Schlaflosigkeit

von Taina
GeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P18
12.03.2018
02.07.2018
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Galinda hasst schlaflose Nächte. Die sind immer gleich. Immer.

Galinda hat viele schlaflose Nächte. Irgendwann in der Nacht wacht sie auf, meistens recht früh. Immer vor zwei. Immer. Denn dann, kurz nach zwei, danach kann man die Uhr richten, fängt im Nebenbett das Herumwälzen an. Kurz darauf das Geschrei. Galinda versucht das alles immer so gut es geht zu ignorieren.
Auch heute.
Das Herumwälzen und Geschrei, das überraschte Aufstöhnen vor imaginären Schmerzen hört immer um halb drei auf. Immer. Halb drei. Keine Minute früher, keine Minute später.
Um diese Uhrzeit wacht Elphaba auf. Galinda merkt es nicht, weil sie aufsteht oder versucht, sie anzusprechen. Elphaba wird nur plötzlich leise. Sie dreht sich nur noch einmal im Bett um, umklammert ihr Kissen, wispert Worte, die Galinda nicht versteht, und gelegentlich ist ein Schluchzen zu hören. Galinda ignoriert es. Sie stellt nie das Licht an. Sie will Elphaba nicht bloßstellen, redet sie sich ein, denn Elphaba ist immer vernünftig. Selbst wenn sie Probleme hätte – die haben vernünftige Menschen schließlich nicht – sie würde es niemandem zeigen. Erst recht nicht Galinda.
Heute hört das Kopfkissengewimmere nicht auf. Galinda starrt an die schwarze Decke, durch die schwarze Luft und wirft hin und wieder einen genervten Seitenblick auf das schwarze, regungslose Bündel im schwarzen Bett.

Irgendwann steht Galinda auf. Sie erträgt Elphabas Weinen nicht mehr. Sie steht auf, schleicht die fünf Meter zum Bett der anderen und setzt sich auf die Bettkante. Ganz vorsichtig. Sie streicht über Elphabas Haare. Es soll beruhigend sein, ob es das auch ist, weiß sie nicht. „Elphaba… Ganz ruhig…“
Elphaba schlägt müde nach ihr. „Lass mich in Ruhe!“
„Du hattest nur einen Albtraum, alles ist gut…“
„Wenn es nur ein Albtraum wäre, wäre alles gut“, murmelt Elphaba in ihr Kopfkissen.
„Wovon hast du denn geträumt?“
Elphaba schweigt. Sie zieht die Decke über den Kopf. Galinda wartet, glaubt, dass Elphaba bereits wieder schläft. Steht wieder auf. Sofort dreht sich Elphaba, wickelt sich in ihre Decke und formt einen Kokon aus Wolle um sich.

Galinda liegt in ihrem Bett und kann nicht schlafen. Sie wälzt sich von einer Seite auf die andere, setzt sich schließlich still auf. Blickt aus dem Fenster. Der Mond scheint genau auf Elphabas Bett. Erst glaubt Galinda, dass Elphaba wieder eingeschlafen ist, friedlich daliegt und in schönere Träume abdriftet. Dann erkennt sie das regelmäßige Zucken vom Elphabas Schultern. Sie täuscht vor, auf Toilette zu gehen. Betrachtet sich im Spiegel. Unter wie vielen Schichten Makeup muss sie morgen ihre Augenringe verbergen? So wie sie es immer tut? Ist es Elphabas schuld?
Sie will es sich einreden. Es wäre einfach, ihre eigene Schlaflosigkeit auf die ihrer Mitbewohnerin zu schieben. Sie müsste sich keine Gedanken über ihre Freunde machen, die sie anstrengen, die sie aber braucht, um ihr Ansehen zu halten. Sie müsste sich keine Gedanken über ihre Noten machen, für die sie viel mehr Zeit aufwenden sollte. Sie müsste sich keine Sorgen um ihr Gewissen machen, weil sie ihre Mitbewohnerin am Tage nur anschweigt, sie hasst ohne einen Grund zu haben, der über das Zimmerteilen hinausgeht.
Sie hasst die grüne Farbe ihrer Haut. Sie hasst ihre Stimme, die immer so trocken klingt. Sie hasst sie besonders, wenn Galinda in ihr Zimmer kommt während Elphaba im Bad ist, sich ungehört fühlt und vor sich hinsingt ohne sich Mühe zu geben und dabei doch so viel mehr Sicherheit zeigt und so viel mehr Gefühl in ihre Stimme legt als Galinda es jemals könnte. Sie hasst, dass Elphaba morgens einfach ein Kleidungsstück aus dem Schrank zieht, es zwar unmodisch, aber niemals wirklich armselig ist. Sie hasst Elphaba für ihre guten Noten. Sie hasst sie für die Zeit, an der sie vorm Schreibtisch oder auf dem Bett sitzt und nichts wahrzunehmen scheint während Galinda sich nach Gesellschaft sehnt. Gut – nicht gerade Elphabas Gesellschaft, aber ein einzelnes Wort – ist das zu viel verlangt?
Galinda würde niemals wie Elphaba sein wollen – Sie fürchtet die anderen, weiß, dass die anderen wichtig für ihr Leben sind.
Aber manchmal, wenn sie ganz ehrlich zu sich ist,  wünscht sie sich, ein klitzekleines bisschen wie Elphaba zu sein – Unabhängig, stark, klug.

