest, dass dieser eigentlich schönste Tag meines Lebens sich in einen Tag der Trauer verwandelt hatte.
Meine beiden Begleiterinnen sahen so unendlich traurig aus, dass ich am liebsten etwas gesagt hätte, doch mir fehlten die Worte. Ich hatte noch nie einen geliebten Menschen verloren, und ich konnte und wollte mir einfach nicht vorstellen, wie furchtbar das wäre.
Nach einem kurzen Moment räusperte ich mich jedoch und sagte leise: „Wisst ihr, es ist nicht gut, wenn man alles in sich hinein frisst. Vielleicht solltet ihr darüber reden. Vielleicht nicht direkt über euren Kummer und euren Schmerz, aber über die glücklichen Erinnerungen, die ihr an sie habt.“
Beide sahen mich an.
Dann wandte Tauriel sich Dílin zu und fragte: „Wie war Kili so … als Bruder?“
„Er und Fili waren die Besten, die man sich nur wünschen kann.“, antwortete Dílin. „Die zwei waren immer für mich da. Wir haben zusammen soviel Unsinn gemacht, aber wir standen immer für den anderen gerade, wenn es Ärger gab. Eigentlich habe ich nur glückliche Erinnerungen an sie. Natürlich streiten sich Geschwister immer mal wieder, doch bei uns waren es meistens nur kleinere Kabbeleien, und nach fünf Minuten war alles wieder vergessen. Ich habe nur zwei schlechte Erinnerungen an sie. Zum einen die, als sie verkündeten, dass sie mit Onkel Thorin mitgehen wollten, um den Einsamen Berg zurück zu holen. Ich war so eifersüchtig, als ich nicht mit durfte. Aber dann kam unsere Mutter zu uns und hat jedem von uns einen Runenstein geschenkt und gesagt, dass dies eine Erinnerung und ein Versprechen seien, dass wir immer zueinander zurück finden würden. Die zweite schlechte Erinnerung ist die, als Onkel Balin zu Mutter und mir kam und uns mitteilte, dass … dass –“, Dílins Stimme brach und sie musste schwer schlucken, als auch ihr Tränen über das Gesicht liefen. Sie atmete tief durch und fuhr fort: „Balin kam zu uns mit ihren Runensteinen in der Hand und teilte uns mit, dass weder meine Brüder noch mein Onkel überlebt hatten. Sie hatten versprochen, uns abzuholen, wenn sie den Berg wieder hatten, doch als ich sie das nächste Mal sah, stand ich vor ihren Gräbern.“
Dílin verstummte.
„Dein Bruder Kili hat mir seinen Runenstein mal geschenkt“, sagte Tauriel nach einer Weile und lächelte traurig. „Um ehrlich zu sein – und das hört sich jetzt möglicherweise ziemlich dämlich an – hätte es diesen Stein nicht gegeben, hätten wir uns vermutlich niemals kennen gelernt.“
„Wie meinst du das?“, fragte Dílin.
Tauriel seufzte. Sie schien sich einen Moment zu sammeln, dann fing sie an zu erzählen: „Es war auf der Durchreise der Zwerge. Sie durchquerten den Düsterwald, es war der schnellste Weg zum Berg, doch sie schienen irgendwie vom Weg abgekommen zu sein. Es gab eine kleine Auseinandersetzung mit den Riesenspinnen. Wir haben die Zwerge festgenommen und in unsere Verliese geworfen.“ Sie schüttelte leicht den Kopf. „Eine dumme Nichtigkeit, wenn ihr mich fragt. Aber Thorin und mein König, Thranduil, hatten eine kleine Streitigkeit, die sie nicht beilegen wollten. Wie dem auch sei. Ich patrouillierte in dieser Nacht durch die Gänge. Ich weiß noch, dass es Mereth e-nGilith war. Sternenlichtfest“, übersetzte sie, als sie unsere fragenden Blicke sah. „Dein Bruder spielte mit seinem Runenstein, er warf ihn immer wieder hoch, und ich wurde darauf aufmerksam. Ich wollte wissen, was das für ein Stein sei, und erst schien es, als wolle er mich verjagen indem er mir sagte, dieser Stein verfluche jeden, der die Runen läse und kein Zwerg sei. Doch dann sagte er mir die Wahrheit, erzählte mir von dem Versprechen, dass er seiner Mutter machte. Ich setzte mich neben seine Zelle und wir unterhielten uns eine ganze Weile über das Licht der Sterne und über Feuermonde.“ Tauriel lächelte glücklich.
