Du wirst bereuen

von Schmali
OneshotMystery, Thriller / P18
14.03.2018
14.03.2018
1
3134
5
Alle
7 Reviews
Dieses Kapitel
6 Reviews
 
 
 
 
Hallo ihr Lieben!
Hier kommt noch einmal etwas ganz anderes von mir. Aber als ich diesen Wettbewerb gesehen habe, ließ er mich irgendwie nicht mehr los und ich habe beschlossen, einfach mal mitzumachen. Hier also mein Beitrag dazu :-)
Ich wünsche euch viel Spannung beim lesen und dass ihr mit der Story etwas anfangen könnte, auch wenn ihr das Buch, das mich zu diesem OS inspiriert hat, nicht kennt.
Habt noch einen schönen Abend!
Ganz liebe Grüße
Diana




Du wirst bereuen



Es dämmert bereits, als ich mich auf dem Heimweg befinde. Seit unserem Einsatz vor einigen Stunden ist mir kalt. Eine Kälte, die selbst durch die Heizung im Auto und eigentlich milden Temperaturen draußen nicht aus meinem Körper weichen will.

Ich bin noch nicht lange bei der Polizei und der Fall von heute beschäftigt mich. Immer wieder sehe ich das verzerrte Gesicht des Selbstmörders vor mir. Und diese Abdrücke. Die Abdrücke der schmalen Hände. Auch mein Kollege hat sie am Hals des Opfers gesehen, nachdem ich ihn darauf aufmerksam gemacht hatte. Und sie passten nicht zu den Händen des Toten. Ob aus dem Selbstmord dadurch ein Mord wird? Aber wie sind solch zierlichen Hände dazu in der Lage, einen erwachsenen Mann zu erwürgen? Und warum hat er unter dem Tisch gehockt, die eigenen Hände ebenfalls um seinen Hals gelegt?

Das sind alles Fragen, um die ich mir keine Gedanken machen muss, weil meine Kollegen von der Kripo übernommen haben. Und trotzdem ist da etwas, was mich auf eine Art und Weise in den Bann zieht, das ich mit Worten nicht beschreiben kann.

Zu Hause angekommen, parke ich den Wagen und betrete das Zweifamilienhaus. Das Ehepaar, das unter mir wohnt, ist gerade vom einkaufen gekommen und wünscht mir einen schönen Abend. Ich rede noch kurz mit ihnen, gehe in den zweiten Stock und schließe meine Wohnung auf.
Auf mich wartet niemand. Ich bin im Moment Single, was aber kein Problem für mich ist. Ich nehme die Dinge so, wie sie kommen.

Unter der Dusche hoffe ich, dass mir endlich warm wird. Die Kabine füllt sich bereits mit Dampf, aber es ist, als würde ich innerlich aus Eis bestehen.

Als ich mich abgetrocknet habe, wische ich einen breiten Streifen in den beschlagenen Spiegel und schaue hinein. Rasieren könnte ich mich auch noch mal... Und ich bin ehrlich gesagt froh, wenn meine Haare wieder ihre dunkle Naturfarbe haben. Durch eine Wette auf dem Junggesellenabschied eines Freundes habe ich sie blondieren lassen. Das war vor einigen Monaten und ich freue mich über jeden Zentimeter, der heraus wächst.

Aber das sind Sachen, die wirklich unwichtig sind. Also nichts, über das man viele Worte verlieren muss. Deshalb habe ich bei dem Spaß auch mitgemacht.

In den Augen anderer wirke ich lustig, ausgeglichen und hilfsbereit. Was ich auch bin. Auf der einen Seite. Und da passt der Beruf des Polizisten sehr gut. Die Polizei, dein Freund und Helfer...

Doch ich trage seit der frühen Jugend ein dunkles Geheimnis mit mir, über das ich noch mit niemandem gesprochen habe. Ich bin mir nicht sicher, ob ich es euch anvertrauen kann. Vermutlich brauche ich noch Zeit und wir sollten uns erst etwas besser kennen lernen. Dabei müsste ich so dringend darüber reden...

Zuerst wollte ich die Pflegelaufbahn einschlagen, nachdem ich den Zivildienst in einem Altenheim gemacht hatte. Aber wie so oft kommt es anders im Leben und ich bin bei der Polizei gelandet.

Ich ziehe mir bequeme Sachen an, schiebe eine Pizza in den Ofen, stelle den Herd auf selbständige Abschaltung nach 15 Minuten und mache es mir vorm Fernseher bequem. Zappe durch die Programme und betrachte meinen Daumen, der irgendwie brennt, wenn ich eine Taste auf der Fernbedienung damit drücke.

