Schlaflosigkeit

von Taina
GeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P18
Elphaba Thropp Glinda/Galinda Upland of the Upper Uplands
12.03.2018
02.07.2018
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06.04.2018 2.079
 
Elphabas Kopfschmerzen sind schlimmer als sonst. Sie sitzt auf der Bettkante und presst die kühlen Finger gegen die Schläfen. Sie zählt innerlich bis drei und steht mit geschlossenen Augen auf. Die Welt um sie schwankt, beinahe wäre sie zurück auf ihr Bett gefallen. Ein, aus. Reiß dich zusammen, Elphaba. Es ist ein Tag wie jeder andere. Augen auf, Rücken grade, Arme seitlich neben den Körper. Ein Tag wie jeder andere. Aber irgendetwas ist anders.
Der Morgen ist anstrengend. Der eigentlich angenehme Duft ihres Pflegeöls lässt die Welt vor ihren Augen verschwimmen. Ihren Zopf kann sie kaum flechten, weil ihr Nacken schmerzt. Ihr ganzer Körper ist verspannt, als sie ihr Kleid anziehen möchte. Als sie den Topf mir Wasser füllt, zittert ihre Hand. Sie gönnt sich einen Moment der Stille, nachdem sie die Teekräuter in ihre Tasse gelegt hat.

„Guten Morgen.“
Elphaba fährt herum. Seit wann wünschen sie sich einen guten Morgen? „Morgen.“ Miss Galindas Blick ist verwundert. Elphabas Wasser ist heiß. Hand ausstrecken. Griff packen, Kanne hochheben. Elphaba bemerkt das Zittern ihrer Hand und hofft, dass es Miss Galinda entgeht. Natürlich entgeht es Miss Galinda. Miss Galinda achtet nicht auf so was. Oder achtet sie gerade auf so was? Hofft sie auf ein Zeichen von Schwäche? Elphaba weiß nichts, obwohl sie sonst so viel weiß.
„Geht es dir gut?“
Seit wann waren sie beim Du? „Ich wüsste nicht, was Sie das anginge.“ Miss Galindas hohe Stimme verstummt. Zumindest lange genug, dass der Kräutergeruch in Elphabas Nase aufsteigen kann und sie sich etwas entspannt.„Ich dachte, nach letzter Nacht dürfte ich das fragen.“ Miss Galindas Stimme klingt plötzlich traurig. Und dann weiß Elphaba es wieder. Sie schließt die Augen. Atmet tief durch. Was hat sie getan. Sie umschließt ihre Teetasse mit ihren Händen, obwohl sie eigentlich noch viel zu heiß ist, und öffnet ihre Augen. Sie wagt nicht, sich zu Miss Galinda umzudrehen.
„Womit fangen wir an?“
„Was?“
„Sie haben doch gesagt, Sie wollten mich kennenlernen, liege ich da richtig?“
„Genau.“
„Was möchten Sie wissen? Wie meine Familie ist? Was ich den ganzen Tag mache, wenn Sie nicht hier sind, wohin ich vor der Schule gehe,-“ Miss Galinda lacht. Sie lacht laut und hoch und schrill. Elphaba kneift die Augen zusammen. Sie stellt den Tee ab und kann sich gerade so davor abhalten, sich die Ohren zuzuhalten. „Was?“
„So läuft das nicht.“ Sie glaubt doch nicht im Ernst, dass Elphaba ihr irgendetwas über sich verraten wird, oder? Und dann trifft es sie wie die geworfenen Steine der Kinder, mit denen sie früher spielen sollte. Sie hat ihr schon alles verraten. Nicht alles alles, aber das Wichtigste. Das, was sie niemals jemandem verraten wollte. Niemals jemanden verraten sollte. Sie hat die Macht zu töten. Ohne dass sie es unterdrücken könnte. Ohne dass sie es kontrollieren könnte. Sie ist eine tickende Zeitbombe. Was habe ich noch erzählt? „Ich werde Sie über nichts ausfragen.“