Sie atmet tief durch und betätigt die Spülung. Verlässt das kleine gemeinsame Bad.
„Elphaba, was auch immer es ist, sag’s mir einfach, damit wir beide schlafen können.“ Sie klingt nicht so genervt wie sie ist. Tatsächlich kommen die Worte sanft aus ihrem Mund – Als würde sie tatsächlich nur helfen wollen.
Elphaba antwortet nicht. Alles auf Anfang. Galinda wendet sich ab, seufzt innerlich. Sie wird das grüne Mädchen nie verstehen. Stellt sich darauf ein, dass sie niemals ein nettes Wort, niemals ein nicht von Hass erfülltes Wort oder überhaupt ein Wort von ihr hören wird. Sie legt sich auf ihr Bett und dreht ihr Gesicht zur Wand.

Dann hört sie ein leises Flüstern, zögerlich, kaum wahrnehmbar. „Früher, als Nessa und ich noch kleine Kinder waren, war Nessa manchmal krank.“ Pause. Galinda dreht sich Elphabas Richtung, um ihr in die Augen zu sehen, aber Elphaba liegt der Wand zugewandt. Sie klingt, als müsse sie sich zu ihren Worten zwingen. Als wisse sie nicht, ob sie sich wirklich offenbaren soll. „Vater schickte mich dann aus unserem Zimmer, ich durfte nicht dort schlafen, nicht irgendwo im Haus, weil die Krankheit vom Namenlosen Gott geschickt wurde, damit man sich an die Sünde erinnerte, die man nicht im Haus haben sollte.“
„Und diese… Sünde… warst du?“ Auch Galindas Stimme ist nur ein leises Flüstern.
Elphaba nickt. „Wer sonst? Meine Haut ist grün wie die Sünde, die ich für meinen Vater bin.“
„Du bist alles, nur keine Sünde.“ Wie konnte ein Mensch eine Sünde sein? Er könnte schreckliche Taten begehen so viel er wollte, eine Sünde würde er niemals.
Elphaba zieht die Schultern hoch. „Vielleicht. Was aber wirklich zählt, ist, was mein Vater denkt.“ Sie dreht sich um. Galinda sieht zum ersten Mal bewusst in Elphabas Gesicht, um Spuren von irgendwelchen Emotionen zu erkennen. Da ist nichts. Nichts, höchstens die Bitterkeit, die sie immer mit sich trägt, aber nie so hervorstechen lässt, dass sie direkt auffällt. Aber sie ist da. Galinda bemerkt sie, zum allerersten Mal.
„Einmal hat er mich für zwei Wochen ausgesperrt. Eigentlich nichts Ungewöhnliches, aber in diesen zwei Wochen hat es geregnet als würde die Welt untergehen.“ Elphaba atmet tief durch. „Ich vertrage kein Wasser. Es tut mir auf der Haut weh.“ Es steckt mehr dahinter, das spürt Galinda, aber sie ist klug genug, nicht zu unterbrechen. „Ich habe mich in der Scheune versteckt, das Dach war halbwegs dicht, aber ich konnte nicht raus. Ich konnte mir nichts zu essen besorgen. Mein Bruder war drei Jahre alt – und ohne Verstand. Meine Mutter war tot. Nessa war krank und lag zwei Wochen im Bett. Für meinen Vater war ich die Mühe nicht wert – Seine kostbare Nessarose war schließlich krank. Ich habe zwei Wochen im Stroh gelegen und habe nichts gegessen. Nichts getrunken.“ Elphaba rollt sich noch enger in ihre Bettdecke. „Ich wäre beinahe gestorben.“ Und niemanden hat es gestört. Nicht einmal sie selbst. „Eigentlich bin ich hier sicher. Eigentlich kann mir hier niemand was anhaben. Eigentlich höre ich nicht auf die Beleidigungen, die mir diese Idioten hinterherrufen. Und dann sitze ich in Madame Morribles Unterricht, und sie will unbedingt, dass ich meine Energien entfessele und diese magischen Tricks kopiere, die sie mir vormacht…“
Pause. „Und dann?“
„Und dann erinnere ich mich an diesen Morgen nach zwei Wochen, der Tag, an dem mein Vater die Tür geöffnet hat, ein kleines grünes, lebloses Bündel gesehen hat, seinen letzten Verstand zusammengesucht hat, zu ihm gerannt ist und es aufheben wollte und… und dann… dann… Ich habe ihn beinahe umgebracht. Er hat mich nur berührt, und schon wurde er zurückgeworfen, die zehn Meter an die Holzwand, und er ist da liegengeblieben, und ich bin auch liegengeblieben, und dann kam irgendwann Nessarose, in ihrem Rollstuhl, über die schlammigen Wege, und hatte schon ganz dreckige Hände, weil sie sich selbst vorwärtsgerollt hat, sie kam rein und sah zuerst mich, und dann meinen Vater, und ist dann weggerollt, so schnell wie sie konnte… Und dann… Dann bin ich ohnmächtig geworden, glaube ich, und als ich wieder aufgewacht bin, stand da Milch und Brot.
Mein Vater war weg. Aber da war Milch und Brot. Ich bin nicht verhungert – Das wundert mich, gerade weil ich nichts zu trinken hatte, ich hätte längst tot sein müssen – aber Nessa hat wochen-, monatelang nicht mehr mit mir geredet, und Vater hat mich immer eingesperrt. Ich war immer allein, habe mein Zimmer verwüstet, bis ich bemerkt habe, dass ich mich mit Büchern anders fokussieren kann. Ich kann einfach dasitzen, und während ich lese, kann sich meine Magie nicht auf diese gefährliche Weise aufladen.“
