the bloody thames

von tjlc
GeschichteDrama, Romanze / P18
13.03.2018
14.01.2019
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Annabeth



Der nächste Tag kam schmerzhaft schnell.
Annabeth hatte sich die Haare gebürstet, die in den Monaten länger geworden waren. Sie ließ sie offen, mehr konnte sie nicht machen.
Das beste Hemd hatte sie sich herausgesucht, strahlend weiß. Sie schaute zum Fenster hinaus. Es regnete. 

Es war verrückt, dass sie  tatsächlich heirateten. So fühlte es sich an, als würde sich das Wetter extra dagegen wehren. Doch ein wenig Wasser hielt sie nicht auf, weder Henry und Evie die wohl mit dem Schiff bei Sturm segeln mussten, noch Annabeth und Jacob.

Ihre Eltern waren nicht dabei, wie hätten sie auch rechtzeitig davon erfahren sollen. Keiner von ihrer Familie. Nichts, was seit ihrer Kindheit geplant worden war, hatte sich erfüllt, denn Annabeth hatte sich für ein freies Leben entschieden, ein Leben einer Assassine. Mit einem Assassine.
Eine feine Hochzeit unter feinen Leuten war nicht drinnen. Keine hübschen Kleider und Blumen, keine lieblichen Lieder und vor allem kein teures Essen und kostbare Geschenke.

Annabeth heiratete unter Schläger, Seemänner,  bei Sturm und Regen. 
Eine raue Hochzeit. Und sie war so glücklich. Vor wenigen Tagen hätte sie sich nie erwartet, so etwas verrücktes zu tun und Jacobs Ehefrau zu werden. Es jagte ihr ein verspieltes Lächeln auf die Lippen.

Sie warf einen Blick auf die tickende Standuhr, die ihr zeigte, dass es schon bald Zeit war. Sie musste jetzt gehen.

Bevor die Assassine die knarzenden Treppen runterstieg, lugte sie in das Zimmer von Henry und Evie.
Alles war so leer, doch ein Buch auf  dem Kopfkissen der Frye weckte Annes Aufmerksamkeit. Sie dachte, das wäre für Jacob, doch der beigelegte Zettel sagte ihr eindeutig, dass das Buch für sie war. Und natürlich erkannte sie es, bevor sie es überhaupt aufschlug.
Das Tagebuch vom Assassinen Edward Kenway, das Anne aus dem Templer-Archiv gestohlen hatte. Annabeth hatte eigentlich jederzeit darauf zugreifen können, aber die Frye hatte es wohl als Zeichen hingelegt. Ein Zeichen für die Bruderschaft, die sie verband.

Als sie endlich draußen war, schob sie die Kapuze hoch, da es echt wie aus Kübeln schüttete. Es konnte wohl kaum sein, dass Mr. Disraeli sich da vor die Tür traute. Mrs. Disraeli hingegen ist mit ihrem Hündchen Desmond voller Lust und Laune durch's Devil's Acre spaziert, deshalb konnte sich Annabeth ihre Präsenz schon erhoffen.

Sie hatte keine Ahnung, dass die Kutsche am Straßenrand für sie bestimmt war. 
,,Miss Annabeth!", rief der Rook und winkte. ,,Steig' ein, Mädel."
Natürlich tat sie das, mit einem breiten Lächeln auf dem Gesicht. Sie hoffte, dass dies die letzte, kurzfristige Aktion war, der sie sich stellen musste.

Sie stellte sich ein ruhiges, betrunkenes Leben mit diesem Mann vor. Schwankendes Tanzen im Pub, grässliches, selbstgekochtes Essen, das von Agnes nur enttäuscht bedacht wurde, Kämpfe gegen Rüpel, die einem das Adrenalin durch die Venen jagte.
Und die Jagd auf untergetauchte Blighters.
Sie wollte den Weg einer Assassine gehen, auf Jacobs Weise. Man konnte es drehen wie man wollte, der Frye tat am Ende des Tages immer etwas gutes.

