Die Geister des Hinterhauses

OneshotAllgemein / P12
Anne Frank Edith Frank Margot Frank Otto Frank Peter van Pels
15.03.2018
15.03.2018
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„Was für ein Gefühl ist das für Sie, Herr Frank?“ Ein junger Mann sah mich vorsichtig von der Seite an. Er war jung und sehr schüchtern. „Was meinen Sie damit?“ Ich sah ihn so lange und durchdringend an, bis er rot wurde und den Boden anstarrte „Das morgen… das Anne-Frank-Haus hier eröffnet wird.“ flüsterte er, als habe er schon zu viel  gesagt. Starr blickte ich ihn in die haselnussbraunen Augen „Es gibt keinen Anlass hier zu flüstern.“ erwiderte ich strenger als beabsichtigt. Das Gesicht des Jungen färbte sich puterrot. Das hatte ich nicht gewollt. Allerdings für meinen Geschmack  war gerade in diesen Haus zu viel geflüstert worden. Niemand hatte uns hören dürfen. Wir waren ständig in Gefahr entdeckt zu werden. „Bitte sprechen Sie lauter.“

Ich wählte den gleichen nachsichtigen Ton, den ich Peter auch oft gegenüber angeschlagen hatte, wenn ich ihm beim Lernen half. Ich verglich beide unwillkürlich miteinander. In dem dämmrigen Licht könnte ich schwören Peter stünde neben mir und würde mich schüchtern anblicken. „Bitte sprechen sie lauter.“ mahnte ich erneut  und hörte im gleichen  Atemzug Ediths ängstliches Echo an  meinen Ohr „Wir müssen leise sein, Otto“ Automatisch starrte ich auf meine schlichte Armbanduhr, wie ich es auch vor Jahren hier getan hatte. Im Geiste antwortete ich Ediths Schatten „Die Arbeiter haben Mittagspause. Wir können reden. Bitte mach das Radio an. Wir wollen die Nachrichten hören.“ Hermann hätte dann gesagt „Ja, mach das bitte. Am Ende ist der Krieg zu Ende und man hat nur vergessen es uns mitzuteilen.“ Dann hätte er aufgelacht, während meine Frau scharf ausgeatmet  und mich anklagend angesehen hätte.

12.45. Wir hätten kurz nach eins gegessen und vielleicht hätten wir dann beim Essen der Anspannung mit Streiten Luft gemacht. Vorwiegend Anne und Edith.  Anne und Dussel wie sie ihn nannte. Ich lächelte schief als ich an Annes Tagebucheintrag dachte, wie sie ihrer Meinung nach höflich gebeten hatte den Tisch nutzen zu können. Nun, Anne war lebhaft und scharfsinnig gewesen mit einen Geist, der sich verzweifelt kreativ auszudrücken versuchte. Sie hatte wirklich versucht Fritz Pfeffer höflich wie möglich um den Tisch zu bitten. Der spitze Unterton in ihrer Stimme war allerdings unverkennbar gewesen. „Ich möchte bitte den Tisch nutzen zwei Mal in der Woche von vier bis halb sechs.“ „Ich wüsste nicht warum, Du arbeitest doch nicht ernsthaft.“  Ich konnte sie vor mir sehen wie sie ungeduldig schnaubte, die Augen verdrehte und mir aufgebrachte Blicke zuwarf. Dinge wie ein Tisch konnten zu einen furchtbaren Streit führen, wenn man mit acht Personen in einen kleinen Versteck hauste. Das Versteck…. Wir hatten es erreicht.

Ich zog scharf die Luft ein, als ich vor unseren ehemaligen Versteck stand „Geht es Ihnen nicht gut, Herr Frank?“ Der junge Mann neben mir sah mich besorgt an, als hätte ich eine schwere Krankheit überstanden und in gewisser Weise hatte ich das auch. „Ja.“ Jetzt flüsterte ich in das Halbdunkel hinein, das ab morgen für die Öffentlichkeit bereit stehen sollte. Unser Versteck. Für jeden zugänglich. Was würde Edith davon halten? War ihr furchtsamer Schatten noch hier? Ich zog den Bücherschrank zur Seite und betrat unser Gefängnis, welches wir damals  gewählt hatten als Margot zur Zwangsarbeit gerufen wurde und von dem wir nicht gewusst hatten, ob wir es je verlassen würden. Ich schloss die Augen. Wenn ich sie öffnen würde, würden sie alle vor mir stehen. Edith, ihren Arm um Margot gelegt und Anne ermahnend, deren Augen sich mit Peters schüchternen sanften Blick trafen. Auguste und Hermann. Fritz Pfeffer. Sie würden zu mir kommen und ich würde vermitteln zwischen allen. Wie ich es immer getan hatte.

Meine Hände griffen vergebens nach Anne. Ich schloss die Augen und in meiner Erinnerung lief sie hoch zum Dachboden um einen Blick auf den Kastanienbaum zu erhaschen, wie sie es immer getan  hatte, wenn ihr alles zu viel wurde. Peter würde eine Weile warten um sie von dem alten Leben mit Freunden, Kino und Freiraum träumen zu lassen, dann wäre er ihr still gefolgt. Anne und Peter. Was wäre aus ihnen geworden, hätten sie die Gelegenheit gehabt ihr Leben zu leben. Hätten sie dieses Grauen überlebt, hätten sie geheiratet wie Edith und ich es getan hatten an meinen 36. Geburtstag? Hätte sie mich mit Enkeln erfreut, einer Tochter so lebhaft und klug wie sie und eins vielleicht wie die brave und stets gefällige Margot? Auf meiner Suche nach ihnen hatte ich von ihren Tod erfahren. Ihr Tagebuch brannte mir förmlich ein Loch in die Aktentasche. Ihr Tagebuch. Welche Gedanken sie doch gehabt hatte.

Anne wollte dieses Buch unbedingt der Welt präsentieren. Das lebhafte Kind das sie gewesen war, war zu einer ernsthaften Schriftstellerin geworden. Freunde hatten mich dazu gedrängt, ihr Buch Verlagen anzubieten. Nur einen Eintrag hatte ich der Öffentlichkeit verwehrt. „Hallo Kitty… Eintrag 08.02.1944“ Der hatte sich tief in meiner Seele eingebrannt.  Das Komitee zu dem auch der junge Mann gehörte, hatten unser Versteck davor bewahrt abgerissen zu werden. Der Mann vom Komitee wartete immer auf  eine Antwort. Peters Geist sah mich fragend an.  Ich räusperte mich und holte tief Luft und erklärte „ Wissen Sie es ist ein gutes Gefühl. Wir sollten endlich Licht ins Dunkel bringen und die alten Geister befreien.“ Anne, Edith, Margot, lebt wohl. Ich liebe euch so sehr, flüsterte ich ihnen zu.

Und als wir das Versteck, was keines mehr war verließen, sah ich sie. Meine Anne. Meine wunderschöne, zähe, intelligente und widerspenstige Anne. Sie saß triumphierend an ihren hart umkämpften Tisch und ein schelmisches Funkeln lag in ihren scharfen Augen. Sie lächelte und nickte mir zu, ehe sie ganz die ernsthafte Schriftstellerin die sie nun war, in ihr Buch schrieb und nun von allen gehört wurde.


„Wenn ich ganz ehrlich bin, muss ich dir bekennen, dass es mich trifft, dass ich mir unsagbar viel Mühe gebe, anders zu werden, aber dass ich immer wieder gegen stärkere Mächte kämpfe. ZITAT ANNE FRANK“


Ach Annelies, schließlich und letzendlich tun wir das alle. Du wirst immer bei uns sein.