Pause. „Und dann ist da Morrible, die genau das will. Irgendwann wird sie das bekommen, was mein Vater bekam. Vielleicht schlimmeres. Aber in ihren Stunden sind da keine Bücher, in denen ich mich verstecken kann. Und ich bin alleine, und sie konzentriert sich nur auf mich, starrt mich an mit ihren kalten Fischaugen. Sie wirft mir vor, ich würde mich nicht genug anstrengen, ich glaube, sie fürchtet mittlerweile, sie hat mich überschätzt. Aber die Magie, die sie von mir kennt, ist gar nichts. Verstehst du Galinda?“ Galinda zuckt aufgrund der plötzlichen Dringlichkeit, der ersten direkten Ansprache zusammen. „Gar nichts. Das sind so winzige Bruchteile, und selbst die sind unberechenbar. Ich traue mich nicht, sie loszulassen. Aber genau das muss ich, wenn ich auch nur annehmbar in Zauberkunst werden will. Und genau das will ich, aber ich will nicht vor Morrible sitzen, während sie mich ansieht, als würde ich mich nie genug anstrengen, als wäre ich der dümmste Mensch auf der weiten Welt, nur damit sie mir zehn Minuten später wieder vorschwärmen kann, was ich erreiche, wenn ich denn endlich dem Zauberer begegne… Das ist es, was ich am meisten will, aber was ist, wenn ich den Preis dafür nicht zahlen kann? Wenn ich irgendwann nachts wachliege, du das bemerkst und kommst, so wie heute, und versuchst, deine netten Worte an mich zu richten, und du mich dann berührst und du dann da unten“, Elphaba macht eine Hand frei und deutet wage aus dem Fenster, „liegst?“
Irgendwann hat sich Elphabas Stimme vom schüchternen Flüstern in das Flüstern verwandelt, das man nachts verwendet, wenn man die Personen im Nebenzimmer nicht stören möchte. Das Flüstern, bei dem Galinda davon ausgehen kann, dass tatsächlich sie gemeint ist. Dass Elphaba mit ihr spricht, nicht irgendwelche Ideen schlaftrunken in den Raum stellt. „Und jetzt sagst du mir, dass du keine Angst vor mir hast. Und ich werde dir antworten, dass du das besser haben solltest. Ich weiß nicht, ob und wann das wahr wird. Aber bisher haben sich zu viele meiner Ahnungen als wahr erwiesen als dass ich dich nicht warnen sollte.“
„Und wenn du Unrecht hast?“
„Dann hast du Glück gehabt.“
„Ich hätte nicht gedacht, dass ich dir so viel bedeute.“
„Du bedeutest mir in etwa so viel, dass ich dir nicht wehtun möchte. Das ist doch alles, was ich möchte: Niemandem wehtun.“
„Dann hör auf damit.“
„Hä?!“
Galinda schluckt den Kloß in ihrem Hals herunter. „Du willst niemandem wehtun. Dann hör auf, dir wehzutun. Du denkst zu viel. Elphaba. Ich denke zu wenig, ich weiß, dass du das denkst, und wahrscheinlich ist das auch wahr, aber du denkst zu viel, viel zu viel, und dadurch tust du dir weh. Du redest dir ein, dass es dir egal ist, was die anderen denken, dabei denkst du den ganzen Tag über sie nach. Es tut mir leid, aber hör auf, dir und mir was vorzuspielen. Du wirst die nie zufriedenstellen, egal was du machst, weil sie sich nicht die Mühe geben werden, dich kennenzulernen. Sei du selbst.“ Galinda kaut auf ihrer Unterlippe. Sie ist nicht gut mit Worten, sie ist viel zu ehrlich, wenn sie nicht ihre Maske trägt. Die Maske des reichen Mädchens, die sie eigentlich immer trägt. Eine Maske, die sie jetzt abgelegt hat, ohne dass sie weiß, wann sie sie wieder aufsetzen wird. Ohne Maske ist sie mehr wie Elphaba. Ehrlich. Klug, irgendwie. Entschlossen. „Wenn du willst, kann ich dich kennenlernen.“ Nein, sie war nicht gut mit Worten. „Nur wenn du willst, natürlich. Natürlich.“ Sie atmet durch. Zwingt sich, nichts mehr zu sagen.
Elphabas leises Lachen wird von ihrer Decke beinahe bis ins Unhörbare gedämpft. „Wenn du das willst. Und das Risiko eingehen möchtest, an der nächsten Wand zu landen.“
„Ich glaube kaum, dass mir das passieren wird. Ich plane nicht, dich zwei Wochen lang in einer Scheune einzusperren.“ Galinda zuckt zusammen. „Entschuldigung, ich wollte nicht…“
„Mich nicht verletzten, schon klar. Weißt du, das Risiko verletzt zu werden bin ich in dem Moment eingegangen, in dem ich angefangen habe, dir irgendetwas zu sagen. Ich hoffe, dass du das nicht weitererzählst. Du kannst mir das nicht garantieren“, Galinda setzt an, um zu wiedersprechen, Elphaba hebt abwehrend ihre Hand, „tu’s erst gar nicht. Bitte, lass es einfach. Aber ich bitte dich dennoch darum, nichts weiterzusagen.“

