Sein letzter Wunsch.

GeschichteHumor, Romanze / P18 Slash
Emily Farmer (männlich) Farmer (weiblich) OC (Own Charakter) Robin Sebastian
14.03.2018
01.08.2020
36
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01.08.2020 4.007
 
Kapitel 35
Einsame Nächte.

Heute löse ich ein lang gegebenes, aber nicht vergessenes Versprechen ein. Mit meiner Kameratasche an meiner Schulter spaziere ich durch den Cindersap Forest. Ich möchte meine Freundin Leah besuchen und ihr helfen, ihre Künstlerkarriere ein wenig anzukurbeln. Auf der Party haben wir uns leider kaum gesehen und auch seitdem haben wir uns nicht besonders intensiv unterhalten. Trotzdem habe ich nicht vergessen, was ich ihr versprochen habe. Mich plagt schon mein schlechtes Gewissen, weil ich mir nicht eher die Zeit genommen habe, um Leah zu unterstützen. In den letzten Tagen war es etwas chaotisch, doch mittlerweile habe ich mich genug ausgeruht.

Unterwegs schieße ich das eine oder andere Foto von interessant aussehenden Blättern, einer Biene, die blütenstaubbedeckt in einer Blüte sitzt, und auch von dem Weg, der sich durch den Wald schlängelt. Die saftig grünen Bäume sehen malerisch aus. Je länger ich mich umsehe, desto mehr Momentaufnahmen lichte ich ab. Die Natur erblüht in ihrer vollen Pracht und ich kann kaum genug davon bekommen. Beinahe jeder Schritt, den ich tiefer in den Wald mache, offenbart mir ein weiteres Fotomotiv. Wären Landschaften meine Leidenschaft, würde mich die Inspiration förmlich überrollen. Ich würde sofort zu Stift und Papier greifen, um diesen magischen Ort so gut es geht einzufangen.

Auch Leah scheint die Magie des Waldes zu spüren und als Inspiration für ein neues Werk zu nutzen. Ihre roten Haare blitzen durch das Grün der Blätter. Verträumt skizziert sie die Landschaft. Mit etwas Abstand bleibe ich hinter ihr stehen. Leah sieht auf, als ein Vogel in der Baumkrone über ihr zwitschert. Ihr sanftes, ehrliches Lächeln nimmt mich sofort gefangen. Ich richte meine Kamera auf die hübsche Künstlerin und schieße ein Foto von ihr.