Elphaba dreht sich zu ihr um – Endlich. In Miss Galindas Gesicht ist nichts zu lesen. Aber diese Betonung auf dem Sie. Hat Elphaba schon wieder was falsch gemacht? Nein – Miss Galinda siezt alle. Ja, sie spricht ihre Freunde mit Vornamen an, aber nur ihre allerengsten. Weniger als man mit einer Hand abzählen könnte. Sonst fehlt nie das Miss. Oder Master. Und manchmal, wenn die Aufmerksamkeit aller auf ihr liegt, dann siezt Miss Galinda sogar jene engen Freunde. Sind es denn dann auch Freunde? Siezt man Freunde? Ist das Du der Familie vorbehalten? „Hatten Sie jemals Freunde?“ Elphaba schließt die Augen. Sie spürt die Wut in sich regen. Sie spürt, wie die Magie sich zu einem Knoten knüpft. Ein Knoten, der eine Schleuder bildet. Sie atmet tief durch. Lass mich in Ruhe! Was soll das? „Nein, nein, so meine ich das nicht… Also auf jeden Fall nicht böse, Sie sind nur so-“
Elphaba ballt die Fäuste. Der Magieknoten in ihrem Bauch wächst. Sie atmet tief durch und versucht, ihn zusammenzuknüllen. Sie spuckt die Worte förmlich aus. „Unbeholfen? Wollen Sie das sagen? Ein sozialer Krüppel?“ Miss Galinda blickt zu Boden, beißt sich auf die Unterlippe. „Das müssen Sie grade sagen.“
„Wie bitte?“ Miss Galinda schiebt den Unterkiefer vor und hebt das Kinn. „Wie darf ich das bitte verstehen?“
Elphaba sollte still sein. Um ihrer selbst willen, um Miss Galindas willen, um Nessas willen. Sie sollte kleinbeigeben. Sie sollte sich zurückziehen, wie es jeder von ihr erwartet. Wie ihr Vater es von ihr erwartet, wie ganz Oz es von einem grünhäutigen Monster erwartet. Aber hier ist sie nicht vor ganz Oz, und ihr Kopf pocht, und die Wut in ihrem Bauch drückt, sodass sie nicht mehr über ihre Handlungen nachdenkt. Ihre Stimme ist gefährlich leise. „Sie wollen doch nicht ernsthaft behaupten, Ihre Freunde seien echt.“
„Allerdings.“ Miss Galinda steht auf. Ihr Blick fixiert den Elphabas. „Ich habe Freunde. Ich habe soziale Kontakte. Ich habe Eltern, die ich liebe und die mich lieben.“ Elphaba erträgt es nicht mehr. Sie schließt die Augen und beschwört ein Bild vor ihrem inneren Auge hervor, das sie beruhigen soll. Das Bild ihrer Mutter, wie sie ihr einen kleinen Ball zuwirft und Elphaba, klein und unwissend, klatscht lachend die Hände zusammen, obwohl sie den Ball verfehlt. Ihre Mutter, wie sie sie hochhebt und sie spät am Abend nach Hause trägt. Ihre Mutter, die ihre Bettdecke fester steckt. Sie hatte einmal jemanden, der sie liebte. Und den sie liebte, so, wie ein Kind seine Eltern lieben sollte. Hatte. Miss Galindas Stimme ist, wenn es überhaupt möglich, noch schriller geworden. „…Und außerdem sind meine Freunde echt!“
Elphaba fühlt sich plötzlich gefährlich ruhig. Es ist die Ruhe vor dem Sturm, und eigentlich sollte sie jetzt beunruhigter sein. Ihre Muskeln sind steif, als sie den Kopf schüttelt. Langsam, weil sie dagegen ankämpfen muss, still dazustehen. „Da wäre ich mir nicht so sicher. Den ganzen Tag redet ihr nur über jene, die nicht ganz so viel Glück haben wie ihr.“ Ein gnadenloser Euphemismus. Elphaba weiß, dass sie ein beliebtes Gesprächsthema von Miss Galindas Clique ist. Ein beliebtes Ziel, über das man lästern kann. Grüne Haut kann man kaum als nicht ganz so viel Glück bezeichnen.