„Moment mal“, sagte ich. „Ihr habt euch ernsthaft über Sternen- und Mondlicht unterhalten??“
Ich schaute die Elbin leicht entgeistert an und sie wurde rot.
„Also, ich finde das sehr romantisch!“, warf Dílin ein und bedachte mich mit einem strengen Blick. „Bitte erzähl weiter, Tauriel.“
„Na schön“, sagte die Elbin. „Es könnte aber noch etwas länger dauern.“ Sie warf mir einen Blick zu doch ich winkte ab und sagte: „Es ist noch früh, und die Feier findet erst heute Abend statt. Bitte erzähl weiter, ich möchte auch wissen, was noch passiert.“
Tauriel nickte.
„Nachdem ich weg war, gelang es den Zwergen irgendwie, zu entkommen. Hinterher erfuhren wir, dass sie Hilfe von einem Hobbit hatten, der es irgendwie geschafft hatte, sich in unseren Palast zu schleichen. Die Zwerge sind in die leeren Weinfässer gestiegen und den Fluss runter gefahren.
Wir Elben wollten sie natürlich wieder einfangen, jedoch mussten wir gegen ein paar Orks kämpfen, die es ebenfalls auf die Zwerge abgesehen hatten, und in dem ganzen Gemetzel wurde Kili von einem schwarzen Pfeil getroffen. Er und die restlichen Zwerge mitsamt dem Hobbit schafften es jedoch, zu entkommen.
Später erfuhr ich von einem Ork, den wir als Geisel festgenommen hatten, dass der Pfeil vergiftet war und Kili langsam sterben würde. Entgegen den Befehlen meines Königs schlich ich mich davon. Sein Sohn Legolas, mein bester Freund seit Jahren, folgte mir und versuchte, mich davon zu überzeugen, wieder mit ihm zurück zu kehren. Ich sagte ihm, ich wolle die Orks nicht einfach so entkommen lassen. Damals dachte ich, das wäre der einzige Grund, weshalb ich mich den Befehlen meines Königs widersetzte, doch mittlerweile weiß ich es besser. Ich benutzte die Orks zum Teil nur als Ausrede, denn ich wollte wissen, wie es deinem Bruder ging, Dílin. Legolas und ich machten uns also gemeinsam auf den Weg und fanden deine beiden Brüder mit noch zwei weiteren Zwergen in Seestadt, im Haus einer netten Familie. Der Rest der Truppe war schon weiter gereist, Kili sollte sich erholen und später nachkommen.
Legolas und ich konnten einige der Orks töten, die das Haus angegriffen hatten, doch ein paar konnten entkommen. Er nahm ihre Verfolgung auf während ich da blieb und Kilis Wunde heilte. Das war unsere erste richtige Annäherung.“
„Ähm… inwiefern?“, unterbrach Dílin Tauriels Redefluss und musterte sie argwöhnisch.
„Er hat im Fieberwahn etwas gesagt, ich weiß nicht mehr genau, was es war, aber er hat hinterher meine Hand genommen.“
Die verräterische Röte, die sich auf dem Gesicht der Elbin ausbreitete sagte ganz deutlich, dass sie noch sehr genau wusste, was der junge Zwergenprinz damals zu ihr gesagt hatte, doch weder Dílin noch ich hakten weiter nach.