Durch den nicht ganz lautlosen Auslöser wird Leah auf mich aufmerksam. „Oh Max, hi“, begrüßt sie mich überrascht. „Hast du mich gerade fotografiert?“
„Hey. Ich hoffe, dass ich dich nicht erschreckt habe“, begrüße ich meine Freundin. „Du sahst grade so hübsch aus, das muss ich dir zeigen.“ Fröhlich setze ich mich neben meine Freundin und zeige ihr das Bild. Leah lehnt sich etwas an mich und betrachtet den Bildschirm, auf dem das Foto aufleuchtet. „Wenn du es nicht magst, dann lösche ich es selbstverständlich wieder.“
„Ach, du machst wohl Witze. Ich kann kaum glauben, dass ich das bin. Ein Foto auf dem ich mir tatsächlich gefalle, dass ich das noch erleben darf“, staunt Leah, ehe sie lacht. „Du hast ein gutes Auge, Max.“
„Ist nicht schwer, wenn man so ein schönes Motiv wie dich hat.“
„Ach, du bist ja so ein Schleimer“, antwortet sie schmunzelnd. „Das Foto will ich unbedingt haben. Kannst du mir das vielleicht ausdrucken?“
„Sicher“, beantworte ich ihre Frage. „Sag mir nur in welcher Größe du es haben möchtest und ich kümmere mich darum.“
„Danke, das ist lieb von dir. Zeig nochmal.“ Zufrieden drücke ich auf einen Knopf und das Foto erscheint wieder. Per Knopfdruck zoome ich außerdem etwas heran, sodass Leah sich genauer betrachten kann.
„Aber warum ich eigentlich gekommen bin: Ich hab dir vor eine Weile versprochen, dass ich dir helfen werde.“ Leah sieht vom Bildschirm auf.
„Oh, du hast es nicht vergessen?“, fragt sie nach.
Ich schüttle den Kopf. „Nein, ich hatte nur noch nicht ganz die Zeit dafür. Jetzt, wo ich mich von der Party erholt habe, bin ich aber fit genug, um mich um mein Versprechen zu kümmern. Ich dachte mir, dass ich ein paar Fotos von deinen Kunstwerken mache und wir dir erst einmal eine Social Media Präsenz aufbauen.“
Leah nickt. „Das klingt aber ganz schön kompliziert.“
„Ach was, ich kenne mich damit ganz gut aus“, erzähle ich. „Ich hab in den letzten Jahren ein paar Follower gesammelt und ich bin sicher, dass unter meinen Followern auch Kunstliebhaber sind, die sich deine Fotos gerne ansehen würden.“
„Aha.“
In Leahs Gesicht kann ich ihre Ahnungslosigkeit erkennen. Dass sie sich mit Technik nicht besonders gut auskennt, ist mir nicht neu, trotzdem finde ich es ziemlich niedlich. Es ist fast unwirklich, dass jemand in meinem Alter sich nicht mit Technik und Social Media auskennt. Ich erkläre weiter: „Klingt erstmal nicht so spannend, aber der Sinn dahinter ist, dass diese Follower deine Kunst gut finden und dann vielleicht sogar das eine oder andere Bild kaufen möchten. Künstler im Internet bieten ihren Followern immer wieder an, Aufträge anzunehmen und die Follower melden sich dann ganz einfach per Nachricht. Bezahlt wird dann ebenfalls online. Wenn es so weit ist, dann helfe ich dir auch damit. Ich habe auch schon einige meiner Portraits verkauft.“
„Oh, ja, das klingt doch gut“, freut Leah sich. Ihre Augen strahlen förmlich, als sie mich ansieht.
„Das machen mittlerweile sehr viele Künstler. Die meisten zeichnen zwar digital, aber wenn du mich fragst, geht nichts über die gute, alte Handwerkskunst.“
„Und wie funktioniert das mit den Followern so? Tut mir leid, wenn ich ein bisschen doof klinge.“
Ich lächle meine Freundin an. „Ach, alles gut. Ich kann dir das noch alles in Ruhe erklären und Schritt für Schritt zeigen, wie man Fotos hochlädt, Kommentare beantwortet und so weiter. Es ist ganz einfach.“
„Okay, das klingt schon mal spannend. Ich kann mich hoffentlich immer melden, wenn ich Fragen habe.“
„Na aber selbstverständlich. Ich würde dich niemals in die Welt des Internets entführen, wenn ich dich dann dort alleine zurücklasse.“
„Ich weiß gar nicht, wie ich dir danken soll.“
„Dank mir erst, wenn ich etwas getan habe“, meine ich grinsend.

Bevor wir anfangen, Leahs Werke zu dokumentieren, entschließen wir uns noch dazu, ein spontanes Fotoshooting zu machen. Ich fotografiere Leah beim Zeichnen. Auf den ersten Fotos wirkt sie etwas steif, doch mir fällt ein kleiner Trick ein. Leah ist ganz in ihrem Element, wenn sie sich ihrer Kunst widmet und das nutze ich für mich.

Als ich einen kleinen Spaziergang mache und sie sich dadurch wieder unbeobachtet fühlt und auf ihre Skizze konzentriert, nimmt die Qualität der Fotos rapide zu. Ein wenig seltsam sieht es vermutlich schon aus, wie ich Leah aus den Büschen heraus fotografiere, doch die Ergebnisse können sich sehen lassen. Nach einigen Fotos fällt es mir schon richtig schwer, zu entscheiden, welches mir am besten gefällt. Leah ist ohne Frage eine sehr hübsche und fotogene Frau, vorausgesetzt die Kamera macht sie nicht nervös.

Nach unserem Shooting machen wir uns auf den Weg. Zusammen mit meiner Freundin spaziere ich durch den Wald. So aufmerksam auf meine Umgebung war ich bei einem Spaziergang noch nie. Immer wieder entdecken wir die Bewohner des Waldes zwischen Ästen und Büschen, während wir auf dem Weg zu Leahs Hütte sind. Es ist kühler, als ich erwartet habe. Durch die Sommersonne wird es in meinem Haus sehr schnell ziemlich heiß. Dass Leahs Haus von Bäumen umzingelt ist, ist wohl ein großer Vorteil bei dieser Hitze.