Die Mädchen starren an die Decke über ihnen. Keine sagt mehr irgendetwas. Keine möchte schlafen. Keine möchte diejenige sein, die nicht da ist, falls die andere doch noch etwas zu sagen hat. Sie denken nach. Galinda denkt. Zum ersten Mal nicht über sich oder ihr Ansehen oder ihre neuesten Klamotten oder welche Kleidung ihre Freunde am Vormittag getragen haben. Sie denkt über Elphabas Worte nach. Welches Leben hatte Elphaba überhaupt? Überhaupt ein Leben?
Sie spricht ihre Frage aus. „Wann warst du überhaupt das letzte Mal glücklich?“ Sie dreht sich wieder in Elphabas Richtung.
Von Elphaba kommt erst keine Antwort, vielleicht ist sie doch schon eingeschlafen, denkt Galinda „Keine Ahnung, ganz ehrlich.“
„Du hattest doch sicher glückliche Momente im Leben.“
Pause. „Als ich meinen Zulassungsbrief von Shiz bekommen habe?“
„Und danach? Oder davor?“
„Wenn es zuhause Nudeln gab, nicht immer Kartoffeln. Wenn ich ein Buch lese, das ich nicht nur um des Lesens Willen lese, sondern weil es mir gefällt. Wenn unser Zimmer nach Früchtetee riecht. Wenn ich einen Aufsatz mit Bestnote zurückbekomme. Aber nur mit Bestnote, weil alles andere schon zu schlecht ist, um meinen Vater zu beeindrucken. Überhaupt – um ihn zufriedenzustellen.“ Elphaba schluckt. „Wenn sich jemand mit mir abgibt und tatsächlich mit mir redet. Und versucht mich zu verstehen.“ Sie lächelt in Galindas Richtung. „Danke dafür.“
„Keine Ursache.“ Elphabas Atemzüge kommen gleichmäßig und ruhig. „Gute Nacht, Elphie“, flüstert Galinda. Sie schläft schon.


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