„Und dann wurde Esgaroth von Smaug angegriffen“, fuhr Tauriel seufzend fort. „Ich schaffte es, die Zwerge und die Kinder sicher aus der brennenden Stadt herauszuschaffen. Ihr Vater war es, der Smaug letztendlich tötete. Als die Gefahr endlich vorüber war und die restlichen Bewohner der Stadt mehr oder weniger heil am anderen Ufer ankamen, brachen deine Brüder und ihre zwei Begleiter auf. Kili war gesund, Smaug war tot und sie wollten endlich wieder mit dem Rest ihrer Familie vereint sein. Und ich konnte es voll und ganz verstehen. Aber Kili wollte, dass ich mit ihm komme.“
„Wirklich?“, sagte Dílin. „Das hätte ich nicht erwartet. Du scheinst es ihm wirklich angetan zu haben.“
Tauriel lächelte.
„Ich sagte ihm, dass es nicht ginge, und er sagte etwas auf zwergisch zu mir. Ich bin mir nicht sicher, was es heißt, doch ich hatte damals so einen Verdacht.“
„Was genau sagte er denn?“, wollte Dílin wissen. „Weißt du das noch?“
„Selbstverständlich weiß ich das noch“, erwiderte Tauriel. „Ich erinnere mich an alles, als wäre es erst gestern gewesen. Er sagte zu mir Amrâlimê.“
„Es bedeutet meine Liebe“, sagte Dílin leise. „Also praktisch so was wie Ich liebe dich.“
„Ich lag also richtig mit meinem Verdacht“, sagte Tauriel. „Und obwohl ich ihm sagte, dass ich nicht wisse, was es bedeutet, schien er doch ganz genau zu wissen, dass ich es sehr wohl wusste. Und dann tauchte Legolas auf. Ehrlich, ich liebe ihn, er ist wie der große Bruder, den ich nie hatte, doch zu dem Zeitpunkt hätte ich ihn liebend gerne erwürgt. Er sagte mir, ich solle mit ihm zurückkommen, und mein Pflichtgefühl und meine Loyalität gegenüber meinem Volk überwältigten mich und so sagte ich nein zu Kilis Angebot. Ich weiß noch, wie er sich zum Gehen wandte, doch dann drehte er um und drückte mir seinen Runenstein in die Hand. Behaltet ihn, sagte er. Als ein Versprechen.“
Es entstand eine Pause.
„Und dann?“, fragte ich als ich es nicht mehr länger aushielt.
„Ich wurde verbannt.“
„Was?“, riefen Dílin und ich gleichzeitig, beide gleichermaßen schockiert.
Tauriel nickte, doch sie schien nicht allzu bekümmert.
„Ein Bote von Thranduil hatte uns irgendwie gefunden. Legolas weigerte sich, ohne mich zu seinem Vater zurück zu kehren, und so machten wir uns auf den Weg nach Gundabad, denn Legolas hatte herausgefunden, dass die Orks, die er in Seestadt verfolgt hatte, aus diesem Ort stammten. Ich will euch jetzt nicht mit den Einzelheiten unserer kleinen Reise langweilen. Legolas und ich ritten irgendwann zurück zur Stadt Thal, in der die Menschen der Seestadt Zuflucht gefunden hatten. Ich glaube, es war so, dass die Elben und Menschen sich miteinander verbündet hatten, um mit Thorin zu verhandeln, der den ihnen rechtmäßig versprochenen Anteil des Schatzes nicht aushändigen wollte.
Diese Auseinandersetzung entwickelte sich zu einer ausgewachsenen Schlacht als Orks angriffen, angeführt von Azog dem Schänder. Elben, Zwerge und Menschen mussten sich wohl oder übel miteinander gegen das Orkheer verbünden.