Sie fuhren nicht lange, das beruhigte Annabeth. Und doch fühlte sie sich wie eine Prinzessin, als man ihr die Tür öffnete und hinaus half, obwohl kein bauschender Stoff sie dabei behinderte. Doch man bestand darauf, sie wie eine Dame zu behandeln.

,,Vielen Dank", kicherte sie fröhlich, als der Rook ihre Hand los ließ. Ihre Augen weiteten sich, als sie Jacob erkannte, die Hände hinterm Rücken gelegt, ein verspieltes Lächeln auf den Lippen, das wuchs, als sie sich näherte.
Agnes war auch da. Und Nigel. 
Oh lieber Gott, dachte Annabeth. Alle ihre Lieben waren hier.
Sogar Ned Wynert, der Sonnenschein Londons, hatte sich hier verirrt. Auch Aleck war da. 
Leider nicht Mrs. Disraeli, aber dafür ihr Dienstmädchen, das ihr in der Nacht von Crawford Starricks Tod den Tee serviert hatte, als sie von Mary Anne Disraeli vom Straßenrand aufgepickt wurde.

,,Da ist sie ja!", rief  Richard, ihr liebstes Mitglied des Syndikates. Er und Erin waren nach dem Drama immer noch Verliebte, einfach schön. 

Sie ging über die klatschnasse Straße, scherte sich einen Dreck drum, dass sie ihre Kapuze nicht mehr oben hatte. Die Haare klebten sowieso schon an ihrer Kopfhaut, also machte es keinen Sinn mehr. Auch wenn das Wasser sogar seinen Weg unter ihren Mantel fand, und unangenehm ihren Rücken runterlief, konnte sie das Lächeln einfach nicht wegkriegen. Das war vielleicht die skurrilste Sache, die sie je mit Jacob abgeliefert hatte.
Es war laut, irgendwelche Arbeiter luden Kisten auf ein Frachtschiff. Der Assassine fiel auf, dass es nach Indien ging.

Jacob schlang die Arme um sie, kaum hatte sie ihn erreicht. Laut lachte sie auf, als er sie hochhob und kräftig küsste.
,,Sei doch nicht immer so grob", schmunzelte Evie kopfschüttelnd.
,,Unsre Annabeth hat ein dickes Fell, sei unbesorgt", wiederlegte Henry, blinzelte Annabeth freundlich zu.

,,Dann wollen wir mal, Gentlemen", eröffnete Richard die Zeremonie. ,,Und Ladies natürlich, tut mir Leid."
Annabeth hatte natürlich keinen Pfarrer erwartet. Jacob war Atheist und auch sie betete nicht alltäglich, somit erledigte der Rook die ganze Sache. Kurz und schmerzlos.

Gebannt sah jeder unter seinen Regenschirmen hervor. Richard hielt extra seinen über die Köpfe der beiden Assassinen.
 
,,Wir haben uns hier versammelt, um eine Liebe zu trauen, auf die wir alle schon so lange gewartet haben", hob Richard an, mit lauter Stimme, damit er den Regen übertönte. ,,Seit Annabeth ihren Fuß in diesen vermaledeiten Zug gesetzt hat, haben wir alle gesehen, dass sie das Herz unsres Bosses erobert hat."

Jacob verdrehte die Augen, Annabeth biss sich bloß auf die Unterlippe, damit sie nicht lachte. 
,,So frage ich vor allen, Annabeth, willst du ihn?"
Ihre Wangen schmerzten, so sehr lächelte sie. ,,Ja, ich will."

Jacob schien ungeduldig, strich mit dem Daumen eine störende Haarsträhne aus ihrem Gesicht und legte den Kopf schief.
,,Und Jacob, willst du sie?"