„Mach es dir bequem“, bittet Leah mich. „Möchtest du vielleicht einen Tee oder einen Kaffee?“
„Um ehrlich zu sein wäre mir ein kühles Getränk lieber.“
„Wenn du etwas Erfrischendes möchtest, kann ich dir etwas Zitronenwasser machen.“
Ich wäre nicht abgeneigt. „Das klingt toll, aber du musst dir für mich keine Umstände machen“, antworte ich meiner Freundin. „Klassisches Wasser aus der Leitung würde mir vollkommen ausreichen.“
„Ach was“, winkt sie schnell ab. „Ich hätte ohnehin selbst Lust darauf. Ein kleiner Vitamin Boost ist nie verkehrt. Selbst so ein großer Kerl wie du kann das brauchen.“
„Bei diesem überzeugenden Argument kann ich unmöglich nein sagen. Danke, Leah.“
„Keine Ursache.“

Während Leah in der kleinen Küchenzeile die Getränke zubereitet, kann ich nicht still sitzen, sondern sehe mich in ihrem Atelier um. Ich gehe auf und ab und betrachte ihre Bilder. Sie arbeitet aktuell an einer Skulptur aus Treibholz. Die abstrakte Skulptur ist nicht das einzige, das interessant anzusehen ist, auch auf der Staffelei befindet sich ein Kunstwerk, das mich neugierig macht. Irgendwas daran kommt mir bekannt vor.

Das Ölgemälde ist äußerst schön anzusehen. Auf einem großen Felsen, der von Wasser umgeben ist, sitzt eine Meerjungfrau. Der Wind weht durch ihre blauen Haare, die durch einen aufwändigen Muschelschmuck mit Perlen verziert sind. Das Gesicht der Meerjungfrau sieht etwas traurig aus, sie blickt nach unten, in Richtung Wasser. Die Umgebung kommt mir so bekannt vor, doch ich kann sie im Moment nicht zuordnen. Alles was ich weiß ist, dass ich diesen Ort schon einmal gesehen habe.

„Gefällt es dir?“, fragt Leah mich. „Ich hätte nicht gedacht, dass du dich für eine Meerjungfrau faszinieren könntest.“
„Und wie… Ein Meermann wäre mir zwar ein bisschen lieber, aber sie ist atemberaubend. Dieses Kronending in ihren Haaren gefällt mir richtig gut. Und diese Gesichtszüge. Man könnte fast glauben, dass du die Meerjungfrau wirklich gesehen hast“, antworte ich nachdenklich. Sie wirkt so lebendig.
„Vielleicht habe ich das auch“, antwortet Leah wage.
Ich sehe zu meiner Freundin, die gerade zu mir tritt. „Du lädst mich zum Träumen ein, Leah.“
„Gefällt es dir wirklich?“
Ich nicke, während ich das Bild weiterhin betrachte. „Es ist wunderschön.“
„Ich hab’s drüben am Meer gemalt. Im Normalfall zeichne ich eher, anstatt meine Staffelei mitzunehmen, aber ich schätze, dass sich das Ergebnis sehen lassen kann.“
„Ich hab mich schon gefragt, wieso mir das alles so bekannt vorkommt“, meine ich erleuchtet. „Das ist doch der Stein neben dem Steg, nicht wahr?“
„Genau“, stimmt Leah mir zu.
„Hast du schon einen Abnehmer für dein Kunstwerk?“
„Emily möchte es ihrer Freundin Sandy schenken. Sie hat im Herbst Geburtstag.“
„Ein wunderbares Geschenk“, freue ich mich für Emilys Freundin.
„Apropos…“ Leah wirkt etwas unsicher. „Was das Bild für dich angeht… Du weißt schon, die Skyline. Ich hatte noch keine Möglichkeit, mit dem Bild anzufangen.“
„Kein Problem“, winke ich ihre Unsicherheit und Bedenken schnell ab. „Wenn mein Bild wegen Meisterwerken wie dem hier hinten ansteht, kann ich das voll und ganz verstehen.“
„Danke für dein Verständnis, Max. Und entschuldige.“
„Du musst dich nicht entschuldigen.“

Leah und ich nehmen an dem kleinen Tisch in ihrer Küche Platz. Bevor wir mit irgendetwas beginnen, zeige ich ihr die Fotos, die ich von ihr geschossen habe. Auch meiner Freundin fällt es schwer, sich für ein Bild zu entscheiden, also beschließe ich kurzerhand, alle Fotos für sie zu drucken.