Als Legolas und ich ankamen, war die Schlacht mitten im Gange. Wir berichteten, dass Azog noch ein zweites Heer befehligte, sodass er von zwei Seiten angreifen konnte. Der kleine Hobbit verriet uns, dass Thorin, Fili, Kili und Dwalin ihnen praktisch direkt in die Arme liefen.“ Tauriel lächelte traurig. „Ich hatte mir unsere nächste Begegnung weitaus schöner vorgestellt, doch als Kili und ich das nächste Mal sahen, wurde er von einem Ork angegriffen. Ich eilte ihm zu Hilfe, doch ich wurde außer Gefecht gesetzt und musste hilflos mit ansehen, wie dein Bruder vor meinen Augen erstochen wurde.“
Sie sah zu Boden, sie traute sich nicht, Dílin oder mir in die Augen zu blicken.
„Dieser Ork, sowie der Rest seiner Armee konnte letzten Endes besiegt werden, doch seitdem habe ich mir jahrelang Vorwürfe gemacht, selbst heute noch.“
„Wieso denn das?“ Beim Klang von Dílins sanfter Stimme hob Tauriel den Kopf und sah sie doch an. Erschrocken stellte ich fest, dass schon wieder Tränen über ihr Gesicht liefen.
„Ich hätte ihn retten können“, sagte Tauriel mit zittriger Stimme. „Wäre ich nur früher da gewesen, oder wäre ich stärker gewesen, ich hätte deinen Bruder retten können. Es war meine Schuld, dass er tot ist.“
„Nein, sag so was nicht!“, beharrte Dílin. Sie rutschte näher zu Tauriel und nahm ihre Hände. „Du hast alles getan was du konntest. Selbst Elben können nicht immer alles verhindern, und Zwerge genau so wenig. Wir können nicht immer nur stark sein und allen helfen. Wir dürfen schwache Momente haben. Und Kilis Tod ist ganz bestimmt nicht deine Schuld! Hast du mich verstanden?“
Tauriel sah sie unsicher an. „Du … du bist als nicht sauer auf mich?“
Dílin schüttelte den Kopf. „Aber verrate mir doch bitte noch eines … wie kommt es, dass ich alle drei Runensteine habe?“
„Ich bin zu Kilis Leichnam zurückgekehrt. Ich hab ihm den Stein, den er mir geschenkt hatte, zurückgegeben. Man kann also sagen, dass wenigstens ein Versprechen nicht gebrochen wurde. Ich bin zu ihm zurückgekommen. Nur leider ein paar Minuten zu spät.“
„Und Thranduil?“, fragte ich. „Was hat er gemacht? Hat er dich wieder in sein Königreich aufgenommen?“
Tauriel nickte. „Er ist zu mir gekommen, als ich neben Kili saß. Ich weiß noch, dass wir vorher eine kleine Auseinandersetzung hatten. Er hatte mir unterstellt, dass meine Liebe zu Kili nicht echt sein könnte, und um ehrlich zu sein, habe ich das selbst in Frage gestellt, denn wie hätte das funktionieren können? Selbst wenn er nicht gestorben wäre, wäre er immer noch ein Zwerg und ich eine Elbin. Das wäre nie im Leben gut gegangen. Aber als ich da so saß, und das Gefühl hatte, mein Herz würde in winzige Einzelteile zerbrechen, fragte ich ihn, wieso die Liebe so weh tut. Es war das erste mal, dass ich mich verliebt hatte, und Thranduils Worte hallen mir noch heute manchmal im Kopf wieder. Weil sie wahrhaftig war.“
„Oh man!“, sagte ich und blinzelte ein paar mal schnell hintereinander, um die aufkommenden Tränen zu unterdrücken. „Heute ist der Tag meiner Hochzeit. Der schönste Tag in meinem Leben! Und jetzt sitzen wir drei hier und heulen uns die Augen aus dem Kopf!“
Dílin lächelte mich mit verräterisch glänzenden Augen an und meinte: „Bei Hochzeiten weinen doch eh immer alle.“
Ich lachte auf und erlaubte es mir, meinen Tränen für einen kurzen Moment freien Lauf zu lassen.
Irgendwann, nachdem wir uns alle wieder beruhigt hatten, stand Tauriel auf und sagte: „Also schön, nach diesem höchst deprimierenden Vormittag sollten wir uns auf den Weg machen. Schließlich wäre es eine Schande, wenn die Braut zu spät zu ihrer eigenen Hochzeit kommen würde.“
Dílin und ich standen ebenfalls auf, und zu dritt machten wir uns auf den Weg.