Der Assassine grunzte, als wäre das eine total dumme Frage. ,,Natürlich."
,,Dann küss sie, alter Mann!", rief Richard feierlich. 
Jacob zögerte nicht lange, sondern zog sie an sich, aber der Kuss war erstaunlich sanft. Leidenschaftlich gab sie sich ihm hin, konnte es kaum fassen, dass sie nun Mrs. Frye war.
Sie zuckte zusammen, als es blitzte. Doch das gleißende Licht stammte nicht vom Gewitter, sondern von einer Kamera, die diesen Augenblick festhielt.
Der Mann, der sie bediente, hob den Daumen und bekam eine Flasche Rum in die Hand gedrückt.

,,Unterschreiben, bitte.", bat ein Bote genervt. Niemand heiratete hier normalerweise, schon klar. Aber Jacob hatte dafür gesorgt, dass die Ehe offiziell war. Also hatte das Dokument verschmierte Tinte, doch das war nicht schlimm.

,,Miss Annabeth", sagte das Disraelis Dienstmädchen, als der Bote wieder davon geeilt war. Jacob hatte sich zu Evie verzogen, also konnte sie wenigstens versuchen, ihr rasendes Herz zu beruhigen. ,,Ich meine, Mrs. Frye, verzeihung. Mrs. Disraeli hätte der Hochzeit wirklich gerne beigewohnt, nur... wissen Sie, ihre Knochen schmerzen beim schlechten Wetter. Sie meinte, Sie sollen sie mit Mr. Frye die nächsten Tage besuchen."
,,Richte ihr einen Gruß aus. Natürlich kommen wir vorbei.", meinte Annabeth, tätschelte die Schulter der jungen Frau und verabschiedete sich von ihr, als sie sich schon wieder zum Gehen wandte. Natürlich, sie hatte Pflichten, sie musste sich um die arme Mary Anne kümmern.

Als ein Rook Anne beiseite nahm und ihr einen Brief reichte, hob sie verwundert die Brauen.
,,Von der Königin höchstpersönlich", hieß es.
Sie steckte ihn in die Manteltasche, wollte ihn danach in Ruhe lesen, denn die Gefahr war zu groß, dass er vom Regen zerstört wurde.
Außerdem kam Evie zu ihr.

,,So, du hast jetzt also meinen Bruder geheiratet.", lächelte sie, reichte ihr eine Flasche. ,,Wirklich unerwartet, aber... du musst also echt auf ihn aufpassen."
,,Ich mache das. Versprochen.", Anne sah zu Jacob, wie er sich mit den Rooks unterhielt. ,,Schon eigenartig. Eigentlich war er mein Mentor und ich muss dafür sorgen, dass ihm nichts passiert."
,,Er bleibt dein Mentor, bis du ein vollwertiger Teil der Bruderschaft bist.", sagte die Frye neckend. ,,Ich hoffe, ihr bleibt glücklich."
,,Ja... ja, klar. Jacob ist halt nicht wirklich ein Mann, der über Gefühle spricht und mich mit Blumen empfängt, das war er nie. Auch nicht in Crawley...-"

Die Assassine hielt Annes Schultern fest und drückte sie sanft. ,,Er wird dich überraschen. Glaube mir.", Evie atmete durch. ,,Er hatte noch nicht ganz die Möglichkeit, dir seine andere Seite zu zeigen. Aber die Zeit wird kommen."

Annabeth nickte, merkte, dass das ihre Worte zum Abschied waren. Das Schiff war schon mit ihrem Koffer beladen.

,,Ihr geht jetzt, oder?", fragte sie mit geschwollener Stimmer. Es bildete sich ein dicker Kloß im Hals, der einfach nicht weggehen wollte, wenn sie schluckte.
,,Ja... es wird Zeit.", meinte Evie und umarmte Annabeths nasse Gestalt. ,,Ich bin froh, dass ich dich lehren durfte. Ihr müsst unbedingt die indische Bruderschaft besuchen, wenn in London nichts los ist."
Annabeth nickte, strich sich über die Augen. ,,Danke... Danke für alles. Ohne euch.."