Seltsam...

Mir ist immer noch kalt, nur dieser eine Finger fühlt sich warm an. Ich kann mich aber nicht erinnern, dass ich ihn irgendwo verletzt hätte. Das wäre mir mit Sicherheit schon früher aufgefallen. Doch das hier kam wie aus dem Nichts.

Es ist der Daumen meiner rechten Hand. Mir fällt ein, dass ich damit die bläulich schimmernden Handabdrücke an der Leiche berührt habe...
Aber das ist Quatsch. Dadurch verletzt man sich ja nicht!

Ich wickele mich in eine Decke, weil mir in den letzten Minuten noch kälter geworden ist und beschließe, meinem Finger keine weitere Beachtung zu schenken.

Die monotone Stimme des Nachrichtensprechers lullt mich ein. Ich schließe die Augen. Es war ein harter Tag.


Ich höre Kindergeschrei. Es ist warm. Ich liege auf einer Decke am See. Zu dem wir im Sommer fast jeden Nachmittag mit unseren Rädern hingefahren sind. Neben mir liegt meine erste Freundin. Wir sind seit zwei Tagen zusammen. Mein kleiner Bruder nervt. Er will mit mir schwimmen und ich will hier liegen und meine Ruhe vor ihm haben. Er wollte unbedingt mit. Ist ja auch kein Ding. Er kommt fast jedes Mal mit. Aber heute passt es mir überhaupt nicht. Das habe ich meiner Mutter natürlich so nicht gesagt. Sie weiß nicht einmal, dass ich eine Freundin habe. Ich kann mir nämlich genau vorstellen, was sie sagen würde, wenn sie es wüsste. Und das spare ich mir.

Ich sage ihm, er soll Leine ziehen und dass wir später schwimmen gehen. Aber er ist hartnäckig. Wütend springe ich auf und ziehe ihn hinter mir her. Beschimpfe ihn auf dem Weg, dass er eine fürchterliche Nervensäge ist und das doch nur macht, um mich zu ärgern. Dass ich ihn so schnell nicht mehr mitnehmen werde und dass er mit seinen 10 Jahren alt genug ist, um alleine ins Wasser zu gehen.

Doch dann kommt mir eine Idee. Ich lasse die eigentliche Badebucht hinter uns zurück.

„Wo gehen wir heute zum schwimmen hin?“, fragt er mich.

„Lass dich überraschen“, entgegne ich.

Als wir an dem kleinen Felsvorsprung, wo ich hin wollte, angekommen sind, schubse ich ihn ins Wasser und rufe ihm hinterher, dass er zurück zur Bucht schwimmen soll, damit er was zu tun hat. So wird er einen Moment beschäftigt sein und diese Zeit kann ich für meine Freundin nutzen.

Prustend schreit er zu mir hoch, was er von mir hält und dass er das unserer Mutter sagt.

Ich zeige ihm den Mittelfinger und werfe noch einen etwas größeren Stein, an den ich gerade mit dem  Zeh gestoßen bin, in seine Richtung. Dann beeile ich mich, wieder zurück zu kommen. Nicht noch länger hier aufhalten...

Ich kann doch nicht wissen, dass der Stein nicht neben meinem Bruder im Wasser landet, um ihn zu erschrecken. Sondern dass er stattdessen seinen Kopf trifft und  damit eine Kettenreaktion auslöst, an deren Ende sein Tod steht.

Nein, das konnte ich nicht wissen! Oder doch?

Ich hätte noch mal einen Blick zurück werfen sollen. Dann wäre mir bestimmt aufgefallen, dass etwas nicht stimmt.
Aber ich hatte andere Prioritäten.

Und während ich mich mit der Latte des Jahrhunderts an die Brüste meines Mädchens heran taste, treibt mein ertrunkener Bruder im See langsam Richtung Bucht. Den daraufhin entstehenden Tumult, seinen schlaffen Körper, die blutende Wunde am Kopf und die Tragweite meiner Aktion nehme ich nur wie in Trance wahr.



Jetzt ist es draußen. Der Traum hat es euch erzählt. Was unter einer dicken Schicht aus Lügen und Schuldgefühlen vergraben lag. Was eine solch grausame Wahrheit ist, dass ich schon oft gedacht habe, ich würde daran ersticken. Was wie ein brodelnder Vulkan in mir schlummert. Bereit, jeden Moment auszubrechen. Ich habe oft diesen Traum. Der mir ständig vor Augen führt, was ich für ein Mensch bin. Welche Schuld ich auf mich geladen habe, die aber noch nie als meine Schuld das Tageslicht erblickt hat. Es war ein Unfall. Und ich der arme, große Bruder, der es miterlebt hat. Helfen wollte und es nicht mehr konnte. Das ist die offizielle Version.