Es geschehen anscheinend doch noch Zeichen und Wunder, denn nach nicht weniger als zwei Stunden, in denen ich das Gefühl hatte, wir irren nur im Kreis herum, traten wir zwischen den Bäumen hervor und ich schaute hinunter auf die kleinen Hügel des Auenlandes.
„Endlich!“, sagte ich und warf vor Freude die Arme in die Luft.
„Da wären wir“, sagte Tauriel, und Dílin meinte: „Wirklich hübsch hier.“
Ich überlegte einen Moment, dann drehte ich mich zu meinen Begleiterinnen um und sagte: „Hört mal, ich weiß, wir kennen uns erst seit einigen Stunden, aber ich möchte euch trotzdem einladen, bei meiner Hochzeit dabei zu sein. Als meine Freundinnen.“
Alle beide sahen mich höchst überrascht an.
„Ist das dein Ernst?“, fragte Dílin. „Wir zwei fallen unter den Hobbits doch auf wie zwei bunte Hunde.“
„Na und?“, sagte ich leicht trotzig. „Es ist meine Hochzeit, und ich kann einladen, wen ich will.“
Die beiden sahen sich einen Moment lang an. Dann sagte Tauriel: „Also schön, wenn du es willst. Aber wir sind gar nicht passend gekleidet. Und Geschenke haben wir auch keine.“
„Eure Freundschaft ist Geschenk genug für mich“, erwiderte ich. „Und was die Kleidung angeht: von mir aus könnten alle auch in Arbeitskleidung und Küchenschürze kommen. Mir geht es nur darum, dass alle da sind, die mir am Herzen liegen, ganz egal, wie sie aussehen.“
„Na dann“, sagte Dílin, „auf geht es!“
Zu dritt machten wir uns auf den Weg in Richtung der Hobbithöhle meiner Mutter, wo ich mich für die Feier zurecht machen würde.
„Wer ist denn der Glückliche?“, fragte Dílin.
„Sein Name ist Peregrin Tuk“, erwiderte ich. „Er ist einer der vier Hobbits, die vor zweieinhalb Jahren geholfen haben, den Einen Ring und Sauron zu vernichten und somit die Welt vor dem Untergang gerettet haben.“
„Davon habe ich gehört“, sagte Tauriel. „Wir Elben aus dem Düsterwald hatten allerdings mit Feinden zu tun gehabt, die aus dem Westen angegriffen hatten.“
„Ich weiß“, sagte ich. „Es wurde in allen Ecken von Mittelerde gekämpft. Ich habe Pippin geholfen, über den Verlust seines Vetters hinweg zu kommen. Frodo ist nicht gestorben“, sagte ich hastig. „Aber die schwere Last des Ringes, die auf ihm gelegen hat, ist einfach nicht von ihm gewichen, und so hat er die Reise nach Valinor angetreten, zusammen mit drei Elben, seinem Onkel und Gandalf, dem Zauberer. Es war wirklich furchtbar traurig für alle Beteiligten, vor allem, weil sie wussten, dass sie Frodo nie mehr wieder sehen würden, denn aus Valinor kann man nicht mehr zurückkehren.“
Tauriel und Dílin nickten.
„Um ehrlich zu sein hatte ich gedacht, dass Pippin und ich nur gute Freunde werden würden“, fuhr ich fort. „Aber irgendwie hat sich da etwas zwischen uns entwickelt, und wir haben uns öfters verabredet, und dann irgendwann habe ich ihm meine Liebe zu ihm gestanden, und ein paar Monate später hat er mir auch schon einen Antrag gemacht. Und meine Mutter und meine Schwestern sagen immer, dass er eine sehr gute Wahl sei, da er der nächste Thain wird.“
„Bitte was wird er?“, fragte Tauriel verwirrt.