,,Aber, aber, Anne. Du wirst doch wohl nicht weinen.", lachte Evie, doch die blauen Augen wirkten selbst etwas wässrig. ,,Du musst heute feiern, ja?"
Wieder konnte die Gehilfin der Assassinen bloß nicken, löste sich von ihrer Schwägerin und musste selbst über ihrer emotionalen Ader schmunzeln.

Die Rooks verzogen sich, nicht, bevor sie sich von Evie herzlich verabschiedeten. Immerhin hatte auch sie gegen die Blighters geholfen. Dann aber hieß es, auf in den Pub, doch Annabeth wollte später nur nach Hause. Trotz des Sommers fror sie bis auf die Knochen, also hatte sie keine große Interesse, sich nun zu besaufen.
Auch Agnes meinte, sie würde mit Nigel zurück ins Kenway-Anwesen gehen, irgendwas stimmte dort wohl technisch nicht, also sagten sie schon einmal zu Evie und Henry Lebewohl. Es bestand keine große Chance, dass sie sich jemals wiedersahen.

Henry war offenbar erleichtert, dass nun der große Tag gekommen war. Nach all der Zeit wurde er wieder daheim aufgenommen, er konnte mit seiner Liebsten zurückkehren. Anne freute sich für die beiden.

,,Dann... war's das.", sagte Jacob, sah zur dreckigen Themse hinaus. Er seufzte. ,,Komm her, Schwesterlein."
Er zog sie in eine feste Umarmung, vergrub sein Gesicht ins nasses Leder ihres Ornats und regte sich eine ganze Minute lang nicht. Sie war die einzige Familie, die er seit dem Tod von Ethan hatte. Annabeth kamen wieder die Tränen, als sie dem zusah.
,,Schau zu, dass du auf Greenie aufpasst.", schluckte Jacob und zeigte tatsächlich ein leichtes Zittern in der Stimme. Vielleicht lag es an der Kälte, doch Annabeth bezweifelte dies stark.
,,Ich habe das gleiche zu Anne gesagt.", schmunzelte Evie. 

Sie wollten es nicht wahrhaben, weshalb Henry den ersten Schritt nach Indien machte, indem er vorsichtig Evies Hand nahm.
,,Das Schiff legt jede Minute ab", erklärte er. ,,Wir müssen gehen."

Die Assassine ließ sich führen, strich noch einmal über Jacobs Narben an seiner Wange, bevor sie ihnen den Rücken zukehrte.

Die frisch vermählten Fryes sahen den beiden nach, sie spürte Jacobs Arme, die sich um sie legten und sein Gesicht, dass sich in ihr Haar drückte.
,,Weinst du?", fragte sie ihn. Er schüttelte den Kopf.
,,Schau her, sie winken."

,,Ich weiß."
,,Dein Adlerauge... schau richtig hin."

Mit einem leidenden Seufzen blickte der Rook also hoch, bettete sein Kinn auf ihr Haupt und wartete mit Anne, bis das Schiff auf den Weg zur Nordsee war. Je weiter das Schiff fuhr, desto leiser wurde es. Der Regen ließ nach.
Und auch wenn das Schiff schon lange weg war, Annabeth und Jacob standen immer noch auf der gleichen Stelle, bis einzelne Sonnenstrahlen durch die Wolken brachen und die düstere Stadt etwas erhellten.

Anne wusste nicht, ob Evie London nachsah oder ob sie Indien mit offenen Armen willkommen hieß. Doch was sie wusste war, dass die Assassine glücklich sein würde.

Jacob war angeschlagen. Es brach ihr Herz.
Sie dachte immer, dass es nur blödes Gerede von Alten waren, wenn es hieß, dass es eine Tragödie war, wenn man Zwillinge trennte. Doch in diesem Fall konnte es tatsächlich stimmen.