Wir trinken Zitronenwasser, essen Kekse und trinken im Laufe des Nachmittages noch eine Tasse Tee. Zwischendurch erkläre ich Leah noch ein paar Funktionen einiger Social Media Seiten und auch die Dokumentation ihrer aktuellen Kunstwerke kommt nicht zu kurz. Die Zeit vergeht wie im Flug, obwohl wir viel Spaß haben, verliere ich auch nicht den Grund, wieso ich hier bin, aus den Augen. Leah und ich sind zweifellos auf derselben Wellenlänge.

Ich richte meiner Freundin fürs Erste eine E-Mail Adresse ein. Da ich sie nicht überfordern will, lasse ich Leah Zeit, alle Informationen erst einmal sacken zu lassen, bevor sie sich in das Abenteuer Internet stürzt.



Nur noch wenige Schritte trennen mich von meinem Haus. Es ist später als ich geplant hatte. Die Sonne ist längst untergegangen, es hat merklich abgekühlt, kalt ist mir jedoch nicht.

„Max!“, höre ich eine Stimme nach mir rufen.
Eigentlich habe ich erwartet, dass ich von Sebastian überfallen werde, doch anstatt meinem Freund, sehe ich Haley auf mich zukommen. Sie winkt mir, ich erwidere das Winken natürlich, dennoch frage ich mich, was sie hier zu suchen hat. Dass ausgerechnet Haley mich besucht, habe ich nicht erwartet.

Im gemütlichen Tempo komme ich ihr entgegen. Als uns nur noch ungefähr ein Meter trennt, bleibt sie stehen. Haley lässt einen tiefen Seufzer los, sie sieht zu Boden. „Ich sage es lieber schnell, bevor ich es gar nicht loswerde: Es tut mir leid, wie ich mich dir gegenüber benommen habe, Max. Ich war eingebildet und unausstehlich… Und Juno…“
Dann überspringen wir den Smalltalk wohl ohne Umschweife. Ich nicke. „Von meiner Seite aus ist alles okay, Haley.“
Haley wirkt überrascht, als sie mich ansieht. „Okay?“
„Klar. Wieso sollte ich dir böse sein? Jeder hat seine Eigenheiten und dass du Trevor zwischen die Beine getreten hast, ist verdammt witzig. Selbst wenn ich vorher sauer gewesen wäre, wäre es damit längst wieder gegessen.“
Haley lächelt ein wenig. „Er hatte es verdient.“
„Oh ja, das hatte er“, stimme ich ihr überzeugt zu. „Also, bist du gekommen, um dich bei mir zu entschuldigen, oder wolltest du eher über Juno sprechen?“
„Ist es so offensichtlich?“, fragt sie nach.
„War nicht schwer zu erraten, nachdem du ihren Namen erwähnt hast.“
„Okay, ja, stimmt wohl. Könntest du mir vielleicht Junos Nummer geben, damit ich sie anrufen und mich entschuldigen kann? Ich war eine Idiotin…“
„Naja, zu deiner Verteidigung: Wenn ich nackt neben einer Frau aufwachen würde, würde ich wohl auch weglaufen“, beruhige ich Haley mit einem Witz. Erst sieht sie mich etwas beleidigt an, doch dann schubst sie mich und lacht.
„Hilfst du mir oder klopfst du nur Sprüche, du Idiot?“
„Ich… Ich weiß nicht, ob ich Junos Nummer einfach so rausrücken darf. Wenn sie das nicht gut findet, kann das böse für mich enden. In ein paar Wochen schlägt sie hier mit ihren Sachen auf… Sie kann mir da ganz schön das Leben schwer machen und zwar bis ans Ende meiner Tage.“
„Oh.“ Haley sieht mich überrascht an. „Sie zieht bei dir ein?“
„Ja“, antworte ich.
„Interessant.“ Die Frau mir gegenüber wirkt etwas nachdenklich, ehe sie weiterspricht: „Wenn du ihre Nummer nicht weitergeben willst, was ich auch verstehen kann, kannst du ihr dann vielleicht meine Nummer geben? Sag ihr, sie soll sich bei mir melden, vorausgesetzt sie möchte das auch. Sag ihr, dass es mir leidtut, wie ich mich verhalten habe und dass ich nicht wusste, was ich genau wollte…“
Ich nicke. „Und was willst du jetzt?“, frage ich nach.
Haley druckst ein wenig herum. Sie verschränkt ihre Arme, mit einer Hand streicht sie über ihren Oberarm. „Ich will eine Chance, mich bei Juno zu entschuldigen. Das alles ist nicht so einfach für mich, Max.“
„Das sieht man.“ Haley sieht zu mir auf. „Ich helfe dir. Ich gebe ihr deine Nummer und lege ein gutes Wort für dich ein. Falls sie dich ignoriert, schreibe ich dir, sobald Juno hier einzieht und du kommst vorbei. Am besten du trägst ein kurzes Röckchen und irgendwas mit tiefem Ausschnitt, dann kann Juno nicht anders und muss dich ansehen.“
Haleys Arme lockern sich. Sie legt ihre flache Hand an ihre Stirn. „Ich weiß gar nicht, was ich dazu sagen soll.“
„Sag ‚Danke‘ und dann gibst du mir deine Nummer“, schlage ich schmunzelnd vor.
Haley schüttelt den Kopf. Ich reiche ihr mein Smartphone und sehe ihr dabei zu, wie sie ihre Nummer eintippt. „Danke, Max. Ich hab’s eigentlich gar nicht verdient, dass du so nett zu mir bist, nach allem, was ich gesagt habe.“
„Das ist längst vergessen.“
„Das sagst du nur so…“
„Nein, im Ernst.“ Haley gibt mir mein Smartphone zurück. „Ich habe es wortwörtlich vergessen. Ich kann mich nicht erinnern, was du zu mir gesagt hast.“
„Dann solltest du vielleicht weniger trinken“, zieht sie mich auf. „Danke für deine Hilfe, Max.“
„Gern geschehen.“ Ich strecke mich genüsslich. „Soll ich dich noch nach Hause begleiten? Es ist schon dunkel… Mir wäre nicht ganz wohl dabei, wenn du den Weg ganz alleine machst.“
Mit einem ehrlichen Lächeln sieht Haley mich an. „Danke für das Angebot, aber ich bin schon ein großes Mädchen.“
Ich tippe eine kurze Nachricht an Haleys Nummer. Ein simples ‚Hi‘ reicht für meine Zwecke, sie soll meine Nummer haben. „Schreib mir, wenn du zu Hause bist. Dann muss ich mir keine Sorgen machen, dass dir etwas passiert sein könnte.“
„Du bist durch und durch ein Beschützertyp. Gar nicht mal so unsympathisch.“ Irgendwas in Haleys Lächeln hat sich gerade geändert. „Gute Nacht, Max.“
„Gute Nacht, Haley. Komm gut nach Hause.“
Haley dreht sich um und spaziert den Feldweg entlang zurück in Richtung Stadt. Eine Weile sehe ich der Blondine nach, doch dann bemerke ich, dass Dans Wagen weg ist. Da trifft mich eine Erinnerung, die ich regelrecht verdrängt hatte. Klar, da war doch was. Dan und Sebastian verbringen die Nacht in Zuzu City. Das heißt wohl, dass ich ganz alleine bin. …mit Muffin.