Da war doch nur für einen Augenblick der Egoismus. Die Unüberlegtheit. Dass der kleine Bruder nervt, beschäftigt werden muss, damit man in Ruhe mit der Freundin knutschen kann...

Träume... sie kommen von ganz tief unten. Wühlen das Unterbewusstsein auf. Erschaffen bizarre Welten, malen grauenvolle Szenarien.  Sie sind oft sehr realistisch, selbst wenn der Inhalt nicht dem entspricht, was real ist. Das kennt ihr bestimmt auch. Wenn ihr aus einem Alptraum aufwacht und froh seid, dass es nur ein Traum war.
Könnt ihr euch vorstellen, wie schlimm es ist, wenn man aus seinem Alptraum aufwacht und fest stellt, dass es die verdammte Wahrheit ist? Mit allen Details? Man keine Erleichterung nach dem Aufwachen verspürt? Sich einfach nur wünscht, dass dieser Abschnitt des Lebens, den man wieder und wieder erlebt, nicht zu einem gehören würde, wie du Luft, die man atmet?

Einige von euch können es vielleicht und es wird ebenso ein Geheimnis bleiben, wie bei mir. Ich gönne es niemandem, was ich tagtäglich durchmache. Und frage mich, wie lange ich das noch kann. Diese Fassade des unschuldigen Mannes aufrecht erhalten. Der zwar in jungen Jahren seinen Bruder verloren hat, dieses Schicksal aber irgendwann Teil des Daseins ist und der trotzdem lebt, liebt, lacht.

Doch welche Umstände zu dessen Tod geführt haben, eitert in den Innereien, vergiftet die Lebensfreude, schnürt in allen möglichen Situationen die Kehle zu. Und die Schuld in dir schreit so laut. So unglaublich laut. Du denkst, die anderen müssen es doch hören. Du wünschst es dir irgendwo. Aber niemand hört es. Oder will es nicht hören. Und dir selbst fehlt der Mut, als Schuldiger deine Schuld zu bekennen.

Ich greife auf den Tisch und nehme eine Tablette aus dem Plister. Schlucke sie ohne Flüssigkeit. Nur meine Spucke schickt sie quälend langsam durch den Schlund. Sie soll mir das Vergessen bringen, das ich durch meinen Schlaf sehr oft nicht finde.

Es dauert einen Moment und ich drifte erneut ab.


Ich irre durch einen Park. Überall sind Bäume, die ihre knochigen, langen Äste nach mir ausstrecken. Gestrüpp, das mir den Weg versperrt. Ich rufe um Hilfe. Doch da ist niemand. Nur ich und die Natur. Ich kämpfe mich durch ein Dickicht aus Blättern, Zweigen und Dornen. Plötzlich ein scharfer Schmerz in meinem rechten Daumen. Ich schaue hin und entdecke eine kleine Wunde. Sie blutet nicht. Ist aber rot und es geht eine pochende Hitze von ihr aus.

Der Wind streicht durch die Kronen der Bäume. Ein sanftes Rauschen, das eine Melodie zu mir herüber weht. Ich kenne sie nicht. Eine Frauenstimme beginnt zu singen. Es ist französisch. Mein französisch liegt länger zurück. Ich kann nicht genau verstehen, was sie singt. Aber einige Worte höre ich deutlich und kann sie übersetzen:

Nein, ich bereue nichts...

Während die Lautstärke des Liedes anschwillt, widme ich meine Aufmerksamkeit wieder meinem schmerzenden Finger. Ich kann dabei zusehen, wie die Wunde sich vergrößert. Gesundes Fleisch zu totem Fleisch wird. Sich ein Krater bildet.
Das kann nicht sein...

Es sieht aus, als würde sich Flüssigkeit in ihm sammeln, die sich leicht bewegt und deren Oberfläche aussieht wie ein klarer See. Doch er wird trüber. Je näher ich mich über meine Hand beuge, desto dreckiger wird das Wasser und es steigt ein fauliger Geruch daraus hervor, der mich fast würgen lässt. Und dann ist da dieses dünne Stimmchen. Das immer dann zu hören ist, wenn die kräftige Stimme der Sängerin eine kurze Pause macht.