Als sie endlich daheim waren, warf Jacob seine Klamotten schon vom Körper, kaum hatte er die Tür aufgesperrt. 
Annabeth hatte erwartet, dass sie seine entblößte Kehrseite erst in der Hochzeitsnacht sehen würde, doch da ging er  nackt die Treppen hoch um sich trockenen Kleidung zu suchen und Annabeth konnte nichts anderes tun, als ihm zuzusehen.
Kurz sammelte sie sich, strich sich durch die nassen Locken und ging selbst in ihr Zimmer, um sich aus den Kleidern zu zwängen. Es war riesige Kraftarbeit, eine durchgeweichte Hose von den Beinen zu bekommen, unvorstellbar!

Sie stutzte, als ihr der Brief von Königin Victoria einfiel.
Schnell wechselte sie die Unterwäsche, um sich dann auf das weiche Bett zu setzen und das Siegel des Umschlags zu brechen.
Gespannt öffnete sie den Brief.

Liebste Annabeth,

Natürlich haben die Männer Ihres neuen Mannes dafür gesorgt, dass Ich von eurer sehr... speziellen Hochzeit erfahre. Ich hoffe, Sie verstehen, dass mich meine Ber
ater einfach nicht ziehen lassen wollten. Zu gerne hätte Ich zugesehen, wie mein Ritter seine Geliebte am arbeitenden Hafen Londons zur Frau nimmt, nur kommt man als Königin leider nur selten vom Hof weg.
Erinnern Sie sich an die Worte, die Ich Ihnen gesagt habe, als Ich Henry Green, Evie und Jacob Frye zu Rittern schlug?
Sie würden Ihren Titel bekommen. Und das haben Sie nun.
Als Frau von Ser Frye, sind Sie nun Lady Frye.
Da staunen Sie, was? Ich habe es geahnt, blind bin Ich noch nicht. Eurer beiden Blicke... ich werde melancholisch. Nein, auf mich wartet ein Earl Grey und Plätzchen.
Ich hoffe, Sie befinden sich zu diesem Zeitpunkt, wo Sie diesen Brief lesen, in den Armen Ihres Mannes. Richten Sie ihm Grüße aus.
Und wenn Sie die liebe Evie sehen, sagen Sie ihr, Ich erwarte sie auf ein Stück Kuchen mit mir. Wenn nicht, sind Sie, liebste Annabeth, herzlich eingeladen.

Die Königin,
Victoria I



Baff ließ sie den Zettel sinken. War er parfümiert? Neugierig schnupperte sie. Lavendel, aber ja. Sie schüttelte lächelnd den Kopf und zog sich wieder an. Ein Hemd aus Leinen und eine Stoffhose, an den Knien gebunden, durfte ja wohl reichen, somit wollte sie nach unten gehen, um das Wasser für einen Tee zu kochen. 
Zwei Treppen auf einmal nahm sie, als sie hinunterging, und bemerkte, dass Agnes und Nigel schon weg waren.
Außer Jacob und ihr war niemand da, was ihr eigentlich Recht war.

Sie stellte die Kanne also über das Feuer und machte sich an die Arbeit, die Kleidung vom Assassinen aufzusammeln.
Sie hatte keine Ahnung, wie viel das alles wog, wenig jedenfalls nicht, vor allem da die Montur durchgeweicht war.
Ächzend breitete sie alles auf Stühlen aus, tat das gleiche mit ihren Kleidern, damit alles schön trocknete. Kurz fragte sie sich, ob sie Jacob suchen sollte, doch dies verschob sie auf später. Vielleicht brauchte er etwas Zeit für sich.

Als sie dann den Tee vorbereiten wollte, hielt sie inne. Sie wollte eigentlich nicht Tee schlürfen. Sie wollte etwas Stärkeres.
Also holte sie zwei Flaschen aus dem Schränkchen und ging hinüber zur Haustür, die einen Spalt offen stand.
Anne öffnete sie ganz, setzte sich unter den Türrahmen und zog den Korken der Flasche hinaus, sah dabei auf die belebte Straße.
Eigentlich konnte man sie wegen den Büschen und der Mauer kaum sehen, auch Anne hatte nicht gerade die beste Aussicht, doch der Lärm von draußen war die perfekte Ablenkung. Im Haus war es so ewig still.