Ich richte meinen Blick auf die Eingangstür meines Hauses. Wenn Sebastian nicht hier ist, wird Muffin wahrscheinlich nicht besonders glücklich sein. Sie wird vermutlich viel Liebe brauchen, um durch die Nacht zu kommen. Mir wird es wohl nicht anders gehen…

Meine Schuhe lasse ich draußen auf der Veranda stehen. Kaum betrete ich die Küche, bietet sich mir ungefähr das Bild, das ich erwartet habe. Muffin miaut nach Liebe. Ich gehe in die Knie und hebe die Katze hoch. „Ach, du armes Ding. Ich verstehe ganz genau, wie du dich fühlst. Ich vermisse Sebby auch schon.“ Ich kraule Muffin hinter den Ohren und setze sie gleich wieder ab. „Ich nehme eben eine schnelle Dusche. Ich würde dich ja mit ins Badezimmer nehmen, aber ich hab ein bisschen Angst, dass du mich wieder kratzen wirst, sobald du Wasser siehst. Du und deine tödlichen Krallen.“

Ich lege meine Kamera im Schlafzimmer auf dem Schreibtisch ab und begebe mich dann schon Richtung Badezimmer. Bei jedem Schritt verfolgt Muffin mich. Als ich stehen bleibe, um die Tür zu öffnen, schmiegt sie sich sofort an meine Beine. Irgendwie tut sie mir schon sehr leid. Das arme Ding hängt so sehr an Sebastian, dass sie ohne ihn ganz verloren ist.