„Der Bürgermeister.“, erklärte ich.
Dílin nickte anerkennend.
Als wir bei meinem Zuhause angekommen waren, stellte ich meiner Familie meine neuen Freunde vor und erklärte, weshalb ich so lange weggewesen war.
Ich verriet nicht wirklich, dass ich entführt worden war, ich sagte nur, dass ich mich bei der Suche nach Vergissmeinnicht verirrt hatte, und Tauriel und Dílin mich gefunden hatten.
„Und wo sind jetzt die Blumen?“, fragte meine Mutter.
„Oh“, murmelte ich verlegen. „Ich glaube, ich muss sie bei der ganzen Aufregung irgendwo im Wald verloren haben. Aber das ist jetzt auch nicht weiter wichtig.“
Mithilfe meiner Familie und meinen neuen Freundinnen traf ich noch letzte Vorbereitungen und bereitete mich mit wachsender Nervosität auf die Zeremonie vor.

„…und willst du, Juweline von Lang-Cleeve, den hier anwesenden Peregrin Tuk zu deinem rechtmäßig angetrauten Ehemann nehmen, ihn lieben und ehren, in guten wie in schlechten Zeiten, in Armut und Reichtum, in Gesundheit und Krankheit, bis dass der Tod euch scheidet?“
„Ja, ich will.“
„Dann erkläre ich euch hiermit, Kraft meines verliehenen Amtes, zu Mann und Frau. Ihr dürft euch jetzt küssen.“
Glücklich lächelnd beugte ich mich vor, Pippin kam mir entgegen, und als unsere Lippen sich berührten, brach tosender Applaus los.
Als wir uns schließlich voneinander lösten, wandten wir uns unseren Freunden und Verwandten zu, die auf uns zu liefen um uns mit Glückwünschen zu überhäufen, allen voran Pippins beste Freunde Sam und Merry.
Die anschließende Feier ging bis tief in die Nacht und wurde noch richtig lustig.
Einen kurzen Moment musste ich Pippin trösten, denn natürlich vermisste er seinen Freund und Vetter Frodo an diesem Tag ganz besonders.
Als sich die Nacht so langsam dem Ende neigte, kamen Dílin und Tauriel zu mir.
Lächelnd sagte Tauriel: „Es war wirklich schön hier, aber wir müssen weiter ziehen.“
Ich nickte traurig. Gerne hätte ich sie noch länger hier gehabt, aber ich wusste auch, dass sie ihr eigenes Leben hatten und nicht für ewig hier bleiben konnten.
„Ich begleite euch noch bis zum Waldrand“, sagte ich und stand von der Bank auf, auf der ich bis dahin gesessen hatte.
Die beiden wollten protestieren und sagten, es sei nicht nötig und dass meine Freunde mich vermissen würden, aber ich blieb standhaft.
„Die sind alle so am feiern, das fällt denen sicherlich nicht auf.“
Zu dritt verließen wir so unauffällig wie möglich die Feier und durchquerten das verschlafene, stille Auenland.
Alle drei schwiegen wir, bis wir den Waldrand erreicht hatten.
„Hoffentlich wirst du auf dem Weg zurück nicht schon wieder entführt“, sagte Dílin mit einem Lächeln.
„Ich denke eher nicht“, sagte ich. „Ich gehe ja gleich wieder zurück, sobald ihr weg seid.“
„Es war unfassbar toll, euch kennen gelernt zu haben“, sagte Tauriel und lächelte wehmütig.
Dílin und ich nickten bekräftigend.
„Geht ihr zusammen weiter?“, fragte ich.
Doch die beiden schüttelten den Kopf.
„Ich kehre zu meiner Familie zurück“, sagte Dílin.
„Und ich sollte eigentlich auch in den Düsterwald zurück kehren, aber ich fühle mich da nicht mehr so wohl wie früher.“
„Was ist denn mit Legolas?“, fragte ich.