Sie schwelgte in Gedanken, hörte gar nicht die Schritte auf den Treppen, die vom Assassinen stammten.
Als sie den Kopf drehte, bemerkte sie ihn erst.
Jacob sah gut aus. Sehr gut, sogar.
Die feuchten Haare waren nicht zurückfrisiert, sondern fielen ihm ins Gesicht, sein Hemd war nicht ganz zugeknöpft und aufgestürzt. Barfuß bahnte er sich seinen Weg zu ihr und ließ sich vor sie auf den Boden nieder, nahm die zweite Flasche, die sie ihm mitgebracht hatte.
,,Was hat dein Vater noch einmal mit dir vereinbart?", fragte er plötzlich und nahm einen Schluck vom Alkohol.
,,Einen Sohn", antwortete sie mit einem milden Lächeln. ,,Der das Staveley-Hill Geschäft weiterführt."

Jacob nickte leicht suchte nach ihrer Hand. Anne half ihm, bis er ihre Finger ergriff.
,,Das ist machbar.", schmunzelte er. 
,,Ja", sie stimmte zu, dabei wurde ihr etwas wärmer. ,,Noch nicht, allerdings. Ich möchte erst einmal..."
,,Ich verstehe, Anne", er drückte ihre Finger leicht. ,,Du hast Pläne. Ich helfe dir dabei."
 Sie krabbelte zu ihn, legte sich zwischen seinen Beinen und lehnte sich gegen seine Brust.

,,Ich möchte dich aber heute trotzdem.", sagte sie, nach riesigem Aufwand. Anders wusste sie nicht, wie sie es formulieren sollte. Sie wandte den Kopf, dass sie ihm ins Gesicht sehen konnte.

,,Das... ist ebenfalls machbar.", sagte Jacob und räusperte sich leicht. 
Sie saßen einige Minuten still, bis Annabeth es wagte, ihn zu küssen. Nicht auf den Mund, jedoch. Provokant auf seiner Wange, seinem Mundwinkel, doch die Lippen traf sie nicht einmal.

,,Lass das", sagte er, voller Ungeduld, und griff in ihr Haar, damit sie ihm nicht entwischen konnte.
Ihr Lachen war laut und herzlich, als sie sich auf die Knie stellte, da es ziemlich unbequem war, ihren Nacken so zu verrenken.
Jacob packte ihr Bein und schaffte es, aufzustehen und sie zu tragen. Irgendwie ohne großen Kraftaufwand, aber er kletterte ja in Sekunden Hauswände hoch, also musste sie für ihn wie eine Feder sein. Ja, sie musste das auch noch lernen. 

Er trug sie hoch, ging direkt in sein Schlafzimmer, dass sie sich fortan wohl teilten, wich herumliegenden Schuhen und Kleidern aus, nur, um die Gehilfin vorsichtig auf sein weiches Bett zu legen. Und wie weich es war, bemerkte Annabeth froh. Weicher als ihres, fast, wie auf einer Wolke.
Sie hatte schon einmal sich mit diesem Mann ein Bett geteilt, doch es war nicht so liebevoll wie jetzt gewesen, wo er sie küsste und fest im Arm hielt.

Gierig öffnete sie den Mund, versank in eine Art Trance, was vielleicht am Alkohol lag. Sie schmeckte den Rum auf seinen Lippen, spürte seinen warmen Atem auf ihrem Gesicht und wappnete sich für das, was noch kam.

Er knöpfte ihr Hemd auf, langsam und bedacht, sah ihr dabei stets in die Augen, vielleicht um zu sehen, ob sie sich unwohl fühlte. Doch dem war ganz das Gegenteil! Annabeth fühlte sich lebendig, wie noch nie, der Kummer war für eine Zeit lang vergessen, denn ihre ganze Konzentration lag in diesen grünen Augen Jacobs und seinen Händen, die über ihre erhitzte Haut strichen, die nun freigelegt war.