Miss Galinda sieht aus wie immer. Nein, nicht wie immer. Sie sieht aus wie Elphaba sie kennt. Ihr Gesicht ist hochmütig verzogen. „Das stimmt nicht.“
„Doch.“ Elphaba ist gefährlich direkt. „Ihr lästert, und wenn ihr gerade nicht lästert, dann redet ihr über die neuesten Kleidungsläden in Shiz. Große Ozma, wie kann man nur so oberflächlich sein?“
Miss Galinda schweigt. Sie senkt den Kopf. Elphaba weiß, dass Miss Galinda weiß, dass sie recht hat. Aber würde die Miss Galinda, die sie kennt, das wirklich auf sich sitzen lassen? Selbst wenn Elphaba recht hat – Vor Elphaba würde sie das nie gestehen. Und doch – Diese Miss Galinda vor ihr wendet sich ab und verschwindet mit ihrer frischen Kleidung im Bad.

Das war’s. Eigentlich war der Streit mit Miss Galinda mal etwas Neues. Selbst für Elphaba ist es seltsam, einen Streit als etwas Neues zu bezeichnen, aber er war Elphabas erstes längeres Gespräch in Shiz, das sie nicht mit einem Professor oder mit schlaftrunkenem Kopf geführt hat. Natürlich ist Elphaba nicht glücklich. Nicht wegen dem Streit, nicht wirklich – Der wäre ihr egal, eigentlich, sie hat schon schlimmeres erlebt. Aber ihr Kopf schmerzt, ihr Nacken auch, und der Tee hat so lange gezogen, dass er bitter schmeckt. Irgendetwas ist anders, sie kann es nicht benennen. Es ist nicht der Streit. Er kann es nicht sein. Seit wann berührt sie sowas? Sie setzt sich und nippt an dem viel zu bitteren Tee. Viel langsamer als sonst.
Plötzlich hört sie Miss Galindas Stimme durch die Badezimmertür. Sie klingt kalt. Die immer fröhliche Stimme klingt kalt. „Ich dachte, heute Nacht wäre ernst gemeint. Es könnte sein, dass ich Sie falsch verstanden habe, Miss Elphaba, vielleicht wollten Sie nur erreichen, dass ich mich endgültig von Ihnen fernhalte. Aber von mir war es ernst gemeint.“
Endlich steht Elphaba auf. Ohne zu antworten packt sie ihre Geldbörse und verlässt den Raum.

Als sie wiederkommt, ist Miss Galinda noch immer im Bad. Sie stellt den Teller mit ihrem Frühstück auf den Tisch. Schwarzbrot, Käse, Gemüse. Die Schale mit Melonenstücken, das weiße Brötchen und die Marmelade gehören nicht zu ihrem typischen Frühstück, dafür aber zu dem ihrer Zimmerkameradin. Sie schluckt. Wird Miss Galinda sie einfach auslachen, so wie sie es immer mit ihren Freundinnen macht, wenn eine über einen winzigen Stein stolpern? Elphaba hat Angst vor ihrer plötzlichen Courage.
Das Essen steht gut sichtbar auf dem Tisch, Elphaba sieht aus dem Fenster. Sie spürt Miss Galindas Blick regelrecht im Rücken. Sie kneift die Lippen zusammen. Ihre Hände krampfen um die Fensterbank. Wird Miss Galinda etwas sagen? Nein, sie ist still und geht durchs Zimmer. Sie öffnet ihren Schrank. Kramt herum. Nimmt irgendwas heraus. Schließlich räuspert sie sich. „Haben Sie wirklich Essen mitgebracht?“ Elphaba nickt zögerlich. „Das ist wirklich… Sehr nett.“ Elphaba nickt noch immer. Klingt Miss Galindas Stimme abschätzig oder nur vorsichtig? Was soll sie machen? „Unter diesen Umständen werde ich noch hierbleiben und hier essen.“ Miss Galinda schweigt. Offenbar setzt sie sich. „Und Sie? Wollen Sie nicht auch etwas essen?“
Verschwunden ist die Feindseligkeit. Beinahe lächelt Elphaba. „Natürlich.“ Sie dreht sich um und setzt sich gegenüber Galinda. Sie schweigen. Sie starren auf ihre Teller. Hebt Elphaba den Blick, denkt sie sofort, dass Miss Galinda sie beobachtet. Und senkt ihn sofort wieder. Sie ist nicht bereit, ihr in die Augen zu sehen.