„Der hat sich während des Ringkrieges mit dem Zwerg Gimli angefreundet und die beiden ziehen gemeinsam durch die Gegend und erkunden Mittelerde. Ich weiß nicht, wo sich die beiden derzeit aufhalten, und um ehrlich zu sein, will ich es auch gar nicht wissen.“
„Seid ihr denn keine Freunde mehr?“, fragte ich überrascht.
„Doch, aber … ich weiß nicht. Nach der Geschichte mit dem Einsamen Berg hat Legolas Düsterwald verlassen um einen Menschen zu finden. Wir sind zwar immer noch gute Freunde, aber irgendwie stehen wir uns nicht mehr so nahe wie früher.“
Sie schwieg einen Moment und sagte dann verlegen: „Ich hatte mal überlegt, ebenfalls nach Valinor zu reisen.“
„Wegen Kili?“, fragte Dílin.
„Unter anderem“, erwiderte Tauriel. „Aber auch wegen allem anderen. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass die Zeit der Elben vorbei ist. Wisst ihr, wie wenige von uns noch hier in Mittelerde leben?“
„Sehr wenige?“, sagte ich.
Tauriel nickte. „Wirklich sehr wenige.“
„Weißt du“, sagte Dílin, „ich finde, du solltest deinem Herzen folgen. Wenn es dir sagt, geh nach Valinor, dann tu es. Und wenn es dir sagt, such Legolas auf, dann ist das auch völlig in Ordnung. Aber ich will nicht, dass du anfängst zu vergessen.“
„Was meinst du?“, fragte Tauriel.
„Hier. Nimm ihn.“ Dílin streckte ihr etwas entgegen.
Kilis Runenstein.
„Aber –“, setzte Tauriel an.
„Kein Aber“, unterbrach Dílin sie. „Du hast dich lange genug in Selbstmitleid gesuhlt.“
„Ich suhle mich nicht“, sagte Tauriel und blickte Dílin empört an.
„Also, ich finde, sie hat schon irgendwie recht“, sagte ich langsam. „Du solltest den Stein nehmen, Tauriel. Aber nicht nur, um an die traurigen Sachen zu denken, sondern auch an alles Glückliche.“
Nach einem kurzen Moment des Zögerns streckte Tauriel langsam die Hand aus und nahm den Stein an sich.
„Danke“, flüsterte sie.
„Wehe du schmeißt ihn weg oder vergräbst ihn irgendwo“, sagte Dílin drohend. Dann, ganz überraschend, drückte sie mir den anderen Stein in die Hand.
„Was –“
„Du solltest auch einen bekommen, Juweline. Jetzt haben wir jede eine. Ich weiß zwar nicht, ob wir uns jemals wieder sehen werden, deshalb können wir uns auch nicht das Versprechen geben, zueinander zurück zu kehren. Aber wir können uns versprechen, dass wir uns niemals vergessen werden. Klar?“
Tauriel und ich nickten.
Wir standen einen Augenblick da und lächelten uns an, bis Dílin irgendwann die Stille durchbrach und sagte: „Ich sollte wohl mal besser los, bevor Mutter sich noch Sorgen macht.“
„Ich muss jetzt auch weiter“, sagte Tauriel.
Wir umarmten uns zum Abschied (Dílin und ich mussten uns bei Tauriel auf die Zehenspitzen stellen, aber selbst dann musste sie sich noch bücken), und ich sagte zu Tauriel: „Hör auf dein Herz!“, und im Gegenzug wurde mir von Dílin eindringlich eingeschärft, dass ich auf mich aufpassen muss.
Dann wandte Tauriel sich nach Westen, und Dílin ging nach Osten.
Ich blieb noch stehen und sah ihnen hinterher, bis die Dunkelheit sie verschluckt hatte.
„Wir werden uns wieder sehen“, flüsterte ich in die Dunkelheit hinein und umklammerte den Runenstein (Filis Runenstein) ganz fest. „In diesem Leben, oder im nächsten.“
Dann machte ich kehrt und ging mit hüpfenden Schritten zum Fest zurück.


Ende