Sie musste zugeben, ihre Figur war nicht fraulich. Der Busen war tatsächlich kleiner geworden, die Arme stramm und der Rücken stark. Auch die Beine waren zäh, genau, zäh war das richtige Wort. Wenn man von warme, weiche Schenkel einer Frau sprach, so meinte man nicht Annies, denn sie hatte sich verändert.
Jacob war nicht enttäuscht, das sah sie. Er war entzückt.

,,Du bist wirklich schön, Annabeth.", flüsterte er mit rauer Stimme. 
Sie schmunzelte. ,,Wirklich?", sagte sie. ,,Ich dachte immer, du verehrst feine Ladies, Mr. Frye."
Jacob hielt inne, stutzig sah er zur Decke. ,,Da habe ich die falsche Frau geheiratet, sowas aber auch. Wie konnte mir das nur passieren?"
Doch als sein dunkles Lachen nachsetzte, lachte auch sie.
Und auch wenn Jacob versuchte ernst zu bleiben, so musste er sich dauernd durchs Gesicht fahren, da er verräterisch schmunzelte.

,,Du bringst mich in Verlegenheit", flüsterte sie, arbeitete an seinen Oberteil, da sie nicht als einzige entblößt sein wollte. 
Neugierig, für sie war das einfach eine neue Welt, strich sie mit zitternden Fingern über Jacobs Tätowierung, zuerst über die Krähe, dann über das verzierte Kreuz direkt daneben.
Sie genossen diesen Moment, hatten keine Eile. Annabeth ließ sich ihre Geschichte durch den Kopf gehen, als Jacob ihren Hals liebkoste und gerötete Flecken hinterließ, liebevolle Zeichen, die wohl oder übel versteckt werden mussten. Aber der altbekannten Annabeth war das ja eigentlich gleich.
Sie spürte seine Bartstoppeln, die sie ziemlich kitzelten.
Jacob und sie hatten einiges durchgemacht, das war klar. Kurz erinnerte sie sich an die Nacht, wo L'Ombre ihr eine Kugel in die Schulter gejagt und Jacob sie durch halb London getragen hatte, voller Verzweiflung.
Ihre Hand strich federleicht über seine vernarbte Wange, seufzte auf, als er die verheilte Wunde auf ihrer Schulter mit einem kleinen Kuss zum Kribbeln brachte.

Sie wollte auch seinen Körper sehen, wollte sich jede Faser, jede Narbe einprägen und preisen, denn das hatte dieser Mann verdient.  Jacob hatte ihr Herz erobert, da er sie einfach ziehen gelassen hatte.
All die Zeit, hatte er sie machen lassen. Kein anderer Mann hätte das getan, ihr war das bewusst. Er hatte sich bei Schlägereien mit betrunkenen Blighters rausgehalten, wenn es um sie ging. Es war ihr Kampf gewesen. Oder als ihr Vater sie geschlagen hatte, hatte der Frye keine große Szene gemacht. Sie hatte die Schmerzen getragen, sie akzeptiert, und hatte vor allem keine Hilfe gebraucht.

Sie respektierte diesen Mann so sehr, dass es ihr Herz fast schon schmerzte.
Annabeth wollte ihn ablenken, also rollte sie sich um, sodass sie auf seinem Becken saß und die Hände über seinen robusten Torso fahren konnte.
Ihr Hemd war immer noch an ihrem Körper, bloß aufgeknöpft, also zog sie es aus und warf es achtlos vom Bett, damit sie seine Hände auf ihrem nackten Rücken spüren konnte. Die Berührung jagte ihr einen Schauer über Arme und Beine, löste ein Kribbeln in ihrem Bauch aus, was sie ganz kirre machte.