„Ach Muffin… Ich muss Sebastian später unbedingt sagen, wie sehr er dir fehlt.“

Muffin lässt ein herzzerreißendes Miau im Badezimmer erklingen. Mit dem Duschen sollte ich mich auf jeden Fall beeilen.



Ich mache es mir im Bett gemütlich. Muffin kuschelt sich liebesbedürftig an mich. Ich streichle und kraule sie. Da Muffin schnurrt, habe ich das Gefühl zumindest eine passable Vertretung für Sebastian zu sein.

Sebastians Katze ist nicht die einzige, die Sehnsucht nach ihm hat. Im Gegensatz zu ihr, habe ich jedoch glücklicherweise eine Möglichkeit, ihn zu erreichen. Etwas angestrengt taste ich nach meinem Smartphone. Ich ziehe an dem Kabel, um es in meine Reichweite zu holen. Ein paar Mal tippe ich auf das Display und schon warte ich darauf, dass er abhebt.

Es dauert einen Moment, doch dann höre ich Sebastians Stimme.
„Hey Max.“
„Hey. Na? Du hast mir gar nicht geschrieben. Vermisst du mich nicht?“
„Doch, sehr sogar“, antwortet Sebastian leise.
„Ist alles okay?“
„Ja, ich bin nur müde. Dad ist schon im Bett. Ich lieg jetzt in meinem Zimmer rum. Zwei von Dads Freunden sind auch hier. Also nicht in meinem Zimmer, aber im Penthaus.“
„Klingt als wärst du davon nicht besonders begeistert“, stelle ich besorgt fest. Er klingt ein wenig traurig.
„Naja, beim Arzt war alles gut. Dad wurde untersucht und ich durfte sogar mit ins Behandlungszimmer kommen. Er war gut drauf, hat Witze gerissen und der Arzt war auch sehr zufrieden mit seinem gesundheitlichen Zustand. … Und dann kommen wir ins Penthaus und Steve und Reeve reden über Dads Ableben, darüber wer was bekommt und… einfach alles… Das ist so schlimm, Max. Die reden über Dad als würde es ihnen nur um Geschäfte gehen. Aber das ist so falsch. Dad ist ein Mensch. Ein sehr toller Mensch sogar. Er ist mehr, als Geld und Arbeit und den ganzen Scheiß… Er-Er…“ Ich höre, dass Sebastian anfängt zu schluchzen.
„Oh nein, Schätzchen, ganz ruhig, okay?“, versuche ich, Sebastian zu trösten. „Es ist doch alles okay. Der Arzt hat selbst gesagt, dass es ihm gut geht. Das wird schon wieder.“
„Ich-Ich wünschte, du wärst hier…“, schluchzt Sebastian vor sich hin.
„Hast du einen Laptop, den du nutzen könntest? Wir chatten per Video und ich bleibe so lange wach, bis du eingeschlafen bist. Und Muffin ist auch hier. Sie vermisst dich sehr. Du bist bestimmt wieder ein kleines bisschen besser drauf, sobald du dein Baby zu Gesicht bekommst.“ Ich kraule Muffin am Hals, was sie sofort zum Schnurren bringt. „Hier, hör mal.“ Ich halte mein Smartphone zu der Katze. Kurz lasse ich Sebastian das Schnurren hören, ehe ich mein Smartphone wieder an mein Ohr lege.
„Mhm… Das klingt nach ihr. Ich hol mir Dads Laptop… Moment.“

Eine Weile ist es still. Selbst als ich meinen Laptop zu mir ins Bett hole, lasse ich das Smartphone an meinem Ohr, um keine Sekunde von Sebastians Stimme zu verpassen. Es dauert ein bisschen, bis wir beide alles eingestellt haben, um uns sehen zu können, doch als ich Sebastian auf meinem Bildschirm erblicke, lege ich auf.

Mein Freund legt sich seitlich hin. Er sieht auf den Bildschirm. Auch wenn es in seinem Zimmer dunkel ist, sehe ich, dass seine Augenlider etwas angeschwollen sind. Er hat vorhin bestimmt schon einmal geweint. Wahrscheinlich wollte er nicht, dass ich ihn weinen höre und hat sich deswegen nicht gemeldet.