Es ist eine Kinderstimme. Die eines Jungen. Aber sie ist so leise. Die Musik wird ebenfalls leiser, ebbt fast ganz ab und nun dringen deutliche Silben an mein Ohr:

Du wirst bereuen...

Nur diese drei Worte. In meiner Sprache. Aber sie verändern alles. Ich erkenne die Stimme. Ich will sofort hier weg und renne los, stolpere durch den immer dichter bewachsenen Park und wäre ein paar Mal fast gestürzt. Ich will es nicht, aber ich schaue erneut hin. Auf diesen Finger, den ich am liebsten abhacken würde. Vor dem ich fliehen will, der aber nun mal an mir gewachsen ist und ich deshalb das Grauen mitnehmen muss. Vielleicht betrachte ich meinen Daumen auch in der Hoffnung, dass mir mein Verstand nur einen Streich gespielt hat. Dass ich völlig unversehrte Haut vorfinde und mich nur darüber wundern kann, welche Fantasien ich entwickele.

Doch die Wunde hat sich noch vergrößert. Mittlerweile läuft braune, schleimige Brühe aus ihr heraus, die sich auf dem Boden sammelt und bereits meine Füße bedeckt.
Aber ich laufe doch... So schnell kann die Flüssigkeit sich nicht ausbreiten...

Ich starre auf die Innenfläche meiner Hand und vergesse fast, zu atmen. Am Rand der Wunde tauchen zwei kleine Hände und ein dunkler Haarschopf auf, der sich langsam nach hinten dreht. Dadurch kann ich kurz darauf ein Gesicht sehen. Ein bekanntes Gesicht. Das Gesicht meines verstorbenen Bruders...  

Seine Lippen bewegen sich. Als schwammige Masse wabern sie über kleine, spitze Zähne und formen erneut diesen Satz:


DU WIRST BEREUEN!!

Mein Puls rast und Panik breitet sich in mir aus wie ein Buschfeuer.

Der Boden beginnt zu schwanken und mir wird speiübel.



Ich schrecke aus dem Schlaf hoch und sitze kerzengerade auf dem Sofa. Mein Herz schlägt so heftig, dass ich das Gefühl habe, es stößt von innen gegen meinen Brustkorb.

Nur schleppend realisiere ich, dass es ein Traum war. Ich darf tatsächlich dieses Gefühl erleben, dass es nur ein Traum gewesen ist!
Ich bin in keinem Park!
Stehe nicht in dieser Dreckbrühe, die schnell höher wird. Wie das Meer, wenn die Flut kommt.
Ich befinde mich in meinem Wohnzimmer. Unter meiner Decke.
Gott sei Dank!

Aber dieser abscheuliche Gestank... Woher kommt er?

Ich werde mir doch vor Angst nicht in die Hosen gemacht haben...

Der Fernseher läuft noch. Aber ohne Ton. Ich kann mich gar nicht daran erinnern, ihn leise gemacht zu haben. Ich beschließe, ihn komplett abzuschalten und meine Pizza zu holen. Die mittlerweile bestimmt wieder kalt geworden ist. Als ich die Tasten berühre, schießt ein Schmerz durch meinen Daumen, der mich zusammen zucken lässt.

Ich nehme die Decke von mir, um aufzustehen und starre ungläubig auf meine unteren Extremitäten. Meine Socken und  Hosenbeine sind nass. Bis zum Knie.

Was ist das...??

Ich schlucke und wie in Zeitlupe drehe ich meine Hand. Das, was ich dort sehe, lässt mich aufspringen und ins Bad stürmen. Gerade noch rechtzeitig reiße ich den Klodeckel hoch und kotze mir, während ich in die Knie gehe, die Seele aus dem Leib.

Als ich nicht mehr würgen muss, lege ich den Kopf auf meinem linken Unterarm ab. Den rechten Arm habe ich so weit von mir gestreckt, wie es nur möglich ist.
Ich will nicht, dass er zu mir gehört. Dass dieser deformierte, aufgerissene Finger ein Teil von mir ist.

Dann ist da Musik. Das französische Lied.
Schritte. Nackte Füße, die durch Wasser gehen. Die sich erst noch weiter entfernt anhören, aber rasch näher kommen.

Ich hebe den Kopf, drehe ihn Richtung Tür. Schemenhaft erkenne ich eine dünne Gestalt, die ein Kind an der Hand hält. Die stinkende Flüssigkeit, die im Flur gegen die Wände klatscht, beginnt, über die Türschwelle des Bades zu kriechen.
Ich wische über meine Augen. Unmöglich, dass ich das wirklich sehe!