Langsam fing sie an sich zu bewegen, rieb sich gegen seine Mitte und schaffte es dabei nicht, in seine grünen Augen zu sehen. Er hob jedoch ihr Kinn, hielt ihre Hüften mit einem festen Griff, ließ nur los, damit er seine und ihre Hose endlich wegbekam.

,,Oh, Himmel", keuchte Jacob, als er endlich in sie eindrang. 
Es schmerzte anfangs, ja natürlich, aber Annabeth hatte schon Schlimmeres erlebt. Sie bewegte sich, als sie sich an das Gefühl etwas gewöhnt hatte, und brachte kleine Seufzer hervor, da es sich irgendwann wirklich gut anfühlte. Das Blut in ihren Venen kochte und sie spürte nun wirklich die Wirkung vom Rum, aber sie hatte ein Gefühl, dass sie das noch oft fühlen würde.
Es besorgte sie, dass keine Evie da war, um ihren ungesunden Lebensstil zu kritisieren. 

,,Hör auf zu denken", stöhnte der Assassine und setzte sich etwas auf, um sie zu küssen. ,,Nur für eine kurze Zeit."
Annabeth neigte schnell den Kopf, schlang die Arme um seinen Nacken und atmete seinen Duft ein, als sie das Gesicht in seine Halsbeuge verbarg.
,,Du bist", Jacob atmete tief durch. ,,Wunderbar. Mach weiter, Annabeth."
Sie bewegte sich schneller, achtete auf das Gefühl in ihrem Unterleib und wie es ihre Beine runterfuhr, bis sie hörte, wie sein lauter Atem unregelmäßig wurde.
Liebevolle Wörter und Küsse später, da kam er endlich. Ihr Mann hatte durchgehalten und wirklich hinausgezögert, ihm war dieser Moment wohl wahrlich wichtig gewesen.
Natürlich sorgte er dafür, dass auch sie zu ihrem Höhepunkt kam, ein Gentleman wie er im Buche stand, und so ließ er sich nach hinten in das weiche Laken fallen, zog sie zu sich, damit ihr Kopf auf seiner Brust lag und sie sein rasendes Herz hören konnte.

,,Ich könnte mich an das gewöhnen", murmelte er und zog faul die Decke über ihre nackten Leiber.
Sie gab ein langgezogenes ,,Mhm" als Antwort, öffnete die Augen, um aus dem Fenster zu sehen.
,,Du solltest danach ein heißes Bad nehmen", sagte Jacob dann. ,,Es kann sein, dass dein Körper morgen schmerzt. Wir wollen das nicht."

Sie hob den Kopf. ,,Jacob Frye, wie vielen Frauen hast du die Unschuld genommen, um das zu wissen?"
Der Assassine rollte die Augen. ,,Ich hure nicht rum, Liebes, das weißt du.", gähnte er. ,,Es ist einfach... allgemein Wissen."
,,Verstehe."

Wieder herrschte kurz Stille, die von Jacob gebrochen wurde.
,,Wann sagen wir deinem Vater dass ich dich geheiratet habe?", fragte er gepresst. ,,Nach ein, zwei Pints? Vielleicht vergisst er dich ohrzufeigen."
,,Alkohol ist keine Lösung", lachte sie und ergriff das Kissen, um es in sein Gesicht zu schlagen. ,,Wir machen das, wenn wir beide uns mal sehr mutig fühlen."

Der Frye nickte zustimmtend, streichelte ihr Haar und schloss die Augen. ,,Lass uns ein Nachmittagsschläfchen halten, hm?", schlug er träge vor.
Anne stimmte zu, konnte aber nicht schlafen. Es ging zu viel in ihr vor.

Als sie sich sicher war, dass ihr geliebter Mann schlief, zog sie sein warmes Oberteil über und stieg aus dem Bett, um ihre Muskeln etwas zu strecken. Die Knie waren immer noch weich, weshalb sie vorsichtig nach unten ging, die beiden Flaschen vom Boden aufhob und sich nun doch einen Tee machte, sich ans Fenster stellte und über alles ein wenig nachgrübelte.
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