„Es ist wirklich etwas besser, jetzt wo ich euch sehe“, stellt Sebastian leise fest. Muffin erkennt ihr Herrchen sofort. Sie tritt auf den Bildschirm zu und streckt ihre Nase in die Kamera. „Hey mein kleines Baby. Fehle ich dir schon? Du fehlst mir auch.“
Ich schmunzle etwas. „Süß, dass sie dich erkennt, obwohl sie dich nur auf dem Bildschirm sieht.“
„Ich wäre beleidigt, wenn sie es nicht täte.“

Um Sebastian wieder sehen zu können, hebe ich Muffin von dem Laptop. Mein Freund lächelt wieder ein wenig. Das gefällt mir gleich besser. Dass er traurig ist, ist nicht zu übersehen, dennoch merke ich, dass er auf dem Weg zu positiveren Gedanken ist.

„Keine Sorge, Muffin. Max kann toll kuscheln, er wird mich würdig vertreten.“
„Na das hoffe ich doch.“ Ich streichle durch Muffins flauschiges Fell. „Was habt ihr sonst gemacht?“, erkundige ich mich.
„Nicht viel, um ehrlich zu sein. Die Fahrt war lang und ich habe festgestellt, dass ich ungern am Steuer eines Cabrios sitze. Bei der Rückfahrt nehmen wir ein anderes Auto.“
„Wie viele Autos hat dein Dad denn?“
„Äh… Gute Frage… Das Cabrio, einen anderen Sportwagen, dann einen Van… Drei oder vier? Vielleicht auch fünf? Ein Motorrad hat er auch noch.“
„Das ist so krass… Will ich eigentlich wissen, wie viel Geld dein Dad hat?“
„Mit ein paar einfachen Klicks verrät dir das Internet, wie viel Geld er hat. Ist ja kein Geheimnis“, antwortet Sebastian schmunzelnd. „Wenn du ihn persönlich fragst, bekommst du allerdings keine Antwort. Er redet nicht gerne über sein Vermögen. Naja, außer er ist dabei, Geld mit vollen Händen zu verschenken. Das macht er immer gerne.“
„Mhm… Hab ich mitbekommen.“ Ich seufze. „So als Vorstellung wäre es natürlich cool. Ich könnte mir die Arbeit erleichtern, wenn ich Maschinen und eine große Scheune hätte. …aber es wäre falsch Geld anzunehmen. Ich komme klar. Ich wollte ohnehin ein einfacheres Leben führen.“
„Mhm… Das Gefühl kenne ich.“

Ich blicke auf den Bildschirm, auch Sebastian sieht bloß auf den Bildschirm. Er streckt seine Hand etwas aus, seufzt aber dann.

Er schmollt resignierend: „Ich wünschte, ich könnte zumindest deine Hand halten.“
„Wenn du wieder da bist, dann schnappe ich dich und lasse dich den ganzen Tag nicht mehr los“, verspreche ich. „Du wirst um eine Toilettenpause betteln müssen, weil ich so sehr klammern werde.“
„Ist es schräg, dass ich mich darauf schon freue?“, fragt er nach. Sebastian hält sich die Hand vor, als er gähnt.
„Nein, gar nicht. Schließ deine Augen, Sebastian. Kuschel dich in dein Kissen und versuch einzuschlafen. Du siehst aus, als würdest du den Schlaf brauchen.“
„Mhm…“ Mein Freund schließt tatsächlich seine Augen. „Wie war dein Tag, Max? Erzähl mir etwas…“
„Eigentlich war er ausgesprochen nett“, fasse ich zusammen. „Nachdem du weg warst, hab ich mich auf den Weg in den Wald gemacht. Du weißt schon, ich wollte Leah besuchen…“

Ich erzähle Sebastian von meinem Tag im Wald, von den Gesprächen mit Leah, von den Kunstwerken, die ich bei ihr gesehen habe und auch davon, dass ich Haley auf dem Rückweg getroffen habe.

Als er mir nicht mehr antwortet und ich sehe, wie regelmäßig und friedlich er atmet, bin ich sicher, dass er eingeschlafen ist. Auch wenn es nur für eine oder maximal zwei Nächte sind, fühlt es sich so an, als wären wir schon ewig voneinander getrennt. Wie schnell man sich daran gewöhnt, jemanden immer in seiner Nähe zu haben…

Ich lasse unseren Videochat laufen und mache es mir bequem. Falls Sebastian nachts aufwacht, soll er sehen, dass ich noch hier bin und er nicht alleine ist.

Müde streichle ich durch Muffins Fell, es wird Zeit, dass ich auch Ruhe finde…
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