Das Schweigen liegt wie eine Decke über ihnen, als sie schon lange aufgegessen haben. „Dann also… Danke.“
Elphaba nickt leicht. „Keine Ursache.“ Schweigen. „Dann war es also wirklich ernst gemeint, was Sie heute Nacht gesagt haben?“
„Ja.“
„Dass Sie mich kennenlernen würden?“
„Ja.“
„Sie würden das Risiko wirklich eingehen wollen?“
„Ja, Oz nochmal!“
„Auch das Risiko, dass Ihre Freundinnen sich von Ihnen abwenden könnten?“
Schweigen.
„Also nicht.“
„Warum sollte das passieren?“
„Denken Sie nicht? Es könnte Ihnen eventuell, aber auch nur eventuell aufgefallen sein:Meine Hautfarbe ist etwas unglücklich ausgefallen. Ihre Freundinnen – und Sie auch – achten hauptsächlich auf das Äußere.“ Elphabas Worte sind harsch, aber sie bemüht sich, ihren Tonfall freundlich zu lassen. Sie will sich nicht streiten. Eigentlich. Aber sie vertraut nicht. Tagsüber nicht, weil sie tagsüber denkt. Tagsüber passt sie auf. Nur nachts nicht. Hätte sie nachts auch aufgepasst, müsste sie jetzt keine Angst haben. Sie müsste keine Angst haben, dass Galinda ihre Geschichte bezüglich ihrer wasserempfindlichen Haut selbst austesten möchte. Sie will nicht verbrannt werden, wie sie schon so oft verbrannt wurde. Sie will nicht zwischen den Menschen auftauchen und plötzlich mit Wasser bespritzt werden, weil die denken, dass das eine ganz lustige Idee wäre – so wie die Kinder, mit denen sie einmal spielen musste. „Sie werden, wenn Sie sich mit mir zeigen, zwangsläufig ausgeschlossen. Sie werden belächelt, belacht, und schließlich Opfer jener Attacken, deren Opfer ich bin.“ Und ich will nicht, dass ich noch jemanden in diese Geschichten mitreinziehe. Miss Galinda schweigt. „Also nicht.“ Elphabas Feststellung ist nüchtern.
„Sie dürfen das nicht falsch verstehen-“
„Ich glaube, ich verstehe das ganz gut. Sie haben Angst, ausgeschlossen zu werden.“ Miss Galinda setzt an, um zu protestieren, aber Elphaba schneidet ihr mit einer raschen Handbewegung das Wort ab. Ihre Stimme klingt weniger hart als ihre Worte. „Und ich kann das sogar verstehen.“
„Vielleicht… belassen wir das erstmal unter uns.“
„Also legen Sie sich nicht fest, sodass Sie mir im Fall der Fälle in den Rücken fallen können?“
„Nein!“ Aber genau so sieht es aus. „Ich verspreche Ihnen, ich werde Ihnen nicht in den Rücken fallen.“ Elphabas Blick muss Bände sprechen. „Sie vertrauen mir nicht.“
„Stimmt. Ich kenne Sie. Zwar nicht so gut wie ihre sogenannten Freunde Sie kennen, aber einige Geheimnisse jener Freundinnen sind hier in Shiz an die Öffentlichkeit gelangt. Und Sie hatten selten keinen Anteil daran.“ Auch wenn Elphaba sich nicht für Tratsch interessiert – Enthält er bedrohliche Wahrheiten über sie, möchte sie doch lieber die Kontrolle behalten.
„Würde ich später meinen Freundinnen Ihre Geheimnisse ausplaudern, wüssten sie auch, dass ich mich enger mit Ihnen beschäftigt habe. Und das sollen sie ja schließlich nicht wissen.“
„Oder sie denken sich eine schöne Geschichte aus, um das plausibel klingen zu lassen.“ Sie gibt sich solche Mühe, Elphaba kennenzulernen. Zu viel Mühe. Miss Galinda sollte leichtherzig durchs Leben gehen. Sie sollte sich nicht bemühen, Elphaba kennenzulernen, wenn sie keine Hintergedanken hat.
„Ich kann Sie nicht zwingen, mir zu vertrauen. Es ist ein Angebot. Ich würde gerne die Person kennenlernen, mit der ich wohne. Ich verspreche Ihnen, nichts auszuplaudern, aber da müssen Sie mir vertrauen.“
Aber Elphaba vertraut nicht.
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