Doch das Bild ändert sich nicht. Es wird eher noch klarer. Ich erkenne das Kind...

Etwas zieht an meiner rechten Hand. Ich registriere, dass ein Seil aus der Wunde an meinem Daumen ragt und sich zu spannen beginnt. Ansonsten ist der Krater leer.

Ich folge mit meinem Blick dem Seil, das irgendwie aussieht wie eine Nabelschnur. An das Ende ist eine Kinderhand geklammert. Seine Hand...

Der Abstand zwischen ihm und mir verringert sich. Ich kralle mich an der Toilette fest, danach am Waschbecken. Wehre mich mit Händen und Füßen. Aber ich habe keine Chance. Die Augen meines kleinen Bruders sind auf mich gerichtet. Kalt, unbarmherzig. Ich wimmere, schreie, bitte ihn um Verzeihung und dass ich das nicht gewollt habe. Flehe um mein Leben. Bitte die andere Gestalt, ihn aufzuhalten. Doch statt dessen greift diese ebenfalls mit ihren schmalen Händen nach der Schnur.

Und als ich in ihre glühenden Augen schaue, weiß ich, dass ich meine Schuld mit ins Grab nehmen werde.



                             *****************************************************




„Schatz, geh doch mal bei unserem jungen Bewohner nachsehen“, sagt die Frau mittleren Alters zu ihrem Mann und schaut besorgt zur Decke, von der bräunliches Wasser tropft, das unangenehm riecht und das sie mit einem Eimer auffängt.

Ihr Mann macht sich auf den Weg. Geht die Treppe nach oben. Der Geruch wird stärker. Modrig und schwer legt er sich auf seine Atemwege, so dass er sich den Pullover über Mund und Nase zieht. Er klingelt, doch niemand reagiert. Ein zweiter Versuch. Wieder nichts. Dann sieht er, dass die Haustür nur angelehnt ist.

„Hallo? Ist jemand da?“

Langsam öffnet er die Tür und seine Augen weiten sich ungläubig. Der Boden ist feucht und schlammig. Er registriert diesen Umstand, kann ihn aber nicht logisch einsortieren. Auch nicht, dass hier und da etwas undefinierbares auf dem Boden liegt, das sich bei näherer Betrachtung als Algen heraus stellt. Algen? Er kennt sie aus dem See in der Nähe, aber wie kommen sie in die Wohnung des jungen Mannes? Und warum sieht die Wohnung aus wie nach einer Überschwemmung?

Noch einmal ruft er in die Stille. Er hat dafür sogar kurz seinen Mund vom Stoff des Sweatshirts befreit. Wieder keine Antwort.

Zu seiner Rechten, etwas weiter hinten im Flur, steht eine Tür offen. Die dreckige Feuchtigkeit auf dem Boden scheint sich dort ebenfalls ausgebreitet zu haben.
Er geht auf den Raum zu, darum bemüht, auf dem glitschigen Boden nicht auszurutschen.

Wie angewurzelt und einen Schrei unterdrückend bleibt er stehen, als er ihn auf dem Boden des Bades, kurz vor der Türschwelle, liegen sieht. Seine Arme sinken am Körper herunter, Mund und Nase nehmen wieder den penetranten Gestank wahr. Doch was er zu sehen bekommt, ist um ein vielfaches schlimmer. Und trotzdem ist er nicht in der Lage, sich abzuwenden.

Er starrt auf die Leiche, bei der es sich eindeutig um seinen jungen Mitbewohner, mit dem er gestern Abend noch gesprochen hat, handelt. Auch wenn er irgendwie anders aussieht. Aufgequollen. Als hätte er zu lange im Wasser gelegen... mit weit aufgerissenen Augen.

Er erkennt sich gar nicht wieder, als er diese mit einer Handbewegung schließt, weil er sich beobachtet fühlt. Eigentlich ist er der Typ, der nach einer solchen Entdeckung auf dem Absatz kehrt machen und die Polizei rufen würde.

Doch etwas ist anders. Erst nach dieser Handlung kann er zurück in seine Wohnung gehen und den Notruf absetzen. Er kann sich nicht erklären, warum das so ist.

Noch weniger kann er sich erklären, dass das Opfer ertrunken sein soll. Wie er einige Tage nach seinem grausamen Fund aus der Zeitung erfährt.

Und erst recht nicht die Eintrübung seines linken Auges, die seit diesem Tag da ist und dass er permanent friert...
Review schreiben